Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Alpatytsch, der kurz vor dem Hinscheiden des alten Fürsten nach Bogutscharowo gekommen war, hatte bemerkt, daß hier eine Bewegung im Volk vor sich ging, die alldem, was sich in der Gegend von Lysyja-Gory in einem Umkreis von sechzig Werst ereignet hatte, völlig zuwiderlief. Dort waren die Bauern alle geflohen und hatten ihre Dörfer den Kosaken zum Zerstören überlassen, hier aber, in der Steppengegend von Bogutscharowo unterhielten die Bauern, wie verlautete, Beziehungen zu den Franzosen, bekamen Flugschriften, die bei ihnen von Hand zu Hand gingen, und blieben in ihren Ortschaften. Alpatytsch hatte durch ihm ergebene Gutsleute erfahren, daß der Bauer Karp, der vor ein paar Tagen mit einer stattlichen Fuhre weggewesen war, ein Mann, der großen Einfluß in seiner Gemeinde besaß, mit der Nachricht zurückgekehrt war, die Kosaken zerstörten die Dörfer, die von ihren Bewohnern verlassen würden, während die Franzosen sie nicht anrührten. Alpatytsch wußte ferner, daß ein anderer Bauer gestern sogar aus der Ortschaft Wislouchowo, wo die Franzosen standen, ein Schriftstück von einem französischen General mitgebracht hatte, worin den Bewohnern erklärt wurde, daß ihnen kein Leid angetan und alles bezahlt werde, was man von ihnen entnehme, wenn sie in ihren Ortschaften blieben. Zum Beweis dafür hatte jener Bauer aus Wislouchowo hundert Rubel in Banknoten mitgebracht – er wußte nicht, daß sie gefälscht waren –, die man ihm im voraus für sein Heu gegeben hatte.
Und endlich, was die Hauptsache war, wußte Alpatytsch auch noch, daß am selben Tag, an dem er dem Dorfschulzen befohlen hatte, Fuhren zusammenzubringen, um das Gepäck der Prinzessin Marja aus Bogutscharowo fortzuschaffen, morgens im Dorf eine Gemeindeversammlung stattgefunden hatte, in der beschlossen worden war, nicht fortzugehen, sondern abzuwarten. Unterdessen drängte die Zeit aber immer mehr. Am Todestag des alten Fürsten, am 15. August, drang der Adelsmarschall nochmals in Prinzessin Marja, daß sie noch am selben Tag abfahren solle, da es immer gefährlicher werde. Er sagte, daß er nach dem 16. für nichts mehr einstehen könne. Er selber reiste am Todestag des Fürsten abends ab, versprach aber, am anderen Tag zur Beerdigung wiederzukommen. Doch konnte er sein Versprechen nicht halten, da einer ihm zugegangenen Nachricht zufolge die Franzosen plötzlich vorgerückt waren und er kaum Zeit gehabt hatte, seine Familie und die kostbarsten Wertgegenstände aus seinem Gut fortzuschaffen.
Seit dreißig Jahren waltete in Bogutscharowo der Dorfschulze Dron, den der alte Fürst Dronuschka zu nennen pflegte.
Dieser Dron war einer jener körperlich und geistig starken Bauern, die von den Jahren an, wo ihnen der Bart wächst, bis zu einem Lebensalter von sechzig oder siebzig Jahren sich kaum verändern, nicht ein graues Haar und nicht eine Zahnlücke bekommen und mit sechzig Jahren noch ebenso aufrecht und stark sind wie mit dreißig.
Dron war kurz nach der beabsichtigten Übersiedlung an die »warmen Flüsse«, an der er wie andere teilgenommen hatte, zum Dorfschulzen von Bogutscharowo ernannt worden und hatte seither dieses Amt dreiundzwanzig Jahre lang ohne Tadel verwaltet. Die Bauern fürchteten ihn mehr als ihren Herrn. Die Herrschaft, sowohl der alte als auch der junge Fürst und der Verwalter, schätzten ihn und nannten ihn scherzweise den Minister. Während der ganzen Zeit seiner Amtsführung war Dron nicht ein einziges Mal betrunken oder krank gewesen, niemals, weder nach schlaflosen Nächten noch sonstigen Anstrengungen, welcher Art sie auch immer gewesen sein mochten, hatte er die geringste Müdigkeit gezeigt, und obgleich er weder lesen noch schreiben konnte, vergaß er doch nie eine Summe in seinen Berechnungen oder auch nur ein einziges Pfund Mehl von all den gewaltigen Fuhren, die er verkaufte, oder eine Getreidegarbe auf irgendeinem Feld der Flur von Bogutscharowo.
Diesen Dron ließ nun Alpatytsch, nachdem er aus dem zerstörten Lysyja-Gory angekommen war, am Tag der Beerdigung des Fürsten zu sich rufen und befahl ihm, zwölf Pferde für die Wagen der Prinzessin und achtzehn Fuhren für das Gepäck, das aus Bogutscharowo fortgeschafft werden sollte, bereitzuhalten. Obgleich die Bauern Zins zahlten, konnte die Ausführung dieses Befehls nach Alpatytschs Ansicht auf keinerlei Hindernisse stoßen, da in Bogutscharowo zweihundertunddreißig Familien wohnten und alle Bauern wohlhabend waren.
Doch der Dorfschulze Dron senkte schweigend die Augen, als er diesen Befehl vernommen hatte. Alpatytsch nannte ihm einige Namen von Bauern, die er kannte, von denen er die Fuhren zu entnehmen befahl.
Dron erwiderte, diese Bauern hätten ihre Pferde mit Fuhren weggeschickt. Alpatytsch nannte andere Namen. Aber auch die hatten, nach Drons Aussagen, keine Pferde: die einen hätten Fuhren für den Staat, die anderen besäßen nur schwache Pferde, und wieder anderen seien die Tiere aus Mangel an Futter eingegangen. Nach Drons Ansicht war es unmöglich, Pferde zusammenzubekommen, für die Fuhren wie für die Reisewagen.
Alpatytsch sah Dron aufmerksam an und machte ein finsteres Gesicht. Ebenso wie Dron das Muster eines Dorfschulzen war, so hatte auch Alpatytsch die Güter des Fürsten nicht zwanzig Jahre lang erfolglos verwaltet: er war zum Muster eines Beamten geworden. Er besaß im höchsten Grad die Fähigkeit, instinktiv die Bedürfnisse und Begierden der Leute, mit denen er zu tun hatte, zu erfassen, und war daher ein vorzüglicher Verwalter. Während er Dron ansah, verstand er augenblicklich, daß dessen Antworten nicht Ausdruck seiner eigenen Denkweise waren, sondern jener allgemeinen Stimmung in der Gemeinde von Bogutscharowo, von der der Dorfschulze nun auch ergriffen worden war. Gleichzeitig wußte Alpatytsch aber auch, daß der reich gewordene und von seiner Gemeinde gehaßte Dron zwischen den beiden Lagern – der Herrschaft und den Bauern – schwanken mußte. Alpatytsch bemerkte dieses Schwanken in seinem Blick und trat deshalb mit finsterer Stirn auf ihn zu.
»Hör mal, Dronuschka«, sagte er, »mach mir keinen blauen Dunst vor. Seine Durchlaucht Fürst Andrej Nikolajewitsch haben mir selber befohlen, alle Leute fortzuschicken, damit keiner mit dem Feind zusammenkommt. Außerdem gibt es hierüber einen Erlaß vom Zaren. Wer hier bleibt, ist ein Verräter am Zaren. Hörst du?«
»Ich höre«, erwiderte Dron, ohne die Augen aufzuschlagen.
Doch Alpatytsch war mit dieser Antwort nicht zufrieden.
»Ei, ei, Dron, das wird eine böse Sache werden!« sagte Alpatytsch und wiegte den Kopf hin und her.
»Es steht in Ihrer Macht«, entgegnete Dron betrübt.
»Hör mal, Dron, nun ist’s aber genug!« rief Alpatytsch, zog die Hand aus der Brust und zeigte mit feierlicher Gebärde auf den Boden unter Drons Füßen. »Ich sehe nicht nur durch dich hindurch, sondern noch drei Arschin in den Boden hinein, auf dem du stehst«, sagte er und blickte auf den Boden unter Drons Füßen.
Dron wurde verwirrt, sah flüchtig nach Alpatytsch hinüber und senkte dann wieder die Augen.
»Also laß jetzt den Unsinn und sage deinen Leuten, daß sie sich fertigmachen, um ihre Häuser zu verlassen und nach Moskau zu gehen, und daß die Fuhren für das Gepäck der Prinzessin morgen früh zur Stelle sind. Du selber aber geh nicht in ihre Versammlungen. Hörst du?«
Dron fiel plötzlich Alpatytsch zu Füßen.
»Jakow Alpatytsch, entlasse mich! Nimm mir die Schlüssel ab, entlaß mich, um Christi willen!«
»Genug!« sagte Alpatytsch streng. »Ich sehe drei Arschin tief in den Boden unter deinen Füßen hinein«, wiederholte er, weil er wußte, daß seine Meisterschaft in der Bienenzucht, seine Kenntnis, wann man den Hafer säen mußte, und der Umstand, daß er zwanzig Jahre lang verstanden hatte, es dem alten Fürsten recht zu machen, ihm schon lange den Ruf eines Zauberers eingetragen hatten, und daß man Zauberern die Kunst zuschreibt, drei Arschin tief in den Boden unter des Menschen Fuß hineinzusehen.