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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Augenscheinlich interessierte ihn Balaschews Persönlichkeit nicht im geringsten. Augenscheinlich hatte nur das, was in seiner eignen Seele vorging, Interesse für ihn. Alles, was außerhalb seiner Person war, hatte für ihn keine Bedeutung, da ja doch alles in der Welt – so schien es ihm wenigstens – nur von seinem Willen abhing.

»Ich wünsche den Krieg nicht und habe ihn niemals gewünscht«, fuhr er fort, »aber man hat ihn mir aufgenötigt. Auch jetzt« – er betonte dieses Wort scharf – »bin ich noch bereit, alle Erklärungen, die Sie mir geben können, entgegenzunehmen.«

Und kurz und klar setzte er alle Gründe seiner Unzufriedenheit mit der russischen Regierung auseinander. Der ruhige, gemessene und freundliche Ton, in dem der französische Kaiser sprach, erweckte in Balaschew die feste Überzeugung, daß er den Frieden wünsche und gesonnen sei, in Unterhandlungen zu treten.

»Sire! L’empereur mon maître …«, fing Balaschew seine schon längst vorbereitete Rede an, als Napoleon zu Ende gesprochen hatte und den russischen Gesandten fragend ansah. Aber dieser Blick der auf ihn gerichteten Augen des Kaisers verwirrte Balaschew. Sie sind verwirrt, fassen Sie sich! schien Napoleon zu sagen, während er mit einem kaum merklichen Lächeln Balaschews Uniform und Degen musterte.

Balaschew nahm sich zusammen und fing an zu sprechen. Er sagte, daß Kaiser Alexander die Tatsache, daß Kurakin seine Pässe gefordert habe, nicht für einen hinreichenden Grund zum Krieg ansehe, weil Kurakin auf eigne Faust und ohne Einwilligung des Kaisers gehandelt habe, daß Kaiser Alexander den Krieg nicht wolle und daß von einem Einvernehmen mit England gar keine Rede sein könne.

»Noch nicht«, warf Napoleon ein, zog aber dann, als fürchte er, seinen Gefühlen nachzugeben, die Stirn kraus und nickte leicht, um dadurch Balaschew zu verstehen zu geben, daß er fortfahren könne.

Nachdem Balaschew alles gesagt hatte, was ihm befohlen worden war, fügte er noch hinzu, daß Kaiser Alexander den Frieden wünsche, aber nur unter der Bedingung in Unterhandlungen eintreten werde, daß … Hier stockte Balaschew: er dachte an jene Worte, die Kaiser Alexander nicht in den Brief geschrieben hatte, die er aber unbedingt in den Erlaß an Saltykow aufgenommen wissen wollte und die auch Balaschew, wie er befohlen hatte, Napoleon übermitteln sollte. Balaschew dachte an die Worte:

»Solange noch ein bewaffneter Feind auf russischem Grund und Boden steht«, aber ein verworrenes Gefühl hielt ihn zurück. Er war nicht imstande, diese Worte auszusprechen, obgleich er es tun wollte. So stockte er und sagte: »Unter der Bedingung, daß die französischen Truppen sich hinter den Njemen zurückziehen.«

Napoleon bemerkte Balaschews Verwirrung, als dieser die letzten Worte aussprach. Des Kaisers Gesicht zuckte, und seine linke Wade fing leise zu zittern an. Aber er blieb ruhig stehen und begann nur mit etwas erhöhter und hastigerer Stimme zu reden. Balaschew senkte während der nun folgenden Rede Napoleons mehrmals die Augen und beobachtete unwillkürlich das Zittern seiner linken Wade, das um so heftiger wurde, je mehr er die Stimme erhob.

»Ich wünsche den Frieden nicht weniger als Kaiser Alexander«, fing er an. »Habe ich nicht achtzehn Monate lang alles getan, um ihn zu erhalten? Achtzehn Monate lang habe ich auf eine Erklärung gewartet. Und was verlangt man nun von mir, um in Verhandlungen einzutreten?« sagte er, zog finster die Stirn kraus und machte eine energische, fragende Gebärde mit seiner kleinen weißen, vollen Hand.

»Daß die Truppen sich hinter den Njemen zurückziehen, Majestät«, erwiderte Balaschew.

»Hinter den Njemen?« wiederholte Napoleon. »So wollen Sie also jetzt, daß ich meine Truppen hinter den Njemen zurückziehe – nur bis hinter den Njemen?« sagte Napoleon noch einmal und sah Balaschew gerade ins Gesicht.

Balaschew neigte ehrerbietig den Kopf.

»Statt der vor vier Monaten von mir geforderten Räumung Pommerns verlangt man jetzt nur, daß ich mich hinter den Njemen zurückziehe?« Napoleon wandte sich schnell um und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Sie sagen, daß man, um die Verhandlungen beginnen zu können, von mir fordert, ich solle hinter den Njemen zurückgehen; aber ebenso hat man vor zwei Monaten von mir verlangt, ich solle mich hinter die Oder oder Weichsel zurückziehen, und trotzdem sind Sie jetzt wieder zu Unterhandlungen bereit.«

Schweigend ging er von einer Ecke zur anderen und blieb dann wieder vor Balaschew stehen. Balaschew bemerkte, daß sich das Zittern seines linken Beines noch verstärkt hatte, und daß sein Gesicht in einem strengen Ausdruck wie versteinert schien. Napoleon kannte dieses Zittern seiner linken Wade an sich sehr wohl und äußerte sich einmal darüber: »La Vibration de mon mollet gauche est un grand signe chez moi.«

»Eine solche Forderung, die Gegend bis zur Oder oder Weichsel zu räumen, kann man wohl einem Prinzen von Baden stellen, nicht aber mir«, schrie Napoleon plötzlich und auch für sich selber ganz unerwartet heraus. »Und wenn ihr mir Petersburg oder Moskau anbötet, ich würde diese Bedingungen nicht annehmen! Ihr sagt, ich hätte den Krieg angefangen? Wer aber hat sich zuerst zu seiner Armee begeben? Kaiser Alexander und nicht ich. Jetzt schlagt ihr mir Unterhandlungen vor, wo ich Millionen verausgabt habe? Jetzt, wo ihr ein Bündnis mit England geschlossen habt und eure Lage kritisch ist? Jetzt kommt ihr mir mit Unterhandlungen! Und was für einen Zweck hat euer Bündnis mit England? Was habt ihr von England dafür erhalten?« fuhr er hastig fort und beabsichtigte durch seine Rede offenbar nicht mehr, die Vorteile eines Friedensschlusses und seine Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, sondern nur seinen Standpunkt zu rechtfertigen, seine Macht zu zeigen und Alexanders Unrecht und Fehler klarzulegen.

Augenscheinlich hatte er seine Rede begonnen, um die Vorteile seiner Lage auseinanderzusetzen und zu zeigen, daß er trotz alledem zu Unterhandlungen bereit sei. Aber er hatte nun einmal angefangen, und je länger er sprach, um so weniger war er imstande, seinen Worten eine bestimmte Richtung zu geben.

Das ganze Ziel seiner Rede schien jetzt offenbar nur darin zu bestehen, sich selbst in den Himmel zu heben und Alexander zu beleidigen, das heißt, gerade das zu tun, was er zu Anfang der Unterredung am allerwenigsten gewollt hatte.

»Man sagt, daß ihr mit den Türken Frieden geschlossen[130] habt?«

Balaschew neigte bestätigend den Kopf.

»Der Friede ist geschlossen …« fing er an.

Aber Napoleon ließ ihn nicht zu Wort kommen. Er hatte offenbar das Bedürfnis, immer nur allein zu sprechen, und fuhr mit der Beredsamkeit und dem nervösen Redeeifer, zu dem verwöhnte Leute so leicht neigen, in seinen Erklärungen fort.

»Ja, ich weiß, ihr habt mit den Türken Frieden geschlossen, ohne die Moldau und die Walachei erhalten zu haben. Ich aber hätte eurem Kaiser diese Provinzen ebenso geben können, wie ich ihm Finnland gegeben habe. Ja«, fuhr er fort, »ich hatte es Kaiser Alexander sogar versprochen und hätte ihm die Moldau und die Walachei auch ganz sicherlich gegeben, jetzt aber wird er nun auf diese schönen Provinzen verzichten müssen. Er hätte sie seinem Reich einverleiben und auf diese Weise Rußlands Herrschaft vom Bottnischen Meerbusen bis zu den Mündungen der Donau befestigen können. Mehr hätte eine Katharina die Große nicht zustande gebracht!« rief Napoleon aus, der sich immer mehr ereiferte, während er im Zimmer auf und ab ging und Balaschew fast dieselben Worte wiederholte, die er in Tilsit zu Alexander selber gesagt hatte. »Tout cela il l’aurait du à mon amitié. Ah, quel beau règne, quel beau règne!« wiederholte er mehrmals, blieb stehen, zog die goldene Schnupftabaksdose aus der Tasche und nahm gierig eine Prise.

»Quel beau règne aurait pu être celui de l’empereur Alexandre!«

Mit sichtlichem Bedauern blickte er Balaschew an, sobald aber dieser nur irgend etwas bemerken wollte, unterbrach er ihn sogleich wieder hastig.

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130

mit den Türken Frieden geschlossen: im Mai 1812 hatte Kutusow in Bukarest einen Friedensvertrag mit der Türkei unterzeichnet, demzufolge diese lediglich einen Teil des Moldaugebiets – Bessarabien – an Rußland abtreten musste.

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