Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Alles, o Gott der Verzeihung, verzeihe und vergib uns, sühne uns.
Montesa bat um Vergebung, und erschrocken erkannte Jona, daß es der zehnte Tag des hebräischen Monats Tischri sein mußte, Jom Kippur, der Tag der Versöhnung. Am liebsten hätte er in Montesas Gebete mit eingestimmt, aber die Tür zum Amtszimmer des alguacil stand offen, und er konnte Isidoros laute und Pacos unterwürfige Stimme hören, und so fegte er nur um den
Betenden herum und verschloß die Tür wieder, nachdem er die Zelle verlassen hatte.
An diesem Tag aßen alle Gefangenen die Grütze, die er in die Zellen brachte, bis auf Montesa, der das strikte Fastengebot dieses hohen Festtages befolgte. Auch Jona aß nichts, er war froh um diese Gelegenheit, sein Judentum ohne Gefahr ausüben zu können. So erhielt Mose sowohl seine als auch Montesas Grütze.
In der Nacht, als er schlaflos auf dem harten Boden des Verhörzimmers lag, bat Jona Gott um Vergebung für seine Sünden und für alle Kränkungen und Verletzungen, die er jenen beigebracht hatte, die er liebte, und jenen, die er nicht liebte. Er sagte das Kaddisch und dann das Schema auf und bat den Allmächtigen, er möge Eleasar und Aaron und Juana beschützen, und dann fragte er sich, ob sie überhaupt noch lebten.
Da er erkannte, daß er den jüdischen Kalender bald vergessen würde, wenn er nichts dagegen unternahm, beschloß er, sich die hebräische Jahreseinteilung vorzusagen, wann immer er eine Gelegenheit dazu hatte. Er wußte, daß fünf Monate - Tischri, Sche-wat, Nissan, Siwan und Aw - dreißig Tage hatten, die übrigen sieben - Cheschwan, Kislew, Tewet, Adar, Ijar, Tammus und Elul -dagegen neunundzwanzig.
Zu gewissen Zeiten, in den Schaltjahren, wurden Tage hinzugefügt. Darüber wußte er allerdings nicht genau Bescheid. Abba hatte immer genau gewußt, was für ein Tag gerade war...
Ich bin nicht Tomas Martin, dachte er schläfrig. Ich bin Jona Toledano. Mein Vater war Helkias ben Ruben Toledano. Wir sind vom Stamme Levi. Heute ist der zehnte Tag des Monats Tischri im Jahr fünftausendzweihundertdreiundfünfzig...
4. KAPITEL
DAS AUTODAFE
Für die Gefangenen begann ein neuer Abschnitt, als eines Morgens Wachen kamen, Espina Ketten anlegten und ihn in einem Karren zum Verhör vor die Inquisition brachten. Es war Nacht, als sie ihn zurückbrachten, beide Daumen ausgerenkt, zerstört von der Folter mit der Schraube. Jona brachte ihm Wasser, er aber lag, das Gesicht zur Wand, auf dem Boden seiner Zelle. Am Morgen ging Jona noch einmal zu ihm. »Wie kommt's, daß Ihr hier seid?« flüsterte er. »In Toledo kannten wir Euch als Christen von ganzem Herzen.«
»Ich bin ein Christ von ganzem Herzen.« »Aber... warum haben sie Euch dann gefoltert?« Espina schwieg eine Weile. »Was wissen die denn schon von Jesus?« sagte er schließlich.
Immer wieder kamen die Männer mit dem Karren und brachten die Gefangenen einen nach dem anderen weg. Juan Peropan kehrte mit gebrochenem linkem Arm vom Verhör zurück, man hatte ihn auf das Rad geflochten. Das genügte, um seine Frau Isabel zu brechen. Bei ihrem Verhör entging sie der Folter, indem sie alles gestand, was ihre Befrager ihr vorhielten.
Jona mußte dem alguacil Wein auftragen, als der eben zwei Freunden die Einzelheiten von Isabels Geständnis schilderte.
»Sie schob die ganze Schuld auf ihren Gatten. Juan Peropan habe nie aufgehört, Jude zu sein, sagt sie, nie, nie! Er habe sie gezwungen, koscheres Fleisch und Geflügel zu kaufen, sie gezwungen, unheiligen Gebeten zu lauschen und sie selbst aufzusagen, sie gezwungen, sie ihre Kinder zu lehren.«
Außerdem habe sie Zeugnis abgelegt gegen jeden der Gefangenen, die des Judaisierens angeklagt seien, und so die Vorwürfe gegen sie erhärtet.
Isidoro Alvarez sagte, sie habe sogar gegen den Arzt ausgesagt, obwohl sie ihn gar nicht kenne. Angeblich hatte er ihr gestanden, den Bund Abrahams erfüllt zu haben, indem er an achtunddreißig jüdischen Knaben die rituelle Beschneidung durchführte.
Die Verhöre der einzelnen Gefangenen dauerten einige Tage. Dann wurde eines Morgens auf dem Balkon des Offiziums der Inquisition ein rotes Banner aufgezogen zum Zeichen dafür, daß in Kürze bei einem Autodafe die Todesstrafen vollzogen würden.
Nachdem nun alle Hoffnung zerstört war, zeigte Bernardo Espina sich sehr begierig, von Toledo zu sprechen.
Jona traute ihm instinktiv. Als er eines Nachmittags den Boden des Korridors fegte, hielt er vor Espinas Zelle inne, und die beiden unterhielten sich. Jona berichtete, wie sein Vater zum leeren Haus der Espinas gegangen war und dann zur Abtei zur Himmelfahrt Mariä, nur um diese ebenfalls verlassen zu finden.
Espina nickte. Es schien ihn nicht zu überraschen, daß man die Abtei zur Himmelfahrt Mariä aufgegeben hatte. »Eines Morgens wurden Fray Julio Perez, der Mesner, und zwei bewaffnete Wachen ermordet vor der Kapelle gefunden. Und die Reliquie der Santa Ana fehlte. Es gibt hier tiefe Unterströmungen in der Kirche, junger Toledano, die grausam genug sind, um Leute wie dich und mich bedenkenlos zu verschlingen. Rodrigo Kardinal Lancol ist kürzlich unser neuer Oberhirte geworden, Papst Alexander VI. Seine Heiligkeit hat es sicher nicht einfach so hinge-nommen, daß eine Abtei eine so heilige Reliquie abhanden kommen läßt. Die Mönche wurden bestimmt über den ganzen Hieronymiten-Orden verstreut.«
»Und Prior Sebastian?«
»Du kannst sicher sein, daß er kein Prior mehr ist und an einen Ort geschickt wurde, wo er sein Priesteramt unter widrigen Umständen ausüben muß«, entgegnete Espina. Dann lächelte er bitter. »Vielleicht haben die Diebe die Reliquie mit dem Ziborium vereinigt, das dein Vater angefertigt hat.«
»Was sind das für Männer, die die Sünde eines Mordes begehen, um einen heiligen Gegenstand zu stehlen?« fragte Jona, und Espina lächelte müde.
»Unheilige Männer, die sich selbst den Anschein der Heiligkeit geben. In der ganzen Christenheit haben die Frommen immer viel Glauben und Hoffnung in Reliquien gesetzt. Es gibt einen umfangreichen und ertragreichen Handel mit solchen Dingen und tödliche Kämpfe um sie.«
Espina erzählte nun, wie Padre Sebastian ihn beauftragt hatte, die Umstände des Mordes an Meir zu untersuchen. Es war schwer für Jona zu hören, was der Arzt am Schauplatz des Mordes an Meir herausgefunden hatte, und dann berichtete Espina von seinem Verhör durch Fray Bonestruca, den Inquisitor.
»Bonestruca? Der mit dem Buckel? Ich habe erfahren, daß es Bonestruca war, der den Pöbel aufgehetzt und zu meinem Vater geschickt hat. Und auch ich selbst habe diesen Bonestruca schon einmal gesehen«, sagte Jona.
»Er hat ein merkwürdig schönes Gesicht, nicht wahr?« erwiderte Espina. »Aber seine Seele muß eine schwerere Last tragen als diesen Buckel auf seinem Rücken. Ein Mann wie er vernichtet bereitwillig jeden, der etwas erfährt, das ihn in Schwierigkeiten bringen könnte. Als ich nach dem Verhör wieder freigelassen wurde, wußte ich, daß ich weggehen mußte, sonst würde er mich wieder verhaften lassen, und diesmal endgültig. Ich bereitete eben die Abreise vor, als Padre Sebastian nach mir schickte. Als der Prior mir sagte, daß die Reliquie verschwunden sei, war es, als hätte der Wahnsinn ihn gepackt. Er weinte. Er trug mir auf, die Reliquie wiederzubeschaffen, als stünde das in meiner Macht, wenn ich es nur wollte. Er zeterte über die Unglaublichkeit des Verbrechens und flehte mich an, alles zu tun, um die zu finden, die ihm so grausam mitgespielt hatten.«