Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Angela Bender trat an den Ofen und riß die Klappe auf. Die Glut schlug ihr entgegen. Prasselnd warf das Holz Funken auf den Steinboden vor dem Herd. Ohne zu zögern warf sie den Brief ungeöffnet in die Flammen und schloß dann schnell die Klappe, als habe sie Angst, der Brief könne aus der Glut zurückspringen.
Dann ging sie ruhig an den Tisch und suchte aus einem Korb Strickwolle und Nadeln hervor. Es sollte ein Jäckchen für den kommenden kleinen Erdenbürger werden. Ein Jäckchen mit Kapuze und einer Troddel daran. Die Stricknadeln klapperten leise, metallisch.
Habe ich wieder etwas falsch gemacht? dachte Angela. Ob Peter in Kolumbien in Gefahr ist?
In dieser Nacht fiel der erste Schnee. Das Tal wurde weiß und sah märchenhaft aus. Die Holzhäuser bekamen hohe weiße Hauben, in den Öfen krachten die Buchenscheite noch lauter; der Einkauf im Dorf mußte mit Schlitten oder auf Skiern unternommen werden. Gleich waren auch die ersten Wintersportler da, die den Neuschnee in den Allgäuer Alpen als erste genießen wollten. Ihre Bretter zogen tiefe Furchen durch die jungfräuliche Schneedecke. Wie Staub wirbelte es hinter ihnen her, wenn sie sich die Hänge hinabschwangen.
Angela saß, in einen dicken Wollschal vermummt, in diesen Tagen viel auf dem Balkon und genoß die reine, sonnendurchflutete Luft. Ihre blasse Gesichtsfarbe verlor sich, ein wenig Braun zeigte sich auf ihrer Haut. Ab und zu kam aus Köln ein Brief von Paul Sacher, der sich eingehend nach ihrem Wohlbefinden erkundigte und versprach, seinen Urlaub nach Weihnachten in den bayerischen Bergen am Nebelhorn zu verleben. Er erwähnte in seinen Briefen nichts von Peter Perthes, der ihm allerdings schon dreimal geschrieben hatte, zuletzt aus Zapuare, vor seinem Aufbruch in den Urwald. Dr. Sacher hielt auch das Versprechen, das er Angela gegeben hatte: Peter nichts von dem Kind zu schreiben. Es fiel ihm schwer genug, die Fragen seines Freundes nach Angela mit allgemeinen Phrasen zu beantworten.
Langsam rückte das Weihnachtsfest näher. Die Zeit schlich in Angelas Augen dahin, als würde sie auf dem Rücken einer Schnecke getragen. Der Unfall auf der Fürst-Pückler-Straße, der kleine Horst von Barthey, die Erste Hilfe in ihrer Kölner Praxis, die Tage danach in der Klinik, die Einladung im Hause von Barthey. Peters erster Kuß an jenem Abend, an dem sie fühlte, daß Liebe etwas Unaufhaltsames ist. Das alles lag schon zu weit zurück, als daß es stiller Stunden bedurft hätte, um sich daran zu erinnern. Diese plötzliche Erkenntnis erschreckte sie doch sehr. Hatte ihr Peter Perthes so wenig bedeutet, daß sie schon jetzt, nach wenigen Monaten, das Leben hinter sich wie einen Film betrachten konnte, zu dem sie kaum noch eine innere Verbindung hatte? Das konnte doch nicht möglich sein. Oder hatte sich ihr Herz durch den Willen, vergessen zu wollen, so verhärtet, daß dieses Vergessen nun Wirklichkeit geworden war? Sie stand etwas entsetzt vor diesen Erkenntnissen, vor der starken Wirkung ihres Willens.
Am ersten Advent fuhr sie mit ihrer Bauernfamilie in die Kirche nach Schöllang. Der Bauer selbst lenkte den Schlitten — zwei Pferde mit lustigem Schellengeläute zogen den Schlitten in leichtem Trab durch das Illertal.
Der verharschte Schnee knirschte unter den breiten Stahlkufen. Trotz der strahlenden Sonne war es kalt. Sie zogen dicke Schafspelze an und nahmen flauschige Wolldecken mit.
Als sie vor der Kirche aus dem Schlitten stiegen, stutzte ein Herr in einem eleganten Gehpelz und trat neben das Kirchenportal, um besser sehen zu können. Dann schüttelte er den Kopf, folgte Angela Bender, dem Bauern, der Bäuerin und dem Großknecht in die Kirche und stellte sich hinten unter der Orgelbühne so lange in eine Ecke, bis die Messe zu Ende war. Dann eilte er als erster aus der Kirche und stellte sich neben den Pferdeschlitten.
Einen Augenblick lang erschrak Angela, als ein großer Herr den Hut zog und sie fragte:»Ich bitte sehr um Verzeihung — aber sehe ich recht? Frau Dr. Bender?«
Sie schaute zu ihm empor, sah ein von Kälte gerötetes Gesicht mit einem kleinen, eisgrauen Spitzbart, einer großen Goldbrille, unter langen weißen Haaren eine hohe Stirn. Ein freudiger Schreck durchfuhr Angela.
«Herr Professor Purr?«Sie streckte ihm beide Arme hin.»Sie — in Schöllang?«
«Ich muß zurückfragen: Sie?«Er schaute sie prüfend an.
Angela trat mit dem Professor zur Seite, während der Bauer mit seiner Familie zum nächsten Gasthaus fuhr, um dort zu warten und einen heißen Grog zu trinken.
«Wie lange haben wir uns nicht gesehen?«fragte Professor Purr.
«Warten Sie einmaclass="underline" Sie famulierten damals in Erlangen bei mir. Dann machten Sie Ihr Staatsexamen und Ihre Promotion mit einer Arbeit über die spinale Kinderlähmung. Wirklich eine ausgezeichnete Arbeit! Ich habe es damals sehr bedauert, daß Sie uns verließen und diese Assistenz in Köln annahmen.«
Dr. Bender zuckte mit den Schultern.»Was sollte ich tun, Herr Professor? Ich hatte mein Studium beendet, nun mußte ich Geld verdienen. Die Sorge aller jungen Ärzte! Bei Ihnen konnte ich nicht bleiben, die Universitätsklinik zahlte zu schlecht.«
«Sie waren eine meiner liebsten Schülerinnen«, unterbrach er sie wohlwollend. Er blickte an ihr herunter und bemerkte trotz des Pelzes ihren Zustand.»Ist Ihr Gatte ein Kollege?«fragte er.
«Nein. «Angela sah ihm frei in die Augen.»Ich bin nicht verheiratet.«
«Oh, Verzeihung!«Professor Purr biß sich auf die Lippen.»Hm — sind Sie zur Erholung hier?«Er wartete ihre Antwort gar nicht ab, sondern plauderte weiter:»Ich habe mir mal eine Woche Pause gegönnt. Auch ein Ordinarius für Medizin muß mal ausspannen. Ich fahre nächsten Freitag nach Erlangen zurück. Kann ich irgend etwas für Sie tun?«
Angela Bender schüttelte den Kopf.»Sehr nett von Ihnen, Herr Professor. Ich habe alles.«
«Wirklich alles?«Er sah sie groß an.
«Ja, Herr Professor.«
«Dann ist es gut. «Er wechselte das Thema.»Praktizieren Sie noch in Köln?«
«Jetzt nicht mehr. Ich werde ein Jahr aussetzen müssen.«
«Und dann?«
«Das weiß ich noch nicht. Wenn man mich wieder zuläßt. «Sie hob die Arme.»Irgendwo wird sich schon eine Praxis finden. Oder eine Kinderklinik.«
Professor Dr. Purr wischte mit der Rechten durch die Luft.»Nichts da! Jetzt habe ich Sie! Sie wissen also nicht, was wird. - Wenn Sie wieder anfangen wollen, kommen Sie zu mir. Ich werde Ihnen in Erlangen eine Praxis besorgen und dazu ein paar Betten in der Universitätsklinik. Und um manches zu vergessen — «er stockte,»ich darf doch als väterlicher Freund so zu Ihnen sprechen? — werden wir beide uns auf die spinale Kinderlähmung stürzen und unseren alten Feind aufs neue bekämpfen. Wir haben da übrigens schon einige neue Wege entdeckt, aufbauend auf Radioaktivität und Atomenergie. «Er reichte Angela die Hand.»Dr. Bender, versprechen Sie mir: Sie werden zu mir nach Erlangen kommen!«
Einen Augenblick lang zögerte Angela, dann schlug sie ein und drückte herzlich die Hand ihres alten Lehrers.»Ich werde kommen«, sagte sie leise.»Nur wann — das weiß ich noch nicht. Es könnte länger dauern, als Sie hoffen.«
«Einmal werden Sie aber auf jeden Fall kommen. Und das ist für mich ein Zeichen, daß Ihre Seele gesund geworden — oder geblieben ist!«
Professor Purr begleitete Angela bis zu dem Wirtshaus, wo der Schlitten wartete. Die Pferde dampften in der kühlen Luft und fuhren mit schnaubenden Nüstern in den Pulverschnee, der auf einer Treppenbrüstung lag. Beim Abschied versprach Dr. Purr, Angela vor seiner Abreise auf der Alp zu besuchen, am Freitag. Dann sah sie ihn, hinter einer Gardine am Fenster des Gasthofes stehend, zu seinem Auto gehen, das auf dem Marktplatz stand.