Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Mitunter bemerkte Natascha an Pierre eine gewisse Verwirrung und Unsicherheit in ihrer Gegenwart, besonders wenn er ihr etwas Gutes erweisen wollte, oder wenn er fürchtete, daß durch irgend etwas in der Unterhaltung schwere Erinnerungen in ihr wachgerufen werden könnten. Sie sah dies wohl, schrieb es aber seiner allgemeinen Herzensgüte und Schüchternheit zu, die er, wie sie glaubte, ebenso wie in ihrer Gegenwart auch allen anderen zeigte. Nach jenen spontanen Worten von damals, daß er, wenn er frei wäre, auf den Knien um Nataschas Hand und Liebe bitten würde, die er ihr in einem Augenblick gesagt hatte, als er sich in höchster Erregung befand, hatte Pierre mit Natascha nie wieder über seine Gefühle gesprochen, und es war ihr ganz klar, daß er jene Worte, die ihr damals ein solcher Trost gewesen waren, nur gesagt hatte, wie man das Blaue vom Himmel herunterschwatzt, nur um ein weinendes Kind zu trösten. Nicht weil Pierre ein verheirateter Mann war, sondern weil sie zwischen sich und ihm in so hohem Grad jene moralische Schranke fühlte, die sie zwischen sich und Kuragin vermißt hatte, kam es ihr nie in den Sinn, daß aus ihren Beziehungen zu Pierre jemals Liebe von ihrer oder gar von seiner Seite entstehen könne, oder auch nur jene Art zärtlicher, sich alles bekennender, poetischer Freundschaft zwischen Mann und Frau, von der ihr Beispiele bekannt waren.
Gegen Ende der Petri-Fasten kam Agrafena Iwanowna Bjelowa, eine Gutsnachbarin der Rostows aus der Gegend von Otradnoje, nach Moskau, um vor den Moskauer Heiligen zu beten. Sie schlug Natascha vor, mit ihr zusammen die zum Abendmahl vorbereitenden Fast- und Betübungen zu machen, und Natascha ging freudig auf diesen Gedanken ein. Trotz des Verbotes der Ärzte, frühmorgens auszugehen, bestand Natascha darauf, sich zum Abendmahl vorzubereiten, aber nicht so vorzubereiten, wie es im Hause Rostow üblich war, das heißt durch Anhören von drei Messen zu Hause, sondern so, wie Agrafena Iwanowna es tat, das heißt acht Tage lang keine Früh-, Mittags- und Abendmesse zu versäumen.
Der Gräfin gefiel dieser Eifer Nataschas. Nach dem erfolglosen Herumdoktern der Ärzte hoffte sie im Grund ihrer Seele, daß Beten Natascha mehr helfen werde als alle Arzneien, und gab, zwar ein bißchen ängstlich und ohne den Ärzten etwas davon zu sagen, den Bitten Nataschas nach und vertraute sie dem Schutz der Bjelowa an. Agrafena Iwanowna kam nun täglich um drei Uhr nachts, um Natascha zu wecken und abzuholen, und fand sie meist schon wach, da Natascha große Angst hatte, die Morgenmesse einmal zu verschlafen. Sie wusch sich in aller Eile, zog demutsvoll ihr schlechtestes Kleid und ihren ältesten Mantel an und ging, in der Morgenfrische fröstelnd, auf die menschenleeren Straßen hinaus, die in der Morgendämmerung nur matt erleuchtet waren. Auf den Rat Agrafena Iwanownas bereitete sich Natascha nicht in ihrer Parochialkirche, sondern in einer anderen zum Abendmahl vor, in der ein Priester von besonders strenger und hoher Lebensauffassung amtierte, wie die fromme Agrafena Iwanowna sagte.
In dieser Kirche waren immer wenig Leute. Natascha und Agrafena Iwanowna nahmen ihre gewohnten Plätze vor dem Bild der Mutter Gottes ein, das in der Rückwand des linken Chores eingefügt war. Ein neues Gefühl der Demut vor dem Hohen, Unbegreiflichen überkam Natascha, wenn sie zu dieser ungewohnten Morgenstunde das schwarzgewordene Bild der Mutter Gottes betrachtete, das nur von den Kerzen, die davor brannten, und von dem Frührot, das durch die Scheiben fiel, erleuchtet wurde, und dabei der Messe lauschte, der mit Verständnis zu folgen sie sich Mühe gab. Verstand sie die Worte, so floß ihr persönliches Gefühl mit allen seinen Schattierungen mit dem Gebet zusammen, verstand sie sie nicht, so war ihr der Gedanke noch süßer, daß der Wunsch, alles zu verstehen, eitel Hoffart ist, weil dies ja doch unmöglich ist, und daß man nur glauben und sich Gott ganz hingeben muß, der in diesem Augenblick – das fühlte sie – ihre ganze Seele beherrschte. Sie bekreuzigte und verbeugte sich, und wenn sie die Worte nicht verstand, so betete sie nur zu Gott, entsetzt über ihre eigne Schlechtigkeit, ihr doch alles, alles zu verzeihen und sich ihrer zu erbarmen. Die Gebete, denen sie sich am inbrünstigsten hingab, waren die Bußgebete. Und wenn sie dann in dieser frühen Morgenstunde, wo man auf der Straße nur Maurer traf, die zur Arbeit gingen, und Hausknechte, die die Straße fegten, nach Hause zurückkehrte, wo noch alle schliefen, empfand Natascha ein neues Gefühclass="underline" sie hoffte ihre Fehler ablegen zu können, und ein neues, reines Leben und Glück erschien ihr wieder möglich.
Während der ganzen Woche, in der sie dieses Leben führte, erstarkte dieses Gefühl von Tag zu Tag. Und der Empfang des heiligen Sakramentes erschien ihr als ein so großes Glück, daß sie fürchtete, diesen geweihten Sonntag gar nicht zu erleben.
Aber der beseligende Sonntag brach dennoch an, und als Natascha an diesem ihr unvergeßlichen Tag in ihrem weißen Musselinkleid von der Abendmahlfeier nach Hause kam, fühlte sie sich nach vielen Monaten zum erstenmal wieder ruhig und empfand das Leben, das noch vor ihr lag, nicht mehr als Last.
An diesem Tag kam auch der Doktor, sah Natascha prüfend an und verordnete, mit dem Einnehmen jener letzten Pülverchen, die er vor vierzehn Tagen verschrieben hatte, fortzufahren.
»Unbedingt müssen Sie die morgens und abends noch weiternehmen«, sagte er, sichtlich und mit gutem Gewissen von seinem Erfolg befriedigt. »Und, wenn ich bitten darf, ja recht pünktlich und gewissenhaft.«
»Seien Sie ganz unbesorgt, Gräfin«, sagte er dann draußen in scherzendem Ton, wobei er das Goldstück geschickt im Handteller einklemmte, »bald wird sie wieder singen und herumspringen. Die letzte Arznei hat ihr sehr, sehr gut getan. Sie ist viel munterer geworden.«
Die Gräfin warf heimlich einen Blick auf ihre Fingernägel und spuckte darauf, um ja nichts zu berufen, und kehrte mit heiterem Gesicht in den Salon zurück.
18
Anfang Juli verbreiteten sich in Moskau mehr und mehr beängstigende Gerüchte über den Verlauf des Krieges: man sprach von einem Aufruf des Kaisers an das Volk, und es hieß, daß der Kaiser selber die Armee verlassen und nach Moskau kommen werde. Da aber bis zum 11. Juli weder ein Manifest noch ein Aufruf herausgekommen war, so gingen darüber und über die ganze Lage des Reiches die übertriebensten Gerüchte um. Man erzählte sich, der Kaiser komme aus dem Grund zurück, weil die Armee in Gefahr sei, Smolensk habe sich ergeben, Napoleon rücke mit einer Million Soldaten heran, und nur durch ein Wunder könne Rußland noch gerettet werden.
Am 11. Juli, einem Sonnabend, kam endlich das Manifest heraus, aber es war noch nicht gedruckt. Pierre, der gerade bei den Rostows war, versprach, am nächsten Tag, Sonntag, zu Tisch zu kommen und Manifest und Aufruf mitzubringen, die er sich vom Grafen Rastoptschin geben lassen wollte.
An diesem Sonntag fuhren die Rostows wie gewöhnlich zur Messe in die Rasumowskijsche Hauskapelle. Es war ein heißer Julitag. Schon um zehn Uhr morgens, als die Rostows vor der Kapelle aus dem Wagen stiegen, merkte man der heißen Luft, dem Geschrei der Ausrufer, den hellen, leuchtenden Sommerkleidern der Menge, den bestaubten Blättern der Boulevardbäume, den Klängen der Musik und den weißen Hosen eines zur Wachtparade vorüberziehenden Bataillons, dem Donner des Pflasters und dem grellen Glanz der brennenden Sonne jene sommerliche Mattigkeit und jenes Behagen und Unbehagen an, die sich an grellen, heißen Sommertagen in der Großstadt besonders stark fühlbar machen.
In der Rasumowskijschen Kapelle war die ganze vornehme Welt von Moskau, lauter Bekannte der Rostows, versammelt. In diesem Jahr waren sehr viele reiche Familien, die sonst immer im Sommer aufs Land fuhren, in der Stadt geblieben, als warteten sie auf etwas. Als Natascha hinter dem Diener in Livree, der ihnen einen Weg durch die Menge bahnte, und neben ihrer Mutter einherschritt, hörte sie, wie ein junger Mann in hörbarem Flüsterton eine Bemerkung über sie machte: »Das ist die Rostowa, weißt du, die, die …«