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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Haben Sie versprochen, sie zu heiraten?«

»Ich … ich … ich habe gar nicht daran gedacht. Übrigens habe ich schon deshalb nie etwas versprochen, weil …«

Pierre unterbrach ihn.

»Haben Sie Briefe von ihr? Haben Sie Briefe?« wiederholte Pierre und trat wieder auf Anatol zu.

Anatol warf nur einen kurzen Blick auf ihn, fuhr sogleich mit der Hand in die Tasche und zog seine Brieftasche hervor.

Pierre nahm den Brief, den Anatol ihm reichte, stieß einen ihm im Wege stehenden Tisch um und ließ sich auf das Sofa fallen.

»Je ne serai pas violent, ne craignez rien«, sagte er auf die erschrockene Gebärde Anatols hin. »Also das war Nummer eins: die Briefe«, sagte Pierre, als wiederhole er eine auswendig gelernte Lektion. »Nun Nummer zwei«, fuhr er nach kurzem Schweigen fort, stand wieder auf und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen: »Sie müssen morgen aus Moskau abfahren.«

»Aber wie kann ich denn das …«

»Drittens«, fuhr Pierre fort, ohne auf ihn zu hören, »Sie dürfen niemals ein Wort von dem verlauten lassen, was zwischen Ihnen und der Komtesse vorgefallen ist. Ich weiß, daß ich Ihnen dies nicht verbieten kann, aber wenn nur ein Funken von Ehrgefühl noch in Ihnen ist …« Pierre ging ein paarmal schweigend im Zimmer auf und ab.

Anatol saß mit finsterer Miene am Tisch und biß sich auf die Lippen.

»Es sollte Ihnen doch endlich einmal klar werden, daß es außer Ihrem Vergnügen auch noch das Glück und die Ruhe anderer Menschen auf der Welt gibt, daß Sie nicht ein ganzes Leben zerstören dürfen, nur weil Sie sich amüsieren wollen. Suchen Sie doch Ihr Vergnügen bei solchen Weibern, wie meine Frau eines ist; da sind Sie in Ihrem Recht, die wissen, was Sie von ihnen wollen. Die sind durch ihre eigne Erfahrung im Laster gegen Sie gewappnet. Aber einem anständigen jungen Mädchen die Ehe zu versprechen … sie zu täuschen und entführen zu wollen … Sehen Sie denn nicht ein, daß das ebenso gemein ist, wie einen Greis oder ein kleines Kind zu mißhandeln?«

Pierre schwieg und sah Anatol nicht mehr mit zornigen, sondern mit fragenden Blicken an.

»Das weiß ich nicht«, sagte Anatol, der im selben Maß, wie Pierre seinen Zorn bewältigte, immer kühner wurde. »Das weiß ich nicht und will ich auch gar nicht wissen«, sagte er mit leisem Zittern des Unterkiefers und sah Pierre an, »aber Sie haben mir gegenüber Worte gebraucht wie ›gemein‹ und ähnliches, die ich mir, comme un homme d’honneur, von niemandem sagen lasse.«

Pierre sah ihn erstaunt an und war nicht imstande, zu begreifen, was er wolle.

»Obgleich es unter vier Augen war«, fuhr Anatol fort, »so kann ich doch nicht …«

»Wie? Sie fordern wohl Genugtuung?« fragte Pierre spöttisch.

»Wenigstens nehmen Sie diese Worte zurück. Nicht? Wenn Sie wollen, daß ich Ihre Wünsche erfüllen soll. Nicht?«

»Ich nehme sie zurück, gewiß«, sagte Pierre leise, »und bitte Sie um Entschuldigung.«

Pierre warf unwillkürlich einen Blick nach dem herausgerissenen Knopf. »Und wenn Sie Geld für die Reise brauchen …«

Anatol lächelte. Dieses verlegene, gemeine Lächeln, das er von seiner Frau her kannte, brachte Pierre außer sich.

»O diese gemeine, herzlose Brut!« murmelte er und verließ das Zimmer.

Am nächsten Tag fuhr Anatol nach Petersburg.

21

Pierre ging zu Marja Dmitrijewna, um sie davon in Kenntnis zu setzen, daß er ihren Wunsch erfüllt und Anatol aus Moskau vertrieben habe.

Das ganze Haus war in Angst und Aufregung. Natascha war sehr krank und hatte sich, wie ihm Marja Dmitrijewna insgeheim erzählte, nachdem sie erfahren hatte, daß Anatol verheiratet war, noch in derselben Nacht mit Arsenik, das sie sich heimlich zu verschaffen gewußt hatte, vergiften wollen. Nachdem sie etwas davon hinuntergeschluckt hatte, war sie so erschrocken, daß sie Sonja geweckt und ihr ihr Vorhaben eingestanden hatte.

So waren noch rechtzeitig alle Maßnahmen gegen das Gift getroffen worden, und sie war jetzt außer Gefahr, aber immerhin noch so schwach, daß gar nicht daran zu denken war, sie nach Hause aufs Land zu schaffen, und deshalb hatte man die Gräfin gebeten, hierher zu kommen. Pierre sprach mit dem kopflosen Grafen und der verweinten Sonja, Natascha aber bekam er nicht zu sehen.

Pierre speiste an diesem Tag im Klub, hörte, wie auf allen Seiten über den Entführungsversuch der kleinen Rostowa geredet wurde, und widersprach diesen Gerüchten hartnäckig, indem er allen versicherte, es sei weiter nichts geschehen, als daß sein Schwager der Komtesse Rostowa einen Antrag gemacht habe, aber von ihr abgewiesen worden sei. Es erschien Pierre als heilige Pflicht, die ganze Sache zu vertuschen und den Ruf der Komtesse Rostowa wiederherzustellen.

Mit bangem Herzen erwartete er die Rückkehr des Fürsten Andrej und fuhr jeden Tag zum alten Fürsten, um sich nach ihm zu erkundigen.

Durch Mademoiselle Bourienne hatte Fürst Nikolaj Andrejewitsch alle die Gerüchte erfahren, die über Natascha in der Stadt umliefen, auch hatte er jenen Brief an die Prinzessin Marja gelesen, worin Natascha sich von ihrem Bräutigam lossagte. Er schien heiterer als gewöhnlich zu sein und erwartete seinen Sohn mit großer Ungeduld.

Wenige Tage nach Anatols Abreise erhielt Pierre einen Brief vom Fürsten Andrej, in dem er ihm seine Ankunft mitteilte und Pierre bat, ihn doch sogleich aufzusuchen.

Als Fürst Andrej in Moskau ankam, überreichte ihm sein Vater als erstes den Brief Nataschas an Prinzessin Marja, in dem sich Natascha von ihrem Bräutigam lossagte – diesen Brief hatte Mademoiselle Bourienne der Prinzessin Marja entwendet und dem Fürsten zugesteckt –, und außerdem bekam er von seinem Vater die Geschichte von Nataschas Entführung mit allem Drum und Dran zu hören.

Fürst Andrej war spät abends eingetroffen. Am nächsten Morgen kam Pierre zu ihm. Er hatte erwartet, den Fürsten Andrej beinahe in derselben Verfassung vorzufinden, in der Natascha gewesen war, und war deshalb nicht wenig erstaunt, als er beim Eintreten in den Salon im Nebenzimmer die laute Stimme des Fürsten Andrej vernahm, der angeregt irgendeine Petersburger Intrige erzählte. Dazwischen hörte man ab und zu den alten Fürsten reden, und noch eine andere Stimme. Prinzessin Marja trat in den Salon, um Pierre zu begrüßen. Sie seufzte und wies mit einem Blick nach der Tür, hinter der man Fürst Andrej sprechen hörte, wodurch sie offenbar ihr Mitgefühl mit seinem Kummer aussprechen wollte, aber Pierre sah an ihrem Gesicht, daß sie über das, was geschehen war, sowie darüber, wie Fürst Andrej die Nachricht vom Treubruch seiner Braut aufgenommen hatte, im Grund ihres Herzens doch recht glücklich war.

»Er sagte, er habe dies erwartet«, fing Prinzessin Marja an. »Ich weiß zwar, daß sein Stolz es ihm nicht erlaubt, seine Gefühle zu zeigen, aber immerhin erträgt er es leichter, viel leichter, als ich erwartet hatte. Man sieht, es hat so kommen müssen …«

»Aber ist denn wirklich alles zu Ende?« fragte Pierre.

Prinzessin Marja sah ihn erstaunt an. Es war ihr völlig unverständlich, wie man da noch fragen könne.

Pierre trat in das Nebenzimmer, das Kabinett des alten Fürsten, ein. Fürst Andrej stand, völlig verändert und auffallend gesünder und frischer geworden, aber mit einer neuen Querfalte zwischen den Brauen, in Zivilkleidung vor seinem Vater und dem Fürsten Meschtscherskij und disputierte hitzig mit ihnen, wobei er energische Gesten machte. Sie sprachen gerade über Speranskij: die Kunde von seiner plötzlichen Verbannung und vermeintlichen Verräterei war eben in Moskau eingetroffen.

»Und alle diejenigen, die vor vier Wochen noch von ihm begeistert waren, verurteilen und beschuldigen ihn jetzt«, sagte Fürst Andrej, »und dazu kommen noch die, die seine Absichten und Ziele nicht zu begreifen imstande sind. Einen Menschen, der in Ungnade gefallen ist, zu verdammen, fällt niemandem schwer, und alle Fehler anderer werden einem solchen dann in die Schuhe geschoben. Ich aber sage, wenn unter unserer jetzigen Regierung wirklich etwas Gutes zustande gekommen ist, so ist er allein der Urheber davon, er ganz allein …«

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