Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
»Von Ihnen«, antwortete Angela. »Sie haben ihn gemurmelt. Vorhin, als ich Sie oben auf...« Sie verbesserte sich. »Als ich Sie im Treppenhaus getroffen habe. Azrael... Es klingt seltsam. Was bedeutet es?«
»Nichts«, antwortete Bremer. Plötzlich schien alles gleichzeitig auf ihn einzustürmen. Die Erinnerungen waren da, schlagartig und ohne Wenn und Aber, als hätte sie die magische Macht dieses Namens, hier in der Wirklichkeit ausgesprochen, heraufbeschworen. Er stand auf.
»Nichts«, sagte er noch einmal. »Es bedeutet nichts. Und es geht Sie auch nichts an.«
7
Nördlingers Hand zitterte noch immer, obwohl es mehr als eine Minute her sein mußte, daß er den Telefonhörer aufgelegt hatte. Seine Finger prickelten, und er hatte den Hörer so fest umklammert gehalten, daß das Blut unter seinen Fingernägeln gewichen war und sie jetzt so weiß wie die eines Toten aussahen.
Er konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor so ... empört gewesen zu sein. Sein Puls hämmerte, und auf seiner Zunge war ein bitterer Kupfergeschmack, der sich einfach nicht herunterschlucken ließ; vielleicht der Geschmack der Niederlage.
»Nun?« Der Mann auf der anderen Seite des Schreibtischs gab sich weder Mühe, das hämische Glitzern aus seinen Augen zu verbannen, noch den süffisanten Ton aus seiner Stimme. Er deutete mit einer Kopfbewegung auf das Telefon, und der Ausdruck höhnischer Befriedigung verließ seine Augen und breitete sich auf seinem ganzen Gesicht aus. »Nachdem wir die Präliminarien hinter uns gebracht haben, darf ich dann jetzt auf Ihre volle Unterstützung zählen, Herr Kriminalrat?«
»Wenn Sie aufhören, wie ein Idiot zu reden, ja«, antwortete Nördlinger. Noch vor zehn Minuten hätte er es nicht einmal für möglich gehalten, sich selbst einmal so reden zu hören. Nicht mit diesen Worten, und schon gar nicht in diesem Ton. Jetzt hätte er am liebsten noch ganz andere Sachen gesagt (gesagt? Getan!), aber die Person, mit der er vor einer Minute telefoniert hatte, war ziemlich eindeutig gewesen.
»Na, das ist doch schon einmal eine Basis.« Der Mann grinste noch breiter, griff über den Tisch nach dem ehrfurchtgebietenden Dienstausweis, mit dem er sich Nördlinger vorgestellt hatte - der (zweifellos falsche) Name darauf lautete Braun - und steckte ihn ein.
»Ich weiß nicht, was Sie überhaupt noch von mir wollen«, sagte Nördlinger unwirsch. »Ich habe alles getan, was in meiner Macht steht. Ich habe Bremer nicht nur von diesem Fall abgezogen, ich habe ihn sogar für eine Woche vom Dienst suspendiert. Was soll ich noch tun? Ihn einsperren?« Braun ließ sich in seinem Sessel zurückfallen und schlug die Beine übereinander. Die Bewegung sollte vermutlich Gelassenheit demonstrieren, wirkte aber einfach nur affektiert. Nichts an Braun, überlegte Nördlinger, wirkte irgendwie echt.
»Das ist zumindest eine Möglichkeit, die wir in Betracht ziehen müssen«, sagte er. »Aber im Moment wäre das wahrscheinlich übertrieben. Was ist mit der Kleinen, die ihn begleitet? Ist sie eingeweiht?«
»Frau West?« Nördlinger schüttelte den Kopf und zuckte praktisch in der gleichen Bewegung mit den Achseln. »Woher soll ich das wissen? Ich dachte, Sie hätten sie geschickt.«
»Seit wann lassen wir Kinder für uns arbeiten?«
Vielleicht, seit euch die Idioten ausgegangen sind, dachte Nördlinger wütend. »Sie kommt frisch von der Polizeischule«, sagte er. »Ich dachte, ihr hättet sie geschickt, um ein Auge auf Bremer zu werfen. Ich kann sie natürlich...«
»Lassen Sie sie, wo sie ist«, unterbrach ihn Braun. »Vielleicht ist es sogar ganz gut so. Möglicherweise kann sie uns sogar von Nutzen sein.«
»Sie meinen, falls Sie jemanden brauchen, dem Sie die Schuld in die Schuhe schieben können, falls dieser ganze Irrsinn schiefgeht?«
»Nein«, antwortete Braun ruhig. »Dafür haben wir Sie.« Nördlinger biß sich auf die Unterlippe. Braun wollte ihn provozieren, das war klar, und er stand kurz davor, sein Ziel zu erreichen. Er schwieg.
»Überprüfen Sie sie noch einmal«, fuhr Braun fort, als er ihm nicht den Gefallen tat, zu explodieren oder auch nur überhaupt zu antworten. »Aber lassen Sie sie, wo sie ist. Und was Bremer angeht, verlassen wir uns darauf, daß Sie ihn im Auge behalten. Die Operation tritt sozusagen in die kritische Phase. Wir können uns keine Fehler erlauben.« Nördlinger starrte ihn finster an und schwieg beharrlich weiter. Sein Blick tastete über das knappe Dutzend roter Schnellhefter, das vor ihm auf dem Tisch lag. Auf jedem einzelnen prangte der leuchtendrote Stempelabdruck VERTRAULICH - das beste Mittel, neugierige Blicke auf Bestimmtes zu ziehen, dachte er spöttisch. Dazu dann noch gleich der überdeutliche Hinweis, was sich in den Schnellheftern verbarg: Über postkartengroßen Porträtfotos standen die dazugehörigen, in schwarzen Druckbuchstaben geschriebenen Namen: Sendig, Sillmann, Hansen, Bremer ... die meisten dieser Namen hatte er bis vor zehn Minuten noch nicht einmal gehört. Und wenn das, was Braun und die körperlose Stimme am Telefon ihm erzählt hatten, der Wahrheit entsprach - woran er keine Sekunde lang zweifelte -, dann war Bremers Personalakte die einzige hier auf dem Tisch, die zu einem lebenden Menschen gehörte. Mehr noch: Nördlinger war ziemlich sicher, daß er eine gewaltige Überraschung erleben würde, sollte er etwa versuchen, seine nicht unbeträchtlichen Möglichkeiten dazu einzusetzen, um etwas über eine dieser Personen herauszufinden. Sie existierten praktisch nicht mehr. Jemand hatte sich große Mühe gegeben, alle Spuren zu tilgen, die ihre Leben hinterlassen hatten; in elektronischen Datenbanken, in Karteikästen und Melderegistern, in den Patientenkarteien von Krankenhäusern und den Akten des Finanzamts, ja, selbst im Gedächtnis der Menschen, die sie gekannt oder mit ihnen gearbeitet hatten. Es war möglich, einen Menschen auf diese Weise praktisch auszulöschen. Es war sehr aufwendig, sehr zeitraubend und sehr mühsam, aber es ging. Es war nicht das erstemal, daß Nördlinger so etwas erlebte. Er fragte sich, ob vielleicht irgendwann einmal eine Akte mit seinem Foto auf dem Deckel auf dem Schreibtisch irgendeines hochgestellten Staatsdieners landen würde, um auf diese Weise gelöscht zu werden.
Sehr leise sagte er: »Das ist doch vollkommener Wahnsinn! Hätte ich vorher gewußt, worauf ich mich da einlasse...«
»...dann hätten Sie sich nicht darauf eingelassen, ich weiß«, unterbrach ihn Braun. »Sehen Sie, und das ist genau der Grund, aus dem Sie es nicht gewußt haben. Glauben Sie mir: Unwissenheit ist manchmal der beste Schutz, den man haben kann.«
»Gilt das auch für Sie?« fragte Nördlinger. Braun blickte fragend, und Nördlinger fuhr fort: »Ich meine Sie und die Leute, für die Sie arbeiten - wissen Sie wirklich, worauf Sie sich einlassen? Reicht Ihnen die Katastrophe nicht, die damals beinahe geschehen wäre?« Er machte eine zornige Geste auf die Akten, die vor ihm auf dem Tisch ausgebreitet waren. »Von all diesen Leuten ist nicht einer am Leben! Und Sie wollen das alles noch einmal wiederholen?«
»Das sind noch nicht einmal alle«, sagte Braun ruhig. »Ich kann Ihre Bedenken verstehen. Es hat wirklich eine Menge Opfer gegeben, damals. Opfer, die nicht nötig gewesen waren. Diesmal wird die Sache anders ablaufen.«
»Ach?« sagte Nördlinger spöttisch.
»Wir sind keine Dummköpfe«, antwortete Braun scharf. »Und auch keine Selbstmörder. Es werden Fehler gemacht, aber wir haben daraus gelernt.«
»Darf ich das zitieren?« fragte Nördlinger. »Ich meine: Falls ich eine passende Inschrift für ein paar Grabsteine brauche?«
Braun zündete sich eine Zigarette an. Normalerweise wäre das für Nördlinger Grund genug gewesen, ihn aus seinem Büro zu werfen, aber jetzt freute ihn der Anblick fast. Brauns aufgesetzte Selbstsicherheit begann zu bröckeln. Ganz offensichtlich war es Nördlinger nun umgekehrt gelungen, ihn aus der Ruhe zu bringen.