Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Der alte Fürst sagte, nur Prinzessin Marja sei schuld, wenn er krank sei: sie quäle und reize ihn absichtlich und verderbe durch Verhätschelung und dumme Redereien nun auch schon den kleinen Fürsten Nikolaj. Der alte Fürst wußte sehr wohl, daß er seine Tochter quälte und sie kein leichtes Leben hatte, aber er wußte ebenso, daß er gar nicht anders konnte als sie quälen, und war überzeugt, daß sie das verdiente. Warum spricht Fürst Andrej, der doch dies alles sieht, mit mir nie über seine Schwester? dachte der alte Fürst. Denkt er vielleicht, daß ich ein Bösewicht oder alter Narr bin, der sich ohne allen Grund der Tochter entfremdet und dafür die Französin an sich herangezogen hat? Er begreift es nicht, und deshalb muß ich es ihm erklären. Es ist unbedingt nötig, daß er mich anhört, dachte der alte Fürst. Und er begann ihm die Gründe auseinanderzusetzen, warum er den blödsinnigen Charakter seiner Tochter nicht ertragen könne.
»Wenn Sie mich danach fragen«, erwiderte Fürst Andrej, ohne den alten Fürsten anzusehen – es war das erste Mal in seinem Leben, daß er seinen Vater tadelte –, »ich hatte nicht davon anfangen wollen, wenn Sie mich aber selber danach fragen, so werde ich Ihnen auch ganz offen meine Meinung über diesen Punkt sagen. Wenn es Mißverständnisse und Uneinigkeiten zwischen Ihnen und Mascha gibt, so kann ich Mascha unter keinen Umständen die Schuld geben, denn ich weiß, wie außerordentlich meine Schwester Sie liebt und achtet. Wenn Sie mich also danach fragen«, fuhr Fürst Andrej erregter fort, da er in letzter Zeit wieder zur Heftigkeit neigte, »so kann ich Ihnen nur das eine sagen: wenn es Mißverständnisse zwischen Ihnen und Mascha gibt, so ist die Ursache nur jenes erbärmliche Frauenzimmer, die gar kein Umgang für meine Schwester sein dürfte.«
Der alte Fürst sah anfänglich seinen Sohn mit starren Augen an, dann lächelte er unnatürlich, wobei wieder die Zahnlücke sichtbar wurde, an die sich Fürst Andrej noch nicht hatte gewöhnen können.
»Wieso kein Umgang, mein Verehrtester? Wie? Ihr habt wohl schon alles zusammen durchgehechelt? Was?«
»Lieber Vater, ich möchte nicht Ihr Richter sein«, erwiderte Fürst Andrej in galligem, harten Ton. »Aber Sie haben mich dazu aufgefordert, und so habe ich gesagt und werde es auch immer aufrechterhalten, daß Prinzessin Marja nicht schuld daran ist, schuld daran sind … schuld daran ist nur diese Französin …«
»Er gibt mir unrecht … gibt mir unrecht!« murmelte der alte Fürst mit leiser Stimme und, wie es dem Fürsten Andrej schien, etwas verlegen; dann aber sprang er plötzlich auf und schrie: »Hinaus! Hinaus! Daß du mir nicht wieder unter die Augen kommst!«
Fürst Andrej wollte sofort abreisen, aber Prinzessin Marja bat ihn, noch einen Tag zu bleiben. An diesem Tag sah Fürst Andrej seinen Vater nicht, der nicht aus seinem Zimmer kam und niemanden zu sich einließ außer Mademoiselle Bourienne und Tichon, aber mehrmals danach gefragt hatte, ob sein Sohn abgereist sei. Am nächsten Tag ging Fürst Andrej vor seiner Abreise noch einmal in die Hälfte des Hauses hinüber, wo sein Söhnchen wohnte. Er setzte das muntere, gesunde Kind, das ebenso lockiges Haar hatte wie seine Mutter, auf seine Knie und fing an, ihm das Märchen vom Blaubart zu erzählen. Aber noch ehe er damit zu Ende war, versank er in Gedanken. Er dachte nicht an den hübschen Knaben, den er auf dem Schoß hielt, sondern an sich selber. Er suchte in sich die Reue, daß er seinen Vater in Zorn versetzt hatte, suchte ein Bedauern, daß er zum erstenmal in seinem Leben im Bösen von ihm ging, fand aber zu seinem Entsetzen in seinem Herzen weder das eine noch das andere. Vor allem aber erschrak er darüber, daß er die frühere zärtliche Liebe zu seinem Sohn, die er dadurch, daß er den Knaben liebkoste und auf seine Knie zog, wieder aufzuwecken gehofft hatte, vergeblich in seinem Herzen suchte.
»Aber so erzähle doch weiter«, drängte der Knabe.
Fürst Andrej gab keine Antwort, hob ihn von seinen Knien und ging aus dem Zimmer.
Seit Fürst Andrej seine tägliche Beschäftigung niedergelegt hatte, und hauptsächlich seit er in die alten Lebensbedingungen wieder eingetreten war, die ihn damals umgeben hatten, als er so glücklich gewesen war, packte ihn der Ekel vor dem Leben mit seiner ganzen früheren Gewalt, und er beeilte sich, so schnell wie möglich von diesen Erinnerungen loszukommen und eine neue Tätigkeit zu finden.
»Also du fährst nun bestimmt?« fragte ihn die Schwester.
»Gott sei Dank, daß ich abfahren kann«, erwiderte Fürst Andrej. »Mir tut nur leid, daß du hier bleiben mußt.«
»Wie kannst du nur so reden!« sagte Prinzessin Marja. »Wie kannst du nur so reden jetzt, wo du in diesen schrecklichen Krieg ziehst, und er so alt ist! Mademoiselle Bourienne sagte, daß er nach dir gefragt hat …«
Wenn sie nur davon anfing, begannen ihre Lippen zu zittern, und die Tränen traten ihr in die Augen. Fürst Andrej wandte sich von ihr ab und ging im Zimmer auf und nieder.
»Ach, mein Gott! Mein Gott!« sagte er. »Und wenn man sich überlegt, was und wer … was für Nullen und Nichtigkeiten das Unglück eines Menschen verursachen können!« rief er in einer Wut, über die Prinzessin Marja erschrak.
Sie verstand, daß, wenn er von Leuten sprach, die er Nullen und Nichtigkeiten nannte, er damit nicht nur Mademoiselle Bourienne meinte, die ihr Unglück geworden war, sondern auch jenen Menschen, der sein Glück zunichte gemacht hatte.
»Andre, ich bitte dich nur um eins, ich flehe dich an«, sagte sie, legte ihre Hand auf seinen Ellbogen und sah ihn mit tränenschimmernden Augen an. »Ich verstehe dich nicht.« Prinzessin Marja schlug die Augen nieder. »Du darfst doch nicht denken, daß unser Leid von anderen Menschen herrührt. Die Menschen sind nur Seine Werkzeuge.« Sie blickte mit jenem festen, gewohnten Blick, mit dem man auf den bekannten Platz eines Bildes hinschaut, etwas über den Kopf des Fürsten Andrej hinweg. »Das Leid schickt Er dir, es kommt nicht von den Menschen. Die Menschen sind nur Seine Werkzeuge, sie sind nicht schuld daran. Und wenn du glaubst, daß sich jemand gegen dich vergangen hat, vergiß es und verzeih ihm! Wir haben nicht das Recht, Böses mit Bösem zu vergelten. Dann wirst du das Glück, das im Verzeihen liegt, kennen lernen.«
»Wenn ich eine Frau wäre, würde ich das tun, Marie. Das ist eine Tugend für Weiber. Ein Mann aber darf und kann nicht vergessen und verzeihen«, sagte er, und obgleich er bis zu diesem Augenblick nicht an Kuragin gedacht hatte, stand der ganze ungelöschte Zorn plötzlich in seinem Herzen auf.
Wenn schon Prinzessin Marja mich zu überreden sucht, ihm zu verzeihen, so bedeutet das soviel, daß ich schon lange über ihn Gericht hätte halten müssen, dachte er. Er gab Prinzessin Marja keine Antwort mehr und malte sich jenen frohen, grimmigen Augenblick aus, wo er mit Kuragin, der sich, wie er wußte, bei der Armee befand, zusammentreffen mußte.
Prinzessin Marja flehte den Bruder an, noch einen Tag zu warten, und sagte ihm, sie wisse, wie unglücklich der Vater sein werde, wenn Andrej, ohne sich mit ihm auszusöhnen, fortführe; aber Fürst Andrej erwiderte, er komme wahrscheinlich sehr bald von der Armee wieder zurück, werde außerdem sogleich an den Vater schreiben und fürchte, wenn er jetzt noch länger bliebe, daß dann der Zwiespalt nur noch größer werde.
»Adieu, Andre. Rappelez-vous que les malheurs viennent de Dieu, et que les hommes ne sont jamais coupables«, waren die letzten Worte, die er von seiner Schwester hörte, als er von ihr Abschied nahm.
So muß es nun kommen! dachte Fürst Andrej, während er aus der Allee von Lysyja-Gory hinausfuhr. Sie, dieses schuldlose, bemitleidenswerte Geschöpf, muß zeit ihres Lebens zu Hause sitzen als Opfer dieses alten Mannes, der aus Altersschwäche den Verstand verloren hat. Er fühlt selber, daß er schuldig ist, kann sich aber nicht mehr ändern. Mein Junge wächst und freut sich seines Lebens, eines Lebens, in dem er auch nichts anderes sein wird, als wir alle sind: ein Betrüger oder ein Betrogener. Ich selber begebe mich zur Armee, warum – das weiß ich nicht, und habe nur den einen Wunsch, jenen Menschen zu treffen, den ich verachte, um ihm Gelegenheit zu geben, mich zu töten und sich dann über mich lustig zu machen.