Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Ich verstehe«, sagte ich und konnte es mir lebhaft vorstellen. »Und dann …«
Und dann konnte sie sich nur noch daran erinnern, dass, wann immer sie an die Oberfläche des Fiebers gedriftet war, die Jungen immer noch da waren und mit ihr und miteinander geredet hatten, ihre Stimmen ein kleiner Anker, der sie in der Wirklichkeit hielt, und ihre streichelnden Hände wichen nie von ihr, und der scharfe Geruch der Gallbeeren schnitt durch den Holzrauch des Kamins und den Duft der Bienenwachskerze.
»Ich habe mich … sicher gefühlt«, sagte sie und rang um die richtigen Worte. »Ich kann mich nicht konkret erinnern, nur dass ich einmal die Augen geöffnet und seine Brust direkt vor meinem Gesicht gesehen habe und die dunklen Löckchen um seine Brustwarzen, und sie waren klein und braun und gerunzelt wie Rosinen.« Sie wandte mir das Gesicht zu und bekam große Augen bei dieser Erinnerung. »Das kann ich noch so deutlich sehen, als hätte ich es in diesem Moment vor mir. Das ist merkwürdig, oder?«
»Ja«, pflichtete ich ihr bei, obwohl es eigentlich nicht stimmte; hohes Fieber hatte etwas an sich, das die Wirklichkeit verschwimmen ließ, gleichzeitig aber bestimmte Bilder so tief in den Verstand einbrennen konnte, dass sie nie wieder verblassten. »Und dann …?«
Dann hatte sie so heftigen Schüttelfrost bekommen, dass weder mehr Decken noch ein heißer Ziegelstein zu ihren Füßen geholfen hatte. Und so war einer der Jungen in seiner Verzweiflung neben ihr unter die Decke gekrochen und hatte sie an sich gedrückt, um die Kälte mit seiner eigenen Körperwärme zu vertreiben – die, so dachte ich zynisch, an diesem Punkt beträchtlich gewesen sein musste.
»Ich wusste nicht, welcher es war oder ob es die ganze Zeit derselbe war oder ob sie sich hin und wieder abgewechselt haben, aber jedes Mal, wenn ich aufgewacht bin, war er da und hatte die Arme um mich gelegt. Und manchmal hat er die Decke zurückgeschlagen und mir noch mehr Salbe auf den Rücken gerieben und, und, vorn …«, holperte sie und wurde rot. »Aber als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin, war das Fieber fort, wie üblich am zweiten Tag.«
Sie sah mich an und flehte um Verständnis.
»Wisst Ihr, wie es ist, Ma’am, wenn man hohes Fieber hatte, und es ist vorbei? Es ist jedes Mal gleich, also ist es ja vielleicht bei allen Menschen so. Aber es ist … friedlich. Man fühlt sich so schwer, dass man gar nicht daran denken kann, sich zu bewegen, aber das macht nichts. Und alles, was man sieht – all die kleinen Dinge, von denen man im Alltag keine Notiz nimmt –, jetzt sieht man sie, und sie sind schön«, sagte sie andächtig. »Manchmal glaube ich, vielleicht wird es so sein, wenn ich tot bin. Ich wache einfach auf, und alles wird so sein, friedvoll und schön – nur, dass ich mich bewegen kann.«
»Aber diesmal bist du aufgewacht und konntest es nicht«, sagte ich. »Und der Junge – welcher es auch immer war –, er war noch bei dir?«
»Es war Jo«, sagte sie und nickte. »Er hat mit mir geredet, aber ich habe kaum darauf geachtet, was er gesagt hat, und ich glaube auch nicht, dass er es getan hat.«
Sie biss sich kurz auf die Unterlippe; ihre kleinen Zähne scharf und weiß.
»Ich – ich hatte es noch nie getan, Ma’am. Aber ich war ein- oder zweimal dicht davor, mit Manfred. Und noch dichter mit Bobby Higgins. Aber Jo hatte ja noch nicht einmal ein Mädchen geküsst, und sein Bruder ebenso nicht. Seht Ihr, eigentlich war es meine Schuld, denn ich habe genau gewusst, was vor sich ging, aber … wir waren beide noch ganz schlüpfrig von der Salbe und nackt unter der Bettdecke, und es … ist geschehen.«
Ich nickte und verstand es nur zu gut.
»Ja, ich verstehe, wie es dazu gekommen ist. Aber dann ist es … wieder und wieder geschehen?«
Sie spitzte die Lippen und wurde erneut sehr rot.
»Nun … aye. So war es. Es … es fühlt sich so schön an, Ma’am«, flüsterte sie und beugte sich zu mir herüber, als müsste sie mir ein wichtiges Geheimnis anvertrauen.
Ich rieb mir fest über die Lippen.
»Ähm, ja. Doch. Aber –«
Die Beardsleys hatten unter ihrer Anleitung die Laken gewaschen, und als ihr Vater zwei Tage später zurückkam, waren alle verräterischen Spuren beseitigt. Die Gallbeeren hatten ihre Arbeit verrichtet, und Lizzie war zwar noch geschwächt und müde, doch sie erzählte Mr. Wemyss nur, dass sie einen leichten Anfall gehabt hatte.
Unterdessen traf sie sich bei jeder Gelegenheit mit Jo, im hohen Sommergras hinter dem Molkereischuppen, im frischen Stroh im Stall – und wenn es regnete, hin und wieder auf der Veranda der Beardsleys.
»Drinnen wollte ich es nicht, weil die Felle so stinken«, erklärte sie. »Aber wir haben einen alten Quilt auf die Veranda gelegt, damit ich keine Splitter in den Rücken bekam, und dicht neben uns ist der Regen gefallen …« Sie blickte sehnsüchtig durch die offene Tür. Draußen hatte sich der Regen zu einem beständigen Flüstern abgeschwächt, und die Nadeln der Kiefern zitterten leise.
»Und was ist mit Kezzie? Wo ist er die ganze Zeit gewesen?«, fragte ich.
»Ah. Nun ja. Kezzie«, sagte sie und holte tief Luft.
Sie hatten im Stall miteinander geschlafen, und Jo hatte sie auf ihrem Umhang im Stroh liegen gelassen, wo sie zusah, wie er aufstand und sich anzog. Dann hatte er sie geküsst und sich zur Tür gewandt. Da sie sah, dass er seine Feldflasche vergessen hatte, hatte sie ihm leise hinterhergerufen.
»Und er hat nicht geantwortet oder sich umgedreht«, sagte sie. »Und plötzlich war mir klar, dass er mich nicht hören konnte.«
»Oh, ich verstehe«, sagte ich leise. »Du, äh, konntest sie nicht auseinanderhalten?«
Sie sah mich direkt an.
»Jetzt kann ich es«, sagte sie.
Doch am Anfang war alles noch so neu gewesen – und die Brüder beide so unerfahren –, dass ihr keine Unterschiede aufgefallen waren.
»Wie lange …?«, fragte ich. »Ich meine, hast du irgendeine Vorstellung, wann sie, äh …?«
»Nicht mit Sicherheit«, gab sie zu. »Aber wenn ich raten sollte, glaube ich, beim ersten Mal war es Jo – nein, ich weiß, dass es Jo war, denn ich habe seinen Daumen gesehen –, aber beim zweiten Mal war es wahrscheinlich Kezzie. Sie teilen miteinander, aye?«
Sie teilten miteinander – alles. Und so war es die natürlichste Sache der Welt – offenbar für alle drei –, dass Jo sich wünschte, dass sein Bruder auch an diesem neuen Wunder teilnahm.
»Ich weiß, dass es … seltsam erscheinen muss«, sagte sie mit einem schwachen Achselzucken. »Und wahrscheinlich hätte ich ja etwas sagen oder tun sollen – aber mir ist nichts eingefallen. Und eigentlich –« Sie hob hilflos den Blick und sah mich an. »Eigentlich kam es mir gar nicht falsch vor. Sie sind verschieden, aye, aber gleichzeitig sind sie sich so nah … und es ist, als berührte ich einen Jungen und redete mit ihm – nur, dass er zwei Körper hat.«
»Zwei Körper«, sagte ich ein wenig mutlos. »Nun ja. Genau das ist aber das Problem, die Sache mit den zwei Körpern.« Ich betrachtete sie genau. Trotz ihrer Malaria und ihres schmächtigen Körperbaus war sie definitiv voller geworden; über der Kante ihres Leibchens schwoll ein kleiner runder Busen, und sie saß zwar darauf, so dass ich es nicht mit Sicherheit sagen konnte, doch wahrscheinlich hatte sie auch das passende Hinterteil dazu. Das einzige wirkliche Wunder war, dass es drei Monate gedauert hatte, bis sie schwanger wurde.
Als läse sie meine Gedanken, sagte sie: »Ich habe die Samen genommen, aye? Die Ihr und Miss Brianna nehmt. Ich hatte einen Vorrat aus der Zeit, als ich mit Manfred verlobt war; Miss Brianna hat sie mir gegeben. Ich hatte vor, noch mehr zu sammeln, aber ich habe nicht immer daran gedacht, und –« Sie zuckte erneut mit den Achseln und legte die Hände über ihren Bauch.
»Woraufhin du weiterhin nichts gesagt hast«, merkte ich an. »Hat dein Vater es durch Zufall herausgefunden?«
»Nein, ich habe es ihm gesagt«, berichtete sie. »Ich habe es für besser gehalten, bevor man es mir ansehen konnte. Jo und Kezzie sind mitgekommen.«