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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Ich komme soeben vom Stab, Graf. Haben Sie schon von Rajewskijs Heldentat gehört?«

Und der Offizier erzählte alle Einzelheiten aus der Schlacht bei Saltanowka, die er beim Stab erfahren hatte.

Rostow saß mit eingezogenem Hals da, an dem der Regen herunterlief, und rauchte seine Pfeife. Er hörte nur unaufmerksam zu und warf hin und wieder einen Blick auf den jungen Iljin, der dicht neben ihn gerückt war. Dieser Offizier, noch ein junger Bursche von sechzehn Jahren, war erst kürzlich ins Regiment eingetreten und stand jetzt zu Rostow in demselben Verhältnis, wie dieser selber vor sieben Jahren zu Denissow gestanden hatte. Iljin gab sich Mühe, Rostow alles nachzumachen, und war wie ein Frauenzimmer in ihn verliebt.

Der Offizier mit dem langen Schnurrbart, Zdrzinski, erzählte aufgeblasen und schwülstig, wie der Damm von Saltanowka für die Russen zu einem Engpaß von Thermopylä geworden sei, und wie General Rajewskij auf diesem Damm eine den Heldentaten des Altertums ebenbürtige Leistung vollbracht habe. Zdrzinski erzählte, wie Rajewskij seine beiden Söhne im stärksten Feuer der Feinde auf den Damm geführt und an ihrer Seite zum Angriff vorgegangen sei. Rostow hörte seinen Bericht an, sagte aber kein Wort, um der Begeisterung Zdrzinskis beizustimmen, sondern machte im Gegenteil ein Gesicht, als schäme er sich dessen, was man ihm da erzählte, und wolle nur nicht widersprechen. Rostow wußte von Austerlitz her und aus dem Feldzug von 1807 aus eigner Erfahrung, daß bei Erzählungen von Kriegserlebnissen immer gelogen wird, wie er es ja selber auch getan hatte, und besaß außerdem genug Erfahrung, um zu wissen, daß alles, was im Krieg vor sich geht, durchaus nicht so geschieht, wie man es sich vorstellen und dann wiedererzählen kann. Deshalb gefiel ihm die Erzählung Zdrzinskis nicht, wie ihm auch Zdrzinski selber mißfiel, der die Gewohnheit hatte, sich mit seinem langen, bis über die Backen reichenden Schnurrbart dicht über das Gesicht dessen zu beugen, dem er etwas erzählte, wodurch sich Rostow in dem sowieso schon engen Unterstand nur noch mehr beengt fühlte. Nikolaj sah ihn schweigend an. Erstens einmal, dachte er, ist auf dem Damm, wo sie angegriffen haben, todsicher ein solcher Wirrwarr und ein solches Gedränge gewesen, daß, wenn Rajewskij wirklich seine Söhne vorgeführt hat, diese Tat höchstens auf die zehn, zwölf Leute Eindruck gemacht haben kann, die gerade um ihn waren. Die übrigen haben gar nicht sehen können, wie und mit wem Rajewskij auf dem Damm vorgegangen ist. Und auch die, die es wirklich sehen konnten, werden sich schwerlich daran begeistert haben, denn was kümmerten sie Rajewskijs zärtliche Gefühle als Vater in einem Augenblick, wo es um die eigne Haut ging? Außerdem hing das Schicksal unseres Vaterlandes ganz und gar nicht davon ab, ob der Damm bei Saltanowka genommen wurde oder nicht, wie uns das von Thermopylä überliefert worden ist. Warum ist also dieses Opfer gebracht worden? Und dann, wozu überhaupt Kinder in den Krieg verwickeln? Ich würde meinen Bruder Petja niemals mitnehmen, ja ich würde sogar diesen Iljin, der mir zwar fremd, aber ein guter Junge ist, immer dorthin zu stellen suchen, wo er sicher ist, fuhr Rostow in seinen Gedanken fort, während er Zdrzinski zuhörte. Aber er sprach seine Ansichten nicht aus, auch darin hatte er bereits seine Erfahrungen. Er wußte, daß diese Erzählung ein Beitrag zum Ruhm unserer Wehrmacht war und er sich deshalb den Anschein geben mußte, als zweifle er nicht daran. Und das tat er denn auch.

»Es ist nicht zum Aushalten«, sagte Iljin, der bemerkt hatte, daß Zdrzinskis Erzählung Rostow mißfiel. »Mein Hemd, meine Strümpfe, alles ist naß, und unter mir schwimmt es. Ich werde einen besseren Unterschlupf suchen gehen. Ich glaube, der Regen hat nachgelassen.«

Iljin ging hinaus, und auch Zdrzinski ritt weiter.

Nach fünf Minuten kam Iljin, durch den Schlamm patschend, wieder in den Unterstand zurückgelaufen.

»Hurra! Rostow, komm schnell! Ich habe etwas gefunden! Zweihundert Schritte von hier ist eine Schenke, dort haben sich schon welche von den Unsrigen versammelt. Da können wir uns wenigstens trocknen. Marja Genrichowna ist auch dort.«

Marja Genrichowna war die Frau des Regimentsarztes, eine junge hübsche Deutsche, die der Doktor in Polen geheiratet hatte. Der Doktor führte sie beim Regiment überall mit sich herum, wohl weil er nicht genügend Mittel besaß oder weil er sich in der ersten Zeit seiner Ehe nicht von der jungen Frau trennen wollte, und seine Eifersucht bildete für die Späße der Husarenoffiziere eine beliebte Zielscheibe.

Rostow warf den Mantel über, rief seinem Burschen Lawrenti zu, trockene Sachen nachzubringen, und schritt mit Iljin, bald die Schmutzlachen umgehend, bald gerade durch sie hindurchpatschend, unter dem schwächer werdenden Regen in das Dunkel der Nacht hinein, das ab und zu durch einen fernen Blitz erhellt wurde.

»Rostow, wo bist du?«

»Hier. Sieh nur die Blitze!« klang es mehrmals hin und zurück.

13

In der Schenke, vor welcher der Wagen des Arztes stand, befanden sich schon etwa fünf Offiziere. Marja Genrichowna, eine volle blonde Deutsche, saß in Jacke und Nachthaube vorn auf der Ecke einer breiten Bank. Hinter ihr lag ihr Mann und schlief. Rostow und Iljin traten ins Zimmer, von lustigen Zurufen und Gelächter empfangen.

»Na, bei euch geht’s ja fidel her«, sagte Rostow lachend.

»Warum seid ihr denn solche Schlafmützen? … Die sehen ja schön aus! Das trieft ja nur so! … Überschwemmt uns unseren Salon nicht! … Macht Marja Genrichownas Kleid nicht naß! …« so schwirrte es durcheinander.

Rostow und Iljin suchten sich eilig ein Eckchen, wo sie, ohne Marja Genrichownas Schamgefühl zu verletzen, ihre nassen Kleider wechseln konnten. Sie wollten, um sich umzuziehen, hinter die Halbwand gehen, aber in dem kleinen Verschlag saßen bereits drei Offiziere, die ihn vollständig ausfüllten. Sie hatten auf eine leere Kiste ein Licht gestellt, spielten Karten und waren nicht zu bewegen, ihren Platz abzutreten. So überließ ihnen Marja Genrichowna für die Zeit des Umkleidens ihren Unterrock, damit sie ihn als Vorhang benutzen könnten, und hinter diesem Vorhang zogen nun Rostow und Iljin mit Hilfe Lawrentins, der einen Packen Kleidungsstücke mitgebracht hatte, die nassen Sachen vom Leibe und trockene an.

In dem halbzerfallenen Ofen wurde Feuer gemacht. Andere schleppten ein Brett herbei, legten es über zwei Sättel und bedeckten es mit einer Pferdedecke. Dann wurde ein Samowar aufgestellt, ein Proviantkorb mit einer halben Flasche Rum entdeckt, Marja Genrichowna gebeten, die Wirtin zu spielen, und alle drängten sich um sie. Der eine bot ihr ein frisches Taschentuch an, damit sie sich ihre reizenden Händchen daran abtrocknen könne, ein anderer breitete ihr seinen Dolman unter die Füßchen, damit sie nicht feucht werden sollten, ein dritter hängte seinen Mantel über das Fenster, damit es nicht ziehe, und wieder ein anderer verscheuchte die Fliegen vom Gesicht ihres Mannes, damit er nicht aufwache.

»Lassen Sie ihn nur«, sagte Marja Genrichowna mit scheuem, glücklichem Lächeln, »er wird nach der letzten schlaflosen Nacht auch so schon gut schlafen.«

»Nicht doch, Marja Genrichowna«, erwiderte der Offizier. »Mit dem Doktor muß man es halten. Dann hat er vielleicht auch ein bißchen Mitleid, wenn er einem mal den Arm oder das Bein absäbelt.«

Man hatte nur drei Gläser; das Wasser war so schmutzig, daß sich nicht erkennen ließ, ob der Tee stark oder schwach war. Der Samowar faßte nur das Wasser für sechs Gläser, aber um so angenehmer war es dann, der Reihe und dem Rang nach sein Glas aus Marja Genrichownas molligen Händchen mit den kurzen, nicht ganz sauberen Fingernägeln entgegenzunehmen. Alle Offiziere schienen in sie verliebt zu sein oder waren es an diesem Abend wirklich. Sogar jene drei, die im Verschlag ein Spielchen gemacht hatten, warfen die Karten beiseite, kamen zum Samowar herüber, stimmten in den allgemeinen Ton mit ein und umschwärmten sie. Obgleich sich die kleine Doktorsfrau nichts anmerken lassen wollte, strahlte sie doch über das Glück, sich von so vielen vornehmen und höflichen jungen Herren umringt zu sehen, sah sich dabei aber mit sichtlicher Bangigkeit jedesmal um, sobald sich der hinter ihr liegende Gatte im Schlaf rührte.

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