Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Es war ein Spähtrupp, sieben Soldaten mit ihrem Offizier, grimmig dreinblickende Männer, die mit Piken und Kurzschwertern bewaffnet waren. Einer der Soldaten saß ab und pinkelte laut in den Graben.
Der Offizier musterte Jona. »Wie nennt man dich, Junge?«
Jona bemühte sich, nicht zu zittern. In seiner Angst klammerte er sich an den Namen, den er in Toledo noch ausgeschlagen hatte. »Ich bin Tomas Martin, Euer Exzellenz.«
»Wo ist dein Zuhause?«
Bestimmt hatten die Feldarbeiter diesen Männern verraten, daß sie einen Fremdling gesehen hatten. »Im Augenblick komme ich aus Cuenca«, sagte Jona.
»Und hast du auf deinem Ritt von Cuenca Juden gesehen?«
»Nein, Euer Exzellenz. Keine Juden«, erwiderte Jona, der seine Angst zu verbergen suchte.
Der Offizier lächelte. »Und wir auch nicht, obwohl wir suchen. Jetzt sind wir sie endlich los. Sie sind entweder geflohen oder konvertiert oder in Fesseln geschlagen.«
»Sollen sich die anderen mit ihnen herumärgern«, sagte der abgesessene Soldat, der Pinkler. »Die verdammten Portugiesen werden ihre helle Freude an ihnen haben. Schon jetzt sind sie in Portugal die reinste Plage, so viele, daß man sie dort erschlägt wie Ungeziefer.« Er kicherte und schüttelte sein Glied.
»Was ist dein Ziel?« fragte der Offizier beiläufig.
»Ich bin unterwegs nach Guadalupe«, sagte Jona.
»Ah, eine weite Reise. Was gibt es in Guadalupe?«
»Ich gehe dorthin... auf der Suche nach dem Bruder meines Vater, Enrique Martin.« Das Lügen war gar nicht schwer, das merkte er nun. Und um noch eins draufzusetzen, fügte er hinzu, daß er Cuenca verlassen habe, weil sein Vater im Jahr davor als Soldat im Kampf gegen die Mauren gefallen sei.
Die Züge des Offiziers wurden weicher. »Ein Soldatenschicksal... Du siehst kräftig aus. Willst du arbeiten, damit du dir auf der Reise nach Guadalupe Essen kaufen kannst?«
»Essen wäre sehr gut, Euer Exzellenz.«
»Auf dem Gut von Don Luis Carnero de Palma braucht man kräftige junge Arbeiter. Es ist der nächste Hof an dieser Straße. Sag Jose Galindo, daß Capitan Astruells dich schickt«, sagte der Offizier.
»Ich danke Euch sehr, Capitan!«
Der Pinkler kletterte wieder in den Sattel, und die Männer rit-ten davon, während Jona ihnen erleichtert nachsah und ihren Staub schluckte.
Der Hof, von dem der Capitan gesprochen hatte, war sehr groß, und schon von der Straße aus sah Jona, daß hier viele Arbeiter ihr Brot verdienten. Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß er vielleicht doch nicht vorbeireiten sollte, wie es seine Absicht gewesen war; immerhin hatten die hiesigen Soldaten ihm seine Geschichte abgenommen, während man sich in anderen Landstrichen - zu seinem Schaden - als mißtrauischer erweisen könnte.
Kurz entschlossen lenkte er seinen Esel auf den Zuweg.
Jose Galindo stellte ihm keine Fragen, nachdem er den Namen von Capitan Astruells gehört hatte, und schon bald darauf stand Jona in einer trockenen, von Steinen übersäten Ecke eines Zwiebelfeldes und jätete mit einer Hacke Unkraut.
Am späten Vormittag zerrte ein Mann mit dünnen, sehnigen Armen einen kleinen Karren über das Feld, wie ein Pferd, das einen Wagen zog, und blieb bei jeder Gruppe stehen, um an die Arbeiter eine Schüssel mit dünner Grütze und einen Ranken grobes Brot zu verteilen.
Jona aß so schnell, daß er kaum etwas schmeckte. Das Essen besänftigte seinen Bauch, aber er mußte auch sofort pinkeln. Hin und wieder ging einer der Männer zu dem Graben am Rand des Feldes, um sich zu erleichtern, aber Jona, der an seinen beschnittenen Penis, sein jüdisches Erkennungszeichen, dachte, hielt den Urin so lange zurück, bis er, zitternd vor Schmerz und Angst, nicht mehr anders konnte, als zum Graben zu gehen und sich zu erleichtern. Er versuchte, seine Eichel mit der Hand zu verdecken, während seine Blase sich entleerte. Aber niemand sah zu ihm herüber, und so pinkelte er zu Ende und kehrte zu seiner Hacke zurück.
Die Sonne brannte heiß.
Wo waren alle, die er kannte?
Was geschah mit ihm?
Er arbeitete wie ein Besessener und bemühte sich, nicht nachzudenken, während er zuschlug, als wäre die Hacke das Schwert Davids und das Unkraut die Philister. Oder als wäre das Unkraut die Männer des Inquisitors, die seiner Vorstellung nach ganz Spanien durchstreiften, einzig und allein auf der Suche nach ihm.
Nach drei Tagen harter Arbeit auf diesem Hof erkannte er, schmutzig und erschöpft, daß es der zweite August war. Der neunte Tag des Aw. Der Tag der Zerstörung des Tempels in Jerusalem war der letzte Tag der Ausreisefrist für die spanischen Juden. Er verbrachte den Rest des Tages neben der Arbeit im stillen Gebet, und immer wieder schickte er seine Bitten zu Gott, daß Eleasar und Aaron und Juana nun schon auf hoher See in Sicherheit seien und sich weiter und weiter von diesem Ort entfernten.
2. KAPITEL
DER GEFANGENE
Iona war als Stadtjunge aufgewachsen. Dennoch vertraut mit den Verrichtungen auf den Bauernhöfen Toledos, hatte er hin und wieder die Ziegen seines Onkels Aaron gemolken, die Herde gefüttert und gehütet und bei der Heuernte oder beim Schlachten oder Käsen geholfen. Auch war er stark, groß für sein Alter und beinahe voll ausgewachsen. Aber noch nie hatte er die tägliche Mühsal unerbittlicher Arbeit erlebt, die ein bäuerliches Leben auf dem Lande bestimmt, und in den ersten Wochen auf dem Gut Carnero de Palmas schmerzten jeden Abend seine Glieder und wehrten sich gegen die ungewohnte Belastung. Die jüngeren Männer wurden geschunden wie Ochsen, man gab ihnen die Arbeiten, die für jene zu schwer waren, deren Kräfte von Jahren ähnlicher Plackerei bereits aufgezehrt waren. Doch Jonas Muskeln wuchsen und wurden hart, die Sonne bräunte sein Gesicht, und bald sah er aus wie die anderen Arbeiter.
Er war mißtrauisch gegen jeden und fürchtete sich vor allem, denn er wußte um die Gefahr, in der er lebte; er hatte sogar Angst, daß man ihm seinen Esel stahl. Nachts, wenn er neben dem Tier in einem Winkel der großen Scheune schlief, ergriff ihn manchmal das merkwürdige Gefühl, daß der Esel ihn beschützte wie ein Wachhund.
Die peones schienen zufrieden zu sein mit ihren Tagen voll schwerer Arbeit. Jedes Alter war unter ihnen vertreten: Es gab Jungen in Jonas Alter, es gab reife, kräftige Männer, aber auch Greise, die ihre letzten Kräfte aufbrauchten. Jona war und blieb ein Fremdling. Er redete mit keinem, und keiner redete mit ihm, außer um ihm zu sagen, wo er arbeiten sollte. Auf dem Feld gewöhnte er sich allmählich an die für ihn ungewohnten Geräusche, das Knirschen von Hacken, die sich in die Erde gruben, das Klirren von Schaufelblättern, die auf Stein trafen, an das Ächzen der schwer arbeitenden Männer. Wenn er zu einem anderen Teil des Feldes gerufen wurde, machte er sich sofort auf den Weg; wenn er ein Werkzeug brauchte, bat er höflich, aber ohne viele Worte darum. Er spürte, daß die anderen ihn mit neugieriger Feindseligkeit betrachteten, und er wußte, daß einer der Männer früher oder später einen Streit mit ihm anfangen würde. Um nicht ganz schutzlos zu sein, schärfte er unauffällig eine abgelegte Hacke, bis sie eine scharfe Spitze hatte. Der Stiel war abgebrochen, so daß nur noch ein kurzer Handgriff übrig war, und er hatte sie nachts immer an seiner Seite, als seine Streitaxt.