Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Das Gefängnis war ein langes und schmales Steingebäude. An einem Ende befand sich das Amtszimmer des alguacil und am anderen ein Verhörzimmer. Zu beiden Seiten des Korridors zwischen den Zimmern lagen winzige Zellen. In den meisten Zellen lag jemand zusammengerollt auf dem Steinboden des beengten Raums oder lehnte an der Wand.
Isidoro Alvarez hatte Jona gesagt, daß zu seinen Gefangenen drei Diebe, ein Mörder, ein Säufer, zwei Wegelagerer und elf Neue Christen gehörten, die angeklagt waren, insgeheim immer noch Juden zu sein.
Ein Wachposten mit Schwert und Knüppel saß schläfrig auf einem Hocker im Gang. »Das ist Paco«, sagte der alguacil zu Jona und murmelte dann dem Posten zu: »Der da ist Tomas.« Dann ging er in sein Amtszimmer und schloß die Tür hinter sich zu, damit der gewaltige Gestank draußen blieb.
Entmutigt erkannte Jona, daß jeder Versuch, diesen Ort zu reinigen, mit den bis zum Überlaufen vollen Koteimern beginnen mußte, und so bat er Paco, die erste Zelle aufzuschließen, in der eine Frau mit leerem Blick teilnahmslos zusah, wie er ihren Eimer nahm.
Als er Mose hinter dem Gefängnis angebunden hatte, war ihm ein Spaten aufgefallen, der an der Wand hing, und den nahm er jetzt und suchte sich eine sandige Stelle, wo er ein tiefes Loch grub. Er kippte die stinkenden Exkremente in das Loch, füllte dann den Eimer zweimal mit Sand und leerte ihn darüber. In der Nähe stand ein Baum mit großen, herzförmigen Blättern, mit denen er den Eimer auswischte, und dann spülte er ihn in dem Rinnsal eines nahen Grabens, bevor er ihn in die Zelle zurücktrug.
So säuberte er die Eimer in fünf Zellen, und sein Mitleid wurde immer größer, denn der Zustand der Insassen war erbärmlich. Als die Tür zur sechsten Zelle geöffnet wurde, ging er hinein und hielt einen Augenblick inne, bevor er den Eimer in die Hand nahm. Der Gefangene war ein schlanker Mann. Wie bei den andern Männern wucherten auch bei ihm Haare und Bart unge-stutzt, dennoch glaubte Jona in seinem Gesicht vertraute Züge wiederzuerkennen.
Der Posten grunzte verärgert, weil er an der geöffneten Tür warten mußte, und Jona nahm den Koteimer und trug ihn nach draußen.
Erst als er mit dem gereinigten Eimer in die Zelle zurückkehrte und sich das Gesicht vorstellte, wie es mit geschnittenen Haaren und ordentlich gestutztem Bart aussehen mochte, traf ihn die Erinnerung wie ein Schlag. Es war das Bild seiner sterbenden Mutter und des Mannes, der viele Wochen lang täglich zu ihnen gekommen war, um sich über Esther Toledano zu beugen und ihr Medizin einzuflößen.
Der Gefangene war Bernardo Espina, der ehemalige Arzt von Toledo.
3. KAPITEL
DER FESTTAG
Nachts schlief Jona auf dem Steinboden des Verhörzimmers. Einmal am Tag holte er Essen, das die Frau von Gato, der Nachtwache, kochte, und gab es den Gefangenen. Er aß, was sie aßen, und gab manchmal sogar seine Portion an Mose ab, um dessen karge Kost aus unkrautreichem Gras etwas aufzubessern. Insgeheim aber wartete er auf eine günstige Zeit zur Flucht. Paco sagte, daß es bald ein großes Autodafe geben werde, das viele Leute in die Stadt lockte. Das schien Jona ein guter Zeitpunkt zu sein.
Unterdessen hielt er das Gefängnis sauber, und da Isidoro mit seiner Arbeit zufrieden war, ließ er ihn in Ruhe. In seinen ersten Tagen wurden die Diebe von Paco und Gato kräftig verprügelt und dann freigelassen. Auch der Säufer wurde freigelassen, nur um drei Tage später betrunken und wild schreiend in eine andere Zelle einzuziehen.
Mit der Zeit erfuhr Jona aus den gemurmelten Flüchen und Unterhaltungen zwischen Isidoro und seinen Männern, welche Verbrechen man einigen der Neuen Christen zur Last legte. Ein Fleischer namens Isaak de Montesa wurde beschuldigt, nach jüdischem Ritus geschlachtetes Fleisch verkauft zu haben. Vier anderen warf man vor, bei ebendiesem Montesa regelmäßig Kunden gewesen zu sein. Juan Peropan war eingesperrt, weil er Papiere mit jüdischen Gebeten besessen habe, und seine Frau
Isabel, weil sie freiwillig an jüdischen Riten teilgenommen habe. Nachbarn von Ana Montalban hatten beobachtet, daß sie den sechsten Tag der Woche als Ruhetag nutzte, sich jeden Freitag vor Sonnenuntergang wusch und während des jüdischen Sabbats saubere Kleider trug.
Nach einer Weile wurde Jona sich der Blicke des Arztes aus Toledo bewußt, die ihm folgten, sooft er in der Nähe seiner Zelle arbeitete.
Eines Morgens, als er gerade in dessen Zelle zu tun hatte, sprach der Gefangene ihn schließlich an. »Warum nennt man dich Tomas?«
»Wie sollte man mich sonst nennen?«
»Du bist ein Toledano, ich erinnere mich nur nicht mehr, welcher.«
Ihr wißt, daß ich nicht Meir bin, hätte Jona am liebsten gesagt, aber er traute sich nicht. Dieser Arzt konnte ihn als Gegenleistung für ein mildes Urteil an die Inquisition verraten, oder etwa nicht?
»Ach, da irrt Ihr Euch, Senor«, sagte er, fegte zu Ende und verließ die Zelle.
Einige Tage vergingen ohne weiteren Vorfall. Der Arzt brachte viel Zeit mit seinem Gebetbuch zu und starrte Jona nicht länger an. Jona bekam den Eindruck, daß der Mann, wenn er ihn hätte verraten wollen, es schon längst getan hätte.
Von all den Gefangenen war der Fleischer Isaak de Montesa der trotzigste. Oft brüllte er Segenssprüche und Gebete in Hebräisch und schleuderte sein Judentum seinen Häschern ins Gesicht. Die anderen Beschuldigten waren stiller, beinahe teilnahmslos in ihrer Verzweiflung.
Jona wartete, bis er wieder einmal in Espinas Zelle stand. »Ich bin Jona Toledano, Senor.«
Espina nickte. »Dein Vater Helkias... Ist er geflohen?«
Jona schüttelte den Kopf. »Ermordet«, sagte er, doch dann kam Paco, um ihn wieder herauszulassen und die Zelle abzuschließen, und sie verstummten.
Paco war ein fauler Mann, der, den Stuhl gegen die Wand gekippt, döste, wenn Isidoro nicht in der Nähe war. Zu solchen Zeiten war er sehr unwirsch, wenn Jona ihn bat, die Zellen aufzuschließen, und schließlich gab er Jona den Schlüssel und sagte ihm, er solle es selber tun.
Jona kehrte sehr gespannt in die Zelle des Arztes zurück, aber zu seiner Enttäuschung wollte Espina nicht weiterreden, sondern hielt den Blick starr auf die Seiten seines Gebetbuchs gesenkt.
Als Jona Isaak de Montesas Zelle betrat, stand der Fleischer schwankend da, die Kutte über den Kopf gezogen wie einen Gebetsmantel. Er sang laut, und Jona sog gierig den Klang des Hebräischen ein und lauschte den Worten:
Die Sünde, die wir vor dir begangen haben durch Unzucht,
Und die Sünde, die wir vor dir begangen haben durch das
Bekenntnis mit dem Mund,
Und die Sünde, die wir vor dir begangen haben freventlich
oder aus Versehen,
Und die Sünde, die wir vor dir begangen haben wissend oder
unwissend,