Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Wenn der Apfel reif ist und vom Baume fällt – warum fällt er? Weil sein Gewicht ihn zur Erde zieht? Weil sein Stengel vertrocknet ist? Weil er in der Sonne dürr geworden ist? Weil er zu schwer ist? Weil der Wind ihn abschüttelt? Weil der Knabe, der unter dem Baum steht, ihn gern essen möchte?
Nicht einer dieser Gründe allein ist es, sondern alle zusammen und nur das Zusammentreffen all der Bedingungen, unter denen sich jedes organische, elementare Ereignis im Leben vollzieht. Und jener Botaniker, der herausgefunden hat, daß der Apfel deshalb zur Erde fällt, weil sich sein Zellgewebe zersetzt und dergleichen mehr, hat ebenso recht wie jenes Kind, das unter dem Baum steht und sagt, der Apfel falle nur aus dem Grund herab, weil es ihn essen wolle und darum gebetet habe. Und wer da sagt, daß Napoleon nur deshalb nach Moskau vorgerückt sei, weil ihm eben der Sinn danach gestanden habe, und dort nur deshalb zugrunde gerichtet worden sei, weil Alexander seinen Untergang gewollt habe, der hat genauso recht und unrecht wie derjenige, der da sagt, daß ein Millionen Pud schwerer Berg, der untergraben ist, deshalb zusammengestürzt sei, weil der letzte Arbeiter unter ihm den letzten Spatenstich getan habe. Bei historischen Ereignissen sind die sogenannten großen Persönlichkeiten nur Etiketten, die dem Ereignis den Namen geben, haben aber, ganz wie die Etiketten, in Wirklichkeit am allerwenigsten mit den Ereignissen zu tun.
Jede ihrer Handlungen, die ihnen aus eigenem Wunsch und nur um ihrer selbst willen ausgeführt zu sein scheint, ist im historischem Sinn nicht freiwillig, sondern mit dem ganzen Gang der Geschichte verknüpft und von Ewigkeit her vorausbestimmt.
2
Am 29. Mai reiste Napoleon aus Dresden ab, wo er, umgeben von einem Hofstaat, der aus Prinzen, Herzögen, Königen und sogar einem Kaiser bestand, drei Wochen verlebt hatte. Vor seiner Abreise schmeichelte Napoleon all den Fürsten, Königen und dem Kaiser, die das um ihn verdient hatten, tadelte alle Herrscher und Prinzen, mit denen er unzufrieden war, schenkte die Perlen und Brillanten, die er anderen Königen geraubt hatte, der Kaiserin von Österreich, umarmte, wie sein Geschichtsschreiber erzählt, die Kaiserin Marie Luise zärtlich, jene Marie Luise, die sich für seine Frau hielt, obgleich in Paris noch eine zweite Gattin zurückgeblieben war, und ließ sie tiefbekümmert über die Trennung allein, die sie anscheinend kaum zu ertragen vermochte. Obgleich die Diplomaten noch fest an eine Friedensmöglichkeit glaubten und eifrig auf dieses Ziel hinarbeiteten, obgleich Kaiser Napoleon noch eigenhändig einen Brief an Kaiser Alexander schrieb, in dem er ihn »Monsieur mon frère« anredete, ihm herzlich versicherte, daß er ihn immer lieben und achten werde und den Krieg nicht wünsche – begab sich Napoleon dennoch zu seiner Armee und erteilte auf jeder Station neue Befehle, die die Beschleunigung der Truppenbewegung von Westen nach Osten bezweckten. Er fuhr in einem sechsspännigen Reisewagen über Posen, Thorn, Danzig und Königsberg, von Pagen, Adjutanten und Gefolge begleitet. In jeder Stadt wurde er von einer tausendköpfigen Menge mit zitternder Furcht und Begeisterung empfangen.
Die Armee rückte von Westen nach Osten vor, und unter stetem Pferdewechsel eilte Napoleon ihr nach. Am 10. Juni hatte er die Truppen eingeholt und übernachtete im Wald von Wilkowiski in einem eigens für ihn vorbereiteten Quartier auf dem Gut eines polnischen Grafen.
Am nächsten Tag fuhr Napoleon in seinem Wagen der Armee voraus bis an den Njemen, legte, um die Gegend des Übergangs zu besichtigen, polnische Uniform an und begab sich bis ans Ufer.
Als er auf der anderen Seite die Kosaken sah und die endlosen Steppen, in deren Herzen Moskau, la ville sainte[126], lag, die Hauptstadt eines Reiches, das mit jenem Skythenreich[127] zu vergleichen war, in das Alexander der Große zog, da erteilte Napoleon, unerwartet für alle und allen strategischen und diplomatischen Plänen zuwiderlaufend, den Befehl zum Vormarsch, und am nächsten Tag setzten seine Truppen über den Njemen.
Am 12. in der Frühe trat er aus seinem Zelt, das für diesen Tag am abschüssigen linken Ufer des Njemen aufgeschlagen worden war, und beobachtete durch den Fernstecher seine aus dem Wald von Wilkowiski herausströmenden Truppenmassen, die nach den drei über den Njemen geschlagenen Brücken auseinanderfluteten. Die Mannschaften wußten, daß ihr Kaiser da war, und suchten ihn mit den Augen, und wenn sie dann jene Gestalt in Rock und Mütze, die auf dem Berg etwas abseits vom Gefolge stand, erspäht hatten, warfen sie die Mützen in die Luft und schrien: »Vive l’empereur!« Und so flutete und flutete der gewaltige Strom, ein Truppenteil nach dem anderen, ohne zu versiegen, aus dem ungeheuren Wald, der ihn bis dahin verborgen hatte, floß nach den drei Brücken zu auseinander und ergoß sich auf das jenseitige Ufer.
»Diesmal werden wir aber zu marschieren haben. Ja, wenn er die Sache selber in die Hand nimmt, da wird man warm … Bei Gott … Da ist er! … Vive l’empereur! … Also das sind die asiatischen Steppen! Scheußliche Gegend, keine Frage … Auf Wiedersehen, Beauché, ich reserviere dir das schönste Palais von ganz Moskau! … Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen! … Viel Glück! … Hast du den Kaiser gesehen? Vive l’empereur … preur! … Wenn ich zum Gouverneur von Indien ernannt werde, Gerard, mache ich dich zum Minister von Kaschmir, abgemacht! … Vive l’empereur! Vive! Vive! Vive! Diese Lumpenhunde, die Kosaken, wie sie sich aus dem Staube machen! … Vive l’empereur! Le voilà! Siehst du ihn? … Ich habe ihn zweimal ganz deutlich gesehen, so wie ich dich jetzt sehe. Le petit caporal[128]… Ich war dabei, wie er einem von jenen alten Soldaten das Ehrenkreuz gegeben hat … Vive l’empereur!« so schwirrte es durcheinander bei alt und jung, bei Leuten von verschiedensten Charakteren und gesellschaftlichen Stellungen. Auf den Gesichtern all dieser Menschen strahlte nur der eine allen gemeinsame Ausdruck der Freude, daß der so lang ersehnte Feldzug nun endlich begonnen hatte, der Ausdruck der Begeisterung und Hingebung für den Mann im grauen Rock, der dort auf dem Berg stand.
Am 13. Juni führte man Napoleon einen kleinen Araberhengst von reiner Rasse vor, er bestieg ihn und ritt im Galopp auf eine der über den Njemen geschlagenen Brücken zu, fortwährend umbraust von Jubelgeschrei, das er offenbar nur deshalb ertrug, weil er den Soldaten nicht gut verbieten konnte, ihre Liebe zu ihm durch dieses Geschrei zum Ausdruck zu bringen. Aber er empfand das Geschrei, das ihn überallhin begleitete, als Last, weil es ihn von seinen militärischen Ideen ablenkte, die ihn, sobald er sich nur den Truppen beigesellt hatte, völlig in Anspruch nahmen. Über eine dieser auf Kähnen schwankenden Brücken ritt er auf das jenseitige Ufer, bog hier scharf nach links ab und sprengte im Galopp in der Richtung auf Kowno zu. Gardejäger zu Pferd, deren Begeisterung über das ihnen zuteil gewordene Glück keine Grenzen kannte, ritten voraus und machten ihm den Weg durch die Truppen frei. Als er bis an den breiten Wilijafluß gekommen war, machte er neben einem polnischen Ulanenregiment, das am Ufer stand, halt.
»Vivat!« schrien die Polen ebenso begeistert, traten aus der Front und stießen und drängten sich, um ihn sehen zu können.
Napoleon überschaute den Fluß, stieg vom Pferd und setzte sich auf einen Baumstamm, der am Ufer lag. Auf ein wortloses Zeichen reichte man ihm ein Fernrohr, er legte es auf den Rücken eines herbeispringenden, glückseligen Pagen und fing an, das jenseitige Ufer zu betrachten. Dann versenkte er sich in das Studium einer über die Stämme ausgebreiteten Landkarte. Ohne den Kopf aufzuheben, sagte er irgend etwas, und zwei seiner Adjutanten sprengten auf die polnischen Ulanen zu.
126
la ville sainte: die »heilige Stadt Moskau« nach der im ausgehenden 15. Jahrhundert aufgekommenen Formel von Moskau als dem Dritten Rom – »Alle christlichen Reiche haben sich in diesem einzigen Reich vereinigt zwei Rom sind gefallen, das dritte besteht und ein viertes wird es nicht geben«.
127
Skythenreich: die Skythen waren ein Nomadenvolk iranischer Abstammung, das im Altertum in den Steppen Südrußlands lebte.
128
le petit caporaclass="underline" diesen Beinamen gab man Napoleon während des Ägyptenfeldzugs.