Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Sie stockte und atmete noch erregter, aber sie weinte nicht.
»Ja … das will ich ihm sagen«, entgegnete Pierre, »aber …«
Er wußte nicht, was er sagen sollte.
Natascha erschrak sichtlich, als es ihr klar wurde, was Pierre denken konnte.
»Nein, nein, ich weiß, daß alles zu Ende ist«, sagte sie hastig. »Nein, das ist für immer vorbei. Mich quält nur der Gedanke an das Böse, das ich ihm angetan habe. Sagen Sie ihm nur, ich bäte ihn, mir alles, alles, alles zu verzeihen …«
Sie zitterte am ganzen Körper und setzte sich auf einen Stuhl.
Ein Gefühl von Mitleid erfüllte Pierres Seele, wie er es noch nie empfunden hatte.
»Ich werde es ihm sagen, werde ihm das alles noch einmal sagen«, erwiderte Pierre. »Aber … eines möchte ich gern wissen …«
Was denn? fragte Nataschas Blick.
»Ich möchte wissen, ob Sie …« – Pierre wußte nicht, wie er Anatol nennen sollte, und wurde schon bei dem Gedanken an ihn rot – »… diesen elenden Menschen geliebt haben?«
»Nennen Sie ihn nicht einen Elenden«, entgegnete Natascha. »Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, ich weiß es nicht …«
Sie fing an zu weinen. Und das Gefühl des Mitleids, der Zärtlichkeit und der Liebe für sie ergriff Pierre immer heftiger. Er fühlte, wie unter seiner Brille die Tränen hervorkamen, und hoffte, daß sie es nicht bemerken werde.
»Wir wollen nicht weiter davon reden, Liebe«, sagte Pierre.
Seine sanfte, herzliche, zärtliche Stimme erschien Natascha auf einmal so seltsam.
»Wir wollen nicht weiter darüber reden, Liebe; ich werde ihm alles sagen. Aber um eines bitte ich Sie: zählen Sie mich zu Ihren Freunden. Und wenn Sie Hilfe oder einen Rat brauchen, oder auch nur Ihr Herz jemandem ausschütten wollen – nicht jetzt, sondern wenn es in Ihrer Seele wieder licht und klar sein wird –, dann denken Sie an mich.« Er nahm ihre Hand und küßte sie. »Ich würde glücklich sein, wenn ich imstande wäre …«
Pierre wurde verlegen.
»Sprechen Sie nicht so mit mir, ich bin es nicht wert!« schrie Natascha auf und wollte aus dem Zimmer laufen, aber Pierre hielt ihre Hand fest. Er wußte, daß er ihr noch etwas sagen mußte. Als er es aber aussprach, wunderte er sich selber darüber.
»Nicht doch, quälen Sie sich nicht länger. Das ganze Leben liegt noch vor Ihnen«, sagte er.
»Vor mir? Nein! Für mich ist alles vorbei«, sagte sie voll Scham und Selbsterniedrigung.
»Alles vorbei?« wiederholte er. »Wenn ich nicht ich wäre, sondern ein hübscher, kluger, ja der beste Mensch in der ganzen Welt und frei wäre, würde ich noch in diesem Augenblick vor Ihnen auf die Knie fallen und um Ihre Hand und Ihre Liebe bitten.«
Zum erstenmal nach langer Zeit weinte Natascha Tränen der Dankbarkeit und Rührung. Sie sah Pierre an und ging aus dem Zimmer.
Pierre folgte ihr und begab sich fast laufend ins Vorzimmer, da er die Tränen der Rührung und des Glückes, die ihm die Kehle zuschnürten, kaum noch zurückhalten konnte. Er zog seinen Pelz an, ohne die Ärmel zu finden, und setzte sich in den Schlitten.
»Wohin soll ich jetzt fahren?« fragte der Kutscher.
Wohin? fragte sich Pierre. Wohin könnte ich jetzt noch fahren? Wohl in den Klub oder irgendwohin zu Besuch? Alle Menschen schienen ihm jetzt so jämmerlich und ärmlich im Vergleich zu dem Gefühl der Rührung und Liebe, das er empfand, im Vergleich zu dem weichen, dankbaren Blick, mit dem sie ihn unter Tränen zum letztenmal angesehen hatte.
»Nach Hause«, sagte Pierre und knöpfte trotz der zehn Grad Kälte den Bärenpelz über seiner breiten, glücklich atmenden Brust auf.
Es war ein kalter, klarer Tag. Über den schmutzigen, halbdunklen Straßen, über den schwarzen Dächern der Häuser wölbte sich der dunkle Sternenhimmel. Pierre schaute empor und empfand in diesem Augenblick nicht wie sonst die bedrückende Kleinlichkeit alles Irdischen, weil das, was er fühlte, so herrlich, hoch und unendlich war. Als er auf den Arbat-Platz hinausbog, erschloß sich vor seinen Augen das ganze unendliche, sternenübersäte Himmelsgewölbe. Fast in der Mitte dieses Himmels, gerade über dem Pretschistenskij-Boulevard, stand der riesengroße helle Komet von 1812, von allen Seiten von Sternen umringt und umstreut, von denen allen er sich jedoch durch seinen nahen Stand zur Erde, durch sein weißes Licht und seinen langen, nach oben gerichteten Schweif deutlich abhob, jener Komet, der, wie man sagte, alles nur mögliche Unheil und das Ende der Welt ankündigte.
Aber in Pierre erweckte dieser glänzende Stern mit seinem langen leuchtenden Schweif keinerlei beängstigende Gefühle. Im Gegenteil, mit tränenfeuchten Augen blickte er freudig zu diesem hellen Gestirn empor, das in unsagbarer Geschwindigkeit den unermeßlichen Raum in parabolischer Linie durchflogen hatte, plötzlich wie ein in die Erde gebohrter Pfeil auf diesem von ihm selbst gewählten Platz am dunklen Himmel stehen geblieben war, sich mit energisch erhobenem Schweif dort aufgepflanzt hatte und nun zwischen den unzähligen anderen funkelnden Sternen mit seinem weißen Licht glitzerte und spielte. Und Pierre schien es, als spiegle dieses Gestirn all die Gefühle wider, die seine weichgestimmte Seele erstarken und zu neuem Leben erblühen ließen.
Neunter Teil
1
Gegen Ende des Jahres 1811 hatte eine verstärkte Rüstung und Konzentration aller Streitkräfte im westlichen Europa eingesetzt, und im Jahre 1812 bewegten sich nun diese Kräfte – Millionen Menschen, wenn man die mit einrechnet, die mit dem Transport und Proviant der Truppen zu tun hatten – vom Westen nach Osten auf die Grenzen Rußlands zu, wo man ebenfalls schon seit dem Jahre 1811 Rußlands Streitkräfte zusammengezogen hatte. Am 12. Juni überschritten diese westeuropäischen Streitkräfte die Grenzen Rußlands, und der Krieg brach aus, das heißt, es vollzog sich ein Ereignis, das aller menschlichen Vernunft und Natur zuwiderlief: Millionen Menschen begingen gegeneinander eine so unzählige Menge von Verbrechen, Betrügereien, Verrat, Diebstahl, Fälschung von Banknoten und deren Weitergabe, Räubereien, Brandstiftungen und Mord- und Greueltaten, wie sie die Chronik aller Gerichte der Welt während ganzer Jahrhunderte nicht zu verzeichnen hat, und die die Menschen jener Zeitperiode, die sie verübten, nicht einmal für Verbrechen hielten.
Wodurch war dieses außergewöhnliche Ereignis hervorgerufen worden? Was waren die Gründe dafür? Die Historiker behaupten mit naiver Überzeugung, daß dieses Ereignis durch folgende Ursachen herbeigeführt worden sei: durch Beleidigungen, die man dem Herzog von Oldenburg zugefügt habe[121], durch Übertretung des Kontinentalsystems[122], durch die Herrschsucht Napoleons, die Unbeugsamkeit Alexanders, die Fehler der Diplomaten und so weiter, und so weiter.
Demnach hätten nur Metternich, Rumjanzew oder Talleyrand bei einer Audienz oder Cour sich mehr Mühe zu geben und kunstvollere Noten abzufassen, oder Napoleon hätte nur an Alexander zu schreiben brauchen: »Monsieur mon frère, je consens à rendre le duché au duc d’Oldenbourg« – und der Krieg wäre vermieden worden.
Man kann verstehen, daß den Zeitgenossen die Sache in diesem Licht erschien. Man kann verstehen, daß Napoleon der Ansicht war, die Intrigen Englands hätten den Krieg verursacht, wie er es später auf der Insel Sankt Helena behauptet hat. Man kann verstehen, daß die Mitglieder des englischen Parlaments Napoleons Herrschsucht für die Ursache des Krieges ansahen; daß der Herzog von Oldenburg meinte, die ihm angetane Gewalt habe dazu geführt; daß die Kaufleute glaubten, das Kontinentalsystem, das ganz Europa verheere, sei schuld daran; daß die alten Soldaten und Generäle der Ansicht waren, es sei nur zum Krieg gekommen, weil es ohne sie eben nicht ging, und die Legitimisten[123] damals meinten, man müsse unbedingt les bons principes wiederherstellen; und daß die Diplomaten jener Zeitperiode fest davon überzeugt waren, dies alles komme nur daher, weil das Bündnis Rußlands mit Österreich vom Jahre 1809 nicht kunstvoll genug vor Napoleon geheimgehalten und das Memorandum Nummer 178 nicht geschickt genug abgefaßt worden sei. Man kann verstehen, daß diese und noch eine zahllose Menge anderer Gründe, deren Masse durch die unendliche Vielgestalt der Gesichtspunkte bedingt ist, den Zeitgenossen glaubhaft erschienen. Uns aber, den Nachfahren, die wir die damaligen Ereignisse in ihrem ganzen gewaltigen Umfang überschauen und ihrem klaren, fürchterlichen Sinn bis auf den Grund gehen können, uns erscheinen alle diese Gründe unzulänglich. Uns ist es unbegreiflich, daß Millionen Christenmenschen einander gequält und totgeschlagen haben sollen, nur weil Napoleon herrschsüchtig und Alexander unbeugsam war, nur weil die englische Politik nicht ehrlich und ein Herzog von Oldenburg beleidigt war. Es ist schlechterdings nicht zu begreifen, in was für einem Zusammenhang diese Umstände mit den Tatsachen an Mord und Gewalt selber stehen, und warum nur deshalb, weil ein Herzog beleidigt worden war, Tausende von Menschen vom andern Ende Europas die Einwohner aus den Gouvernements Moskau und Smolensk totschlagen und zugrunde richten mußten oder von ihnen niedergemacht wurden.
121
Beleidigungen, die man dem Herzog von Oldenburg zugefügt habe: 1811 nahm Napoleon Oldenburg in Besitz im Zuge seiner Maßnahmen zur Absperrung Englands (Kontinentalsperre, vgl. Anm. 122) und nachdem der Herzog von O. sich geweigert hatte, sein Land gegen Erfurt einzutauschen. Das erregte die Empörung auch des russischen Hofs, da der Herzog von O. mit einer Schwester Alexanders I. verheiratet war.
122
Kontinentalsystems: die sog Kontinentalsperre mit den Dekreten von Berlin (1806), Trianon und Fontainebleau (1810) unterband Napoleon den Handel des europäischen Festlands mit Großbritannien Dieses reagierte darauf mit einer Blockade der Häfen Frankreichs und seiner Verbündeten Im Zusammenhang mit diesem ersten großen, für beide Seiten schädigenden Wirtschaftskrieg blühten Schmuggel und Schiebereien.
123
Legitimisten: Anhänger der Erbmonarchie.