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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)

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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
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Das erklärte allerdings, warum Mr. Wemyss seine Zuflucht bei etwas Hochprozentigem gesucht hatte. Vielleicht hätten wir den Krug mit nach Hause nehmen sollen.

»Dein armer Vater«, sagte ich noch einmal, allerdings geistesabwesend. »Hattet ihr drei denn schon einen Plan?«

»Nun, nein«, gab sie zu. »Ich hatte den Jungen ja erst heute Morgen gesagt, dass ich ein Kind erwarte. Sie schienen selber etwas verblüfft zu sein«, fügte sie hinzu und biss sich auf die Lippe.

»Ach was.« Ich spähte ins Freie; es regnete zwar noch, doch der Wolkenbruch war vorüber; jetzt fiel nur noch ein feiner, weicher Regen, der die Pfützen auf dem Fußweg kräuselte. Ich rieb mir über das Gesicht und fühlte mich plötzlich sehr müde.

»Welchen wirst du wählen?«, fragte ich.

Sie warf mir einen plötzlichen, panischen Blick zu, und das Blut wich ihr aus den Wangen.

»Du kannst sie nicht beide haben, weißt du«, erklärte ich sanft. »So geht das nicht.«

»Warum?«, fragte sie um Tapferkeit bemüht – aber ihre Stimme zitterte. »Es schadet doch niemandem. Und es geht doch nur uns etwas an.«

Allmählich war mir selbst nach einem kräftigen Schuss Alkohol zumute.

»Hoho«, sagte ich. »Versuch einmal, das deinem Vater zu sagen. Oder Mr. Fraser. In einer großen Stadt kämt ihr damit womöglich durch. Aber hier? Alles, was hier geschieht, geht jedermann etwas an, und das weißt du genau. Hiram Crombie würde dich auf der Stelle als Hure steinigen, wenn er es herausfände.« Ohne eine Antwort abzuwarten, stand ich auf.

»Nun denn. Lass uns zum Haus gehen und sehen, ob die beiden noch am Leben sind. Vielleicht hat Mr. Fraser die Sache ja selbst in die Hand genommen und das Problem für dich gelöst.«

Die Zwillinge lebten noch, sahen aber nicht so aus, als wären sie besonders froh darüber. Sie saßen Schulter an Schulter in der Mitte von Jamies Studierzimmer und pressten sich aneinander, als versuchten sie, sich wieder zu einem Wesen zu vereinen.

Ihre Köpfe wandten sich unisono zur Tür, und die Alarmiertheit und Sorge in ihren Mienen vermischten sich mit der Freude über Lizzies Anblick. Ich hatte sie am Arm, doch als sie die Zwillinge sah, riss sie sich los und eilte mit einem kleinen Ausruf auf sie zu, legte jedem der Jungen einen Arm um den Hals und zog sie beide an ihre Brust.

Ich sah, dass einer der Jungen ein blaues Auge hatte, das gerade zuzuschwellen begann; das musste wohl Kezzie sein, obwohl ich nicht wusste, ob dies Jamies Vorstellung von gerechter Behandlung war oder nur eine praktische Methode sicherzugehen, dass er sie auseinanderhalten konnte, während er mit ihnen sprach.

Auch Mr. Wemyss lebte noch, sah aber auch nicht glücklicher darüber aus als die Beardsleys. Er hatte rote Augen und war blass und noch leicht grün um die Nase, doch immerhin saß er aufrecht und einigermaßen nüchtern neben Jamies Tisch. Vor ihm stand eine Tasse Zichorienkaffee – ich konnte ihn riechen –, aber bis jetzt schien er nicht angerührt worden zu sein.

Lizzie kniete sich auf den Boden, ohne die Jungen loszulassen, und die drei steckten die Köpfe zusammen wie ein Kleeblatt, um sich murmelnd zu unterhalten.

»Seid ihr verletzt?«, fragte sie, und: »Fehlt dir auch nichts?«, fragten die Jungen, ein Knäuel aus Händen und Armen, die sich suchend, tätschelnd, streichelnd umschlangen. Sie erinnerten mich an einen zärtlich besorgten Oktopus.

Ich sah Jamie an, der dieses Benehmen mit einem etwas säuerlichen Blick betrachtete. Mr. Wemyss stieß ein leises Stöhnen aus und verbarg den Kopf in den Händen.

Jamie räusperte sich mit einem kaum hörbaren, unendlich drohenden schottischen Laut, und die Vorgänge in der Mitte des Zimmers endeten wie von einem lähmenden Todesstrahl getroffen. Ganz langsam wandte Lizzie den Kopf, um ihn anzusehen, das Kinn hoch erhoben, die Arme schützend um die Hälse der Beardsleys gelegt.

»Setz dich, Kleine«, sagte Jamie nachsichtig und wies kopfnickend auf einen leeren Hocker.

Lizzie erhob sich und drehte sich um, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Allerdings machte sie keine Anstalten, den angebotenen Hocker zu nehmen. Stattdessen umrundete sie die Zwillinge in aller Ruhe, stellte sich zwischen sie und legte ihnen die Hände auf die Schultern.

»Ich bleibe stehen, Sir«, sagte sie. Ihre Stimme war schrill und dünn vor Angst, aber voller Entschlossenheit. Wie ein Uhrwerk ergriff jeder der beiden Zwillinge die Hand auf seiner Schulter, und ihre Gesichter setzten ähnliche Mienen auf, aus denen zur Hälfte Anspannung, zur Hälfte Standhaftigkeit sprach.

Jamie beschloss klugerweise, nicht weiter darauf herumzureiten, sondern nickte mir stattdessen beiläufig zu. Ich nahm den Hocker selbst und war überraschend froh, mich setzen zu können.

»Die Jungen und ich haben uns mit deinem Vater unterhalten«, sagte er an Lizzie gerichtet. »Dann ist es also wahr, was du deinem Pa gesagt hast? Du bist schwanger, und du weißt nicht, welcher der Vater ist?«

Lizzie öffnete den Mund, doch es kamen keine Worte heraus. Also nickte sie nur linkisch.

»Aye. Nun denn, du musst heiraten, und zwar je eher, desto besser«, sagte er in ganz und gar sachlichem Ton. »Die Jungen konnten sich nicht entscheiden, wer von ihnen es sein sollte, also liegt es bei dir. Welcher?«

Weiße Knöchel wurden sichtbar, als sich alle sechs Hände plötzlich anspannten. Eigentlich war das Ganze hochgradig faszinierend – und ich konnte nicht verhindern, dass die drei mir leidtaten.

»Das kann ich nicht«, flüsterte Lizzie. Dann räusperte sie sich und versuchte es noch einmal. »Das kann ich nicht«, wiederholte sie jetzt kräftiger. »Ich möchte – ich möchte nicht wählen. Ich liebe sie beide.«

Jamie senkte den Blick einen Moment auf seine verschränkten Hände und spitzte die Lippen, während er überlegte. Dann hob er den Kopf und musterte sie sehr ruhig. Ich sah, wie sie sich mit zusammengepressten Lippen aufrichtete, zitternd, aber resolut, fest entschlossen, ihm zu trotzen.

Mit wahrhaft diabolischem Gespür für den richtigen Zeitpunkt richtete sich Jamie schließlich an Mr. Wemyss.

»Joseph?«, sagte er geduldig.

Mr. Wemyss hatte erstarrt dagesessen, den Blick auf seine Tochter gerichtet, die blassen Hände um seine Kaffeetasse geschlungen. Doch er zögerte nicht, ja, er blinzelte nicht einmal.

»Elizabeth«, sagte er mit sehr leiser Stimme, »liebst du mich?«

Ihre trotzige Fassade brach auf wie ein zu Boden gefallenes Ei, und die Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Oh, Pa!«, sagte sie. Sie ließ die Zwillinge los und rannte zu ihrem Vater hinüber, der genau rechtzeitig aufstand, um sie fest in die Arme zu nehmen und seine Wange an ihr Haar zu drücken. Sie klammerte sich schluchzend an ihn, und ich hörte einen kurzen Seufzer von einem der Zwillinge, obwohl ich nicht sagen konnte, von welchem.

Mr. Wemyss schwankte sacht mit ihr hin und her, tätschelte und tröstete sie, und sein Gemurmel ging in ihren Schluchzern und abgehackten Worten unter.

Jamie beobachtete die Zwillinge – nicht ohne Mitgefühl. Sie hatten die Hände miteinander verknotet, und Kezzie hatte die Zähne in die Unterlippe gebohrt.

Lizzie löste sich von ihrem Vater. Sie zog die Nase hoch und tastete vage nach einem Taschentuch. Ich zog eins aus meiner Tasche, stand auf und gab es ihr. Sie putzte sich fest die Nase und rieb sich die Augen, wobei sie es vermied, Jamie anzusehen; sie wusste sehr wohl, wo die Gefahr lag.

Doch das Zimmer war ziemlich klein, und Jamie war ein Mensch, der selbst in einem großen Raum nicht leicht zu ignorieren war. Anders als mein Sprechzimmer hatte das Studierzimmer nur kleine Fenster, die hoch oben in der Wand lagen, was dem Zimmer unter normalen Umständen eine gedämpfte Heimeligkeit verlieh. Im Moment regnete es draußen, das Zimmer war von grauem Licht erfüllt, und die Luft war kühl.

»Es geht jetzt nicht darum, wen du liebst, Kleine«, sagte Jamie ganz sanft. »Nicht einmal darum, ob du deinen Vater liebst.« Er wies kopfnickend auf ihren Bauch. »Du trägst ein Kind in deinem Bauch. Alles, was jetzt zählt, ist, ihm gerecht zu werden. Und das geht nicht, wenn seine Mutter in dem Ruf steht, eine Hure zu sein, aye?«

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