Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Das Gut war kein bequemer Zufluchtsort. Die schwere Arbeit brachte nur ein paar elende Sueldo ein und nahm jede Minute des Tageslichts in Anspruch. Aber es gab Brot und Zwiebeln, und manchmal Grütze oder eine dünne Suppe. Nachts träumte Jona gelegentlich von Lucia Martin, öfters aber von dem Fleisch, das er, ohne je darüber nachzudenken, im Haus seines Vaters gegessen hatte, gebratenen Hammel und Zicklein, und an jedem Sabbatabend geschmortes Geflügel. Sein Körper verlangte nach Fett, schrie nach Fett.
Als das Wetter kühler wurde, wurden auf der Farm Schweine geschlachtet, und die Abfälle und schlechteren Fleischstücke wurden den Arbeitern hingeworfen, die sich gierig darauf stürzten. Jona wußte, daß er das Schweinefleisch essen mußte; es nicht zu tun wäre sein Untergang gewesen. Und zu seinem großen Entsetzen stellte er fest, daß die rosigen Schnipsel ihm sehr gut schmeckten. So sagte er stumm einen Segensspruch für Fleisch über den Schweineabfällen auf, und während er sich noch fragte, was er da tat, wußte er zugleich, daß er verdammt war.
Das alles machte seine Einsamkeit und Verzweiflung noch schlimmer. Er sehnte sich nach einer menschlichen Stimme, die Ladino oder Hebräisch mit ihm sprach. Jeden Morgen und jeden Abend sagte er das Trauerkaddisch auf und ließ die Worte danach noch lange auf sich wirken. Manchmal sang er bei der Arbeit auch stumm Sätze aus der Schrift oder die Segenssprüche und Gebete, die bis vor kurzem noch sein Leben bestimmt hatten.
Er war bereits sieben Wochen auf dem Hof, als die Soldaten zurückkehrten. Seit er andere über sie hatte reden hören, wußte er, daß sie zur Santa Hermandad, zur Heiligen Bruderschaft, gehörten, einem Verband örtlicher Milizen, die der spanische Thron zu einer landesweiten Polizeitruppe zusammengeschlossen hatte.
Am frühen Nachmittag schnitt er eben Gestrüpp, als plötzlich Capitan Astruells vor ihm stand.
»Was! Du bist immer noch da?« fragte der Capitan, und Jona konnte nur nicken.
Kurze Zeit später sah er Astruells im Gespräch mit dem Gutsverwalter Jose Galindo, und die beiden Männer starrten zu ihm herüber.
Der Anblick ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Jona wußte, was geschehen würde, wenn der Offizier anfing, Nachforschungen anzustellen.
Den Tag beendete er in einem Miasma der Furcht. Als die Nacht hereinbrach, führte er seinen Esel hinaus in die Dunkelheit. Es standen ihm noch einige Münzen für seine Arbeit zu, aber er verzichtete darauf und nahm statt dessen die kaputte Hacke mit.
Sobald er sich sicher genug wähnte, bestieg er den Esel und ritt davon.
Nachdem der Esel so lange hatte Gras weiden dürfen, war seine Verdauung deutlich besser geworden. Das Tier bewegte sich so gleichmäßig und war so fügsam, daß Jona es endgültig ins Herz schloß.
»Du mußt einen Namen haben«, sagte er und tätschelte ihm den Hals.
Nach langer und reiflicher Überlegung entschied Jona sich für zwei Namen.
Für sich und in der Dunkelheit der Nacht wollte er das gute und treue Tier Mose nennen, zu Ehren von zwei Männern: des einen, der die Hebräer aus der ägyptischen Gefangenschaft geführt hatte, und zu Ehren von Mose ben Maimon, dem großen Philosophen und Arzt.
»Und in Gegenwart von anderen will ich dich Pedro nennen«, vertraute er dem Esel an.
Es waren durchaus passende Namen für den Begleiter eines Jungen, der ebenfalls mehrere Namen hatte.
Vorsichtig wie bei seiner ersten Etappe ritt er zwei Nächte lang nur in der Dunkelheit und suchte sich bei Tageslicht Verstecke für Mose und sich selbst. Die Trauben in den Weingärten am Wegesrand waren reif, und jeden Abend aß er mehrere Büschel davon, die sehr gut waren, nur daß anstelle des Esels nun ihn die Winde plagten. Sein Magen knurrte ständig, seine Eingeweide verlangten nach fester Nahrung.
Am dritten Morgen zeigte ein Wegweiser westwärts nach Gua-dalupe und südwärts nach Ciudad Real. Da er Capitan Astruells gesagt hatte, sein Ziel sei Guadalupe, wagte er nicht, dorthin zu reiten, und lenkte seinen Esel auf die südliche Abzweigung.
Es war Markttag in Ciudad Real, und in der Stadt wimmelte es von Menschen. Die Menge ist so dicht, daß niemand sich über die Anwesenheit eines Fremden Gedanken machen wird, dachte Jona, obwohl einige Leute ihn anstarrten und grinsten über den
Anblick des schlaksigen jungen Mannes auf einem Esel, der so klein war, daß die Füße des Reiters beinahe über den Boden schleiften.
Als Jona auf der plaza mayor bei einem Käser vorbeikam, konnte er nicht widerstehen und opferte eine kostbare Münze für einen kleinen Käse, den er hungrig verschlang, obwohl er längst nicht so gut schmeckte wie die Käse, die sein Onkel Aaron gemacht hatte.
»Ich suche eine Anstellung, Senor«, sagte er hoffnungsvoll.
Doch der Käser schüttelte den Kopf. »Soso. Aber ich kann niemand anstellen!« Doch dann rief er bedeutungsvoll einem in der Nähe stehenden Mann zu: »Vogt, hier ist ein junger Mann, der Arbeit sucht.«
Der Mann, der nun heranstolziert kam, war klein und hatte einen sehr dicken Bauch. Seine wenigen Haare klebten ihm fettig am Schädel.
»Ich bin Isidoro Alvarez, der alguacil dieser Stadt.«
»Ich bin Tomas Martin. Ich suche Arbeit, Senor.«
»Oh, ich habe Arbeit... Ja, die habe ich wirklich. Was hast du bis jetzt getan?«
»Ich warpeon auf einem Gut in der Nähe von Toledo.«
»Was hat man auf diesem Gut angebaut?«
»Zwiebeln und Getreide. Und es gab auch eine Herde Milchziegen.«
»Mein Stall ist anders bestückt. Ich halte Verbrecher und verdiene mein Brot damit, daß ich sie vor der Sonne und dem Regen bewahre«, sagte er, und der Käser lachte schallend. »Ich brauche jemand, der das Gefängnis putzt, die duftenden Scheißekübel meiner Übeltäter ausleert und ihnen ab und zu ein wenig Essen hinwirft, damit sie nicht verhungern, solange sie in meiner Obhut sind. Kannst du das, junger peon ?«
Es waren nicht gerade verlockende Aussichten, aber die kleinen braunen Augen des alguacil wirkten fröhlich und zugleich gefährlich. In der Nähe kicherte jemand. Jona spürte, daß die Leute nur auf eine Belustigung warteten, und er wußte, man würde ihm nicht gestatten, das Angebot höflich abzulehnen und weiterzureiten.
»Ja, Senor, das kann ich.«
»Na, dann mußt du mit mir zum Gefängnis kommen, damit du sofort damit anfangen kannst«, sagte der alguacil.
Als Jona dem Mann folgte, stellten sich ihm die Nackenhaare auf, denn er hörte, wie der grinsende Käser einem anderen berichtete, Isidoro habe endlich einen Wärter für die Juden gefunden.