Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Was hätte er wünschen und suchen können, das er in meiner Freundschaft nicht gefunden hätte?« sagte er und zuckte ungläubig mit den Schultern. »Aber nein, er hat es vorgezogen, sich mit Feinden von mir zu umgeben, und mit wem noch dazu?« fuhr Napoleon fort. »Diesen Stein [131] hat er zu sich herangezogen, diesen Armfelt, diesen Bennigsen, diesen Wintzingerode. Stein ist ein Verräter, den man aus seinem Vaterland vertrieben hat, Armfelt – ein Wüstling und Intrigant, Wintzingerode – ein entlaufener Untertan Frankreichs, Bennigsen hat zwar als Soldat vor den anderen etwas voraus, ist aber dabei doch unfähig, da er ja im Jahre 1807 auch nichts zu erreichen verstanden hat, und müßte doch bei Kaiser Alexander schlimme Erinnerungen wecken … Gesetzt den Fall, sie wären wirklich fähig, dann könnte man sie ja verwenden«, fuhr Napoleon fort, der kaum mit Worten den unaufhörlich in ihm aufkeimenden Ideen folgen konnte, die alle sein Recht und seine Macht – was nach seiner Auffassung dasselbe war – bewiesen, »aber das sind sie ja eben nicht: sie taugen weder für den Krieg noch für den Frieden! Es heißt ja, dieser Barclay soll tüchtiger sein als die anderen alle, aber nach seinen ersten Schritten zu urteilen, kann ich das nicht sagen. Und was tun, ja was tun sie denn eigentlich, all diese Herren vom Hofe? Pfuel bringt etwas in Vorschlag, Armfelt behauptet das Gegenteil, Bennigsen überprüft die ganze Sache, Barclay aber, der operieren soll, weiß nicht, wofür er sich entscheiden muß, und so vergeht die Zeit, und es wird nichts erreicht. Der einzige, der etwas vom Krieg versteht, ist Bagration. Er ist zwar dumm, aber er hat Erfahrung, Augenmaß und weiß, was er will … Und was für eine Rolle spielt nun euer junger Kaiser in diesem wirren Knäuel? Sie stellen ihn bloß, bürden ihm aber dann die Verantwortung für alles auf, was geschieht. Un souverain ne doit être à l’armée que quand il est général«, fügte er hinzu, als schleudere er diese letzten Worte Kaiser Alexander als direkte Herausforderung ins Gesicht, da er wußte, daß es Alexanders sehnlichster Wunsch war, ein guter Feldherr zu sein.
»Seit acht Tagen haben wir nun schon Krieg, und trotzdem habt ihr Wilna nicht zu schützen verstanden. Ich habe eure Armee in zwei Hälften gespalten und sie aus den polnischen Provinzen hinausgejagt. Eure Truppen murren.«
»Im Gegenteil, Euer Majestät«, fiel Balaschew ein, der sich nur mit Mühe alles das, was ihm Napoleon sagte, merken und diesem Feuerwerk von Worten kaum folgen konnte, »unsere Truppen brennen vor Begier …«
»Ich weiß, weiß alles«, unterbrach ihn wieder Napoleon, »und kenne sogar die Zahl eurer Bataillone ebenso genau wie die der meinigen. Ihr habt keine zweimalhunderttausend Mann, ich aber habe das Dreifache. Auf Ehrenwort«, fuhr Napoleon fort, ohne daran zu denken, daß sein Ehrenwort von gar keiner Bedeutung sein konnte, »ich gebe Ihnen ma parole d’honneur que j’ai cinq cent trente mille hommes de ce côté de la Vistule. Die Türken können euch keinen Beistand leisten: sie haben noch nie zu etwas getaugt und haben das erneut bewiesen, indem sie mit euch Frieden geschlossen haben. Und die Schweden? Deren Geschick ist es nun einmal, von verrückten Königen regiert zu werden. Ihr König war unzurechnungsfähig, sie vertauschten ihn gegen einen anderen, diesen Bernadotte, der aber scheint auch gleich den Verstand verloren zu haben, denn nur ein Tollhäusler kann als Schwede ein Bündnis mit Rußland schließen.«
Napoleon lächelte hämisch und führte abermals die Tabaksdose an die Nase.
Auf jeden Ausspruch Napoleons hatte Balaschew etwas zu erwidern und wollte es auch tun, immer wieder machte er die Geste eines Menschen, der gern etwas sagen möchte, aber Napoleon unterbrach ihn jedesmal. Gegen die Unvernunft der Schweden wollte Balaschew erwidern, daß Schweden eine Insel sei, sobald Rußland hinter ihm stünde, aber Napoleon schrie zornig drauflos, um seine Stimme zu übertönen. Napoleon befand sich in so gereiztem Zustand, daß er reden und reden und immer nur reden mußte, nur um vor sich selber seinen Standpunkt zu rechtfertigen. Balaschew empfand seine Lage als drückend: als Gesandter fürchtete er, seiner Würde etwas zu vergeben, und fühlte die Notwendigkeit, Entgegnungen vorzubringen, als Mensch aber ließ ihn innerlich der ohnmächtige, grundlose Zorn, in den Napoleon hineingeraten zu sein schien, völlig kalt. Er wußte, daß all diese Worte, die jetzt Napoleon zu ihm sprach, von keinerlei Bedeutung waren, ja daß er selber sich ihrer schämen werde, wenn er wieder zu sich komme. So stand Balaschew da, hielt die Augen gesenkt, verfolgte die Bewegungen, die Napoleons dicke Beine machten, und bemühte sich, seinen Blicken auszuweichen.
»Was gehen mich eure Verbündeten an?« fuhr Napoleon fort. »Ich habe meine eignen Verbündeten – die Polen: das sind achtzigtausend Mann, die schlagen sich wie die Löwen. Und bald werden es Zweihunderttausend sein.«
Wahrscheinlich geriet er deshalb noch mehr in Erregung, weil er mit diesen Worten eine offenkundige Unwahrheit gesagt hatte, und weil Balaschew, ergeben in sein Schicksal, immer noch in derselben Ruhe vor ihm stand. Plötzlich wandte er sich jäh um, trat dicht an Balaschew heran und schrie ihm mit einer energischen, schnellen Bewegung seiner weißen Hände ins Gesicht:
»Das sollt ihr wissen: wenn ihr Preußen gegen mich aufwiegelt, so wische ich es von der Landkarte Europas weg, das merkt euch!« sagte er mit bleichem, zornentstelltem Gesicht und klappte dabei mit der einen kleinen Hand energisch gegen die andere. »Ja, und ich werde euch hinter die Düna, hinter den Dnjepr zurückwerfen und jenen Grenzwall[132] wieder gegen euch errichten, den zerstören zu lassen Europa verbrecherisch und blind genug war. Das wird euer Schicksal sein, das habt ihr dadurch gewonnen, daß ihr von mir abgefallen seid!« schrie er, ging schweigend ein paarmal im Zimmer auf und ab und zuckte mit seinen dicken Schultern.
Er steckte die Tabaksdose in die Tasche, zog sie wieder heraus, führte sie ein paarmal an die Nase und blieb dann vor Balaschew stehen. Er schwieg, sah Balaschew spöttisch gerade ins Gesicht und sagte dann mit leiser Stimme: »Et cependant quel beau règne aurait pu avoir votre maître!«
Balaschew, der es für notwendig hielt, etwas zu entgegnen, erwiderte, daß Rußland die Angelegenheit nicht in einem so finsteren Licht sehe. Napoleon schwieg, sah ihn weiter spöttisch an und hörte offenbar gar nicht auf das, was er sagte. Balaschew äußerte, daß man in Rußland nur alles Gute vom Krieg erwarte. Napoleon nickte herablassend, als wolle er sagen: Ich weiß, daß es Ihre Pflicht ist, so zu reden, aber Sie glauben das ja doch selber nicht, weil meine Worte Sie überzeugt haben.
Als Balaschew mit seiner Rede zu Ende war, zog Napoleon wieder seine Tabaksdose hervor, schnupfte und stampfte, wie um ein Signal zu geben, zweimal mit dem Fuß auf den Boden. Die Tür tat sich auf: mit ehrerbietiger Verbeugung reichte ihm ein Kammerherr Hut und Handschuhe, ein anderer das Taschentuch. Napoleon schenkte ihnen keinen Blick, sondern wandte sich zu Balaschew:
»Versichern Sie Kaiser Alexander in meinem Namen«, sagte er, während er nach dem Hut griff, »daß ich ihm wie früher ergeben bin. Ich kenne ihn genau und schätze seine vortrefflichen Eigenschaften sehr. Je ne vous retiens plus, général, vous recevrez ma lettre à l’empereur.«
Eilig schritt Napoleon nach der Tür, und auch aus dem Wartezimmer stürmten alle die Treppe hinunter.
7
Nach all dem, was Napoleon zu Balaschew gesagt hatte, nach seinen Zornausbrüchen und seinen letzten trockenen Worten: »Je ne vous retiens plus, général, vous recevrez ma lettre« war Balaschew überzeugt, daß Napoleon ihn nicht nur nicht wiederzusehen wünsche, sondern sogar einem weiteren Zusammentreffen mit ihm als beleidigtem Gesandten und vor allem als Zeugen seiner ungebührlichen Heftigkeit aus dem Weg gehen werde. Doch zu seiner Verwunderung erhielt Balaschew noch am selben Tag durch Duroc eine Einladung zur Tafel des Kaisers.
131
Stein: K Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757-1831), preußischer Staatsmann, bekannt wegen seiner Reformen (Aufhebung der Erbuntertänigkeit der Bauern, Städteordnung, Verwaltungsreform), wurde auf Napoleons Veranlassung hin aus dem Dienst entlassen und lebte 1809-12 in Rußland, wo er zu den Ratgebern des Zaren gehörte.
132
jenen Grenzwalclass="underline" damit sind die Gebiete Ostpolens, Litauen und Kurland gemeint, die Rußland bei den polnischen Teilungen erhalten hatte.