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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Für uns Nachfahren, die wir keine Historiker sind, die wir uns durch den Forschertrieb nicht hinreißen lassen und deshalb die Ereignisse mit ungetrübten, gesunden Sinnen überschauen, stellen sich Gründe für diesen Krieg in ungezählten Mengen dar. Je tiefer wir uns in die Erforschung dieser Gründe versenken, um so mehr von ihnen werden uns offenbar, und jeder einzelne Grund oder jede einzelne Folge von Gründen für sich allein genommen erscheint uns an und für sich gleich richtig, ebenso aber auch gleich falsch, wenn wir die Nichtigkeit dieser einzelnen Gründe mit der gewaltigen Tragweite der Ereignisse vergleichen, gleich falsch, wenn wir an ihr Unvermögen denken, ohne Mithilfe all der anderen, mit ihnen zusammenfallenden Gründe das stattgefundene Ereignis herbeizuführen. Solche Gründe, wie die Weigerung Napoleons, seine Truppen hinter die Weichsel zurückzuziehen oder das Herzogtum Oldenburg wieder herauszugeben, erscheinen uns wie der Wunsch oder die Weigerung des ersten besten französischen Korporals, zum zweitenmal wieder in den Militärdienst einzutreten, denn wenn er nicht den Wunsch gehabt hätte, wieder einzutreten und ein zweiter, ein dritter, ein tausendster Korporal oder Soldat seinem Beispiel gefolgt wäre, so hätte Napoleons Armee um soviel weniger Mannschaften gehabt, und der Krieg wäre unmöglich gewesen.

Hätte Napoleon sich durch die Forderung, hinter die Weichsel zurückzugehen, nicht beleidigt gefühlt und seinen Truppen nicht vorzurücken befohlen, so wäre es nicht zum Krieg gekommen; hätten aber alle Sergeanten nicht zum zweitenmal in den Dienst eintreten mögen, so wäre der Krieg gleichfalls unmöglich gewesen. Ebenso unmöglich wäre der Krieg aber auch gewesen, wenn es keine Intrigen Englands und keinen Herzog von Oldenburg gegeben hätte, wenn sich Alexander nicht gekränkt gefühlt und Rußland keine autokratische Regierung gehabt hätte, wenn die französische Revolution und die darauf folgende Diktatur, das Kaiserreich und alles das, was die Revolution selbst erst verursacht hat, nicht gewesen wären und so weiter, und so weiter. Ohne einen einzigen von all diesen Gründen wäre der Krieg nicht möglich gewesen. Demnach mußten alle diese Tausende von Gründen zusammentreffen, um das hervorzubringen, was sich ereignet hat, und folglich gibt es keinen ausschließlichen Grund für dieses Ereignis, sondern es ist alles so gekommen, weil eben alles so hat kommen müssen. Millionen Menschen mußten also, aller ihrer Menschengefühle und all ihres Menschenverstandes bar, von Westen nach Osten ziehen und ihresgleichen totschlagen, ganz ebenso wie vor ein paar Jahrhunderten Scharen von Menschen von Osten nach Westen gezogen[124] waren und ihresgleichen erschlagen hatten.

Die Handlungen eines Napoleon und Alexander, von deren Befehlen es abzuhängen schien, ob das Ereignis zur Tatsache werden solle oder nicht, waren ebenso wenig ihrem eignen Willen unterworfen wie die eines jeden Soldaten, der, durch das Los oder die Aushebung dazu bestimmt, mit ins Feld zog. Anders konnte das gar nicht sein, denn um den Willen eines Napoleon oder Alexander und überhaupt all jener Leute, von denen die Ereignisse abzuhängen schienen, in Erfüllung gehen zu lassen, mußten zahllose Umstände zusammentreffen, und wenn deren einer gefehlt hätte, würde sich alles Geschehene nicht ereignet haben. Es war notwendig, daß die Millionen von Menschen, in deren Händen die wirkliche Gewalt lag: die Soldaten, die schossen und Proviant und Kanonen transportierten, einverstanden waren, diesen Willen der beiden einzelnen, schwachen Männer zu erfüllen, und daß sie durch eine zahllose Menge mannigfaltiger, verwickelter Ursachen dazu getrieben wurden.

Der Fatalismus in der Geschichte ist unentbehrlich zur Erklärung all jener sinnlosen Erscheinungen, das heißt jener Erscheinungen, deren Sinn wir nicht begreifen können. Denn je mehr wir uns bemühen, diese Erscheinungen in der Geschichte vernünftig zu erklären, um so sinnloser und unbegreiflicher erscheinen sie uns.

Jeder Mensch lebt um seiner selbst willen, benutzt seine Willensfreiheit, um seine persönlichen Ziele zu erreichen, und ist ganz von dem Bewußtsein durchdrungen, daß er jede beliebige Handlung ausführen oder auch unterlassen kann. Sobald er aber eine Handlung ausgeführt hat, die in einem bestimmten Augenblick vollendet ist, wird diese unwiderruflich und zu einem Bestandteil der Geschichte, in der sie dann nicht mehr die Bedeutung einer vorausbestimmten Tatsache hat.

Das Leben eines jeden Menschen hat zwei Seiten: das persönliche Leben, das um so freier ist, je abstrakter seine Interessen sind, und das elementare Leben in der Masse, in dem der Mensch unabänderlich die ihm vorgeschriebenen Gesetze erfüllt. Der Mensch lebt bewußt um seiner selbst willen, dient aber unbewußt als Werkzeug zur Erfüllung historischer, allgemein menschlicher Ziele. Jeder einmal unternommene Schritt ist unabänderlich, und seine Wirkung, die zeitlich mit den Wirkungen der Handlungen von Millionen anderer Menschen zusammenfällt, erlangt historische Bedeutung. Je höher ein Mensch auf der gesellschaftlichen Stufenleiter steht, je enger er mit hochgestellten Leuten verbunden ist, je mehr Macht er über andere Menschen hat, um so augenscheinlicher tritt die Vorbestimmung und Unumgänglichkeit aller seiner Handlungen zutage.

»Des Königs Herz ist in der Hand des Herrn[125].«

Der König ist der Sklave der Geschichte.

Die Geschichte, das heißt das unbewußte, allgemeine Massenleben der Menschheit, nutzt jeden Augenblick im Leben eines Herrschers für sich aus als Werkzeug zur Erfüllung ihrer Ziele.

Wenn auch Napoleon jetzt, im Jahre 1812, mehr denn je davon überzeugt war, daß es nur von ihm abhing »verser ou ne pas verser le sang de ses peuples«, wie Alexander ihm im letzten Brief geschrieben hatte, so war er doch niemals mehr als eben jetzt jenen unentrinnbaren Gesetzen unterworfen, die ihn zwangen – obgleich er nach freiem Willen zu handeln wähnte –, für die Allgemeinheit, für die Geschichte gerade das zu tun, was sich vollziehen mußte.

Menschen des Westens strömten nach dem Osten, um dort ihresgleichen totzuschlagen. Und nach dem Gesetz des Zusammentreffens der Ursachen fielen tausend unbedeutende Gründe für diese Truppenbewegung und für den Krieg wie von selbst ergänzend mit diesen Ereignissen zusammen: Vorwürfe wegen der Übertretung des Kontinentalsystems, der Herzog von Oldenburg, das Einrücken der Truppen in Preußen, das, wie es Napoleon schien, nur unternommen worden war, um einen Frieden in Waffen zu erzwingen, die Kriegsleidenschaft und Kriegserfahrung des französischen Kaisers, die mit der Stimmung seines Volkes zusammentraf, der Reiz der Vorbereitungen im großen Stil, und die Kosten dieser Vorbereitungen, die Sucht, Vorteile dabei herauszuschlagen, die all die Kosten wieder wettgemacht hätten, die Sand in die Augen streuenden Ehrenbezeigungen in Dresden, die diplomatischen Unterhandlungen, die nach Ansicht der Zeitgenossen in dem aufrichtigen Bestreben geführt wurden, den Frieden zu erhalten, aber doch nur die Eigenliebe auf dieser oder jener Seite verletzten, und die Millionen und Abermillionen von anderen Gründen, die das Ereignis, das sich vollziehen sollte, unterstützten und mit ihm zusammentrafen.

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124

von Osten nach Westen gezogen: etwa die Hunnen im 4. und 5 Jahrhundert oder der Mongolensturm Anfang des 13. Jahrhunderts.

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125

Des Königs Herz ist in der Hand des Herrn: Sprüche Salomoms 21.1.

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