Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Löffel gab es nur einen einzigen, dafür aber Zucker in Mengen, doch ließ keiner dem anderen Zeit, ihn umzurühren, und deshalb wurde beschlossen, daß Marja Genrichowna der Reihe nach jedem den Zucker umrühren solle. Als Rostow sein Glas Tee erhielt, goß er Rum hinein und bat Marja Genrichowna, es umzurühren.
»Aber Sie haben ja noch gar keinen Zucker drin?« sagte sie, ununterbrochen lächelnd, als ob alles, was sie und andere sagten, sehr spaßig sei und noch eine andere Bedeutung habe.
»Aus dem Zucker mache ich mir gar nichts, mir liegt nur daran, daß Sie es mir mit Ihren Händchen umrühren«, erwiderte Rostow.
Marja Genrichowna nahm bereitwillig das Glas und suchte nach dem Löffel, den irgendeiner schon wieder stibitzt hatte.
»Nehmen Sie doch Ihr Fingerchen, Marja Genrichowna!« rief Rostow. »Das wäre mir noch lieber.«
»Das ist doch so heiß«, sagte sie, wurde aber vor Vergnügen ganz rot dabei.
Iljin nahm einen Eimer mit Wasser, goß etwas Rum hinein, ging zu Marja Genrichowna und bat sie, auch ihm dies mit ihrem Fingerchen umzurühren.
»Das ist meine Tasse«, sagte er. »Stecken Sie nur Ihr Fingerchen hinein, dann trinke ich alles, alles aus.«
Als sie den Samowar ausgetrunken hatten, holte Rostow die Karten und schlug vor, mit Marja Genrichowna »König« zu spielen. Durch das Los wurde bestimmt, wer zu ihrer Partei gehören sollte. Dann erklärte Rostow die Spielregeln und schlug vor, daß der, der »König« werde, das Recht haben solle, Marja Genrichowna die Hand zu küssen, der aber, der »Profos« werde, müsse, wenn der Doktor aufwache, für diesen einen neuen Samowar zurechtmachen.
»Wenn aber nun Marja Genrichowna selber ›König‹ wird?« fragte Iljin.
»Sie ist ohnehin schon unsere Königin! Und ihre Befehle sind uns Gesetz.«
Doch kaum hatte ihr Spiel begonnen, als sich hinter Marja Genrichownas Rücken plötzlich der zerzauste Kopf des Doktors erhob. Er hatte schon lange nicht mehr geschlafen, die ganze Unterhaltung mit angehört und fand offenbar all das, was gesagt und getan wurde, durchaus nicht so komisch und ergötzlich. Sein Gesicht war trübe und finster. Er begrüßte die Offiziere nicht, strich sich die Haare glatt und bat darum, ihn hinauszulassen, da ihm der Weg ringsum versperrt war. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, so brachen alle Offiziere in ein lautes Gelächter aus, Marja Genrichowna aber wurde so rot, daß ihr die Tränen kamen, was sie in den Augen aller Offiziere nur noch anziehender machte. Als der Doktor wieder von draußen hereinkam, sagte er zu seiner Frau, die schon nicht mehr so selig lächelte, sondern ihn in Erwartung seines Machtspruches ängstlich anblickte, der Regen habe aufgehört und man müsse sich nun zum Schlafen in den Reisewagen begeben, da sonst alles weggestohlen werde.
»Ich werde einen Posten davor stellen lassen … zwei!« sagte Rostow. »Da können Sie ganz ruhig sein.«
»Ich selber werde Wache stehen!« rief Iljin.
»Nein, meine Herren, sie haben alle ausgeschlafen, ich aber habe zwei Nächte lang kein Auge zugetan«, erwiderte der Doktor und setzte sich finster neben seine Frau, um das Ende des Spieles abzuwarten.
Als die Offiziere das griesgrämige Gesicht des Doktors, der immer nach seiner Frau schielte, sahen, wurden sie noch ausgelassener, und viele konnten sich ein Lachen nicht mehr verbeißen, das sie dann schleunigst mit einem beliebigen Vorwand zu begründen suchten.
Als der Doktor mit seiner Frau hinausgegangen war und mit ihr in seinem Reisewagen Platz genommen hatte, legten sich die Offiziere in der Schenke hin und deckten sich mit ihren nassen Mänteln zu. Aber sie konnten lange nicht einschlafen: bald schwatzten sie miteinander und erinnerten sich an den Ärger des Doktors und an die lustige kleine Frau, bald liefen sie vor die Tür, um zu erkunden, was in dem Reisewagen vor sich ging. Ein paarmal schlug sich Rostow den Mantel um den Kopf und wollte einschlafen, aber immer weckte ihn irgendeine Bemerkung wieder, die Unterhaltung setzte abermals ein, und wieder brachen alle wie die Kinder ohne jeden Grund in lustiges Gelächter aus.
14
Es war drei Uhr und noch hatte niemand geschlafen, als ein Wachtmeister mit dem Befehl zum Abmarsch nach dem Flecken Ostrowno erschien.
Immer noch unter denselben Gesprächen und unter demselben Gelächter machten sich die Offiziere in aller Eile fertig; wieder wurde der Samowar mit dem schmutzigen Wasser aufgestellt. Doch Rostow wartete den Tee nicht ab, sondern begab sich sogleich zu seiner Eskadron. Es fing bereits an zu dämmern, der Regen hatte aufgehört, die Wolken teilten sich. Es war feucht und kalt, besonders in den noch nicht ganz trocken gewordenen Kleidern. Als Rostow und Iljin aus der Schenke traten, warfen beide im Dunkel der Morgendämmerung einen Blick auf das vom Regen glänzende Lederverdeck des Reisewagens, unter dessen Schurz die Füße des Doktors hervorragten, während man aus dem Innern auf einem Kissen das Häubchen der kleinen Doktorsfrau schimmern sah und die Atemzüge der Schlafenden hörte.
»Sie ist wirklich ganz reizend«, sagte Rostow zu Iljin, der mit ihm aus der Tür trat.
»Ein Prachtweib«, erwiderte Iljin mit dem ganzen Ernst eines Sechzehnjährigen.
Eine halbe Stunde später stand die Schwadron marschbereit auf der Landstraße. Das Kommando: »Aufsitzen!« ertönte. Die Soldaten bekreuzigten sich und stiegen zu Pferde. Rostow gab das Kommando: »Marsch!« und ritt voraus, ihm folgten in langem Zug zu vieren die Husaren mit klirrenden Säbeln und unter leisen Gesprächen, wobei die Hufe ihrer Pferde geräuschvoll durch den Schmutz der großen, rechts und links von Birken umsäumten Landstraße patschten. So zogen sie hinter der vor ihnen marschierenden Infanterie her.
Die blauvioletten Wolkenfetzen, die sich nach Osten zu schon zu röten begannen, wurden vom Wind bald auseinandergefegt. Es wurde heller und heller. Deutlich erkannte man schon jenes krausblättrige, vom gestrigen Regen noch ganz feuchte Gewächs, das immer an ländlichen Straßen wuchert. Die herabhängenden, ebenfalls noch ganz nassen Zweige der Birken schaukelten leise im Wind und ließen glänzende Tropfen schräg niederfallen. Immer deutlicher waren die Gesichter der Soldaten zu erkennen.
Rostow ritt neben Iljin, der nicht von ihm wich, an der Seite der Landstraße zwischen zwei Reihen von Birken. Er hatte sich während des Feldzuges die Freiheit herausgenommen, statt eines Dienstgauls ein Kosakenpferd zu reiten. Als Pferdekenner und Pferdefreund hatte er sich vor kurzem ein gutes, stämmiges, isabellfarbenes Donpferd verschafft, das so flink war, daß keiner ihn überholen konnte. Dieses Pferd zu reiten war für Rostow ein Genuß. So war er mit seinen Gedanken bei seinem Pferd, bei dem sich aufklärenden Morgen, bei der kleinen Doktorsfrau und dachte nicht ein einziges Mal an die bevorstehende Gefahr.
Früher hatte sich Rostow gefürchtet, wenn es ins Treffen ging, jetzt aber empfand er nicht die geringste Angst mehr. Nicht etwa, weil er sich an das Feuer gewöhnt hätte – an eine Gefahr kann man sich nie gewöhnen –, sondern nur deshalb, weil er gelernt hatte, seinen Gedanken vor der Gefahr die rechte Richtung zu geben. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, wenn er ins Treffen ging, an alles mögliche zu denken, nur nicht an das, was augenblicklich am packendsten schien: an die bevorstehende Gefahr. Soviel er sich während der ersten Zeit seines Dienstes auch Mühe gegeben und sich immer wieder der Feigheit beschuldigt hatte, es war ihm früher doch nie geglückt, jetzt aber mit den Jahren kam das ganz von selber.
So ritt er jetzt mit einer so ruhigen, sorglosen Miene, als befände er sich auf einem Spazierritt, neben Iljin zwischen den Birken hin, zupfte ab und zu ein paar Blätter von den Zweigen, die ihm gerade unter die Hände kamen, berührte mit dem Fuß die Weichen seines Pferdes oder reichte dem hinter ihm reitenden Burschen, ohne sich umzuwenden, seine ausgerauchte Pfeife hin. Es tat ihm leid, wenn er in Iljins erregtes Gesicht sah, der viel und unruhig redete; er kannte diesen qualvollen Zustand der Furcht und Todeserwartung, in dem sich der Kornett befand, aus Erfahrung und wußte, daß ihm nichts darüber hinweghelfen könne als die Zeit.