Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Und was hätten Sonja, der Graf und die Gräfin anfangen sollen, wie hätten sie, ohne etwas zu unternehmen, zuschauen mögen, wenn nicht alle Stunden diese Pillen, das warme Getränk, die Hühnerkoteletts und alle die Einzelheiten der Lebensweise gewesen wären, die die Ärzte verschrieben hatten und deren Beobachtung für die Angehörigen Trost und Ablenkung war? Wie hätte der Graf die Krankheit seiner Lieblingstochter ertragen sollen, wenn er nicht gewußt hätte, daß ihn diese Krankheit Tausende von Rubeln kostete, ihn aber dennoch auch weitere Tausende nicht reuen würden, wenn nur ihr damit geholfen wäre; wenn er nicht gewußt hätte, daß, falls es ihr nicht bald besser gehe, er vor noch größeren Ausgaben nicht zurückschrecken und mit ihr ins Ausland fahren würde, um dort die berühmtesten Ärzte zu konsultieren? Wie hätte der Graf diese Krankheit ertragen können, wenn er nicht die Möglichkeit gehabt hätte, bis in alle Einzelheiten zu erzählen, wie Métivier und Feller den Fall nicht erkannt hätten, während Fries eine richtige Diagnose gestellt und Mudrow die Krankheit noch bestimmter festzustellen vermocht hätte? Was hätte die Gräfin anfangen sollen, wenn sie nicht manchmal die kranke Natascha hätte auszanken können, weil diese den Vorschriften des Arztes nicht gewissenhaft genug nachkam?
»Auf diese Weise wirst du nie gesund werden«, sagte sie und vergaß über dem Ärger ihren Kummer, »wenn du nicht auf den Arzt hörst und rechtzeitig die Medizin einnimmst. Mit so etwas ist nicht zu spaßen, wie leicht kann da eine Pneumonie draus werden«, sagte die Gräfin und empfand schon allein bei dem Aussprechen dieses nicht nur für sie unverständlichen Wortes großen Trost.
Was hätte Sonja anfangen sollen, wenn sie nicht das freudige Bewußtsein gehabt hätte, daß sie in der ersten Zeit drei Nächte hintereinander sich nicht hatte auskleiden können, um immer zur pünktlichen Erfüllung aller ärztlichen Verordnungen bereit zu sein, und daß sie auch jetzt noch die Nächte nicht schlief, nur um die Stunden nicht zu verpassen, da sie der Kranken die wenig schädlichen Pillen aus dem goldenen Schächtelchen eingeben mußte?
Und auch Natascha selber machte es Freude, zu sehen, wie alle ihretwegen so große Opfer brachten, und daß sie zu bestimmten Stunden ihre Medizin einnehmen mußte, obgleich sie immer wieder sagte, daß ihr keine Arznei der Welt helfen könne, und daß dies alles nur dummes Zeug sei. Ja, sie freute sich sogar darüber, durch Nichtbeachtung der Verordnungen zeigen zu können, daß sie an keine Genesung glaube und sich nichts mehr aus dem Leben mache.
Der Arzt kam alle Tage, fühlte den Puls, sah die Zunge an und sagte etwas Scherzhaftes zu ihr, ohne Nataschas niedergeschlagenes Gesicht zu beachten. Dafür aber setzte er dann, wenn er ins Nebenzimmer ging, wohin ihm die Gräfin eiligst folgte, eine ernsthafte Miene auf, wiegte nachdenklich den Kopf und sagte, obgleich ja noch immer eine Gefahr bestehe, hoffe er doch auf die Wirkung dieser letztverschriebenen Arznei, man müsse eben abwarten und zusehen, es handle sich hier mehr um eine Krankheit des Gemütes, jedoch …
Und verstohlen drückte die Gräfin dem Arzt ein Goldstück in die Hand, bemüht, dies vor sich selbst und vor dem Doktor zu verbergen, und kehrte jedesmal mit beruhigtem Herzen zu der Kranken zurück.
Die Symptome von Nataschas Krankheit bestanden darin, daß sie wenig aß, wenig schlief, hustete und niemals ihr früheres munteres Wesen zeigte. Die Doktoren behaupteten, man dürfe die Krankheit nicht ohne ärztlichen Beistand lassen, und hielten sie deshalb in der dumpfen Luft der Großstadt zurück. So reisten die Rostows im Sommer 1812 nicht aufs Land.
Trotz der Unmasse verschluckter Pillen, Tropfen und Pülverchen aus all den Büchschen und Schächtelchen, von denen sich Madame Schoß, die eine Liebhaberin solcher Sächelchen war, eine ganze Sammlung angelegt hatte, trotz des Verzichtes auf das gewohnte Landleben machte doch bei Natascha allmählich die Jugend ihre Rechte geltend: die Eindrücke des Alltagslebens fingen an, sich schichtweise über ihren Kummer auszubreiten, er lastete ihr nicht mehr so quälend schmerzhaft auf der Seele, sondern fing nun an, der Vergangenheit anzugehören, und so ging Natascha auch körperlich der Genesung entgegen.
17
Natascha war ruhiger geworden, aber nicht heiterer. Sie floh nicht nur alle äußeren Quellen der Freude, wie Bälle, Spazierfahrten, Konzerte, Theater, sondern brachte es auch nicht ein einziges Mal fertig, so zu lachen, daß man durch ihr Lachen nicht die Tränen hindurchgehört hätte. Singen konnte sie gar nicht mehr. Sobald sie nur zu lachen anfing oder für sich allein zu singen versuchte, erstickten Tränen ihre Stimme, Tränen der Reue, der Erinnerung an jene unwiederbringlich verlorene fleckenlose Zeit, Tränen des Unwillens, daß sie so zwecklos ihr junges Leben, das so glücklich hätte sein können, vernichtet hatte. Lachen und Singen erschien ihr besonders als eine Lästerung ihres Kummers. An Kokettieren dachte sie gar nicht, und es kam ihr deshalb auch gar nicht in den Sinn, daß sie sich dessen enthalten mußte. Sie fühlte und sprach es auch aus, daß in dieser Zeit alle Männer dasselbe für sie waren wie der Narr Nastasja Iwanowna. Vor ihrem Herzen stand eine Wache und verbot ihr jede Freude. Ja, sie hatte auch nicht mehr all die früheren Interessen aus jener sorglosen, hoffnungsreichen Mädchenzeit. Oft und in schmerzlicher Erinnerung dachte sie an die Herbstmonate, an die Jagd, den Onkel und das Weihnachtsfest, das sie mit Nicolas zusammen in Otradnoje verlebt hatte. Was hätte sie darum gegeben, auch nur einen Tag dieser Zeit zurückrufen zu können! Aber das war ja nun auf immer vorbei. Damals hatte sie die Ahnung nicht getäuscht, daß jener Zustand der Freiheit und Empfänglichkeit für alle Freuden für sie nie zurückkehren werde. Und doch mußte man das Leben zu Ende leben.
Es war ihr ein Labsal, zu denken, daß sie nicht besser, wie sie früher geglaubt, sondern schlechter, bei weitem schlechter als alle, alle Menschen auf der ganzen Welt war. Aber das war noch nicht genug. Sie war sich dessen bewußt und fragte sich nun: Was weiter? Aber ein »Weiter« gab es nicht. Das Leben machte ihr keine Freude mehr, aber es nahm seinen Lauf. Nataschas einziges, sichtliches Bestreben war, keinem zur Last zu fallen und im Weg zu sein, für sich selber wünschte und benötigte sie nichts. Sie hielt sich von allen Hausgenossen fern, und nur in der Gesellschaft ihres Bruders Petja wurde ihr leichter ums Herz. Mit ihm war sie lieber zusammen als mit den andern, und ab und zu, wenn sie mit ihm allein war, lachte sie sogar wieder.
Sie ging fast nicht aus dem Hause, und von allen Gästen, die zu ihnen kamen, freute sie sich nur über einen – und das war Pierre. Es war unmöglich, jemandem zarter, behutsamer und zugleich ernster entgegenzukommen, als sich Graf Besuchow Natascha gegenüber zeigte. Natascha fühlte unbewußt diese Zartheit in seinem Benehmen, und deshalb bereitete ihr seine Gesellschaft großes Vergnügen. Aber sie war ihm nicht einmal dankbar für diese zarte Schonung. Nichts Gutes, was Pierre tat, schien ihm irgendwelche Anstrengung zu kosten. Er war von Natur aus so gut gegen alle, daß seine Güte gar kein Verdienst weiter war.