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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Wenn Fürst Andrej erführe, daß sie in die Hände der Franzosen gefallen sei! Wenn sie, die Tochter des Fürsten Nikolaj Andrejewitsch Bolkonskij, diesen Herrn General Rameau bitten müßte, ihr Schutz zu gewähren, und seine Wohltaten anzunehmen genötigt wäre! Dieser Gedanke erregte in ihr solches Entsetzen, daß er sie zittern und erröten machte, und ein noch nie empfundenes Gefühl des Zornes und Stolzes kam über sie. All das Schwere und vor allem Beleidigende, was aus ihrer Lage hervorgehen konnte, trat ihr plötzlich klar vor Augen: Sie, die Franzosen, werden sich in diesem Haus niederlassen; der Herr General Rameau wird das Zimmer des Fürsten Andrej bewohnen und zum Zeitvertreib seine Briefe und Papiere lesen. Mademoiselle Bourienne lui fera les honneurs de Bogutscharowo. Mir wird man aus Gnade und Barmherzigkeit ein Zimmer lassen; die Soldaten werden das frische Grab meines Vaters aufreißen, um ihm seine Ordenskreuze und Sterne zu stehlen, und mir werden sie von ihren Siegen über die russischen Truppen erzählen und heuchlerisch ihr Mitleid mit meinem Kummer zum Ausdruck bringen …, dachte Prinzessin Marja. Es waren dies zwar nicht ihre eignen Gedanken, aber sie fühlte sich verpflichtet, im Sinn ihres Vaters und ihres Bruders zu denken. Ihr persönlich war alles gleichgültig, wo auch immer sie bleiben und was mit ihr geschehen mochte, dabei fühlte sie sich aber gleichzeitig als Vertreterin ihres verstorbenen Vaters und ihres Bruders. Und so dachte sie unwillkürlich deren Gedanken und empfand deren Gefühle. Was diese jetzt gesagt und getan hätten, das, fühlte sie, mußte unbedingt gesagt und getan werden. Sie ging in das Zimmer des Fürsten Andrej, bemüht, sich von seinem Geist durchdringen zu lassen, und überdachte ihre Lage.

Die Anforderungen des Lebens, die ihr seit dem Tode des Vaters unwesentlich erschienen waren, traten plötzlich mit neuer, noch nie gekannter Macht an sie heran und nahmen sie ganz in Anspruch.

Aufgeregt und mit rotem Kopf ging sie im Zimmer auf und ab und verlangte bald Alpatytsch, bald Michail Iwanowitsch, bald Tichon, bald Dron zu sprechen. Dunjascha, die Kinderfrau und alle Dienstmädchen konnten ihr nicht sagen, inwieweit das, was Mademoiselle Bourienne ihr eröffnet hatte, der Wahrheit entsprach. Alpatytsch war nicht zu Hause, er war zur Polizeibehörde gefahren. Der Baumeister Michail Iwanowitsch, der herbeigerufen worden war und mit verschlafenen Augen vor der Prinzessin erschien, konnte ihr nichts Neues berichten. Er antwortete auf ihre Fragen mit demselben Lächeln des Einverständnisses, mit dem er fünfzehn Jahre lang, ohne seine eigne Ansicht zum Ausdruck zu bringen, alle Einwendungen des alten Fürsten beantwortet hatte, so daß man seinen Worten nichts Bestimmtes entnehmen konnte. Der alte Kammerdiener Tichon mit seinem eingefallenen, abgemagerten Gesicht, das den Stempel untröstlichen Kummers trug, erwiderte auf alle Fragen der Prinzessin nur: »Zu Befehl« und konnte kaum das Schluchzen zurückhalten, wenn er sie ansah.

Endlich trat der Dorfschulze Dron ins Zimmer, verbeugte sich tief vor der Prinzessin und blieb an der Tür stehen.

Prinzessin Marja ging durchs Zimmer und trat auf ihn zu.

»Dronuschka«, fing sie an, überzeugt, in ihm einen unzweifelhaften Freund zu sehen, war es doch jener Dronuschka, der ihr jedes Jahr von seiner Fahrt auf den Jahrmarkt von Wjasma eine bestimmte Sorte Pfefferkuchen mitgebracht hatte, die er ihr dann mit einem Lächeln überreichte. »Dronuschka, jetzt nach unserem Unglück …«, fing sie an, brach aber gleich wieder ab und war nicht imstande, weiterzureden.

»Wir alle leben und sterben in Gottes Hand«, erwiderte Dron mit einem Seufzer.

»Dronuschka, Alpatytsch ist irgendwohin weggefahren. Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll. Ist es wahr, daß ich, wie man mir gesagt hat, jetzt nicht mehr abfahren kann?«

»Warum solltest du nicht mehr wegfahren können, Durchlaucht? Fahren kann man schon …«, sagte Dron.

»Man hat mir gesagt, es sei gefährlich, des Feindes wegen. Mein guter Dronuschka, ich vermag nichts und verstehe nichts und habe nicht einen Menschen, der mir helfen könnte. Ich möchte unbedingt heute nacht oder morgen früh abfahren.«

Dron schwieg. Von unten her schielte er zur Prinzessin hinüber.

»Es sind keine Pferde da«, sagte er, »ich habe schon mit Jakow Alpatytsch gesprochen.«

»Warum denn nicht?« fragte die Prinzessin.

»Alles ist Gottes Strafgericht«, sagte Dron. »Was noch an Pferden da war, haben die Soldaten genommen, der Rest ist krepiert. Ein elendes Jahr heuer. Womit soll man die Pferde füttern, wenn man selber beinahe Hungers stirbt? Drei Tage sitzen nun die Leute schon da, ohne etwas zu essen zu haben. Rein nichts ist da, alle sind in Grund und Boden ruiniert.«

Prinzessin Marja hörte aufmerksam auf das, was er zu ihr sagte.

»Die Bauern sind ruiniert? Sie haben kein Brot?« fragte sie.

»Hungers sterben sie«, erwiderte Dron. »Nicht, daß sie die Fuhren …«

»Aber warum hast du denn das nicht gesagt, Dronuschka? Kann man denn da nicht helfen? Ich werde alles hingeben, was ich kann …«

Prinzessin Marja kam der Gedanke sonderbar vor, daß es jetzt in diesem Augenblick, da ein solcher Kummer ihre Seele erfüllte, Reiche und Arme geben konnte, und daß die Reichen nicht imstande sein sollten, den Armen zu helfen. Sie hatte einmal gehört und erinnerte sich jetzt dunkel daran, daß es Getreide gibt, das der Herrschaft gehört, von dem aber manchmal an die Bauern abgegeben wird. Sie wußte auch, daß sich weder ihr Bruder noch ihr Vater geweigert hätte, der Not der Bauern abzuhelfen, sie fürchtete nur, diese Getreideverteilung an die Bauern, die sie anordnen wollte, nicht in die richtigen Worte kleiden zu können. Sie freute sich, daß sich ihr ein Vorwand für eine solche Fürsorge bot, um derentwillen ihren Kummer zu vergessen sie sich nicht zu schämen brauchte. Sie befragte Dronuschka nach allen Einzelheiten der Not bei den Bauern, und ob in Bogutscharowo auch noch Getreide vorhanden sei, das der Herrschaft gehöre.

»Wir haben hier doch noch Getreide, das der Herrschaft, also meinem Bruder gehört?« fragte sie.

»Das Getreide der Herrschaft ist nicht angerührt«, sagte Dron stolz. »Der Fürst hat nicht befohlen, es zu verkaufen.«

»Gib es den Bauern, gib ihnen alles, was sie brauchen. Ich erlaube es dir im Namen meines Bruders«, sagte Prinzessin Marja.

Dron gab keine Antwort und seufzte schwer.

»Du verteilst dieses Getreide unter sie, wenn es genug für sie ist. Alles gib ihnen. Ich befehle es dir im Namen meines Bruders, und sage ihnen: Was unser ist, gehört auch ihnen. Für sie ist uns nichts leid. Das sage ihnen nur.«

Dron hatte die Prinzessin, während sie das sagte, die ganze Zeit über aufmerksam angesehen.

»Entlaß mich, Mütterchen, um Gottes willen und laß mir die Schlüssel abnehmen«, bat er. »Dreiundzwanzig Jahre lang habe ich mein Amt verwaltet und nichts Unrechtes getan. Entlaß mich, um Gottes willen!«

Prinzessin Marja verstand nicht, was er von ihr wollte, und warum er sie um seine Entlassung bat. Sie erwiderte ihm, sie habe an seiner Ergebenheit niemals gezweifelt und sei für ihn und für die Bauern zu allem bereit.

11

Eine Stunde später kam Dunjascha zu der Prinzessin mit der Nachricht, Dron und alle Bauern seien auf Befehl der Prinzessin gekommen, hätten sich vor der Scheune versammelt und wünschten eine Unterredung mit der Herrin.

»Aber ich habe sie doch gar nicht gerufen«, sagte Prinzessin Marja. »Ich habe doch nur Dron gesagt, er solle das Getreide an sie verteilen.«

»Lassen Sie um Gottes willen nur die Leute fortjagen, Prinzessin, und gehen Sie nicht zu ihnen hinaus. Das ist alles nur Schwindel«, sagte Dunjascha. »Wenn Jakow Alpatytsch wiederkommt, dann werden wir fahren … Aber Sie sollen doch nicht …«

»Wieso denn Schwindel?« fragte die Prinzessin erstaunt.

»Ja, ich weiß schon. Hören Sie nur auf mich, um Gottes willen. Und die Kinderfrau können Sie ebenfalls fragen. Es heißt, die Bauern sind mit dem Befehl, daß sie alle fortfahren sollen, nicht einverstanden.«

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