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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Alle diese Dinge waren schon früher in seinem Leben gewesen, nur hatten sie damals einen bestimmten Zusammenhang gehabt, jetzt aber war alles wirr durcheinandergerüttelt. Nur sinnlose Erscheinungen zogen ohne jedes verknüpfende Band eine nach der anderen an seinem Auge vorüber.

9

Es war Ende Juni, als Fürst Andrej im Hauptquartier eintraf. Die Truppen der ersten Armee, bei der sich auch der Kaiser befand, lagen in einer befestigten Stellung an der Drissa. Die Truppen der zweiten Armee waren zurückgewichen, nachdem sie versucht hatten, mit der ersten Armee zusammenzukommen, von der sie, wie es hieß, durch gewaltige französische Streitkräfte abgeschnitten worden waren. Alle waren mit dem Gesamtverlauf des Krieges für die russische Armee unzufrieden, aber keiner dachte an die Gefahr eines Einbruchs der Feinde in die russischen Gouvernements, keiner nahm an, daß der Krieg über die westlichen polnischen Provinzen hinausgehen werde.

Fürst Andrej fand Barclay de Tolly, zu dem er versetzt worden war, am Ufer der Drissa. Da es in der Umgebung des Lagers weder einen größeren Marktflecken noch eine Ortschaft gab, so hatte sich die große Anzahl der Generäle und Höflinge, die sich bei der Armee befand, in einem Umkreise von zehn Werst in den besten Häusern der Dörfer diesseits und jenseits des Flusses einquartiert. Barclay de Tollys Quartier lag vier Werst von dem des Kaisers entfernt. Er empfing Bolkonskij kalt und trocken und sagte ihm mit seiner deutschen Aussprache, er werde dem Kaiser seine Ankunft melden, damit er ihm eine Stellung zuweise, inzwischen ersuche er ihn, bei seinem Stabe zu bleiben.

Anatol Kuragin, den Fürst Andrej bei der Armee zu finden gehofft hatte, war nicht hier: er befand sich in Petersburg. Diese Nachricht berührte Bolkonskij angenehm. Die Interessen hier im Zentrum dieses gewaltigen, sich vor seinen Augen abrollenden Krieges nahmen den Fürsten Andrej voll in Anspruch, und er war froh, die aufreizenden Gefühle, die der Gedanke an Kuragin immer bei ihm auslöste, für einige Zeit los zu sein.

Während der ersten vier Tage, in denen man noch von nirgendsher Anforderungen an ihn stellte, ritt Fürst Andrej das ganze befestigte Lager ab, bemüht, sich auf Grund seiner Kenntnisse und durch Auseinandersetzungen mit Sachkundigen ein bestimmtes Urteil darüber zu bilden. Aber die Frage, ob dieses Lager nun vorteilhaft oder ungünstig sei, konnte Fürst Andrej doch nicht entscheiden. Durch seine Kriegserfahrung war er bereits zu der Überzeugung gelangt, daß im Kriege selbst der tiefsinnigst ausgedachte Schlachtenplan, wie er bei Austerlitz gesehen hatte, nichts zu bedeuten hat, sondern daß alles nur davon abhängt, wie man auf die plötzlichen und nicht vorauszusehenden Operationen des Feindes reagiert, und besonders auch davon, wie und von wem die ganze Sache geführt wird. Um sich über diese letzte Frage klar zu werden, bemühte sich Fürst Andrej kraft seiner Stellung und seiner Bekanntschaften in den Charakter der Heeresleitung, der Personen und Parteien, die daran beteiligt waren, einzudringen, und gelangte dabei zu folgender Ansicht über die Lage der Dinge:

Als sich der Kaiser noch in Wilna befunden hatte, war die Armee in drei Teile eingeteilt gewesen: die erste Armee stand unter dem Oberkommando Barclay de Tollys, die zweite unter Bagration, die dritte unter Tormasow. Der Kaiser hielt sich bei der ersten Armee auf, aber nicht in der Eigenschaft eines Oberkommandierenden. In den Armeebefehlen war nicht gesagt worden, daß der Kaiser kommandieren werde, sondern nur, daß er sich bei der Armee aufhalten werde. Außerdem hatte auch der Kaiser persönlich nicht den Stab eines Oberkommandierenden, sondern nur den Stab eines Kaiserlichen Hauptquartiers um sich. Bei ihm befanden sich nur der Kommandeur des kaiserlichen Stabes, der Generalquartiermeister Fürst Wolkonskij, sowie Generäle, Flügeladjutanten, Diplomaten und eine große Menge von Ausländern, aber kein Armeestab. Außerdem hielten sich bei ihm, ohne ein Amt zu versehen, noch auf: der ehemalige Kriegsminister Araktschejew, Graf Bennigsen als ältester General dem Rang nach, der Großfürst und Thronfolger Konstantin Pawlowitsch, der Kanzler Graf Rumjanzew, der ehemalige preußische Minister Stein, der schwedische General Armfelt, der Haupturheber des Feldzugsplanes Pfuel, der sardinische Emigrant und Generaladjutant Paulucci, Wolzogen und viele andere mehr.

Obgleich alle diese Persönlichkeiten kein militärisches Amt bekleideten, besaßen sie doch durch ihre Stellung großen Einfluß, und oft wußte ein Korpskommandeur oder selbst ein Oberkommandierender nicht, in welcher Eigenschaft Graf Bennigsen oder der Großfürst und Thronfolger oder Araktschejew oder Fürst Wolkonskij dieses oder jenes fragte oder anriet, wußte nicht, ob ein solcher Befehl in Form eines Rates von jenen Herren persönlich oder vom Kaiser herrührte, und ob er ihn zu befolgen hatte oder nicht. Aber das waren alles nur Äußerlichkeiten: der wahre Sinn der Anwesenheit des Kaisers und all dieser Persönlichkeiten war vom höfischen Standpunkt aus – und wenn der Kaiser zugegen war, wurden alle zu Hofleuten – allen ganz klar und war folgender: der Kaiser hatte zwar das Amt eines Oberkommandierenden nicht angenommen, befehligte aber trotzdem alle Armeen, und die Persönlichkeiten, die ihn umgaben, halfen ihm dabei. Araktschejew war der gewissenhafte Vollstrecker, der Hüter der Ordnung und Leibtrabant des Kaisers. Bennigsen als Gutsbesitzer im Wilnaer Gouvernement sollte offiziell nur die Honneurs in der Gegend machen, in Wirklichkeit aber brauchte man ihn, weil er ein vorzüglicher General und nützlich im Rat war, und um ihn immer in Bereitschaft zu haben, Barclay abzulösen. Der Großfürst hielt sich deshalb beim Kaiser auf, weil es ihm so beliebte, der ehemalige Minister Stein deshalb, weil er im Rat gut zu gebrauchen war und weil Kaiser Alexander seine persönlichen Eigenschaften sehr hoch schätzte. Armfelt war ein grimmiger Feind Napoleons und selbstbewußter General, der immer großen Einfluß auf Alexander ausübte. Paulucci war da, weil er verwegen und entschlossen zu reden verstand. Die Generaladjutanten befanden sich hier, weil sie stets da zu sein pflegen, wo der Kaiser ist, und endlich die Hauptperson, Pfuel, war da, weil er den Feldzugsplan gegen Napoleon aufgestellt und Alexander gezwungen hatte, an die Zweckmäßigkeit dieses Planes zu glauben, und weil er nun infolgedessen alle Kriegsoperationen leitete. Bei Pfuel, der ein scharfer Kabinettstheoretiker und so selbstbewußt war, daß er jede fremde Ansicht verachtete, hielt sich wiederum Wolzogen auf, der Pfuels Gedanken in greifbarere Form zu kleiden wußte als dieser selbst.

Außer den genannten Russen und Ausländern, von denen besonders die Ausländer mit jener Unverfrorenheit, die Leuten beim Arbeiten in einem fremden Milieu eigen ist, jeden Tag mit neuen, unerwarteten und unpraktischen Ideen hervortraten, gab es noch eine Menge Persönlichkeiten zweiten Ranges, die sich nur deshalb bei der Armee befanden, weil ihre Vorgesetzten hier waren.

Aus der Fülle all dieser Ansichten und Stimmen in dieser gewaltigen, wogenden, glänzenden und stolzen Welt unterschied Fürst Andrej folgende scharf getrennte Richtungen und Parteien:

Die erste Partei bestand aus Pfuel und seinen Anhängern, Kriegstheoretikern, die daran glaubten, daß es eine Kriegswissenschaft gebe und in dieser Kriegswissenschaft unabänderliche Gesetze wie Überführungen, Umgehungsbewegungen und so weiter. Nach diesen genauen, von ihrer vermeintlichen Kriegstheorie vorgeschriebenen Gesetzen forderten nun Pfuel und seine Anhänger den Rückzug der Truppen bis ins Innere des Landes und betrachteten jede Abweichung von diesen Theorien als Barbarentum, Unbildung oder Böswilligkeit. Zu dieser Partei gehörten die deutschen Fürsten, Wolzogen, Wintzingerode und andere, vorwiegend Deutsche.

Die zweite Partei war der Gegenpol der ersten. Wie das immer so zu sein pflegt, standen dem einen Extrem die Vertreter des anderen gegenüber. Die Anhänger der zweiten Partei waren es gewesen, die in Wilna den Vormarsch in Polen und eine Freimachung von allen im voraus kombinierten Plänen gefordert hatten. Sie waren nicht nur für forsches Losschlagen, sondern waren außerdem auch noch die Vertreter der nationalen Gesinnung, was sie bei Diskussionen noch einseitiger machte. Es waren die Russen Bagration, der soeben erst im Aufstieg begriffene Jermolow und andere mehr. Damals war gerade jenes bekannte Scherzwort Jermolows im Umlauf: er wolle den Kaiser nur um die eine Gnade bitten, ihn zum Deutschen zu befördern. Die Anhänger dieser Partei sagten in Erinnerung an Suworow, man solle nicht lange überlegen und die Landkarte mit Stecknadeln spicken, sondern zuschlagen, dem Feind eins überziehen, ihn nicht nach Rußland hereinlassen und die Truppen bei guter Laune erhalten.

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