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Kinder der Sonne

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Kinder der Sonne
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Jelena:  Sie wollen es, also werden Sie es. Was haben sie für ein schreckliches Leben hinter sich. … sie müssen ausruhen und das Vergangene vergessen.

Melanija:  Ich habe es schwer gehabt! … das weiß Gott! Wie hat man mich geprügelt … aber nicht mein Körper, nicht meine Wangen tun mir leid, nur meine Seele … Meine Seele haben sie verdorben … mein Herz befleckt … An das Gute zu glauben, fällt mir schwer, und was ist das Leben ohne diesen Glauben? Da ist zum Beispiel Boris - der macht sich über alles lustig und glaubt an nichts. Was ist er denn? - Wie ein heimatloser Hund läuft er herum. Sie haben mir gleich geglaubt. Ich war erstaunt. Sie wird dich betrügen, dachte ich. Aber statt dessen waren Sie zärtlich gegen mich und haben mich über mich selbst aufgeklärt.

Jelena:  Es ist genug. Lassen wir das, meine Liebe.

Melanija:  und wie gut, wie einfach Sie das gemacht haben. Glauben sie mir, nicht das Weib in mir liebt ihn, sondern der Mensch … den Menschen in mir habe ich nämlich vorher nie gefühlt, an den habe ich nicht geglaubt …

Jelena:  Wie ich mich freue, daß Sie das erfaßt haben!

Melanija:  ich habe es sofort begriffen, aber dennoch dachte ich: Probier's einmal, vielleicht kannst du dir einen feinen Herrn zum Manne kaufen. Bin ich nicht niederträchtig?

Jelena:  Sprechen sie nicht so von sich … Man muß sich selbst achten … ohne das kann man nicht leben .,.. Ich möchte ihnen so gern etwas zuliebe tun.

Melanija:  Oh, tun Sie es! Schenken sie um Christi Willen der reichen Kaufmannsfrau ein kleines Almosen!

Jelena:  Nicht so, nicht so … Und … weinen Sie nicht!

Melanija:  Das tut nichts, lassen Sie meine Seele sich reinwaschen. Jelena Nikolajewna! Nehmen Sie mich in Ihre Obhut … Lehren Sie mich etwas Gutes, etwas Edles … Sie können es … Lisa kommt.  Jelisaweta Fjodorowna, guten Tag!

Lisa  reicht Melanija schweigend die Hand:  Er ist noch nicht gekommen, Jelena?

Jelena:  Nein … was ist dir?

Lisa:  Nicht?

Jelena:  Dir ist nicht wohl!

Lisa:  Nein … aber diese Angst - Geht in den Garten.

Melanija:  Wen erwartet sie?

Jelena:  Boris Nikolajewitsch … Wissen Sie es nicht … sie sind verlobt …

Melanija:  Gott im Himmel! So werde ich noch mit Pawel Fjodorowitsch verschwägert sein … und mit Ihnen auch? Ach, Boris … Lisa:  … Liebe … ich will zu ihr gehen - darf man?

Jelena:  Bitte …

Melanija  lebhaft und froh:  Nein, wie sich das alles fügt, wie schön das ist! Lassen Sie mich Sie umarmen. Antonowna kommt.  … Ich gehe zu ihr in den Garten. Guten Tag, Altchen … Guten Tag, meine Liebe! Ab.

Antonowna:  Guten Tag … Warum räumt denn dieses Roß, das neue Stubenmädchen, nicht den Tisch ab? Sie haben sich das Mädchen aus dem Gesindebüro schicken lassen - man muß sich die Leute selbst aussuchen und sich nicht aufs Büro verlassen.

Jelena  faßt sie an den Schultern:  Brummen Sie doch nicht, Antonowna, heute ist so ein schöner Tag.

Antonowna:  Wir haben Frühjahr, da muß es warme tage geben., Ordnung aber soll immer sein. Diese Neue da drin hat sich vor ein paar Tagen zum Teetrinken hingesetzt und hat gleich den ganzen Samowar ausgesoffen - genau wie ein Pferd., Wagin kommt.

Jelena:  Du gönnst ihr wohl das Wasser nicht?

Antonowna:  Das Wasser gönn ich ihr schon, aber sie knabbert Zucker, als ob's 'ne Rübe wär, ja! … Ab ins Zimmer, nimmt einen Gegenstand vom Tisch mit.

Jelena  zu Wagin:  Guten Tag, mein Ritter.

Wagin  bewegt:  Die Hand darf ich Ihnen doch küssen?

Jelena:  Warum sollten Sie es nicht?

Wagin  seufzend:  Nun, ich dachte schon …

Jelena:  Wie Sie seufzen - Sie Märtyrer! …

Wagin  verletzt:  Wenn ich Sie so ansehe … wissen Sie, was mir dann durch den Kopf geht?

Jelena:  Das muß interessant sein! Was denn?

Wagin:  Sie haben sich meiner bedient, damit Pawel geruhe, Ihnen seine gnädige Aufmerksamkeit wieder zuzuwenden … Das haben Sie fein gemacht!

Jelena:  Mein Ritter! Welche in Ton … »Sie haben sich meiner bedient« … was soll das heißen? Und dann »fein gemacht« …

Wagin  betrübt:  Sie haben mir eine Lehre erteilt wie einem Schuljungen.

Jelena  ernst:  Dimitrij Sergejewitsch … Ich höre nicht gern Unsinn.

Wagin  nachdenklich und einfach:  Ich fühle, daß ich eine - nicht übermäßig geistreiche Rolle gespielt habe … und das kränkt mich … Überhaupt fühle ich mich nicht recht wohl … Nach der gestrigen Unterredung ist in meinem Kopf nicht alles in Ordnung … Jelena Nikolajewna, sagen sie mir die Wahrheit …

Jelena:  Muß man mich erst feierlich darum bitten?

Wagin:  Ich wollte Sie fragen, ob Sie nie wärmer für mich empfunden haben?

Jelena:  Für sie als Mann - nie; den Menschen lieb ich ernst und tief -

Wagin  lächelnd:  Das soll mir wohl schmeicheln? Ich verstehe die Menschen nicht … verstehe sie nicht. Ich, sehen Sie, liebe Sie ganz - ohne so feine Unterscheidungen. Erst gestern habe ich gefühlt, daß in der Frau das Weibliche mit dem allgemein Menschlichen so eng verschmolzen ist, so untrennbar zu einem einzigen schönen und harmonischen Ganzen … ich schämte mich dessen und hatte Mitleid mit mir selbst … Und seit gestern lieb ich Sie …

Jelena  verdrießlich:  Wieder von neuem … Warum?

Wagin  ernst und mit Nachdruck:  Ja, ich habe Sie liebgewonnen! … für das ganze Leben … und verlange nichts von Ihnen … Wahrscheinlich werde ich doch heiraten, und so weiter, wie die Verhältnisse es so mit sich bringen … Aber lieben werde ich nur Sie … und immer. Und nun lassen wir das. Ich bin Ihnen wohl jetzt mit meinem Gerede lästig geworden? nicht?

Jelena  reicht ihm die Hand:  Ich glaube Ihnen … Es scheint mir, Sie sprechen die Wahrheit …

Wagin:  Und früher - haben Sie diese Wahrheit in meinen Worten nicht gefühlt? Nie?

Jelena  lächelt weich:  Nein. Niemals! Wie es geschehen ist? Einmal, als ich die Herrschaft über mich verloren hatte, habe ich mich bei Ihnen über meine Vereinsamung beklagt … Sie betrugen sich gegen mich so prachtvoll, so einfach, so rein. Ich empfand für Sie ein starkes, ein warmes Gefühl der Dankbarkeit - und dann … merken Sie wohl … erst damals fingen Sie an, zu mir von Liebe zu sprechen.

Wagin  nachdenklich:  Erst da? … das hat Sie … gekränkt?

Jelena  lächelnd:  Ich weiß nicht … vielleicht ein wenig …

Wagin  verdrießlich und traurig:  Nein … genial war das nicht … gelinde ausgedrückt … ich bin dumm … ich verstehe die Menschen nicht.

Jelena:  Lassen wir das … nicht? Nun, wollen wir gute Freunde bleiben?

Wagin  lächelnd:  Auf Handschlag! Was?

Jelena  faßt ihn am Kopf und küßt ihn auf die Stirn:  Seien Sie frei! Für einen Künstler ist die Freiheit ebenso unentbehrlich wie Geist und Talent … Seien sie wahr … und denken sie nicht zu schlecht von den Frauen.

Wagin  gerührt, aber sich beherrschend:  Meine Teuerste, das letzte brauchten Sie nicht zu sagen … Ich danke Ihnen! Sie haben recht … Der Künstler muß für sich allein dastehen … Die Freiheit … das ist ja die Einsamkeit … nicht?

Jelena:  Ja, wahrscheinlich ist es so, mein Freund.,

Wagin:  Pawel kommt, ich höre seinen lächerlichen Gang - Protassow tritt ein.  Guten Tag, Rival!

Protassow:  ist Melanija Nikolajewna fortgegangen?

Jelena:  Sie ist bei Lisa im Garten … soll ich sie rufen?

Protassow:  Mach keine Witze, Lenka! Weißt du was, kümmre dich lieber um unser neues Stubenmädchen. Sie steht im Begriff, Seife zu essen! Ich bat sie, ein Stück Seife aus dem Papier zu wickeln, sie zerriß das Papier, steckte es in die Tasche und leckte es nachher ab …

Jelena:  Was? Geht ins Zimmer.

Wagin:  Laß sie … Laßt jedem sein Vergnügen … Ich habe eben Jelena Nikolajewna eine neue Liebeserklärung gemacht …

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