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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Der Gedanke bedrückte Jona und brachte ihm wieder zu Bewußtsein, daß schon in kurzer Zeit Benito mit einem Priester und geweihtem Wasser für seine Taufe zurückkehren würde.

Erregt nahm er das Blatt und ging nach draußen.

Die Sonne ging unter, der Tag kühlte ab. Niemand hielt ihn auf, als er vom Haus der Martins fortging.

Seine Füße trugen ihn zurück zu den Ruinen, die einmal sein Zuhause gewesen waren. Hinter dem Haus sah er, wo die Erde über dem Grab seines Vaters aufgeworfen war. Merkwürdig tränenlos sagte er das Trauerkaddisch auf, und als er die Grabstelle mit einem Stein kennzeichnete, schwor er sich, falls er überleben sollte, würde er eines Tages die Überreste seines Vaters in geweihte Erde überführen.

Ihm fiel der Traum ein, den er in der Höhle gehabt hatte, und jetzt war ihm, als hätte sein Vater ihm in diesem Traum zu sagen versucht, er solle bleiben, wer er sei, Jona ben Helkias Toledano vom Stamme Levi.

Trotz der hereinbrechenden Dunkelheit durchsuchte er das ganze Haus.

Alle silbernen Mesusa, die kleinen Kapseln mit Zitaten aus der Schrift, waren von den Türpfosten gerissen worden. Alles von Wert war aus der Werkstatt verschwunden, sogar die Bodendielen waren aufgerissen worden. Die Eindringlinge hatten alles

Geld gefunden, das Helkias für die Flucht aus Spanien hatte zusammenraffen können. Aber das Versteck mit einer Handvoll kleiner Münzen hinter einem losen Stein in der Nordwand des Hauses hatten sie nicht entdeckt - achtzehn Sueldo, die sich Jona und Eleasar als ihren persönlichen Schatz zusammengespart hatten. Es war zwar nicht viel, aber einige Kleinigkeiten konnte er sich dafür kaufen, und so formte er aus einem schmutzigen Lumpen einen Beutel und steckte die Münzen hinein.

Auf dem Boden lag ein Stück Pergament, das jemand aus einer Mesusa gerissen und achtlos weggeworfen hatte, und er las die Inschrift: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen dir ins Herz geschrieben sein.

Zuerst wollte er das Pergament in den Beutel mit den Münzen stecken. Doch plötzlich dachte er mit kaltem, klarem Verstand, und es kam ihm, daß es seinen Tod bedeuten konnte, wenn man diesen Fetzen bei ihm fand. Er faltete das Fragment zusammen und steckte es zusammen mit dem Brief an seinen Bruder hinter den Stein, wo er und Eleasar ihre Münzen aufbewahrt hatten. Dann verließ er das Haus.

Kurz darauf kam er an Marcelo Trocas Wiese vorüber. Onkel Aaron hatte die Pferde mitgenommen, aber die beiden Esel, die sein Vater gekauft hatte, waren noch dort angebunden und fraßen Abfälle. Als Jona auf den größeren der beiden zuging, scheute der und trat nach ihm. Aber der andere, ein kleineres und schwächlich aussehendes Tier, sah ihn friedlich an und erwies sich als fügsamer. Als Jona den Esel losband und bestieg, trottete er, den Stößen von Jonas Fersen gehorchend, brav davon. Er hatte offenbar zu viele Abfälle gefressen und ließ ständig übelriechende Winde ab, aber sonst schien er ein angenehmer Reisegenosse zu sein.

Es war gerade noch so hell, daß der Esel den steilen Pfad sicheren Schritts zurücklegen konnte. Als sie den Fluß überquer-ten, ragten die Ausbisse purpurnen Schiefers wie drohend schwarze Zähne im letzten Tageslicht auf.

Jona hatte kein festes Ziel. Sein Vater hatte gesagt, der Allmächtige würde ihnen immer den richtigen Weg weisen. Nun, der gegenwärtige war nicht gerade vielversprechend, doch nachdem Jona sich ein Stückchen vom Fluß entfernt hatte, senkte er die Zügel und ließ sich vom Esel und dem Herrn führen, wohin sie wollten. Er fühlte sich weder wie ein stolzer Kaufmann noch wie ein Ritter. Ohne Freund auf einem furzenden Esel ins Unbekannte zu reiten war nicht gerade das Abenteuer, das er sich erträumt hatte.

Einen Augenblick lang hielt er sein Reittier an und schaute noch einmal zurück nach Toledo, das jetzt hoch über ihm lag. In einigen Fenstern leuchteten warm die Öllampen, und jemand ging mit einer Fackel die vertraute schmale Straße am Hochufer entlang. Aber es war niemand, der ihn liebte, und so drückte er dem Esel die Knie in die Flanken und drehte sich nicht wieder um.

TEIL III.

DER KNECHT

KASTILIEN 30. AUGUST 1492

1. KAPITEL

EIN MANN MIT EINER HACKE

Der Unbeschreibliche und der kleine Esel führten Jona die ganze Nacht südwärts, unter einem runden, ziehenden Mond, der ihnen Gesellschaft leistete und dem Esel den Weg erhellte. Jona wagte nicht anzuhalten. Der Priester, der mit Benito zum Haus der Martins gekommen war, hatte sicherlich sofort berichtet, daß ein ungetaufter Jude flüchtig sei und die Christenheit bedrohe. Um sein Leben zu retten, hatte Jona vor, sich so weit wie möglich von Toledo zu entfernen.

Seitdem er seine Heimatstadt verlassen hatte, ritt er durch offenes Land. Hin und wieder tauchte der schattige Umriß einer finca, eines Bauernhofs, neben dem Pfad auf. Immer wenn ein Hund bellte, trieb er sein Tier mit den Fersen zum Traben an, und so zog er an den wenigen Behausungen vorbei wie ein Geist auf einem Esel.

Im ersten Licht der Morgendämmerung sah er, daß sich die Landschaft verändert hatte - sie war weniger hügelig als die Gegend zu Hause, und die Höfe waren größer.

Die Erde mußte hier sehr gut sein; er kam an einem Weinberg, einem riesigen Olivenhain und einem Feld mit grünen Zwiebeln vorbei. Da er eine große Leere im Magen verspürte, stieg er ab, zog einige Zwiebeln aus der Erde und aß sie hungrig. Beim nächsten Weinberg pflückte er sich ein Büschel Trauben, die zwar nicht ganz reif, aber voller säuerlichem Saft waren. Mit seinen

Münzen hätte er sich Brot kaufen können, aber er wagte es nicht, weil er fürchtete, daß man ihn ausfragte.

An einem Bewässerungsgraben, der ein kleines Rinnsal Wasser führte, hielt er an, um den Esel am Rand grasen zu lassen und selbst ein wenig zu rasten. Als die Sonne aufging, saß er am Graben und dachte über seine mißliche Lage nach. Möglicherweise war es doch angebracht, sich ein festes Ziel auszusuchen. Wenn er schon fliehen mußte, lenkte er seinen Esel vielleicht besser gleich in Richtung Portugal, wohin einige der Juden Toledos gegangen waren.

Inzwischen waren Arbeiter mit Hacken und Macheten aufgetaucht. Jetzt entdeckte Jona auch ihre Hütten am anderen Ende des Feldes und Gruppen von Männern, die Gestrüpp jäteten und zu Haufen stapelten. Die meisten von ihnen achteten nicht auf den Jungen mit dem Esel, und Jona ließ sein Tier weitergrasen, bis es satt war. Erstaunt über die Gutmütigkeit des Esels und über seine Folgsamkeit, spürte Jona Dankbarkeit in sich aufsteigen.

Der Esel muß einen Namen haben, beschloß er, und im Weiterreiten dachte er darüber nach.

Das Feld war noch kaum außer Sicht, als er hinter sich das beklemmende Donnern galoppierender Hufe hörte. Er lenkte den Esel schnell an den Wegrand, um den Trupp in Sicherheit beobachten zu können. Es waren acht Berittene, doch zu Jonas Bestürzung zogen sie nicht an ihm vorüber, sondern hielten an.

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