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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Ich muß gehen!«

»Zu spät, Jona. Es ist zu spät. In welches Fischerdorf willst du denn gehen? Und du warst drei Tage in deiner Höhle, mein Junge. Das letzte der jüdischen Schiffe wird in vier Tagen Segel setzen. Auch wenn du Tag und Nacht galoppierst und dein Pferd dir nicht eingeht, könntest du die Küste nie in vier Tagen erreichen.«

»Wohin bringt Onkel Aaron Eleasar?«

Benito schüttelte bekümmert den Kopf. »Aaron wußte noch nicht, wohin sie segeln würden. Es hängt davon ab, welche Schiffe verfügbar sind, mit welchem Ziel. Du mußt in diesem Haus bleiben, Jona. In ganz Spanien werden Soldaten jetzt nach Juden suchen, die den Ausweisungsbefehl nicht befolgt haben. Jeder Jude, der nicht bereit ist, sich von Christus retten zu lassen, wird getötet.«

»Aber... was soll ich dann tun?«

Benito ging zu ihm und faßte ihn bei den Händen.

»Hör mir gut zu, mein Junge. Der Mord an deinem Vater hatte mit dem an deinem Bruder zu tun. Es ist kein Zufall, daß dein Vater der einzige Jude war, der hier erschlagen wurde, oder daß sein Haus als einziges von den menudos verwüstet wurde, während nicht einmal eine Synagoge geschändet wurde. Du mußt dich von der Gefahr fernhalten. Aus Liebe zu meinem Freund, deinem Vater, und zu dir gewähre ich dir den Schutz meines Namens.«

»Deines Namens?«

»Ja. Du mußt konvertieren. Du wirst bei uns leben, als einer von uns. Ich gebe dir den Namen, den einst mein Vater trug. Du wirst Tomas Martin heißen. Bist du einverstanden?«

Jona sah ihn verwirrt an. Ein Handstreich des Schicksals hatte ihn aller Verwandten beraubt, hatte ihm alle genommen, die er liebte. Er nickte.

»Dann will ich jetzt einen Priester suchen gehen und ihn hierherbringen«, sagte Benito und machte sich unverzüglich auf den Weg.

7. KAPITEL

EINE ENTSCHEIDUNG

Wie gelähmt von den Dingen, die Benito ihm erzählt hatte, saß Jona im Haus der Martins. Eine Weile war Lucia bei ihm und hielt seine Hand, aber er war zu überwältigt von seinen Gefühlen, um auf seine Freundin eingehen zu können, und so ließ sie ihn bald allein.

Vor allem schmerzte ihn, daß er seinen geliebten jüngeren Bruder Eleasar, der ja noch am Leben war, nie mehr wiedersehen würde.

Auf Benitos Zeichentisch lagen Federkiel, Tinte und Papier. Jona ging zum Tisch, nahm die Feder und griff nach einem Blatt Papier, doch schon stand Theresa Martin neben ihm.

»Papier ist teuer«, sagte sie mürrisch und betrachtete ihn mißmutig. Theresa Martin hatte sich nie so über die Freundschaft mit den Toledanos gefreut, wie ihr Gatte und ihre Kinder es getan hatten, und es war offensichtlich, daß sie nicht gerade glücklich war über die Entscheidung ihres Gatten, einen Juden in die Familie aufzunehmen.

Auf dem Tisch lag eine Zeichnung des Silberkelchs, den Helkias angefertigt hatte, eine der Skizzen, die er Martin gegeben hatte. Jona nahm sie und fing auf der leeren Rückseite an zu schreiben. Die erste Zeile schrieb er in Hebräisch und die übrige Botschaft in Spanisch, schnell und ohne Pause.

An meinen geliebten Bruder Eleasar ben Helkias Toledano. Erfahre, daß ich, Dein Bruder, nicht von jenen erschlagen wurde, die unserem Vater das Leben genommen haben. Ich schreibe Dir, geliebter Eleasar, für den Fall, daß mir unbekannte Ereignisse Dich und unsere Verwandten davon abgehalten haben, aus Spanien abzureisen. Oder falls Du am Neunten des Aw schon auf jenen Tiefen des Meeres segelst, über die wir in glücklicheren Kindertagen nachgegrübelt haben, wird vielleicht die Zeit kommen, da Du als Mann zum Hause unserer Kindheit zurückkehrst und diesen Brief in unserem Versteck findest, auf daß Du erfahren mögest, was hier geschehen ist.

Falls Du zurückkehrst, sei um Deiner Sicherheit willen gewahr, daß eine mächtige Person, die ich nicht kenne, einen besonderen Haß gegen die Familie Toledano hegt. Den Grund dafür verstehe ich nicht. Unser Vater, möge er ruhen im ewigen Frieden der Rechtschaffenen, glaubte, unser Bruder Meir ben Helkias wurde nur umgebracht, um den Diebstahl des Reliquienkelchs zu ermöglichen, den die Abtei zur Himmelfahrt Maria in Auftrag gegeben hatte. Der gute Freund unseres Vaters, dessen Namen ich nicht schreiben möchte für den Fall, daß dieser Brief von solchen gelesen wird, die ihm übelwollen, ist überzeugt, daß der Tod unseres Vaters in Verbindung steht mit Meirs Tod, mit dem Gold- und Silberkelch, den er angefertigt hat, und irgendwie auch mit einem Dominikanermönch mit dem Namen Bonestruca. Du mußt sehr wachsam sein. Auch ich muß sehr wachsam sein.

Hier gibt es keine Juden mehr, nur noch Alte Christen und Neue Christen. Bin ich allein in Spanien? Alles, wofür unser Vater gearbeitet hat, ist verschwunden. Allerdings gibt es noch jene, die ihre Schulden nicht bezahlt haben. Auch wenn Du zurückkehren und diese Zeilen finden solltest, dürfte es Dir schwerfallen, diese Schulden einzutreiben.

Samuel ben Sahula schuldet unserem Vater dreizehn Maravedi ^ für drei große Sederteller, einen Kidduschbecher und ein kleines Silberbecken für die rituellen Waschungen. Don Isaak ibn Arbet schuldet uns sechs Maravedi^ für einen Sederteller und zwei Maravedi für sechs kleine Silberbecher. Ich weiß nicht, wohin diese Männer gegangen sind; so der Herr will, werden sich vielleicht eines Tages Eure Wege kreuzen. Graf Fernan Vasca von Tembleque schuldet unserer Familie neunundsechzig Real und sechzehn Maravedi für drei große Schüsseln, vier kleine Silberspiegel und zwei große Silberspiegel, eine goldene Blume mit silbernem Stiel, acht kurze Kämme für Frauenhaar und einen langen Kamm sowie ein Dutzend Kelche mit Schalen aus massivem Silber und Sockeln aus Elektrum. Abbas Freund möchte mich zu seinem christlichen Sohn machen, aber ich muß unseres Vaters jüdisches Kind bleiben, sollte es auch mein Verderben sein. Auch wenn man mich fängt, werde ich nicht konvertieren. Falls es zum Schlimmsten kommt, dann wisse, daß ich vereinigt bin mit unserem Meir und unseren geliebten Eltern und mit ihnen zu Füßen des Allmächtigen ruhe. Wisse aber auch, daß ich meinen Platz im Himmlischen Königreich aufs Spiel setzen würde, wenn ich nur einmal noch meinen kleinen Bruder umarmen könnte. Ach, ich würde Dir wieder ein Bruder sein! Für jede Gedankenlosigkeit, für jede Kränkung, die ich Dir durch achtlose Worte oder Taten zugefügt haben mag, bitte ich Dich, mein verschwundener und geliebter Bruder, um Verzeihung, und ich erflehe Deine Liebe in Ewigkeit. Denke an uns, Eleasar, und bete für unsere Seelen. Vergiß nicht, daß Du ein Sohn des Helkias bist, Sproß des Stammes Levi. Sag jeden Taß das Schema auf und denke daran, daß es mit Dir betet. Dein trauernder Bruder

Jona ben Helkias Toledano

»Mein Mann wird das Haus deines Vaters jetzt natürlich nicht mehr kaufen. Das Haus ist zerstört.« Stirnrunzelnd betrachtete Theresa das Papier. Sie konnte nicht lesen, aber sie erkannte die jüdischen Schriftzeichen in der ersten Zeile. »Du wirst Unglück über unser Haus bringen.«

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