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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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Die übrigen Insassen unserer Kaserne waren: vier Altgläubige, alte bibelkundige Männer, unter denen sich auch der Greis aus den Siedlungen bei Starodub befand; zwei oder drei Kleinrussen, düstere Menschen; ein junger Zuchthäusler mit feinem Gesichtchen und einem schmalen Näschen, der trotz seiner dreiundzwanzig Jahre schon acht Menschen ermordet hatte; eine Gruppe von Falschmünzern, von denen einer der Spaßmacher unserer ganzen Kaserne war, und schließlich einige düstere und mürrische Individuen mit rasierten Schädeln und entstellten Gesichtern, die stets schweigsam und neidisch waren, mit Haß um sich blickten und die Absicht hatten, noch viele Jahre, ihre ganze Strafzeit lang, so düster um sich zu blicken, zu schweigen und zu hassen. Dies alles zog an mir an diesem ersten trostlosen Abend meines neuen Lebens flüchtig vorbei, inmitten des Rauches und des Qualmes, des unflätigen Fluchens und eines unbeschreiblichen Zynismus, in der verpesteten Luft, beim Klirren der Ketten, unter wütenden Flüchen und schamlosem Gelächter. Ich legte mich auf die bloße Pritsche, schob mir meine Kleider unter den Kopf (damals besaß ich noch keine Kissen), deckte mich mit meinem Schafpelz zu, konnte aber lange nicht einschlafen, obwohl ich von den ungeheuerlichen und unerwarteten Eindrücken dieses ersten Tages ganz erschöpft und gebrochen war. Aber mein neues Leben fing erst an. In der Zukunft erwartete mich noch vieles, woran ich nie gedacht und was ich nie geahnt hatte...

V

Der erste Monat

Drei Tage nach meiner Ankunft im Zuchthause wurde mir befohlen, zur Arbeit zu gehen. Dieser erste Arbeitstag ist mir sehr denkwürdig, obwohl an ihm mit mir nichts Besonderes passierte, jedenfalls nichts, was mir in meiner auch ohnehin ungewöhnlichen Lage als etwas Besonderes erscheinen könnte. Aber auch dieser Tag gehörte zu meinen ersten Eindrücken, und ich nahm noch immer gierig alles in mich auf. Die ganzen ersten drei Tage hatte ich unter den schwersten Empfindungen zu leiden. »Das ist nun das Ziel meiner Wanderschaft: ich bin im Zuchthause!« wiederholte ich mir jeden Augenblick: »Das ist nun mein Port für viele Jahre, mein Heim, das ich mit einem so mißtrauischen und schmerzvollen Gefühl betrete... Aber wer weiß? Vielleicht wird es mir nach vielen Jahren schwer fallen, es zu verlassen!...« fügte ich nicht ohne die gewisse Schadenfreude hinzu, die zuweilen an das Bedürfnis, in seiner eigenen Wunde zu wühlen, grenzt, als genieße man diesen Schmerz, und als liege im Bewußtsein des großen Unglücks eine wirkliche Freude. Der Gedanke, daß ich mich dereinst nur schwer von dieser Stätte trennen werde, versetzte mich selbst in Entsetzen: ich ahnte schon damals, wie erschreckend leicht sich der Mensch überall einlebt. Das stand mir aber erst bevor, indessen war mir meine ganze Umgebung feindselig und schrecklich... natürlich nicht alles, aber es kam mir natürlich so vor. Diese wilde Neugier, mit der mich meine neuen Genossen musterten, ihre betonte Unfreundlichkeit gegen einen Neuling adliger Abstammung, der plötzlich in ihrer Gemeinschaft auftaucht, die Unfreundlichkeit, die zuweilen an Haß grenzt, – dies alles quälte mich dermaßen, daß ich selbst nach Arbeit lechzte, um nur so schnell wie möglich das ganze Maß meines Unglücks kennenzulernen, um das gleiche Leben, wie es die andern führten, zu beginnen und so schnell wie möglich ins gleiche Gleis mit den andern zu kommen. Natürlich merkte und ahnte ich damals vieles nicht, was ich direkt vor der Nase hatte: unter dem Feindlichen übersah ich das Erfreuliche. Übrigens ermutigten mich zunächst außerordentlich die einigen freundlichen, angenehmen Gesichter, die ich schon in diesen drei Tagen sah. Am freundlichsten behandelte mich Akim Akimytsch. Unter den mürrischen und gehässigen Gesichtern der übrigen Zuchthäusler konnten mir einige gutmütige und heitere nicht entgehen. »Es gibt doch überall schlechte Menschen und unter den Schlechten Gute,« tröstete ich mich eilig in Gedanken. »Wer weiß? Vielleicht sind diese Menschen gar nicht so sehr schlechter als die übrigen, die dort, außerhalb des Zuchthauses geblieben sind.« Das dachte ich mir und schüttelte selbst den Kopf über meinen Gedanken; mein Gott, wenn ich damals bloß gewußt hätte, wie richtig dieser Gedanke war!

Da war z.B. ein Mann dabei, den ich erst nach vielen, vielen Jahren vollständig kennenlernte; indessen hatte ich ihn während meiner ganzen Zuchthauszeit dicht in meiner Nähe. Es war der Arrestant Ssuschilow. Als ich eben von den Zuchthäuslern sprach, die nicht schlechter als die andern seien, mußte ich unwillkürlich an ihn denken. Er bediente mich. Ich hatte auch noch einen andern Diener. Akim Akymitsch hatte mir gleich in den ersten Tagen einen der Arrestanten namens Ossip empfohlen, von dem er mir sagte, daß er mir für dreißig Kopeken im Monat täglich eigene Speisen zubereiten würde, wenn mir die Kommißkost widerlich sei und ich die Mittel hätte, mich selbst zu beköstigen. Ossip war einer von den vier Köchen, die die Arrestanten selbst für unsere beiden Küchen wählten, wobei es ihnen freistand, die Wahl anzunehmen oder auch nicht; und wenn sie sie angenommen hatten, durften sie das Amt schon am nächsten Tage niederlegen. Die Köche gingen nicht zur Arbeit, und ihre ganze Tätigkeit bestand im Backen von Brot und im Kochen der Kohlsuppe. Man nannte sie nicht Köche, sondern Köchinnen (also weiblich), übrigens nicht aus Verachtung, um so weniger, als für dieses Amt vernünftige und möglichst ehrliche Leute gewählt wurden, sondern nur aus Scherz, was unsere Köche durchaus nicht übelnahmen. Ossip wurde fast immer wieder gewählt und versah mehrere Jahre hintereinander das Amt einer Köchin, das er nur zeitweise niederlegte, wenn ihm die Sache zu langweilig wurde und ihn zugleich das Verlangen überkam, sich dem Branntweinschmuggel zu widmen. Er war ein Mann von seltener Ehrlichkeit und großer Sanftmut, obwohl er wegen Schmuggels ins Zuchthaus geraten war. Er war eben jener großgewachsene, kräftige Schmuggler, den ich schon einmal erwähnt habe; ein ungewöhnlicher Feigling, besonders in bezug auf die Rutenstrafe, ein stiller, gutmütiger Mensch, der gegen alle freundlich war und sich nie mit jemand zankte, dem es aber, trotz seiner ganzen Feigheit, einfach unmöglich war, keinen Schnaps ins Zuchthaus einzuschmuggeln: so groß war seine Leidenschaft für diese Tätigkeit. Er trieb mit den andern Köchen Branntweinhandel, aber natürlich nicht in dem Maße wie z.B. Gasin, weil er nicht den Mut hatte, viel zu riskieren. Mit diesem Ossip kam ich immer sehr gut aus. Was aber die für die eigene Beköstigung notwendigen Mittel betrifft, so brauchte man dazu auffallend wenig. Ich irre mich nicht, wenn ich sage, daß mich meine ganze Beköstigung im Monat nur einen Silberrubel kostete, natürlich außer dem Kommißbrot und manchmal der Kommißsuppe, die ich, wenn ich schon gar zu großen Hunger hatte, aß, trotz meines Widerwillens, welcher übrigens mit der Zeit gänzlich verschwand. Gewöhnlich ließ ich mir täglich ein Stück Rindfleisch kaufen. Das Rindfleisch kostete bei uns im Winter eine halbe Kopeke. Das Fleisch kaufte auf dem Markt einer von den Invaliden, von denen in jeder Kaserne einer zur Beaufsichtigung der Ordnung lebte und die freiwillig das Amt übernommen hatten, täglich auf den Markt zu gehen, um für die Arrestanten Einkäufe zu machen, wofür sie gar keine Vergütung, höchstens gelegentlich ein kleines Trinkgeld bekamen. Sie machten es nur der eigenen Ruhe wegen, denn sonst hätten sie sich mit den Zuchthäuslern gar nicht vertragen können. So brachten sie uns Tabak, Backsteintee, Fleisch, Brezeln usw., kurz alles, mit Ausnahme von Branntwein. Um die Besorgung von Branntwein bat man sie nie, traktierte sie aber zuweilen mit solchem. Ossip kochte für mich einige Jahre hintereinander, und zwar immer das gleiche Stück gebratenes Rindfleisch. Wie es gebraten war, ist eine andere Frage, aber das kümmerte mich wenig. Es ist auffallend, daß ich mit diesem Ossip mehrere Jahre hintereinander kein einziges Wort wechselte. Ich versuchte oft mit ihm ein Gespräch zu beginnen, er hatte aber keine Fähigkeit, eine Unterhaltung zu führen: er lächelte nur, sagte »ja« oder »nein«, und das war alles. Es war wirklich seltsam, diesen Herkules mit dem Verstand eines siebenjährigen Kindes anzusehen.

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