Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Und ich … ich … ich … habe seinen Tod gewünscht! Ja, ich wünschte, daß es bald zu Ende gehen sollte … ich wollte Ruhe haben … Aber was soll nun aus mir werden? Was hilft mir die Ruhe, wenn er nicht mehr ist?« murmelte sie laut vor sich hin, während sie mit schnellen Schritten durch den Garten lief und die Hände auf die Brust preßte, aus der sich ein krampfhaftes Schluchzen losrang.
Als sie den Rundweg durch den Garten entlang gegangen war, der sie wieder zum Hause führte, sah sie Mademoiselle Bourienne auf sich zukommen – die in Bogutscharowo geblieben war und nicht von dort weggehen wollte – und mit ihr zusammen einen unbekannten Herrn. Es war der Adelsmarschall des Kreises, der persönlich gekommen war, um der Prinzessin die dringende Notwendigkeit einer baldigen Abreise vor Augen zu stellen. Prinzessin Marja hörte ihn an, ohne etwas von dem, was er sagte, zu verstehen, führte ihn ins Haus, bot ihm ein Frühstück an und setzte sich zu ihm. Dann entschuldigte sie sich bei dem Adelsmarschall und eilte zum Zimmer des alten Fürsten. Der Arzt trat mit erregtem Gesicht zu ihr heraus und sagte, sie könne jetzt unmöglich herein.
»Gehen Sie, Prinzessin, gehen Sie, gehen Sie!«
Prinzessin Marja ging wieder in den Garten und setzte sich hinter dem Berg am Teich, wo niemand sie sehen konnte, ins Gras. Sie wußte nicht, wie lange sie wohl dort gesessen hatte, als hastige weibliche Schritte, die den Weg entlang kamen, sie aufschrecken ließen. Sie stand auf und sah, wie Dunjascha, ihre Zofe, die offenbar kam, um sie zu suchen, plötzlich wie erschrocken stehen blieb, als sie ihre Herrin erblickte.
»Bitte, Prinzessin … der Fürst …« sagte Dunjascha mit stockender Stimme.
»Ich komme gleich, ich komme«, erwiderte die Prinzessin hastig, ohne Dunjascha Zeit zu lassen, das auszusprechen, was sie zu sagen hatte, und eilte, ängstlich bemüht, Dunjascha nicht anzusehen, ins Haus.
»Prinzessin, Gottes Wille geschieht … Sie müssen auf alles gefaßt sein«, sagte der Adelsmarschall, mit dem sie an der Einganstür zusammenstieß.
»Lassen Sie mich, es ist nicht wahr«, fuhr sie ihn feindselig an.
Der Arzt wollte sie anhalten. Sie stieß ihn beiseite und lief nach der Tür des Krankenzimmers.
Warum wollen mich diese Leute mit den erschrockenen Gesichtern alle aufhalten? Ich brauche niemanden. Was machen sie nur alle hier? dachte sie. Sie öffnete die Tür und erschrak über das grelle Tageslicht, das diesen bisher halbverdunkelten Raum erfüllte. Im Zimmer befanden sich Frauen und die Kindermuhme. Als Prinzessin Marja eintrat, wichen sie alle vom Bett zurück und machten ihr Platz. Der alte Fürst lag noch ebenso da, aber der strenge Ausdruck auf seinem ruhigen Gesicht bannte Prinzessin Marja auf der Schwelle fest.
Nein, er ist nicht gestorben … es kann nicht sein, sagte sie sich im stillen, trat auf ihn zu, überwand das Grauen, das sie erfaßt hatte, und drückte ihre Lippen auf seine Wange. Aber im selben Augenblick fuhr sie auch gleich wieder von ihm zurück. Die ganze Kraft der Zärtlichkeit, die sie ihm gegenüber in sich gefühlt hatte, war verschwunden und hatte einem Gefühl des Grauens vor dem, der vor ihr lag, Platz gemacht.
Nein, er ist nicht mehr! Er ist nicht mehr! Und dort, auf derselben Stelle, wo er soeben noch war, ist jetzt etwas Fremdes, Feindseliges, ein furchtbares, grauenhaftes, abstoßendes Geheimnis! Und Prinzessin Marja schlug beide Hände vors Gesicht und sank in die Arme des Arztes, der sie auffing.
Im Beisein Tichons und des Arztes wuschen die Frauen die sterblichen Überreste des alten Fürsten, banden ihm ein Tuch um den Kopf, damit ihm der Mund beim Erstarren nicht offen bleibe, und ein zweites um die sich spreizenden Beine. Dann zogen sie ihm die Uniform mit den Orden an und legten den kleinen, vertrockneten Körper auf den Tisch. Gott weiß, wer sich um alles gekümmert hatte und wann, aber es vollzog sich alles in bester Ordnung. Am Abend brannten rings um den Sarg die Kerzen, der Sarg war mit einer Decke bedeckt, der Fußboden mit Wacholderzweigen bestreut, unter dem vertrockneten Kopf des Toten lag ein gedrucktes Gebet, und in der Ecke saß ein Küster, der Psalmen las.
Wie Pferde um ein gefallenes Pferd scheuen, sich drängen und schnaufen, so drängte sich im Salon um den Sarg eine Menge fremder Leute und Hausgenossen, der Adelsmarschall, der Dorfschulze und viele Weiber. Sie alle bekreuzigten sich erschrocken und mit starren Augen, verbeugten sich und küßten die kalte, starre Hand des alten Fürsten.
9
Bogutscharowo hatte, ehe Fürst Andrej dorthin übergesiedelt war, nie unter dem Auge eines Herrn gestanden, und seine Bauern hatten daher einen ganz anderen Charakter als die in Lysyja-Gory. Sie unterschieden sich von ihnen sowohl in ihrer Kleidung als auch in ihren Reden und Sitten. Man nannte sie Steppenbauern[158]. Der alte Fürst hatte sie, wenn sie nach Lysyja-Gory gekommen waren, um dort bei der Ernte zu helfen oder Teiche und Kanäle auszustechen, wegen ihrer Ausdauer bei der Arbeit immer gelobt, konnte sie aber wegen ihrer Unbotmäßigkeit nicht recht leiden.
Fürst Andrej hatte während seines letzten Aufenthaltes in Bogutscharowo durch seine Neuerungen – Krankenhäuser, Schulen und Herabsetzung des Pachtzinses – ihre Sitten auch nicht gemildert, sondern vielmehr jene Charaktereigenschaften, die der alte Fürst Unbotmäßigkeit nannte, noch in ihnen verstärkt. Fortwährend waren bei ihnen gewisse unklare Gerüchte im Umlauf: bald hieß es, man wolle sie alle unter die Kosaken stecken oder zu einem neuen Glauben bekehren, bald munkelte man von einem Schreiben des Zaren oder von dem Eid Pawel Petrowitschs im Jahre 1797, von dem es hieß, daß er schon damals die Leibeigenschaft aufgehoben habe, was aber vom Adel wieder unterdrückt worden sei, bald erzählte man sich von Peter Fjodorowitsch[159], der in sieben Jahren den Thron besteigen, alles freimachen und so einfach einrichten werde, daß es keine Schwierigkeiten mehr gebe. Die Gerüchte vom Krieg, von Bonaparte und seinem Einfall in Rußland verbanden sich in ihren Köpfen mit ebenso unklaren Vorstellungen vom Antichrist, vom Weltuntergang und völliger persönlicher Freiheit.
In der Gegend von Bogutscharowo lagen nur große Dörfer, die teils dem Staat, teils Herrschaften gehörten. Gutsbesitzer lebten in diesem Kreis nur wenige, und folglich auch wenig Gutsgesinde und Leute, die lesen und schreiben konnten. Deshalb traten im Leben der Bauern dieser Gegend auch merklicher und stärker als anderswo jene geheimnisvollen Strömungen des russischen Volkslebens zutage, deren Ursache und Bedeutung den Zeitgenossen oft unerklärlich sind.
Eine solche Erscheinung war auch jene Bewegung gewesen, die vor etwa zwanzig Jahren unter den Bauern dieser Gegend entstanden war, das Bestreben, an »warme Flüsse« überzusiedeln[160]. Hunderte von Bauern, unter ihnen auch die von Bogutscharowo, fingen plötzlich an, ihr Vieh zu verkaufen und mit ihren Familien in die weite Ferne, nach Südosten, zu ziehen. Wie Vögel irgendwohin übers Meer fliegen, so strebten plötzlich diese Leute mit Frauen und Kindern dorthin, nach Südosten, wo keiner von ihnen je gewesen war. In ganzen Karawanen zogen sie dahin, die einen hatten sich losgekauft, die anderen waren einfach fortgelaufen, und so fuhren und pilgerten sie dorthin, nach den »warmen Flüssen«. Viele wurden bestraft, nach Sibirien geschickt, viele starben vor Kälte und Hunger am Wege, viele kehrten aus eignem Antrieb zurück, und so verlief die Bewegung ganz von selbst wieder im Sande, geradeso wie sie ohne ersichtlichen Grund entstanden war. Aber die unterirdischen Strömungen in diesem Volk versiegten nicht, sammelten sich zu neuer Kraft, um dann ebenso unerwartet und sonderbar und dabei doch einfach, urwüchsig und stark hervorzubrechen. Jedermann, der in naher Berührung mit diesem Volk lebte, konnte jetzt, im Jahre 1812, deutlich merken, daß diese unterirdischen Strömungen wühlten und arbeiteten und ihr Ausbruch nahe bevorstand.
158
Steppenbauern: vgl. Anm. 159.
159
Pjotr Fjodorowitsch: Peter III. Der Name des 1762 nach einer Regierungszeit von einem halben Jahr durch Staatsstreich entmachteten und kurz darauf ermordeten Kaisers tauchte in den Unruhen der Regierungszeit Katharinas II. mehrfach auf auch der »Bauernzar«, der Kosak Jemeljan Pugatschow, Anführer des größten Volksaufstands (1773-74), gab sich für Peter III aus. Der Name des ermordeten Pjotr Fjodorowitsch spielte in den immer wieder aufflammenden bäuerlichen Revolten eine ähnliche Rolle wie in den Zeiten der Wirren (Ende 16. – Anfang 17. Jahrhundert) der des ermordeten Thronfolgers Dmitrij. Die Unruhen, die sich weniger gegen die Zarin als gegen die Gutsbesitzer richteten, brachen immer wieder im Süden und Südosten des Landes, bei den Kosaken im Kaukasusgebiet und den Steppenbauern in der Wolgaregion aus.
160
das Bestreben, an »warme Flüsse« überzusiedeln: diese Wanderungsbewegungen aufgrund von Weissagungen spielten in den russischen Sekten, vor allem aber bei den Altgläubigen (denjenigen Anhängern der Orthodoxie, die die Kirchenreformen im 17. Jahrhundert nicht mitgemacht und schwere Verfolgung von Staat und Kirche zu erdulden hatten) eine große Rolle. In Massen folgte man seinen Propheten und deren Verheißung in unwegsame Regionen der Randgebiete des Landes. Tolstoi benennt dieses Phänomen nur allgemein, denn zur Entstehungszeit von Krieg und Frieden hatten die Verfolgungen zwar nachgelassen, doch die strenge Gesetzgebung war keineswegs aufgehoben und konnte jederzeit wieder gegen diese Bewegungen eingesetzt werden (was dann auch in den 80er Jahren geschah).