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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Natascha war den ganzen Morgen nicht aus ihrem Zimmer gekommen. Mit zusammengepreßten, rissigen Lippen und tränenlosen, stieren Augen saß sie am Fenster, blickte unruhig nach den auf der Straße Vorübergehenden und sah sich hastig um, wenn jemand zu ihr ins Zimmer trat. Offenbar wartete sie auf Nachricht von ihm, wartete darauf, daß er entweder selber kommen oder an sie schreiben werde.

Als der Graf zu ihr ins Zimmer trat, wandte sie sich bei dem Geräusch seiner männlichen Schritte hastig um, und ihr Gesicht nahm wieder einen kalten, beinahe feindseligen Ausdruck an. Sie stand nicht einmal auf, um ihm entgegenzugehen.

»Was hast du denn, mein Engel, bist du krank?« fragte der Graf.

Natascha schwieg.

»Ja, krank«, sagte sie dann.

Als der Graf sie besorgt fragte, warum sie so niedergeschlagen sei, und ob denn vielleicht mit ihrem Bräutigam etwas vorgefallen wäre, versicherte sie ihm, es sei nichts weiter mit ihr, und bat ihn, sich nicht zu beunruhigen. Marja Dmitrijewna bestätigte dem Grafen Nataschas Versicherungen, daß nichts vorgefallen sei. Der Graf ersah zwar aus der angeblichen Krankheit und dem verstörten Wesen seiner Tochter und aus den verlegenen Gesichtern Sonjas und Marja Dmitrijewnas ganz deutlich, daß sich in seiner Abwesenheit etwas ereignet haben mußte, aber der Gedanke, daß seiner geliebten Tochter etwas Schändliches zugestoßen sein könne, war ihm so furchtbar, und er liebte seine heitere Ruhe so sehr, daß er alle weiteren Fragen unterließ und sich einzureden versuchte, es sei sicherlich nichts Besonderes geschehen. Er grämte sich nur darüber, daß wegen Nataschas Krankheit ihre Heimreise aufs Land verschoben werden mußte.

19

Pierre hatte sich schon von dem Tag an, als seine Frau ihm nach Moskau gefolgt war, vorgenommen, irgendwohin zu reisen, nur um nicht mit ihr zusammen zu sein. Bald nach der Ankunft der Rostows in Moskau war ihm dann der Eindruck, den Natascha auf ihn gemacht hatte, zur Veranlassung geworden, die Ausführung seiner Absicht noch zu beschleunigen. So fuhr er nach Twer zu der Witwe Osip Alexejewitschs, die schon lange versprochen hatte, ihm die hinterlassenen Papiere ihres Mannes zu übergeben.

Als Pierre nach Moskau zurückkehrte, überreichte man ihm einen Brief von Marja Dmitrijewna, die ihn in einer äußerst wichtigen Angelegenheit, den Fürsten Andrej Bolkonskij und seine Braut betreffend, zu sich bat. Pierre floh Natascha, soviel er konnte. Ihm schien, als empfinde er für sie ein stärkeres Gefühl, als ein verheirateter Mann für die Braut seines Freundes empfinden dürfe. Aber ein seltsames Geschick führte ihn immer wieder mit ihr zusammen.

Was ist denn da los? Und was wollen sie von mir, was geht denn mich das an? dachte Pierre, während er sich anzog, um zu Marja Dmitrijewna zu fahren. Wenn doch Fürst Andrej nur bald käme und sie heiratete! dachte er auf dem Weg zur Achrosimowa.

Auf dem Twerschen Boulevard rief ihn plötzlich jemand an.

»Pierre! Schon lange wieder da?« hörte er eine bekannte Stimme. Pierre hob den Kopf. In einem Schlitten, mit zwei Apfelschimmeln bespannt, welche die ganze Vorderseite des Schlittens mit Schnee bestäubt hatten, flog Anatol mit seinem unzertrennlichen Kameraden Makarin an ihm vorüber. Anatol saß kerzengerade, in der vorschriftsmäßigen Haltung eines eleganten Offiziers, das Gesicht unten ganz in einen Biberkragen eingehüllt und den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. Er sah frisch und rot aus, den Hut mit der großen weißen Feder trug er etwas zur Seite gesetzt, so daß das gelockte und pomadisierte, mit feinem Schnee bestäubte Haar ein wenig sichtbar war.

Wirklich, dies ist der wahre Weise! dachte Pierre. Er kümmert sich um nichts als um das Vergnügen des Augenblicks, regt sich über nichts auf und ist deshalb immer heiter, ruhig und zufrieden. Was würde ich darum geben, wenn ich so wäre wie er! dachte Pierre voll Neid.

Bei der Achrosimowa nahm ein Diener Pierre im Vorzimmer den Pelz ab und sagte, Marja Dmitrijewna lasse Pierre zu sich ins Schlafzimmer bitten.

Als man ihm die Tür zum Saal öffnete, sah Pierre Natascha mit blassem, eingefallenem, grimmigem Gesicht am Fenster sitzen. Sie wandte sich nach ihm um, runzelte die Stirn und ging mit einem Ausdruck kalter Würde aus dem Zimmer.

»Was ist denn geschehen?« fragte Pierre, als er zu Marja Dmitrijewna ins Zimmer trat.

»Schöne Geschichten!« erwiderte sie. »Achtundfünfzig Jahre bin ich nun schon auf der Welt, aber so einen Skandal habe ich noch nicht erlebt.«

Und nachdem sie Pierre das Ehrenwort abgenommen hatte, über alles, was er jetzt erfahren werde, zu schweigen, teilte sie ihm mit, daß Natascha ohne Wissen der Eltern ihrem Bräutigam abgeschrieben habe, und daß der Grund dieser Absage Anatol Kuragin sei, mit dem Pierres Frau Natascha zusammengebracht habe, und daß Natascha während der Abwesenheit ihres Vaters mit ihm habe fliehen wollen, um sich heimlich trauen zu lassen.

Pierre hörte mit hochgezogenen Schultern und offenem Munde zu, was Marja Dmitrijewna ihm erzählte, und traute seinen Ohren nicht. Die Braut des Fürsten Andrej, die dieser so leidenschaftlich liebte, die sonst so liebe Natascha Rostowa tauschte einen Bolkonskij gegen diesen Dummkopf Anatol ein, der bereits verheiratet war – Pierre kannte das Geheimnis seiner Ehe –, und verliebte sich so in ihn, daß sie gleich bereit war, mit ihm auf und davon zu gehen – das konnte Pierre nicht begreifen, sich nicht einmal vorstellen.

Zu dem liebreizenden Eindruck, den er von Natascha hatte, die er von Kind auf kannte, paßten diese neuen Vorstellungen von ihrer niedrigen Denkungsart und dummen und herzlosen Handlungweise schlecht. Er mußte an seine Frau denken. Da ist doch eine wie die andere, sagte er sich im stillen und dachte, daß das traurige Los, mit einer treulosen Frau verknüpft zu sein, nicht nur ihm allein beschieden sei. Trotzdem tat ihm aber Fürst Andrej, wenn er an dessen Stolz dachte, so leid, daß ihm fast die Tränen kamen. Und je mehr er seinen Freund bemitleidete, mit um so größerer Verachtung und um so größerem Abscheu mußte er an diese Natascha denken, die soeben mit dem Ausdruck einer so kalten Würde im Saal an ihm vorbeigegangen war. Er wußte nicht, daß Nataschas Seele von Verzweiflung, Scham und demütigenden Vorstellungen erfüllt war, und daß sie nichts dafür konnte, wenn ihr Gesicht unwillkürlich den Ausdruck ruhiger und strenger Würde zeigte.

»Aber wie denn trauen lassen?« wiederholte Pierre Marja Dmitrijewnas Worte. »Er kann sich doch gar nicht trauen lassen: er ist doch bereits verheiratet.«

»Das wird ja mit jeder Stunde besser!« rief Marja Dmitrijewna. »Ein netter Bursche! So ein Schuft! Und sie wartet immer noch auf ihn, wartet nun schon zwei Tage lang. Das muß man ihr doch sagen, damit sie wenigstens mit Warten aufhört.«

Nachdem sie von Pierre alle Einzelheiten über Anatols Ehe erfahren und mit allen ihr zu Gebote stehenden Schimpfworten ihrem Zorn über diesen ehrlosen Halunken Luft gemacht hatte, teilte Marja Dmitrijewna Pierre mit, warum sie ihn zu sich gebeten habe. Sie fürchtete, der Graf oder Bolkonskij, der jeden Augenblick ankommen mußte, könnte die ganze Geschichte erfahren, die sie zwar vor ihm geheimzuhalten beabsichtigte, und dann Kuragin zum Duell fordern. Deshalb bat sie Pierre, seinem Schwager in ihrem Namen zu befehlen, sofort aus Moskau zu verschwinden und nicht zu wagen, ihr noch unter die Augen zu kommen. Pierre versprach, ihren Wunsch zu erfüllen, da er erst jetzt die Gefahr erkannte, die dem alten Grafen, Nikolaj und Bolkonskij drohte. Nachdem sie Pierre kurz und bündig ihre Forderung auseinandergesetzt hatte, entließ sie ihn und schickte ihn in den Salon hinüber.

»Nimm dich in acht, der Graf weiß von nichts. Stelle dich, als hättest du von nichts eine Ahnung«, sagte sie zu ihm. »Und ich werde zu ihr gehen und ihr sagen, daß sie nicht länger zu warten braucht. Bleib doch zum Essen da, wenn du Lust hast«, rief Marja Dmitrijewna Pierre noch nach.

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