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Mephisto

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Mephisto
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Barbaras Gromutter, die Generalin, erschien erst zum Lunch. Es gehrte zu den Prinzipien der alten Dame, niemals ein Automobil zu benutzen; die zehn Kilometer, die ihr kleines Gut von der Brucknerschen Villa trennten, legte sie in einer altmodischen groen Kalesche zurck, und sie versptete sich zu allen Familienfesten. Mit einer schnen, voll tnenden Stimme, die sehr tief in den Ba hinunter und sehr hoch in den Diskant hinauf ging, beklagte sie es, da sie das Schauspiel auf dem Standesamt versumt habe. Nun, und wie sehen Sie denn aus, mein neuester Enkelsohn? sagte die aufgerumte Gromama und fixierte Hendrik ausfhrlich durch die Lorgnette-, die ihr an einer langen, mit blulichen Juwelen verzierten Silberkette auf der Brust hing. Hendrik wurde rot und wute nicht, wohin er schauen sollte. Die Musterung dauerte lange; brigens schien sie nicht unvorteilhaft fr ihn auszufallen. Als die Generalin die Lorgnette endlich sinken lie, hatte sie ein Lachen, welches silbrig perlte. Gar nicht bel! stellte sie fest, wobei sie beide Arme in die Hften stemmte. Sie nickte ihm munter zu. In ihrem wei gepuderten Gesicht fhrten die schnen, dunkelklaren und beweglichen Augen eine noch eindringlichere, klgere und strkere Sprache als der Mund, wenn er die groe Stimme hren lie.

Einer derartig wunderbaren alten Dame war Hendrik seiner Lebtage noch nicht begegnet. Die Generalin imponierte ihm ungeheuer. Sie hatte das Aussehen eines Aristokraten des 18. Jahrhunderts: ihr hochmtiges, kluges, lustiges und strenges Gesicht war gerahmt von einer grauen Frisur, die ber den Ohren zu steifen Rllchen gewickelte Locken zeigte. Im Nacken vermutete man einen Zopf: man war erstaunt und ein wenig-enttuscht, da er fehlte. In ihrem perlgrauen Sommerkostm, das am Hals und an den Manschetten mit Spitzenrschen garniert war, hatte die Generalswitwe eine militrisch gerade Haltung. Das breite Halsband, das gleich oberhalb der Spitzenrsche begann und dicht unterhalb des Kinns endigte - eine schne antike Arbeit aus mattem Silber und blauen Steinen, die zu den Juwelen an der klappernden Lorgnettenkette paten -, wirkte an ihr wie ein hoher, steifer, bunt bestickter Uniformkragen.

In jeder Gesellschaft, die sie betrat, regierte die Generalin - sie war es nicht anders gewohnt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sie fr eine der schnsten Frauen der deutschen Gesellschaft gegolten, und noch in den beiden ersten Jahrzehnten des 20. war sie gefeiert worden. Alle groen Maler der Epoche hatten sie portrtiert. In ihrem Salon hatten sich die Prinzen und Generale mit. den Dichtern, Komponisten und Malern getroffen. Viele Jahre lang hatte man in Mnchen und in Berlin von der Klugheit und Originalitt der Generalin beinah ebensoviel gesprochen wie von ihrer Schnheit. Da ihr Gatte - er war seit einigen Jahren tot - die Sympathie der allerhchsten Stellen genossen hatte und brigens reich gewesen war, verzieh man ihr Ansichten, Gesinnungen und Manieren, die man bei jeder anderen exzentrisch bis zur Anstigkeit gefunden haben wrde. Selbst dem Kaiser war ihre Schnheit aufgefallen; deshalb durfte sie, schon im Jahre 1900, fr das Frauen-stimmrecht pldieren. Sie konnte den Zarathustra auswendig und rezitierte zuweilen aus ihm, zur peinlichen Verwunderung ihrer aristokratischen Gste, die dies fr etwas Sozialistisches hielten. Sie hatte Franz Liszt und Richard Wagner gekannt; sie hatte Korrespondenzen mit Henrik Ibsen und Bjrnstjerne Bjrnson gefhrt. Wahrscheinlich war sie gegen die Todesstrafe. Ihrer groen Haltung, in der sich eine burschikose Sorglosigkeit mit unangreifbarer Wrde verband, mute man alles nachsehen.

Die Generalin machte auf Hendrik einen viel greren Eindruck als der Geheimrat. Nun erst begriff er ganz, was fr ein glnzendes Milieu es war, in das er eintreten durfte. Seine gute Mutter Bella hatte wohl recht gehabt - nur htte sie nicht so taktlos darauf anspielen sollen -: angesichts solcher Verwandtschaft wrden den Spieern in Kln die frechen Redensarten vergehen ber die angeblich heruntergekommene Familie Hfgen. Auch Barbara stieg noch einmal in Hendriks Achtung, da er feststellte, wie vertraut der Gesprchston zwischen ihr und dieser blendenden Gromama war. Barbara hatte ihre Schulferien und auerdem beinahe jeden Sonntag auf dem Gute der Generalin verbracht - Hendrik erinnerte sich nun, es gehrt zu haben. Die unvergleichliche alte Dame hatte ihrem Enkelkinde Dickens oder Tolstoi vorgelesen - es war eine Leidenschaft der Generalin, vorzulesen, und sie tat es mit schnem Ausdruck -, oder sie hatten gemeinsame Spazierritte unternommen durch ein Land, das Hendrik sich vornehm wie einen englischen Park und dabei romantisch, waldig, hgelig, von silbrigen Gewssern durchzogen, reich an Schluchten, Tlern, wundervollen Ausblicken vorstellte. Wieder mischte sich Neid in das Entzcken, mit dem Hfgen an die schne Kindheit Barbaras dachte. Hatte diese sorgenlose Jugend nicht beides gekannt: die vollkommene Kultur und die fast vollkommene Freiheit? Der Alltag in der vterlichen Villa; die festliche Erholung - die, in ihrer regelmigen Wiederkehr, auch schon beinahe Alltag war - auf der Besitzung dieser frstlichen alten Dame: konnte Hendrik eine Bitterkeit unterdrcken, wenn er solche Kindheit mit der eigenen verglich?

Denn in Kln, bei Vater Kbes - der jetzt mit gebrochenem Bein darniederlag - hatte es keinen Park gegeben, keinen Raum mit Teppichen, Bibliothek und Gemlden; vielmehr muffige Stuben, in denen Bella und Josy munteres Treiben entfalteten, wenn sich Gste einfanden, jedoch migelaunt und schlampig wurden, wenn die Familie unter sich blieb. Vater Kbes hatte immer Schulden und klagte ber die Gemeinheit der Welt, wenn die Glubiger ihn drngten. Noch peinlicher als seine schlechte Laune war die Gemtlichkeit, zu der er sich bisweilen, an hohen Feiertagen oder auch ohne besonderen Anla, pltzlich entschlo. Dann wurde ein Bwlchen gebraut, und Papa Kbes forderte die Seinen auf, einen Kanon mit ihm zu singen. Der junge Hendrik aber weigerte sich; er sa fahl und verbissen in einer Ecke. Sein einziger Gedanke war immer gewesen: 'Ich mu hinauskommen aus diesem Milieu. Ich mu dies alles weit, weit, hinter mir lassen'

,Barbara hat es leicht gehabt', dachte er nun, whrend er mit der Generalin Konversation machte.,Alle Wege waren ihr geebnet; sie ist ein typisches Geschpf der arrivierten Grobourgeoisie. ber die Hrte des Lebens, die ich schon kenne, wird sie sich wundern mssen. Was ich erreichen werde und schon erreicht habe, das verdanke ich alles nur meiner Kraft.' - Nicht ohne Pikiertheit sagte er zu seiner jungen Frau, die ihn an den Tisch gefhrt hatte, auf dem die Glckwunschtelegramme und Geschenke lagen: Die Depeschen sind natrlich alle fr dich. Mir telegrafiert niemand. Barbara lachte - recht spttisch und selbstgefllig, wie ihm schien -: Im Gegenteil, Hendrik. - Mehrere Leute haben nur an dich adressiert - zum Beispiel Marder. Aus dem hohen Sto von Briefen, Karten und Depeschen suchte sie die Papiere hervor, die fr Hendrik bestimmt waren. Auer Theophil Marder, dessen Hochzeitsbotschaft in vieldeutig korrekten, wahrscheinlich hhnisch gemeinten Wendungen abgefat war, hatten ihm noch die kleine Angelika Siebert, die Direktoren Schmilz und Kroge, Hedda von Herzfeld und - worber er sich entsetzte - Juliette gratuliert. Woher waren ihr diese Adresse, dieses Datum bekannt? Hendrik, der bleich geworden war, zerknllte den Papierstreifen.

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