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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Nachdem Fürst Andrej Pierre in Moskau wiedergesehen hatte, fuhr er nach Petersburg, in geschäftlichen Angelegenheiten, wie er seinen Angehörigen sagte, in Wirklichkeit aber, um dort den Fürsten Anatol Kuragin zu treffen, was er für unumgänglich nötig hielt. Doch als er ankam, war Kuragin, nach dem er gleich bei seiner Ankunft Erkundigungen einzog, bereits nicht mehr in Petersburg. Pierre hatte seinen Schwager wissen lassen, daß Fürst Andrej ihm auf der Spur sei, und da Anatol gerade vom Kriegsminister eine Berufung zur Moldauarmee erhalten hatte, war er sogleich dorthin abgereist.

In Petersburg traf Fürst Andrej mit Kutusow, seinem früheren General, der ihm stets sehr gewogen gewesen war, zusammen, und Kutusow machte ihm den Vorschlag, ebenfalls in die Moldauarmee einzutreten, zu deren Oberkommandierendem der alte General ernannt worden war. Fürst Andrej nahm diese Berufung in den Stab des Hauptquartiers an und reiste nach der Türkei ab.

An Kuragin zu schreiben und ihn zu fordern, hielt er nicht für angebracht. Da eine neue Veranlassung zum Duell nicht gegeben war, glaubte Fürst Andrej, daß er durch eine Forderung die Komtesse Rostowa nur kompromittieren würde, und suchte deshalb persönlich mit Kuragin zusammenzutreffen in der Absicht, bei dieser Gelegenheit einen Grund zum Duell zu finden. Aber auch bei der Moldauarmee gelang es ihm nicht, Kuragin zu treffen, der sogleich nach Fürst Andrejs Ankunft in der Türkei nach Rußland zurückgefahren war.

In der neuen Umgebung und unter neuen Lebensbedingungen fiel dem Fürsten Andrej das Leben leichter. Nach dem Treubruch seiner Braut, der ihn um so tiefer getroffen hatte, je emsiger er bemüht war, seinen Schmerz vor allen zu verheimlichen, wurde ihm jenes Leben, das ihn früher so glücklich gemacht hatte, zur Last, und noch drückender empfand er seine Freiheit und Unabhängigkeit, die ihm erst so teuer gewesen war. Er hatte nicht nur jene früheren Gedanken alle beiseite geschoben, die ihm beim Anblick des Himmels von Austerlitz zum erstenmal gekommen waren, die er dann mit Pierre zusammen so gern weitergesponnen und mit denen er all die einsamen Stunden in Bogutscharowo und dann später in der Schweiz und in Rom ausgefüllt hatte, sondern fürchtete sich jetzt sogar davor, sich auch nur an diese Gedanken zu erinnern, die ihm einen so unendlichen, lichten Horizont erschlossen hatten. Ihn fesselten jetzt nur die zu allernächst liegenden, praktischen Interessen, die mit allem, was früher gewesen war, keinen Zusammenhang hatten, und er griff nach ihnen mit um so größerer Gier, je dichter sie alles Frühere zudeckten. Es war, als hätte sich jener endlos weite Himmel, der sich früher über ihm ausgedehnt hatte, plötzlich in ein niedriges, begrenztes, schwer auf ihm lastendes Gewölbe verwandelt, in dem zwar alles hell und klar war, wo es aber nichts Ewiges und Geheimnisvolles gab.

Von all den Geschäften, die seiner warteten, war ihm der Militärdienst das einfachste und vertrauteste. Als diensttuender General im Stab Kutusows stürzte er sich eifrig und hartnäckig in die Geschäfte und setzte selbst Kutusow durch seine Arbeitsgier und Gewissenhaftigkeit in Erstaunen.

Da er Kuragin in der Türkei nicht gefunden hatte, hielt Fürst Andrej es nicht für unbedingt nötig, ihm nun gleich wieder nach Rußland nachzusetzen; aber das eine wußte er: wenn er ihn einmal traf, dann mußte er ihn fordern, wieviel Zeit bis dahin auch vergehen mochte, mußte ihn fordern, wie ein Hungriger gar nicht anders kann als über die endlich erbeutete Nahrung herfallen, mußte ihn fordern trotz der Verachtung, die er für ihn empfand, trotz aller sich selbst gelieferten Beweise, daß er sich nicht zu einem Zusammenstoß mit ihm erniedrigen durfte. Und dieses Bewußtsein, daß die Beleidigung noch nicht gerächt war, der Zorn noch keinen Ausfluß gefunden hatte und noch auf seinem Herzen lastete, vergiftete ihm jene künstliche Ruhe, die er sich durch seine emsig geschäftige, etwas ehrgeizige und ruhmsüchtige Tätigkeit in der Türkei geschaffen hatte.

Im Jahre 1812, als die Kunde vom Krieg mit Napoleon bis Bukarest gedrungen war, wo Kutusow seit zwei Monaten wohnte und Tage und Nächte bei seiner Walachin zubrachte, bat Fürst Andrej Kutusow, ihn zur Westarmee zu versetzen. Kutusow, dem Bolkonskijs Diensteifer, der ihm wie ein Vorwurf für seine eigne Trägheit erschien, schon seit geraumer Zeit langweilig geworden war, entließ ihn gern und versetzte ihn zu Barclay de Tolly.

Ehe sich Fürst Andrej zur Armee begab, die im Mai das Lager an der Drissa bezogen hatte, reiste er nach Lysyja-Gory, das ihm sogar am Weg lag, da es nur drei Werst von der großen Smolensker Landstraße entfernt war. Die letzten drei Jahre in seinem Leben hatten so viele Umwälzungen für ihn gebracht, er hatte so vieles durchdacht, durchfühlt und durchschaut, hatte den Westen und Osten durchreist, daß es ihm bei seiner Ankunft in Lysyja-Gory als etwas Merkwürdiges und Unerwartetes auffiel, daß hier das Leben bis in die kleinsten Einzelheiten noch ganz so war wie früher. Als er durch das steinerne Tor in die Allee des Herrenhauses von Lysyja-Gory einbog, war es ihm, als käme er in ein schlafendes Zauberschloß. In diesem Haus herrschte dieselbe gemessene Würde, dieselbe Sauberkeit, dieselbe Stille, hier gab es noch dieselben Möbel, dieselben Wände, dieselben Laute, ja auch denselben Geruch und dieselben verschüchterten Gesichter, die nur ein wenig älter geworden waren. Prinzessin Marja war noch das gleiche scheue, häßliche, alternde Mädchen, das in steter Furcht und ewigen seelischen Qualen ohne Zweck und Freude ihre besten Lebensjahre hinbrachte. Auch Mademoiselle Bourienne war noch dasselbe selbstzufriedene, kokette Geschöpf, das jeden Augenblick seines Lebens froh genoß und für sich selbst die freudigsten Hoffnungen hegte; nur war sie, wie es dem Fürsten Andrej schien, noch zuversichtlicher geworden. Der Erzieher Dessalles, den er aus der Schweiz mitgebracht hatte, trug jetzt einen Rock von russischem Schnitt und brach sich fast die Zunge, wenn er mit den Dienern Russisch sprach, sonst aber war er noch derselbe beschränkt kluge, gebildete, tugendsame Pedant und Schulmeister. Der alte Fürst hatte sich äußerlich nur insofern verändert, als an der einen Seite seines Mundes eine Zahnlücke zu bemerken war, innerlich war er aber noch ganz wie früher, nur zeigte er sich noch grimmiger und mißtrauischer gegen alles, was jetzt in der Welt vorging. Nur Nikoluschka hatte sich verändert: er war gewachsen, hatte rote Backen und dichtes Lockenhaar bekommen und zog, wenn er vergnügt war und lachte, ohne es selber zu wissen, die Oberlippe seines hübschen Mündchens ganz so in die Höhe, wie es die verstorbene kleine Fürstin getan hatte. Er allein gehorchte dem Gesetz der starren Unabänderlichkeit in diesem verwunschenen, schlafenden Schlosse nicht.

Doch wenn auch äußerlich alles beim alten geblieben war, so hatten sich doch die inneren Beziehungen aller Bewohner in der Zeit, in der sie Fürst Andrej nicht gesehen hatte, stark verändert. Die Hausgenossen hatten sich in zwei Lager geteilt, die sich fremd und feindlich gegenüberstanden. Nur jetzt in seiner Gegenwart vertrugen sie sich und änderten seinetwegen ihre Lebensgewohnheiten. Zum einen Lager gehörten der alte Fürst, Mademoiselle Bourienne und der Architekt, zum anderen Prinzessin Marja, Dessalles, Nikoluschka und alle Kinderwärterinnen und Ammen.

Während Fürst Andrej in Lysyja-Gory weilte, speisten alle Hausgenossen zusammen, aber keinem war dabei wohl zumute, und Fürst Andrej fühlte, daß er als Gast angesehen wurde, der alle durch seine Gegenwart störte und um dessentwillen man eine Ausnahme machte. So verhielt sich Fürst Andrej, eben weil er unwillkürlich diese Empfindung hatte, am ersten Tag während des Mittagessens schweigend, und der alte Fürst, dem das Unnatürliche dieses Benehmens auffiel, schwieg ebenfalls finster und zog sich gleich nach Tisch auf sein Zimmer zurück. Als gegen Abend Fürst Andrej zu ihm kam und, um ihn ein wenig zu zerstreuen, vom Feldzug des jungen Grafen Kamenskij zu erzählen begann, fing der alte Fürst ganz unerwartet von Prinzessin Marja zu reden an, tadelte ihre Frömmelei und ihre Abneigung gegen Mademoiselle Bourienne, die, wie er sagte, die einzige war, die ihm wahrhaft ergeben sei.

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