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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Wie? Was hat er gesagt?« tönte es aus den Reihen der Polen, als der Adjutant bei ihnen angelangt war.

Er hatte befohlen, eine Furt zu suchen und auf das jenseitige Ufer überzusetzen. Der Oberst des polnischen Ulanenregiments, ein hübscher alter Herr, bekam einen roten Kopf und fragte den Adjutanten, wobei er vor Aufregung kaum die Worte fand, ob es ihm erlaubt sei, mit seinen Ulanen, ohne erst eine Furt zu suchen, den Fluß zu durchschwimmen. Während er seine Bitte vorbrachte, war ihm die Angst vor einer ablehnenden Antwort deutlich anzusehen, wie einem Knaben, der um die Erlaubnis bittet, sich auf ein Pferd zu setzen. Der Adjutant erwiderte, der Kaiser werde wohl mit diesem zwar überflüssigen Eifer kaum unzufrieden sein.

Kaum hatte der Adjutant dies gesagt, riß der alte, bärtige Offizier mit strahlendem Gesicht und leuchtenden Augen den Säbel hoch, schrie: »Vivat!«, befahl seinen Ulanen, ihm zu folgen, gab dem Pferd die Sporen und sprengte an den Fluß hinunter. Wütend spornte er das unter ihm zurückbäumende Tier an, setzte, daß es nur so klatschte, ins Wasser und schwamm nach der Mitte zu, wo die Strömung am stärksten war. Die Ulanenschwadronen jagten ihm nach. In der Mitte des Flusses war das Wasser sehr kalt, und eine starke Strömung machte sich bemerkbar. Die Ulanen hielten sich aneinander fest und rutschten aus den Sätteln. Einige Pferde ertranken, es ertranken auch mehrere Soldaten, die übrigen versuchten, teils im Sattel sitzend, teils sich an den Mähnen festhaltend, zu schwimmen. So mühten sie sich damit ab, auf die andere Seite hinüberzuschwimmen und waren stolz darauf, vor den Augen jenes Mannes, der auf dem Balken saß und gar nicht zusah, was sie taten, den Fluß zu durchschwimmen und in ihm ertrinken zu dürfen, obgleich der Übergang nur eine halbe Werst entfernt war. Als der Adjutant zurückgekehrt war und sich in einem günstigen Augenblick erlaubte, die Aufmerksamkeit des Kaisers auf die ihm persönlich geltende Ergebenheit der Polen zu lenken, stand der kleine Mann im grauen Oberrock auf, rief Berthier zu sich heran, ging mit ihm am Ufer des Flusses auf und ab und erteilte ihm Befehle, wobei er ab und zu einen mißmutigen Blick auf die ertrinkenden Ulanen warf, die nur seine Aufmerksamkeit ablenkten.

Es war für ihn nichts Neues, mit anzusehen, wie seine Gegenwart an allen Enden der Welt, von Afrika bis zu den Steppen Rußlands, alle Menschen berauschte und zu sinnloser Selbstaufopferung trieb. Er ließ sich sein Pferd bringen und ritt in sein Quartier.

Gegen vierzig Ulanen ertranken in dem Fluß, obgleich man ihnen Boote zu Hilfe schickte. Die meisten wurden an das Ufer, das sie soeben verlassen hatten, zurückgetrieben. Der Oberst und nur wenige Mann durchquerten den Fluß und krochen mühselig auf der anderen Seite die Uferböschung hinauf. Aber kaum hatten sie in ihren durchnäßten Uniformen, von denen das Wasser in Bächen ablief, das Ufer erklommen, als sie schon wieder »Vivat!« schrien und begeistert nach der Stelle hinübersahen, wo Napoleon gestanden hatte. Der aber war gar nicht mehr da. Trotzdem waren sie in diesem Augenblick glückselig.

Gegen Abend traf Napoleon zwischen zwei Verfügungen – die eine betraf die beschleunigte Herbeischaffung der im voraus angefertigten, gefälschten russischen Banknoten, um sie in Rußland in Umlauf setzen zu können, und die andere die an einem Sachsen durch Erschießen zu vollstreckende Todesstrafe, weil man einen Brief von ihm mit Angaben über die Pläne der französischen Armee aufgefangen hatte – noch eine dritte Verfügung: der polnische Oberst, der sich so zwecklos in den Fluß gestürzt hatte, wurde in die légion d’honneur aufgenommen, an deren Spitze Napoleon selber stand.

Quos Deus perdere vult, dementat.

3

Inzwischen weilte der russische Kaiser schon über vier Wochen in Wilna, wo er Besichtigungen und Manöver abhielt. Nichts war fertig für den Krieg, den alle erwarteten und zu dessen Vorbereitungen der Kaiser selbst aus Petersburg hergekommen war. Man hatte nicht einmal einen allgemeinen Operationsplan. Nach dem vierwöchigen Aufenthalt des Kaisers im Hauptquartier war das Schwanken, welchen von all den vorliegenden Plänen man wählen sollte, noch heftiger geworden. Jede der drei Armeen hatte ihren eigenen Oberkommandierenden, aber einen gemeinsamen Oberbefehlshaber über alle Armeen gab es nicht, und der Kaiser selbst wollte dieses Amt nicht übernehmen.

Je länger der Kaiser in Wilna verweilte, um so weniger Fortschritte machten die Kriegsvorbereitungen, man war bereits vom Warten müde. Das ganze Bestreben all der Leute, die den Kaiser umgaben, schien nur darauf gerichtet zu sein, ihm die Zeit so angenehm wie möglich zu vertreiben und ihn den bevorstehenden Krieg vergessen zu machen.

Nach den zahlreichen Bällen und Festessen bei den polnischen Magnaten, den Mitgliedern des Hofes und dem Kaiser selber kam einem der polnischen Generaladjutanten im Juni der Gedanke, dem Kaiser im Namen aller seiner Generaladjutanten ein Festessen und einen Ball zu veranstalten. Dieser Gedanke wurde von allen mit Begeisterung aufgenommen. Auch der Kaiser gab seine Zustimmung. Das Geld sammelten die Generaladjutanten durch eine Subskriptionsliste. Eine Dame, der der Kaiser sehr gewogen sein sollte, wurde aufgefordert, auf dem Ball die Wirtin zu spielen. Graf Bennigsen, der im Gouvernement Wilna seine Güter besaß, stellte seine vor der Stadt gelegene Besitzung für diesen Festtag zur Verfügung, und so sollte denn am 12. Juni der Ball, das Festessen, eine Kahnfahrt und Feuerwerk in Sakret, dem Landsitz Bennigsens, stattfinden.

Am selben Tag, an dem Napoleon den Befehl zum Überschreiten des Njemen gegeben hatte und seine Vorhut die Kosaken verdrängte und die russische Grenze überschritt, verlebte Alexander den Abend auf Bennigsens Landhaus, auf dem Ball, den ihm seine Generaladjutanten gaben. Es war ein lustiges, glänzendes Fest. Sachkenner haben behauptet, es seien selten so viele schöne Frauen auf einem Platz versammelt gewesen. Auch die Gräfin Besuchowa, die mit anderen russischen Damen dem Kaiser aus Petersburg nach Wilna gefolgt war, nahm an diesem Ball teil und stellte durch ihre üppige, echt russische Schönheit die zierlichen polnischen Damen in den Schatten. Sie erregte die allgemeine Aufmerksamkeit, und der Kaiser würdigte sie eines Tanzes.

Auch Boris Drubezkoj nahm, da er seine Frau in Moskau gelassen hatte, wie er sagte, »en garçon« an dem Ball teil und hatte, obgleich er nicht Generaladjutant war, eine große Summe für dieses Fest gezeichnet. Er war jetzt ein reicher Mann, der es zu hohen Ehren gebracht hatte, keine Protektion mehr zu suchen brauchte und mit den angesehensten seiner Altersgenossen auf gleichem Fuße stand. In Wilna traf er Helene, die er lange nicht gesehen hatte, rührte jedoch nicht an das Vergangene, und da Helene die Gunst einer sehr einflußreichen Persönlichkeit genoß und Boris jungverheiratet war, begegneten sie einander wie gute alte Freunde.

Um zwölf Uhr nachts wurde noch getanzt. Helene, die gerade keinen würdigen Partner gefunden hatte, forderte Boris selber zu einer Masurka auf. Sie saßen als drittes Paar vorn. Boris betrachtete kaltblütig Helenes glänzende, nackte Schultern, die sich aus der dunklen, goldgestickten Gaze-Robe heraushoben, und erzählte von alten Bekannten, ließ aber dabei, ohne daß er selber und andere es merkten, den Kaiser, der sich im selben Saal befand, nicht einen Augenblick aus den Augen. Der Kaiser tanzte nicht. Er stand in der Tür und hielt mit jenen liebenswürdigen Worten, die nur er zu sagen verstand, bald diesen, bald jenen an.

Als die Masurka begann, sah Boris, wie der Generaladjutant Balaschew, eine Persönlichkeit, die dem Kaiser sehr nahestand, auf diesen zutrat und ganz gegen die Hofsitte dicht neben ihm stehenblieb, obgleich der Kaiser mit einer polnischen Dame sprach. Nachdem der Kaiser noch ein paar Worte zu der Dame gesagt hatte, sah er sich fragend um, begriff anscheinend, daß Balaschew nur stehengeblieben war, weil er einen wichtigen Grund hatte, nickte der Dame leicht zu und wandte sich an Balaschew. Kaum hatte dieser zu reden angefangen, als sich auf dem Gesicht des Kaisers ein sichtliches Staunen ausprägte. Er nahm Balaschews Arm und schritt mit ihm durch den Saal, wobei er sich, ohne es gewahr zu werden, dadurch, daß alle vor ihm beiseite traten, einen etwa sechs Meter breiten Weg bahnte. Im selben Augenblick, als der Kaiser mit Balaschew durch den Saal ging, bemerkte Boris, wie Araktschejew in Aufregung geriet. Er schielte zum Kaiser hinüber, schnaufte durch seine rote Nase und schob sich durch die Menge, als erwarte er, daß sich der Kaiser an ihn wende. Boris begriff, daß Araktschejew auf Balaschew neidisch und ungehalten darüber war, daß irgendeine anscheinend sehr wichtige Neuigkeit dem Kaiser nicht zuerst durch ihn mitgeteilt wurde.

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