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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Doch im selben Augenblick, als er dies tat, war Rostows lebhafte Kampflust plötzlich geschwunden. Der französische Offizier stürzte vom Pferd, weniger durch den Säbelhieb, der ihm nur leicht den Arm oberhalb des Ellbogens geritzt hatte, als infolge des Zusammenpralls der Pferde und wohl auch aus Furcht. Rostow hielt sein Pferd an und suchte seinen Feind mit den Augen, um zu sehen, wen er besiegt habe. Der französische Dragoneroffizier war mit dem einen Bein auf die Erde gesprungen, mit dem anderen hing er im Steigbügel fest. Er kniff ängstlich die Augen zusammen, als erwarte er jeden Augenblick einen neuen Hieb, faltete die Stirn und blickte von unten her mit einem Ausdruck des Entsetzens zu Rostow auf. Sein blasses schmutzbespritztes, blondes, junges Gesicht mit dem Grübchen am Kinn und den hellen, blauen Augen paßte ganz und gar nicht auf ein Schlachtfeld, es war nicht das Gesicht eines Feindes, sondern das eines harmlosen Stubenmenschen.

Noch ehe sich Rostow entschlossen hatte, was er mit dem Offizier anfangen sollte, rief dieser ihm zu: »Je me rends!« Hastig wollte er den Fuß aus dem Steigbügel befreien, brachte es aber nicht fertig und blickte Rostow mit seinen erschrockenen blauen Augen unverwandt an. Herbeisprengende Husaren machten ihm den Fuß frei und halfen ihm wieder in den Sattel.

Überall machten sich die Husaren mit gefangenen Dragonern zu schaffen: einer von diesen war verwundet, wollte aber trotz seines blutüberströmten Gesichtes nicht von seinem Pferd lassen; ein anderer hielt einen Husaren umschlungen und saß vor diesem vorn im Sattel; ein dritter bestieg mühsam, von einem Husaren unterstützt, wieder sein Pferd.

Da kam von vornher französische Infanterie im Sturmschritt näher und schoß. Eilig sprengten die Husaren mit ihren Gefangenen zurück. Auch Rostow jagte mit den anderen dahin. Ein unangenehmes Gefühl lag ihm beklemmend auf dem Herzen. Etwas Unklares, Verworrenes, das er sich nicht zu erklären vermochte, war in dem Augenblick in ihm aufgestiegen, als er den Offizier gefangengenommen und ihm den Hieb versetzt hatte.

Graf Ostermann-Tolstoi kam den zurückkehrenden Husaren entgegen, ließ Rostow rufen, dankte ihm und sagte, er werde dem Kaiser seine Heldentat melden und ihn für das Georgskreuz vorschlagen. Als Rostow zum Grafen Ostermann gerufen wurde, fiel ihm plötzlich ein, daß er diesen Angriff ja ohne Befehl unternommen hatte, und er war fest überzeugt, daß der Vorgesetzte ihn nur deshalb zu sich beordere, um wegen dieses eigenmächtigen Vorgehens eine Strafe über ihn zu verhängen. Aus diesem Grund hätten die schmeichelhaften Worte Ostermanns und das Versprechen einer Auszeichnung Rostow um so freudiger überraschen müssen, und doch war ihm infolge jenes unklaren, unangenehmen Gefühls innerlich dies alles zuwider.

Ja, aber was quält mich nur eigentlich? fragte er sich selbst, während er vom General wegritt. Iljin? Nein, der ist heil und unversehrt. Oder habe ich mich irgendwie mit Schande bedeckt? Nein, nein, auch das ist es nicht. Ihn quälte etwas anderes, etwas wie Reue. Ja, ja, dieser französische Offizier mit dem Grübchen. Und wie genau ich noch weiß, daß meine Hand nicht weiter wollte, als ich sie gegen ihn erhob.

Da erblickte Rostow die Gefangenen, die eben abtransportiert werden sollten, und sprengte ihnen nach, um sich seinen Franzosen mit dem Grübchen im Kinn noch einmal anzusehen. Dieser saß in seiner seltsamen Uniform jetzt auf einem Husarendienstpferd und sah sich unruhig um. Seine Wunde am Arm war kaum eine Wunde zu nennen. Mit verstellter Freundlichkeit lächelte er Rostow an und winkte ihm zur Begrüßung mit der Hand zu. Trotzdem empfand Rostow ein peinliches Gefühl, als müsse er sich über irgend etwas schämen.

An diesem und dem folgenden Tag fiel es Rostows Freunden und Kameraden auf, daß dieser, wenn auch nicht verstimmt und ärgerlich, so doch schweigsam, nachdenklich und in sich gekehrt war. Er machte sich nichts mehr aus dem Trinken, suchte die Einsamkeit und grübelte immer über etwas nach.

Rostow dachte an seine glänzende Heldentat, die ihm zu seiner Verwunderung das Georgskreuz und überdies noch den Ruf eines hervorragend tapferen Offiziers eingetragen hatte, und konnte nichts von alledem begreifen. So fürchten sich also die da drüben noch mehr als wir? dachte er. Und das, was man Heldentum nennt, wäre also nichts weiter als dies? Habe ich denn das dem Vaterland zuliebe getan? Und was kann denn der mit seinen blauen Augen und dem Grübchen dafür? Wie entsetzt er war! Er dachte, ich würde ihn niederstechen. Wozu hätte ich ihn töten sollen? Mir zitterte die Hand. Und dafür erhalte ich nun das Georgskreuz. Nichts, nichts verstehe ich von alledem!

Während Nikolaj diese Fragen immer wieder in seinem Kopf hin und her wälzte und sich trotz alledem keine klare Rechenschaft davon ablegen konnte, was es eigentlich war, das ihn innerlich so aufwühlte, drehte sich im Dienste das Glücksrad zu seinen Gunsten, wie das ja oft der Fall zu sein pflegt. Er wurde nach dem Treffen bei Ostrowno zum Chef eines Husarenbataillons ernannt, und wenn man einen besonders tapferen Offizier brauchte, so wurde Rostow mit der Order betraut.

16

Obwohl die Gräfin immer noch nicht ganz gesund war und sich sehr schwach fühlte, kam sie doch auf die Nachricht von Nataschas Krankheit sofort mit Petja und dem ganzen Hausstand nach Moskau gefahren, und die ganze Familie siedelte nun von Marja Dmitrijewna in ihr eignes Haus über und ließ sich gänzlich in Moskau nieder.

Nataschas Krankheit war so ernst, daß ihr und ihren Eltern zum Glück der Gedanke an all das, was ihre Krankheit veranlaßt hatte: ihr Benehmen und ihre Absage an ihren Bräutigam, völlig in den Hintergrund trat. Sie war so krank, daß man, während sie weder aß noch schlief, zusehends abmagerte, hustete und, wie die Ärzte zu verstehen gaben, in Lebensgefahr schwebte, unmöglich daran denken konnte, inwieweit sie an allem, was geschehen war, die Schuld trug. Man mußte jetzt nur darauf bedacht sein, wie man ihr helfen könne.

Die Ärzte besuchten Natascha bald einzeln, bald gruppenweise, um miteinander zu beraten, sprachen viel auf französisch, deutsch und lateinisch, tadelten einander und verschrieben die verschiedenartigsten Heilmittel für alle ihnen nur bekannten Krankheiten, aber nicht einem von ihnen kam der so einfache Gedanke in den Kopf, daß ihnen jene Krankheit, an der Natascha litt, gar nicht bekannt sein konnte; wie überhaupt keine Krankheit, an der ein lebender Mensch leidet, bekannt sein kann: denn jeder lebende Mensch besitzt seine Besonderheiten und hat infolgedessen nicht einfach eine Krankheit der Lunge, der Leber, der Haut, des Herzens oder der Nerven und so weiter, wie sie in den medizinischen Kompendien beschrieben sind, sondern immer eine besondere, nur ihm eigne, neue, komplizierte, der Heilwissenschaft unbekannte Krankheit, die in einer der zahllosen Kombinationen von Krankheiten all dieser Organe besteht. Wie es einem Zauberer nicht in den Sinn kommen kann, daß er gar nicht imstande ist, zu zaubern, so konnten die Ärzte nicht auf diesen einfachen Gedanken kommen, weil ja ihre Lebensaufgabe darin bestand, andere zu heilen, weil sie dafür Geld einsteckten, und weil sie für diese Beschäftigung die besten Jahre ihres Lebens verausgabt hatten. Vor allem aber konnte dieser Gedanke den Doktoren deshalb nicht kommen, weil sie sahen, daß sie zweifellos nützlich waren; denn tatsächlich waren sie für alle Mitglieder des Hauses Rostow von großem Nutzen. Und zwar waren sie nicht deshalb nützlich, weil sie die Kranke zwangen, allerlei, größtenteils schädliches Zeug zu schlucken – diese Gifte machten sich weniger bemerkbar, weil die schädlichen Stoffe immer nur in kleinen Quantitäten verabreicht wurden –, aber sie waren nützlich, unumgänglich und unentbehrlich, weil sie ein seelisches Bedürfnis der Kranken und all derer, die sie liebhatten, stillten, ein Grund, warum es auch zu allen Zeiten vermeintliche Heilkundige, Wunderdoktoren, Homöopathen und Allopathen gegeben hat und immer geben wird. Sie leisteten jenem ewig menschlichen Bedürfnis nach Hoffnung auf Erleichterung Genüge, jenem Bedürfnis nach Mitgefühl und besorgter Geschäftigkeit anderer, das jeder Mensch, wenn er leidet, empfindet. Sie wurden jenem ewig menschlichen Bedürfnis gerecht, das sich bei jedem Kind in seiner einfachsten Urform beobachten läßt: die Stelle streicheln zu lassen, wo man sich weh getan hat. Wenn sich ein Kind gestoßen hat, läuft es sogleich in die Arme der Mutter oder Wärterin zurück, damit diese das Wehweh küssen oder streicheln soll, und erst dann wird ihm leichter ums Herz, wenn die schmerzende Stelle wirklich geküßt und gestreichelt worden ist. Das Kind hält es nicht für möglich, daß die großen Leute, die um so vieles stärker und weiser sind als es selber, nicht die Mittel haben sollten, seinem Schmerz abzuhelfen. Und die Hoffnung auf Erleichterung und der Ausdruck des Mitgefühls im Augenblick, da die Mutter mit der Hand über die Beule streicht, trösten das Kind. Und so waren die Ärzte für Natascha deshalb von Nutzen, weil sie ihre wunde Seele streichelten und küßten und ihr versicherten, daß alles sogleich vorübergehen werde, wenn der Kutscher in die Arbat-Apotheke fahre und für einen Rubel und siebzig Kopeken kleine Pulver und Pillen in einem netten Schächtelchen hole, und wenn dann diese Pülverchen von der Kranken pünktlich alle zwei Stunden in vorgeschriebener Menge, keinesfalls mehr oder weniger, in abgekochtem Wasser eingenommen würden.

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