Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Dron erhob sich und wollte etwas erwidern, aber Alpatytsch unterbrach ihn.
»Was fällt euch denn ein? Was? Was denkt ihr euch denn eigentlich? Wie?«
»Was soll ich mit den Leuten anfangen?« antwortete Dron. »Sie sind gar nicht zu halten. Ich habe ihnen schon gesagt …«
»Na also«, sagte Alpatytsch. »Sie trinken wohl?« fragte er dann kurz.
»Gar nicht zu halten sind sie, Jakow Alpatytsch, das zweite Faß haben sie schon angeschleppt.«
»Also höre. Ich fahre zum Polizeichef. Du aber teile den Leuten mit, sie sollen den Unfug lassen und Fuhren stellen.«
»Zu Befehl«, erwiderte Dron.
Weiter drang Jakow Alpatytsch nicht auf ihn ein. Er hatte lange genug mit dem Volk zu tun gehabt, um zu wissen, daß das Hauptmittel, Leute zum Gehorsam zu zwingen, darin besteht, ihnen zu zeigen, daß man an ihrem Gehorsam zweifelt.
Nachdem er bei Dron das ergebene »Zu Befehl« erreicht hatte, gab er sich damit zufrieden, obgleich er nicht nur daran zweifelte, daß die Fuhren zur Stelle sein würden, sondern sogar fest davon überzeugt war, daß er ohne Hilfe eines Militärkommandos nichts erreichen werde.
Und wirklich waren auch die Fuhren bis zum Abend noch nicht gestellt. Vor der Schenke im Dorf fand wieder eine Versammlung statt, und in dieser Versammlung wurde beschlossen, die Pferde in den Wald zu jagen und keine Fuhren zu stellen. Alpatytsch sagte der Prinzessin nichts davon, ließ seine eignen Koffer von dem aus LysyjaGory eingetroffenen Wagen abladen und befahl, diese Pferde für den Wagen der Prinzessin bereitzuhalten, während er selber sich zur Obrigkeit begab.
10
Nach der Beerdigung ihres Vaters schloß sich Prinzessin Marja in ihrem Zimmer ein und ließ niemanden zu sich herein. Ihre Zofe kam an die Tür und meldete, Alpatytsch sei gekommen, um ihre Befehle zur Abreise entgegenzunehmen. Das war noch vor Alpatytschs Unterredung mit Dron gewesen.
Prinzessin Marja erhob sich vom Diwan, auf dem sie gelegen hatte, und antwortete durch die geschlossene Tür, daß sie nie und nirgendwohin abreisen werde und darum bitte, in Ruhe gelassen zu werden.
Die Fenster des Zimmers, in dem sie lag, gingen nach Westen hinaus. Sie lag auf dem Diwan mit dem Gesicht nach der Wand zu, fuhr mit den Fingern mechanisch über die Knöpfe des Lederkissens hin und her und sah weiter nichts als dieses Kissen. Ihre verworrenen Gedanken konzentrierten sich immer nur auf das eine: sie dachte an das unwiederbringliche Verlieren durch den Tod und an die Schlechtigkeit ihres eignen Herzens, deren sie sich bisher noch gar nicht bewußt gewesen, die aber während der Krankheit ihres Vaters zutage getreten war. Sie wollte gern beten, hatte aber nicht den Mut dazu, und wagte in dieser Seelenverfassung, in der sie sich befand, nicht, sich an Gott zu wenden. Lange lag sie in diesem Zustand da.
Die Sonne war um das Haus herumgekommen und warf ihre schrägen Abendstrahlen durch die offenen Fenster in das Zimmer und auf eine Ecke des Saffiankissens, auf das Prinzessin Marja ihre Blicke gerichtet hielt. Ihre Gedanken standen plötzlich still. Unbewußt richtete sie sich auf, strich das Haar glatt, erhob sich, trat ans Fenster und sog unwillkürlich die klare, frische Luft des windigen Abends in sich ein.
Ja, jetzt kannst du behaglich den schönen Abend genießen! Er ist nicht mehr, und keiner wird dich stören, sagte sie zu sich selber, ließ sich auf einen Stuhl sinken und legte den Kopf auf das Fensterbrett.
Da rief sie jemand mit leiser, zärtlicher Stimme vom Garten her an und küßte sie auf den Kopf. Sie blickte auf. Es war Mademoiselle Bourienne in einem schwarzen Kleid mit Trauerbesatz. Sie war leise an Prinzessin Marja herangetreten, hatte ihr seufzend einen Kuß aufs Haar gedrückt und fing nun ebenfalls an zu weinen. Prinzessin Marja sah sie an. All ihr früheres, häufiges Aneinandergeraten mit ihr und ihre Eifersucht auf sie fielen ihr jetzt wieder ein, sie dachte daran, wie anders er sich in letzter Zeit gegen Mademoiselle Bourienne gezeigt hatte, wie er sie nicht hatte sehen mögen, und wie ungerecht infolgedessen all die Vorwürfe gewesen waren, die Prinzessin Marja in ihrem Herzen gegen sie erhoben hatte. Und dürfte ich, ich, der ich seinen Tod wünschte, einen anderen Menschen verurteilen? dachte sie.
Prinzessin Marja versetzte sich lebhaft in Mademoiselle Bouriennes Lage, die sie in letzter Zeit aus ihrer Gesellschaft verbannt hatte, die aber dabei doch von ihr abhängig war und in fremdem Haus lebte. Und plötzlich tat ihr die Französin leid. Sanft fragend sah sie zu ihr auf und reichte ihr die Hand. Mademoiselle Bourienne fing sogleich an zu weinen, küßte der Prinzessin die Hand, sprach von dem Kummer, der die Prinzessin betroffen hatte, und von dem Anteil, den sie daran nehme. Sie sagte, ihr einziger Trost in diesem Leid wäre, wenn ihr die Prinzessin gestatten wollte, es mit ihr zu teilen, daß alle früheren Mißverständnisse vor diesem großen Kummer in ein Nichts zusammensinken müßten, daß sie sich allen gegenüber rein fühle, und daß er von oben herab ihre Liebe und Dankbarkeit sehe. Prinzessin Marja hörte ihr zu, ohne ihre Worte zu verstehen, blickte sie nur ab und zu an und lauschte auf den Klang ihrer Stimme.
»Ihre Lage ist jetzt doppelt schrecklich, liebe Prinzessin«, sagte Mademoiselle Bourienne, nachdem sie ein Weilchen geschwiegen hatte. »Ich verstehe, daß Sie nicht an sich selbst denken können und mögen, doch meine Liebe zu Ihnen verpflichtet mich, dies zu tun … War Alpatytsch bei Ihnen? Hat er mit Ihnen über die Reise gesprochen?« fragte sie.
Prinzessin Marja gab keine Antwort. Sie begriff gar nicht, wer abreisen sollte und wohin. Kann man denn jetzt etwas unternehmen, an irgend etwas anderes denken? Ist denn nicht alles gleichgültig? Sie antwortete nicht.
»Sie wissen wohl, ma chère Marie«, sagte Mademoiselle Bourienne, »Sie wissen wohl, daß wir in Gefahr sind, daß ringsum Franzosen stehen, und daß jetzt abzufahren gefährlich ist. Wenn wir jetzt abreisen, ist es fast ganz sicher, daß wir in Gefangenschaft geraten, und Gott weiß …«
Prinzessin Marja sah ihre Gesellschafterin an, ohne zu verstehen, was diese sagte.
»Ach, wenn ihr nur wüßtet, wie gleichgültig mir jetzt alles, alles ist!« sagte sie. »Es war doch selbstverständlich, daß ich nicht von ihm fortgehen wollte … Alpatytsch hat irgend etwas von Abreise zu mir gesagt … Sprechen Sie mit ihm … ich kann nichts … ich will nichts … nichts …«
»Ich habe schon mit ihm gesprochen. Er hofft, daß wir morgen abreisen können. Doch glaube ich, daß es jetzt besser wäre, wenn wir hierblieben«, sagte Mademoiselle Bourienne. »Denn das müssen Sie doch zugeben, chère Marie, wenn wir Soldaten oder aufständischen Bauern unterwegs in die Hände fielen, das wäre doch schrecklich!«
Mademoiselle Bourienne zog aus ihrem Ridikül den Aufruf des Generals Rameau hervor, der nicht auf gewöhnlichem russischem Papier gedruckt war, und reichte ihn der Prinzessin. Darin stand, die Einwohner möchten ihre Häuser nicht verlassen, es werde ihnen durch die französischen Machthaber der nötige Schutz zuteil werden.
»Ich glaube, das beste wäre, sich an diesen General zu wenden«, sagte Mademoiselle Bourienne, »und ich bin überzeugt, daß man Ihnen die schuldige Achtung erweisen wird.«
Prinzessin Marja las das Flugblatt, und ein tränenloses Aufschluchzen zuckte über ihr Gesicht.
»Durch wen haben Sie dies erhalten?« fragte sie.
»Wahrscheinlich hat man erfahren, daß ich Französin bin, aus meinem Namen«, gab Mademoiselle Bourienne errötend zur Antwort.
Prinzessin Marja stand mit dem Blatt in der Hand vom Fenster auf und ging mit bleichem Gesicht aus dem Zimmer in das frühere Arbeitskabinett des Fürsten Andrej.
»Dunjascha, rufe mir Alpatytsch, Dronuschka, irgend jemanden!« rief Prinzessin Marja. »Und sage Amalia Karlowna, daß sie nicht zu mir hereinkommt«, fügte sie hinzu, als sie draußen die Stimme Mademoiselle Bouriennes vernahm. Nur fort, so schnell wie möglich fort! sagte sich Prinzessin Marja, erschauernd bei dem Gedanken, daß sie in die Gewalt der Franzosen geraten könne.