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Kinder der Sonne

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Kinder der Sonne
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Antonowna:  Das Fräulein hat einen Anfall …

Mischa  zu Roman und Luscha. Roman entfernt sich langsam zum Gartenzaun und macht sich da wieder zu schaffen:  Da habt ihr's, ihr Dummköpfe! Wie ist denn das gekommen, Antonowna?

Antonowna:  Unser Herrgott hat's so gewollt … alles kommt von ihm!

Mischa  mit höhnischem Lächeln:  Vielleicht auch vom Tierarzt? Geht zufrieden ab.

Antonowna  sieht ihm vorwurfsvoll nach und seufzt, spricht mit dem Ausdruck des Bedauerns:  Dummkopf! … Lukerja … was machst du hier? Geh ins Haus …

Luscha:  Antonowna - was ist denn das für ein Anfall? Ist es die fallende Sucht - oder was ist es?

Antonowna:  Ja! Ja! Geh nur …

Luscha  im abgehen:  Na, die fallende Sucht - das ist nichts Besonderes! … ich hab schon anderes gesehen … Habe ich einen Schrecken gekriegt, als sie das Fräulein fortschleiften … Roman brummt etwas vor sich hin. Wagin kommt aus dem Zimmer, verstimmt, geht auf der Veranda auf und ab - und sieht nach Roman: . Holt sein Skizzenbuch und einen Bleistift hervor.

Wagin:  Hör mal, Onkel!

Roman:  Meinen Sie mich?

Wagin:  Bleib einmal stehen …

Roman:  Wozu? Warum?

Wagin  zeichnend:  Nun, ich will dich zeichnen.

Roman:  Was du sagst? … Kann mir das nicht schaden?

Wagin:  Du kriegst ein Zwanzigkopekenstück.

Roman:  Das läßt sich hören …

Wagin:  Halt den Kopf höher…

Roman  wirft den Kopf in die Höhe:  Gut!

Wagin:  Niedriger … Nicht so hoch!

Roman:  War ich nicht fein? Nun, nehm ich mich schön aus?

Wagin  durch die Zähne:  Nicht übel. Pause. Aus dem Zimmer hört man Gestöhn. In einiger Entfernung auf der Straße ertönt wirrer Lärm. Melanija erscheint.

Wagin:  Nun? Was …

Melanija  dumpf:  Ich habe ihn gesehen … Er sah schrecklich aus … ganz blau … die Zunge hängt ihm aus dem Munde … und er scheint spöttisch zu lächeln … Entsetzlich! Wie geht es - Lisa?

Wagin  düster:  Da - hören Sie?

Melanija:  Wie ist das nur gekommen? Es ging doch alles so gut? …

Wagin:  Wie hat es denn eigentlich angefangen?

Melanija:  ich weiß es nicht … ich verstehe die ganze Geschichte nicht … es ist nur schrecklich … Und Sie zeichnen ? Wie Sie das nur können …

Wagin:  Und Sie - atmen? Können Sie - nicht atmen? Na, genug, Alter, hier hast du deine zwanzig Kopeken! Wirft das Geldstück Roman vor die Füße.

Melanija:  Ist Jelena Nikolajewna allein? Ich gehe zu ihr, vielleicht braucht sie etwas … O Gott im Himmel … Boris muß beerdigt werden und alles … und ich habe noch gar nichts angeordnet … Habe nur einen Blick auf ihn geworfen und bin hierhergefahren … Auf den Straßen lärmt das Volk so merkwürdig. Die Leute laufen herum und scheinen erregt zu sein … und ich … ich verstehe nicht … immer sehe ich sein blaues Gesicht vor mir, wie es mir zunickt, und die ausgestreckte Zunge … Es lacht noch immer. Geht weinend ins Haus.

Roman  mit Genugtuung:  Sieh mal einer an … Die Dame da weint … Warum denn?

Wagin:  Ihr Bruder ist gestorben.

Roman:  Ah - ah! Na - … Das tut nichts … das ist ja ein Grund! … Sonst weinen die Weiber ja sehr oft ohne Grund … Gibt man ihnen nur eins ins Genick, so fangen sie schon an zu heulen. Der Lärm auf der Straße wird lauter. Dumpfe Rufe ertönen. Mischa stößt hinter der Szene einen Schreckensruf aus: »Roman!«  Du kannst warten! Horcht.  Vielleicht ein Feuer … oder jemand kriegt Prügel … Wohl ein Dieb. Na - auch den Dieben macht man das Leben sauer. Man kann ja gehen und nachsehen …

Jelena  kommt heraus, Wagin sieht sie fragend an. Sehr erregt:  Ich fürchte, sie kommt nicht darüber hinweg.

Wagin:  Ach … hören sie auf. Das kommt ja nicht zu erstenmal vor.

Jelena:  Doch, so ist sie noch nie gewesen. Sie zeigt schon die Verschlagenheit der Wahnsinnigen. Zuerst bat sie um Gift … und dann wurde sie plötzlich merkwürdig ruhig … aber aus ihren Augen glänzte eine tierische List.

Wagin:  Darf ich Ihnen nicht etwas Wasser geben?

Jelena:  Nein … dann hat sie sich hingelegt … sie sagte mir, daß ich sie nervös mache … ich ging ins Nebenzimmer … Plötzlich höre ich, wie sie leise … ganz leise aufsteht … und auf Pawels Tisch zugeht … Dort lag in einem Kasten ein Revolver … hier ist er … ich habe mit ihr gerungen, und sie hat mir die Hände zerkratzt … wie ein Tier … sie war wie ein Tier.

Wagin:  Teufel auch … warum haben Sie mich nicht gerufen … nicht nach Hilfe geschrien!

Jelena:  Ich begreife nicht, daß wir einander nicht erschossen haben … jetzt liegt sie … sie ist gebunden … das Mädchen hat mir geholfen … Antonowna sah zu und weinte … bat inständig, man solle Lisa:  nicht anrühren … weil sie eine Generalstochter ist … Was für ein Lärm … warum lärmen denn die Leute so? … Es muß hier in der Nähe sein …

Wagin:  Der Hausknecht ist gegangen sich erkundigen, was das …

Jelena:  Und Pawel ist noch immer nicht da? - Was ist das? Vor der Pforte des Hauses Getümmel. Man hört Rufe: »Haltet ihn!«, »Aha« »Über den Zaun«, »Faßt an, Jungens …«, »Der mit dem Stock«, »Haut ihn«.

Jelena  erschrocken:  Um Gottes willen. Wir wollen hin …

Wagin:  Ich allein … Hinter der Ecke des Hauses stürzt der Arzt hervor, auf die Veranda zu, seine Kleider sind zerrissen, er ist ohne Hut.

Der Arzt:  Verstecken Sie mich … schließen Sie die Tür …

Jelena:  Doktor … was ist mit Ihnen? …

Der Arzt:  Sie schlagen … sie haben die Lazarettbaracke zerstört … sie hauen … mich haben sie hinter der Pforte abgefangen … sie werden mich totschlagen … Wagin stürzt auf die Tür zu.

Jelena  zu Wagin:  Nehmen Sie den Revolver.

Der Arzt:  Sie werden einbrechen und mich …

Jelena  führt ihn ins Haus:  Kommen Sie her, schneller … Antonowna! Antonowna! An der Pforte wird stark gerüttelt, ein Brett in der Seitentür wird zerschlagen, zerbrochenes Glas klirrt, Protassow springt herein, er wird von etwa zehn Leuten verfolgt. Er wehrt ihnen, indem er ihnen seinen Hut und sein Taschentuch entgegenschwenkt. Das macht den Leuten Spaß und einige lachen.

Protassow:  Ihr - Esel! Ihr Idioten! Weg!

Ein Mann aus der Menge:  Du hast mir mit dem Lappen da das Maul …

Ein zweiter:  Herr! Gib ihm noch eins mit dem Hut …

Ein dritter  bösartig:  Ich werd dir's zeigen, zu schimpfen.

Der zweite:  Wo ist der Doktor? Sucht ihn, Kinder …

Der dritte:  Der da ist auch ein Doktor … faß ihn!

Wagin  hinter der Ecke:  Roman: , schließ die Tür - jage sie fort …

Protassow:  Untersteh dich, mich zu stoßen - du Dummkopf!

Wagin:  Pawel … Pawel! Bleibt stehen! Ich schlage los … alle fort! Jegor und Troschin treten auf. Jegor ein wenig bezecht, Troschin schwer betrunken. Jegor wirft sich auf Protassow und drängt ihn zur Pforte..

Jegor:  Ah! Der Chemiker! Hab ich dich endlich!

Protassow  stößt ihn zurück:  Wage nicht …

Jegor:  Kinder, das ist der Hauptverbrecher! Der macht Medizinen …

Protassow:  Du lügst, du Lump! Nichts mach ich … zu mir! Zu Hilfe!

Eine Stimme aus der Menge:  Ruf doch noch lauter, sie können sich nicht hören! Auf der Veranda erscheint Jelena. Sie sieht das Gedränge, zieht den Revolver und läuft zu Protassow.

Jelena:  Jegor … lassen Sie los! Fort, Jegor!

Protassow:  Jelena … Jelena …

Jegor:  Weißt du noch, wie du sagtest: »Wer die Cholera hat, soll sterben«, weißt du noch, wie du …

Jelena:  Ich schieße Sie tot … Beim Erscheinen Jelenas hört man aus der Menge verschiedene Rufe: »Schaut mal die an!«, »Wie die herumspringt!«, »Du mit deiner Pistole!«, »Gib's ihr nur!«, »Sie soll's nur versuchen!«, »So eine!«

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