Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Aber noch nie zuvor war es ihr so schmerzlich, so furchtbar gewesen, ihn zu verlieren. Sie erinnerte sich an ihr ganzes Leben mit ihm zusammen und fand in jedem seiner Worte, in jeder seiner Handlungen einen Ausdruck seiner Liebe zu ihr. Bisweilen drängten sich in ihrer Phantasie mitten unter diese Erinnerungen die Verlockungen des Teufels: die Gedanken, was nach seinem Tode werden würde, und wie sie sich ihr neues, freies Leben einrichten könne. Aber mit Abscheu jagte sie diese Gedanken davon. Gegen Morgen wurde er stiller, und sie schlief ein.
Es war schon spät, als sie erwachte. Jene Aufrichtigkeit, die dem Menschen beim Erwachen eigen ist, zeigte ihr klar, was sie während der Krankheit ihres Vaters am meisten beschäftigt hatte. Sie machte sich vollends munter, horchte, was hinter der Tür vorging, und als sie sein Ächzen vernahm, sagte sie sich mit einem Seufzer, daß noch alles unverändert sei.
»Aber was soll denn auch sein? Was habe ich denn gewollt? Ich wünsche ihm den Tod«, rief sie voll Abscheu gegen sich selbst.
Sie wusch sich, zog sich an, sprach ihr Gebet und trat auf die Freitreppe hinaus.
Vor der Tür standen, noch unbespannt, die Wagen, auf die bereits das Gepäck aufgeladen wurde.
Der Morgen war warm und grau. Prinzessin Marja blieb auf der Freitreppe stehen; sie schauderte immer noch vor der Schlechtigkeit ihres Herzens und bemühte sich, ihre Gedanken zu ordnen, ehe sie zu ihm hineinging.
Der Arzt kam die Treppe herunter und trat zu ihr.
»Es geht ihm heute besser«, sagte er. »Ich suchte Sie. Man kann jetzt etwas von dem verstehen, was er sagt, sein Kopf ist klarer. Kommen Sie. Er verlangt nach Ihnen …«
Bei dieser Nachricht fing Prinzessin Marjas Herz so stark zu klopfen an, daß sie ganz bleich wurde und sich an die Tür lehnen mußte, um nicht umzufallen. Ihn zu sehen und mit ihm zu sprechen, ihm jetzt unter die Augen zu treten, wo ihr ganzes Herz von diesen schrecklichen, verbrecherischen Versuchungen voll war, erschien ihr, bei aller Freude, als furchtbare Qual.
»Kommen Sie!« sagte der Arzt.
Prinzessin Marja ging zu ihrem Vater hinein und trat an das Bett. Er lag, hochgestützt, auf dem Rücken, die kleinen, knochigen, mit knotigen lila Adern überzogenen Hände ruhten auf der Bettdecke. Das linke Auge schien starr, das rechte schielte, Augenbrauen und Lippen zuckten nicht mehr. Er sah mager, klein und jammervoll aus. Sein Gesicht schien ausgetrocknet oder hinweggeschmolzen zu sein, seine Züge waren wie verwischt. Prinzessin Marja trat auf ihn zu und küßte ihm die Hand.
Seine linke Hand drückte die ihrige so stark, daß deutlich daraus hervorging: er hatte schon lange auf sie gewartet. Er zog ihre Hand zu sich heran, und seine Lippen und Brauen fingen an, sich zornig zu bewegen.
Erschrocken blickte sie ihn an, bemüht, zu erraten, was er von ihr wollte. Als sie die Stellung etwas geändert hatte und ihm so nahe gekommen war, daß er mit dem linken Auge ihr Gesicht sehen konnte, beruhigte er sich für ein paar Sekunden, ließ sie aber nicht aus dem Auge. Dann bewegte er wieder Lippen und Zunge, Laute wurden hörbar, und er fing an zu reden, wobei er sie schüchtern und flehend ansah, da er sichtlich fürchtete, sie werde ihn nicht verstehen.
Prinzessin Marja nahm alle ihre Aufmerksamkeit zusammen und sah ihn an. Die komische Mühsamkeit, mit der er die Zunge bewegte, zwang sie, die Augen niederzuschlagen, und nur mit Mühe konnte sie das Schluchzen unterdrücken, das ihr in der Kehle aufstieg. Er sagte etwas, indem er die Worte mehrmals wiederholte. Prinzessin Marja konnte sie nicht verstehen, aber sie gab sich Mühe, zu erraten, was er sagte, und wiederholte fragend die von ihm gesprochenen Laute.
»He … he … Ang…« wiederholte er mehrmals.
Niemand konnte seine Worte verstehen. Der Doktor glaubte, es erraten zu haben, indem er fragend ergänzte: »Ob die Prinzessin Angst hat?«
Der Fürst schüttelte verneinend den Kopf und wiederholte wieder dieselben Laute.
»Ums Herz ist dir’s bang?« rief Prinzessin Marja.
Er röchelte bejahend, nahm ihre Hand und drückte sie auf verschiedene Stellen seiner Brust, als suche er den richtigen Platz für sie.
»Immer Gedanken! … An dich …« stammelte er dann bedeutend besser und verständlicher als vorher, jetzt, wo er überzeugt war, daß man ihn verstand.
Prinzessin Marja drückte ihren Kopf an seine Brust, bemüht, ihr Schluchzen und ihre Tränen zu verbergen.
Er strich ihr mit der Hand übers Haar.
»Ich habe die ganze Nacht nach dir gerufen …« stammelte er.
»Wenn ich das gewußt hätte …« sagte sie unter Tränen. »Ich hatte Angst, hereinzukommen.«
Er drückte ihre Hand.
»Hast du nicht geschlafen?«
»Nein, ich habe nicht geschlafen«, erwiderte sie und schüttelte verneinend den Kopf.
Sich dem Vater anpassend, versuchte sie jetzt ebenso wie er mehr durch Zeichen zu sprechen, als koste es auch sie Anstrengung, die Zunge zu bewegen.
»Mein Seelchen …« oder »Herzchen …« Marja konnte es nicht genau verstehen, aber nach dem Ausdruck seines Blickes zu urteilen, war es sicherlich ein so liebes, zärtliches Wort gewesen, wie er es noch nie zu ihr gesagt hatte. »Warum bist du nicht gekommen?«
Und ich habe seinen Tod, seinen Tod gewünscht! dachte Prinzessin Marja.
Er schwieg eine Zeitlang.
»Ich dankte dir … meine Tochter … mein gutes Kind … für alles, für alles … verzeih … ich danke dir … verzeih … ich danke dir …« und Tränen rannen ihm aus den Augen.
»Ruft Andrjuscha!« rief er plötzlich, und etwas kindlich Schüchternes und Unsicheres drückte sich dabei auf seinem Gesicht aus.
Es war, als wüßte er selber, daß sein Verlangen sinnlos war. Der Prinzessin Marja kam das wenigstens so vor.
»Ich habe einen Brief von ihm bekommen«, antwortete sie.
Er sah sie verwundert und schüchtern an.
»Wo ist er denn?«
»Er ist bei der Armee, mon père, in Smolensk.«
Er schwieg lange und schloß die Augen. Dann nickte er zustimmend als Antwort auf seine Zweifel und zur Bestätigung, daß er jetzt alles verstand und sich an alles erinnerte, und schlug die Augen wieder auf.
»Ja«, sagte er leise und klar. »Rußland ist verloren. Sie haben es zugrunde gerichtet.«
Und wieder fing er an zu schluchzen, und Tränen rannen ihm aus den Augen. Prinzessin Marja konnte sich nicht länger beherrschen und fing beim Anblick seines tränenüberströmten Gesichtes ebenfalls zu weinen an.
Abermals schloß er die Augen. Sein Schluchzen verstummte. Er zeigte mit der Hand auf sein Gesicht, und Tichon verstand und wischte ihm die Tränen ab.
Darauf schlug er die Augen wieder auf und sagte etwas, das lange niemand verstehen konnte, bis endlich Tichon es verstand und wiederholte. Prinzessin Marja suchte den Sinn seiner Worte nach jener Stimmung hin, in der er einen Augenblick zuvor gesprochen hatte. Bald dachte sie, er spräche von Rußland bald vom Fürsten Andrej, bald von ihr, von seinem Enkel von seinem Tod. Und deshalb konnte sie auch nicht auf seine Worte kommen.
»Zieh dein weißes Kleid an, das habe ich gern!« hatte er gesagt.
Als sie diese Worte hörte, fing Prinzessin Marja noch lauter zu schluchzen an. Der Arzt nahm sie bei der Hand, führte sie aus dem Zimmer auf die Terrasse hinaus und redete ihr zu, sich zu beruhigen und in den Vorbereitungen zur Reise Ablenkung zu suchen.
Als Prinzessin Marja hinausgegangen war, fing der alte Fürst wieder an von seinem Sohn zu reden und vom Krieg und vom Kaiser, zog zornig die Brauen zusammen, wobei er die heisere Stimme immer mehr erhob, und erlitt endlich den zweiten und letzten Schlaganfall.
Prinzessin Marja war auf der Terrasse geblieben. Das Wetter wurde immer klarer und schöner, es war sonnig und heiß. Sie konnte nichts fassen, nichts denken und nichts fühlen als nur die leidenschaftliche Liebe zu ihrem Vater, eine Liebe, deren sie sich, wie es ihr schien, bis zu diesem Augenblick gar nicht in ihrer ganzen Größe bewußt gewesen war. Sie lief in den Garten und eilte schluchzend die mit jungen, vom Fürsten Andrej gepflanzten Linden umsäumten Wege zum Teich hinunter.