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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)

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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
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»Mein Bruder war der Erste, der mir wichtig war, aber sicher habe ich vorher andere Todesfälle erlebt.«

»Ich kann mich auch nicht daran erinnern.« Meine Eltern natürlich; ihr Tod hatte mich persönlich getroffen – aber als Engländerin hatte ich mein Leben im Schatten von Mahnmalen und Gedenksteinen zugebracht, und es starben regelmäßig Menschen, die mit meiner Familie gut bekannt waren. Mir kam eine plötzliche, lebhafte Erinnerung an meinen Vater, der einen Homburg aufsetzte und einen dunklen Mantel anzog, um zur Beerdigung der Bäckersfrau zu gehen. Mrs. Briggs hatte sie geheißen. Aber sie war nicht die Erste gewesen; ich wusste schon über den Tod und über Beerdigungen Bescheid – wie alt war ich damals gewesen? Vier vielleicht?

Ich war sehr müde. Meine Augen fühlten sich vor Schlafmangel rauh an, und das zarte Morgenlicht nahm jetzt die Helligkeit des vollen Sonnenlichts an.

»Ich glaube, Franks Tod war der erste Sterbefall, den Brianna je unmittelbar erlebt hat. Kann sein, dass es noch andere gab; ich weiß es nicht genau. Aber was ich sagen will, ist –«

»Ich weiß, was du sagen willst.« Er streckte die Hand aus, um mir den leeren Becher aus der Hand zu nehmen, und stellte ihn auf die Arbeitsplatte, dann leerte er seinen eigenen Becher und stellte ihn ebenfalls hin.

»Aber sie hat doch keine Angst um sich selbst, aye?«, fragte er mit durchdringendem Blick. »Es ist der Kleine.«

Ich nickte. Sie musste natürlich gewusst haben, theoretisch, dass so etwas möglich war. Aber zu erleben, wie einem ein Kind plötzlich in den Armen stirbt, und das an etwas so Simplem wie Durchfall …

»Sie ist eine gute Mutter«, sagte ich und gähnte plötzlich. Es stimmte. Sie wachte mit Feuereifer über Jemmy, sorgte dafür, dass er gut aß, hielt ihn vom Feuer fern, packte ihn warm ein, um ihn vor Durchzug zu schützen, passte im Freien auf, falls er gestochen oder gebissen wurde. Aber sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass so etwas Unbedeutendes wie ein Krankheitskeim ihr Kind rauben könnte. Bis gestern nicht.

Jamie stand plötzlich auf und zog mich hoch.

»Geh ins Bett, Sassenach«, sagte er. »Das kann warten.« Er wies kopfnickend auf das Mikroskop. »Ich habe noch nie erlebt, dass Scheiße vom Stehenlassen schlecht geworden ist.«

Ich lachte und ließ mich langsam gegen ihn sinken, bis meine Wange an seine Brust gepresst lag.

»Da könntest du recht haben.« Dennoch löste ich mich nicht von ihm. Er hielt mich fest, und wir sahen zu, wie sich der Sonnenschein ausbreitete und langsam die Wand hinaufkroch.

Kapitel 62

Amöben

Ich drehte den Spiegel des Mikroskops noch einen Millimeter weiter, um möglichst viel Licht zu bekommen.

»Da.« Ich trat zurück und winkte Malva herbei, damit sie es sich ansah. »Sehr Ihr es? Das große, durchsichtige, ausgebeulte Ding in der Mitte mit den kleinen Flecken?«

Sie runzelte die Stirn und blinzelte mit einem Auge in das Okular, dann schnappte sie triumphierend nach Luft.

»Ich sehe es ganz deutlich! Wie ein Johannisbeerpudding, der jemandem auf den Boden gefallen ist, nicht wahr?«

»Das ist es«, sagte ich und lächelte trotz der Ernsthaftigkeit der Untersuchung über ihre Beschreibung. »Es ist eine Amöbe – einer der größeren Mikroorganismen. Und ich habe den starken Verdacht, dass sie unser Übeltäter ist.«

Wir betrachteten die Objektträger mit den Stuhlproben, die ich bis jetzt von allen Erkrankten erhalten hatte – denn Padraigs Familie war nicht allein betroffen. In drei Familien war mindestens eine Person heftig an der roten Ruhr erkrankt – und in sämtlichen Proben, die ich mir bis jetzt angesehen hatte, hatte ich diese fremde Amöbe gefunden.

»Wirklich?« Malva hatte bei meinen Worten aufgeblickt, widmete sich jetzt aber wieder ganz dem Okular. »Wie kann denn etwas, das so klein ist, solches Unheil in etwas anrichten, das so groß ist wie ein Mensch?«

»Nun, dafür gibt es eine Erklärung«, sagte ich, während ich den nächsten Objektträger sanft durch das Farbbad zog und ihn dann zum Trocknen hinlegte. »Aber es würde eine Weile dauern, Euch alles über Zellen zu erzählen – wisst Ihr noch, die Zellen aus Eurer Mundschleimhaut, die ich Euch gezeigt habe?«

Sie nickte mit leicht gerunzelter Stirn und fuhr sich mit der Zunge über die Innenseite der Wange.

»Nun, ein Körper bildet alle möglichen Arten von Zellen, und es gibt spezielle Zellen, deren Aufgabe es ist, Bakterien zu bekämpfen – die kleinen, rundlichen Organismen, erinnert Ihr Euch?« Ich wies auf den Objektträger, und da er Fäkalienmasse enthielt, wies er auch die üblichen Mengen von Escherichia coli und Ähnlichem auf.

»Aber es gibt Millionen von verschiedenen Sorten, und manchmal taucht ein Mikroorganismus auf, mit dem die speziellen Zellen nicht fertigwerden. Das Plasmodium in Lizzies Blut zum Beispiel?« Ich deutete auf das verkorkte Fläschchen auf der Arbeitsplatte; ich hatte Lizzie erst vor ein oder zwei Tagen Blut abgenommen und Malva die Malariaparasiten in den Zellen gezeigt. »Und ich glaube, dass die Amöbe, mit der wir es hier zu tun haben, auch einer sein könnte.«

»Oh. Nun ja. Werden wir den Kranken jetzt Penizillin geben?« Ich lächelte ein wenig über das bereitwillige »wir«, obwohl es sonst an der ganzen Situation nicht viel zu lachen gab.

»Nein, ich fürchte, Penizillin hat bei der Amöbenruhr keine Wirkung – so nennt man solch einen schlimmen Durchfall, die Ruhr. Nein, ich fürchte, in diesem Fall steht uns nicht viel zur Verfügung außer Kräutern.« Ich öffnete den Schrank und ließ meinen Blick fragend über die Reihen der Flaschen und Gazebündel schweifen.

»Erst einmal Wermut.« Ich nahm das Glas aus dem Schrank und reichte es Malva, die an meine Seite getreten war und die Mysterien des Schrankes neugierig betrachtete. »Knoblauch, er hilft immer bei Erkrankungen des Verdauungstraktes – aber er eignet sich auch gut für Hautumschläge.«

»Was ist mit Zwiebeln? Meine Großmutter hat eine Zwiebel heiß gemacht und sie an mein Ohr gelegt, wenn ich als kleines Kind Ohrenschmerzen hatte. Es hat furchtbar gerochen, aber es hat geholfen!«

»Schaden kann es nicht. Dann lauf zur Vorratskammer und hol … oh, drei große Zwiebeln und ein paar Knoblauchknollen.«

»Oh, sofort, Ma’am!« Sie stellte den Wermut hin und huschte mit klatschenden Sandalen hinaus. Ich wandte mich wieder dem Schrank zu und versuchte, mein drängendes Gefühl der Eile zu beruhigen.

Ich war hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, bei den Kranken zu sein und sie zu pflegen, und der Notwendigkeit, ein Heilmittel herzustellen, das ihnen vielleicht half. Aber es gab andere, die die Pflege übernehmen konnten, und ich war die Einzige, die das nötige Wissen zur Herstellung eines antiparasitären Heilmittels besaß.

Wermut, Knoblauch … Odermennig. Und Enzian. Alles, was einen hohen Gehalt an Kupfer oder Schwefel hatte – oh, Rhabarber. Er wuchs zwar jetzt nicht mehr, aber meine Ernte war gut gewesen, und ich hatte mehrere Flaschen zu Sirup verkochtes Fruchtfleisch, weil Mrs. Bug ihn gern zum Backen verwendete und er ein Vitamin-C-Lieferant für den Winter war. Er würde eine hervorragende Grundlage für die Medizin abgeben. Dazu eventuell noch Ulmenrinde wegen ihrer beruhigenden Wirkung auf den Verdauungstrakt – obwohl diese mit Sicherheit zu schwach war, um sich gegen einen solch brutalen Ansturm bemerkbar zu machen.

Ich begann, Wermut und Odermennig in meinem Mörser zu zerstampfen, während ich mich fragte, woher zum Teufel die Krankheit gekommen war. Die Amöbenruhr war normalerweise eine Tropenkrankheit – obwohl ich Gott weiß schon reihenweise Tropenkrankheiten an der Küste gesehen hatte, die mit dem Sklaven- und Zuckerhandel von den Westindischen Inseln kamen, und bisweilen auch weiter im Landesinneren, da solche Krankheiten meistens chronisch wurden und ihr Opfer begleiteten, wenn sie es nicht sofort umbrachten.

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