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Kinder der Sonne

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Kinder der Sonne
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Protassow  tritt ein, den Hut in der Hand:  Jelena … sofort ein Bad … und alles, was du am Leibe trägst - herunter und in den Ofen damit! Fima! Ein Bad! Diese Fima - hol sie der Teufel - die soll ein Stubenmädchen sein? Das ist einfach ein Mythos.

Jelena:  Ereifere dich nicht so - das Bad ist fertig, und ich werde alles besorgen.

Protassow:  Bitte, geh! … mit der Cholera ist nicht zu scherzen.

Jelena  im Abgehen:  Ich gehe schon, ich gehe.

Protassow  geleitet seine Frau, sieht ängstlich von der Seite auf Melanija. Diese sitzt wie von Schuldbewußtsein niedergedrückt mit tief gebeugtem Kopf da; er geht auf und ab:  Tja, was ist das heute für ein trüber und sozusagen unangenehmer Tag.

Melanija  leise:  Ja …

Protassow:  Ja, und diese Cholera ist zu so ungelegener Zeit gekommen …

Melanija:  In der Tat … und so plötzlich …

Protassow:  Und hier ist noch dazu der Kühlapparat zerbrochen …

Melanija:  Pawel Fjodorowitsch, verzeihen Sie mir!

Protassow  mißtrauisch:  Das heißt - wieso denn? Was wollen Sie eigentlich sagen?

Melanija:  Vergessen Sie alles, was ich Ihnen gesagt habe … Vergessen Sie's!

Protassow  freudig bewegt:  Nein, im Ernst?

Melanija:  Im Ernst … ich bin so dumm … und dreist …

Protassow:  Melanija Nikolajewna! Ich liebe Sie sehr … das heißt: ich achte Sie! Sie sind eine erstaunliche Elementarnatur und ein ganzer Mensch. Sie nehmen so warmes Interesse an allem. - Aber, meine Liebe, das ist überflüssig … das heißt, alles, was Sie mir gesagt haben, war nicht nötig! Wir wollen gute Freunde sein und weiter nichts. Alle Menschen müssen Freunde sein … nicht wahr?

Melanija:  Wenn ich Sie ansehe … schäme ich mich …

Protassow:  Lassen wir das … geben Sie mir die Hand … das ist prächtig! Nein, wissen Sie, wie gut die Menschen doch sind! Es steckt in ihnen so viel Einfachheit, so viel Vernunft und eine so herrliche Gabe, einander zu verstehen … Ich liebe die Menschen, es sind außerordentlich interessante Geschöpfe!

Melanija  lächelnd:  Menschen habe ich noch nicht kennengelernt … Ich habe unter Kaufleuten gelebt; mein Mann hat mit Fleisch gehandelt … nur bei Ihnen habe ich erkannt, daß es auf Erden Menschen gibt … und da wollt ich denn gleich einen kaufen.

Protassow:  Wie meinen sie?

Melanija:  Hören Sie nicht auf mich … Ich habe es so …

Protassow  lebhaft:  Wissen Sie was - wollen wir Tee trinken!

Melanija:  Gut, ich werde zu Jelena Nikolajewna gehen und mich rechtfertigen.

Protassow:  Und ich - ich werde den Teetisch decken lassen. Wissen Sie, mein Kühler ist in Scherben gegangen, - hol ihn der Teufel. Jegors Frau ist erkrankt, so daß niemand da ist, der ihn ausbessern könnte - und ich kann heute nicht arbeiten. Geht lächelnd in sein Zimmer.

Melanija  spricht hinter ihm her:  Du mein liebes, du mein herrliches Kind … Ab zu Jelena. Antonowna kommt aus dem Speisezimmer heraus, gereizt und brummig.

Antonowna:  Als ob die wilde Jagd durch das Haus gezogen wäre! Nein, diese Leute …Alles durcheinander geworfen … Alles offen …Nicht fortgehen kann man … Nur bei den Toten ist Ordnung, auf dem Friedhof, nur dort ist Ruhe … Durch die Tür von der Terrasse treten Lisa und Tschepurnoi ein.  Lisonjka, die Medizin und die Milch …

Lisa  gereizt:  Schweig … Geh …

Antonowna:  Na, da haben wir's. Ab.

Tschepurnoi:  Also ist es aus?

Lisa:  Ja, Boris Nikolajewitsch. Kein Wort mehr davon … nie!

Tschepurnoi:  Gut. Ich habe heute nur deshalb davon angefangen, weil ich dachte, daß Sie sich irrten …

Lisa:  Nein. Meine Krankheit hindert mich nicht … ich fürchte sie nicht. Aber ich kann und will keine Kinder haben. Niemand fragt sich, wozu die Menschen geboren werden. Ich habe mich gefragt … Es ist auf der Erde kein Raum für den, der nicht die Kraft hat, das ganze Leben, das Leben der Erde zu seinem persönlichen Leben zu machen … Sie werden also verreisen - ja?

Tschepurnoi  ruhig:  Gut, ich reise. Wagin kommt von der Veranda.

Lisa:  Es wird Ihnen schon besser werden … und tragen sie keine roten Krawatten … das ist gewöhnlich. Wie bedaure ich, daß Sie gerade heute eine rote Krawatte tragen.

Wagin:  Das ist ein Tag - ganz wie im Oktober.

Tschepurnoi:  Ja, der Tag hat sich böse angelassen.

Lisa:  Wohin gedenken Sie zu reisen?

Tschepurnoi  ruhig:  Ich? Ins Gouvernement Mohilew.

Lisa  beunruhigt:  Warum gerade dorthin?

Tschepurnoi:  Ich habe dort viele Bekannte.

Wagin:  Ins Gouvernement Mohilew abreisen … nennt man im Volkswitz nicht den Tod so?

Lisa  zusammenzuckend:  Was fällt Ihnen ein? Pfui!

Wagin:  Dieses Scherzwort hat Sie erschreckt? Sie glauben doch nicht, daß Boris Nikolajewitsch sterben wird? Höchstens, wenn er sich eine Kugel in den Kopf schießt …

Lisa  vorwurfsvoll und beunruhigt:  Warum sprechen Sie so?

Wagin:  Ich beeile mich, Sie zu beruhigen. Mir ist kein Fall bekannt, daß ein Tierarzt sich erschossen hätte … Antonowna aus dem Speisezimmer.

Antonowna:  Lisuschka, komm, gieß Tee ein! Lisa schweigend ab.

Wagin:  Ich bin ein schlechter Mensch. Es macht mir Spaß, sie zu ärgern … Sie will sich mit ihrem Lamentieren über die Welt interessant machen. Es gibt nichts Langweiligeres als diese Weltschmerzler. Ich habe übrigens einen physischen Widerwillen gegen alles Ungesunde.

Tschepurnoi:  Nun, wie steht's? Werden Sie das Bild »Sie gehen zur Sonne«, oder wie heißt es doch, malen?

Wagin:  Entscheiden! Ein herrliches Sujet, nicht wahr? Damit ich es nicht vergesse - ich brauche Sie für das Bild …

Tschepurnoi  erstaunt:  Mich? Wo ist denn auf Ihrem Schiff ein Platz für mich? Unten im Schiffsraum?

Wagin  sieht Tschepurnoi prüfend an:  Sie haben über den Augen so eine trotzige Falte … das ist sehr charakteristisch. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie gleich festhalte?

Tschepurnoi:  Halten Sie fest.

Wagin  holt sein Skizzenbuch hervor:  Prächtig, nur eine Minute! Zeichnet.

Tschepurnoi:  Sind Sie Liebhaber von Anekdoten?

Wagin:  Doch, wenn sie nicht zu dumm sind …

Tschepurnoi:  So will ich Ihnen eine erzählen …

Wagin:  Bitte sehr … wenn ich zeichne, schweige ich.

Tschepurnoi:  Ich höre Sie schon schweigen. Geben Sie acht … Eines Tages fuhr eine englische Gesandtschaft über den Kanal von Dover nach Calais; an Bord befand sich auch ein Franzose. Prahlend stritten sie darüber, wer besser sei, die Engländer oder die Franzosen. Die Engländer sagten: »Wir sind überall.« Der Franzose erwiderte: »Nein. In diesem Meeresarm sind viele unserer Diplomaten ertrunken, aber kein einziger Engländer.« Als das ein junger Engländer von der Gesandtschaft hörte, sprang er über Bord - hopp! - und ertrank …

Wagin  nach einer Pause:  Nun und dann?

Tschepurnoi:  Weiter nichts …

Wagin:  Ist das die ganze Anekdote?

Tschepurnoi:  Ja … Was wollen Sie noch? Der Mann wollte die Ehre seiner Nation retten und ertränkte sich.

Wagin:  Wissen Sie, wenn Ihre Anekdote auch auf dem Meere spielt, so fehlt es ihr doch an Salz …

Tschepurnoi:  Sie binden Ihre Krawatte gut.

Wagin:  Gefällt es Ihnen so? Eine Dame hat es mich gelehrt …

Tschepurnoi:  Und auch die Farbe ist hübsch …

Protassow  kommt herein:  Hier wird gezeichnet? Und Jelena ist noch nicht da? Weißt du schon, Dimitrij, daß sie sich heute mit einem Cholerakranken zu schaffen gemacht hat …

Wagin:  Wa-as?

Protassow:  Ja, ja! Mit der Frau meines Schlossers! Wie findest du das?

Wagin:  Zum mindesten unvernünftig. Und du hast das erlaubt?

Jelena  tritt ein:  Ja, kann man mir etwas nicht erlauben?

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