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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Er hielt inne, als er Pierre erblickte. Über sein Gesicht lief ein Zucken und es nahm sogleich einen finsteren Ausdruck an.

»Aber die Nachwelt wird ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen«, schloß er und wandte sich sogleich an Pierre.

»Na, und was machst du? Du wirst ja immer dicker«, sagte er lebhaft zu ihm, doch die neue Falte auf seiner Stirn grub sich dabei immer tiefer ein. »Ja, mir geht es sehr gut«, erwiderte er auf Pierres Frage und lächelte.

Es war Pierre klar, daß sein Lächeln besagte: Ja, gesund bin ich jetzt wohl, aber für wen?

Nachdem Fürst Andrej mit Pierre ein paar Worte über die schauderhaften Wegeverhältnisse an der polnischen Grenze gewechselt und ihm erzählt hatte, mit welchen ihrer gemeinsamen Bekannten er in der Schweiz zusammengewesen war, und daß er einen Herrn Dessalles als Hauslehrer für seinen Sohn aus dem Ausland mitgebracht habe, mischte er sich wieder mit großem Eifer in das Gespräch über Speranskij, das die beiden alten Herren inzwischen weitergesponnen hatten.

»Wenn es tatsächlich Verrat wäre und man wirklich Beweise für seine geheimen Beziehungen zu Napoleon in Händen hätte, so hätte man ihn öffentlich beschuldigt«, warf er eifrig und hastig ein. »Ich persönlich liebe Speranskij nicht und habe ihn auch niemals geliebt, aber die Gerechtigkeit geht mir über alles.«

Pierre merkte seinem Freunde das ihm nur zu wohl bekannte Bedürfnis an, zu fernerliegenden Dingen zu greifen und sich aufzuregen, nur um die drückenden Gedanken, die auf seiner Seele lasteten, im Keim zu ersticken.

Nachdem Meschtscherskij fortgegangen war, nahm Fürst Andrej Pierres Arm und führte ihn in das Zimmer, das man für ihn hergerichtet hatte. Hier war ein Bett aufgeschlagen, und offene Reisetaschen und Koffer lagen umher. Fürst Andrej trat auf einen von ihnen zu und nahm eine Schatulle heraus. Aus der Schatulle zog er ein in Papier gewickeltes Päckchen. Das alles tat er schweigend und sehr schnell. Dann richtete er sich auf und räusperte sich. Sein Gesicht war finster, seine Lippen fest zusammengepreßt.

»Entschuldige, wenn ich dich belästige …«

Pierre merkte, daß Fürst Andrej mit ihm über Natascha sprechen wollte, und sein breites Gesicht drückte Mitleid und Teilnahme aus. Dieser Gesichtsausdruck Pierres reizte den Fürsten Andrej, und er fuhr in festem, scharfem und unangenehmem Ton fort: »Die Komtesse Rostowa hat ihre Verlobung mit mir aufgelöst, und es sind mir Gerüchte zu Ohren gekommen, dein Schwager habe um ihre Hand angehalten, oder so etwas Ähnliches. Ist das wahr?«

»Wahr und auch wieder nicht wahr«, fing Pierre an, aber Fürst Andrej ließ ihn nicht ausreden.

»Hier sind ihre Briefe und ihr Bild«, sagte er.

Er nahm das Päckchen vom Tisch und überreichte es Pierre.

»Gib das der Komtesse … wenn du sie siehst …«

»Sie ist sehr krank«, sagte Pierre.

»So ist sie also noch hier? Und Fürst Kuragin?« fragte Fürst Andrej hastig.

»Der ist schon lange fort. Sie lag auf den Tod …«

»Ich bedaure ihre Krankheit ungemein«, sagte Fürst Andrej und lächelte dabei kalt, feindselig und unangenehm wie sein Vater. »Folglich hat also Herr Kuragin die Komtesse Rostowa seiner Hand nicht für würdig erachtet?« fragte er dann weiter. Dabei schnaubte er mehrmals hörbar mit der Nase.

»Er konnte sie nicht heiraten, weil er bereits verheiratet ist«, erwiderte Pierre.

Fürst Andrej lachte unangenehm auf, wobei er wieder an seinen Vater erinnerte.

»Und wo befindet er sich jetzt, Ihr Schwager, wenn ich fragen darf?« sagte er.

»Er ist fortgefahren, nach Pet…, übrigens weiß ich wirklich nicht, wo er jetzt ist«, erwiderte Pierre.

»Na, das ist ja auch ganz gleich«, sagte Fürst Andrej. »Richte der Komtesse Rostowa aus, daß sie vollkommen frei war und ist, und daß ich ihr alles Gute wünsche.«

Pierre nahm das Päckchen entgegen. Fürst Andrej sah ihn mit starren Blicken an, als überlege er, ob er noch etwas hinzufügen oder warten müsse, ob Pierre etwas sagen werde.

»Hören Sie, erinnern Sie sich noch an unser Gespräch in Petersburg«, fragte Pierre, »wissen Sie noch …«

»Ich entsinne mich«, entgegnete Fürst Andrej hastig, »ich sagte damals, daß man einer gefallenen Frau verzeihen müsse; aber ich habe nicht gesagt, daß ich es könnte. Ich kann es nicht.«

»Aber hier liegt der Fall doch anders …«, fiel Pierre ein.

Fürst Andrej ließ ihn nicht ausreden. In scharfem Ton unterbrach er ihn: »Ich soll wohl noch einmal um ihre Hand anhalten, großmütig sein oder so etwas Ähnliches. Das wäre ja sehr edel, aber ich bin nicht imstande, d’aller sur les brisées de monsieur. Wenn du mein Freund sein willst, so sprich nie wieder mit mir von dieser … von dieser ganzen Geschichte. Nun leb wohl. Du wirst es ihr also ausrichten …«

Pierre verließ das Zimmer und ging wieder zum alten Fürsten und zu Prinzessin Marja.

Der alte Herr schien lebhafter als gewöhnlich. Prinzessin Marja war so wie immer, aber bei allem Mitgefühl für ihren Bruder beobachtete Pierre an ihr doch eine gewisse Freude, daß diese Ehe nun doch nicht zustande kam. Wenn er die beiden so ansah, begriff Pierre voll und ganz, welch verächtliche und feindselige Gefühle sie für die Familie Rostow hegten, und sah ein, daß es fernerhin einfach unmöglich war, in ihrer Gegenwart auch nur den Namen eines Mädchens auszusprechen, die es übers Herz gebracht hatte, einen anderen, wer es auch sein mochte, dem Fürsten Andrej vorzuziehen.

Während des Mittagessens kam die Rede auf den Krieg, dessen nahe bevorstehender Ausbruch immer augenscheinlicher wurde. Fürst Andrej sprach ununterbrochen, disputierte bald mit seinem Vater, bald mit dem schweizerischen Erzieher Dessalles und zeigte sich angeregter als sonst und von jener Lebhaftigkeit erfaßt, deren innere Ursache Pierre nur zu gut kannte.

22

Noch am selben Abend fuhr Pierre zu den Rostows, um den ihm erteilten Auftrag auszuführen. Natascha lag im Bett, der Graf war im Klub, und so übergab Pierre Sonja die Briefe und ging zu Marja Dmitrijewna hinein, die darauf brannte, zu erfahren, wie Fürst Andrej die Nachricht aufgenommen habe. Nach zehn Minuten kam Sonja zu Marja Dmitrijewna hereingelaufen.

»Natascha möchte unbedingt den Grafen Pjotr Kirillowitsch sehen«, sagte sie.

»Ja, aber wie denn? Man kann ihn doch nicht zu ihr hineinführen? Bei euch im Zimmer ist ja gar nicht aufgeräumt«, sagte Marja Dmitrijewna.

»Nein, sie hat sich angezogen und ist in den Salon hinuntergegangen«, sagte Sonja.

Marja Dmitrijewna zuckte nur mit den Achseln.

»Wenn nur diese Gräfin bald käme! Das Mädchen macht mich noch ganz kaputt! Nimm dich in acht und sage ihr nicht alles«, wandte sie sich an Pierre. »Man hat nicht einmal den Mut, ihr gründlich den Kopf zu waschen, so jämmerlich sieht sie aus!«

Natascha stand abgezehrt, mit bleichem, ernstem Gesicht, aber gar nicht beschämt, wie Pierre erwartet hatte, mitten im Salon. Als Pierre in der Tür erschien, geriet sie in Hast und Unruhe und wußte offenbar nicht, ob sie Pierre entgegengehen oder ihn dort erwarten sollte.

Pierre ging mit schnellen Schritten auf sie zu. Er dachte, sie werde ihm wieder, wie immer, die Hand reichen, aber sie ging nur bis zu ihm heran, atmete schwer, ließ leblos die Arme herabsinken und blieb in derselben Stellung vor ihm stehen, in der sie sich sonst immer zum Singen mitten in den Saal hinstellte, nur mit einem ganz anderen Gesichtsausdruck.

»Pjotr Kirillytsch«, fing sie schnell und hastig an, »Fürst Bolkonskij war Ihr Freund, ist noch Ihr Freund«, verbesserte sie sich – ihr schien, als wäre dies alles vergangen und alles müsse jetzt ganz anders sein. »Er sagte mir damals, ich möchte mich an Sie wenden …«

Pierre holte schnaufend Atem und sah sie an. Er hatte ihr bisher im Grund seines Herzens Vorwürfe gemacht und sich bemüht, sie zu verachten, jetzt aber tat sie ihm so leid, daß in seinem Herzen für einen Vorwurf gar kein Platz mehr war.

»Er ist jetzt hier«, fuhr sie fort. »Sagen Sie ihm, er solle mir ver … verzeihen.«

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