Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1968
- Язык: немецкий
- Год: Moewig-Verlag
- Переводчик: Birgit Reß-Bohusch
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]». Краткое содержание книги:
»Willst du die nächste Runde zelebrieren?« flüsterte Judith ihm zu.
»Auf keinen Fall.«
»Joe …«
»Bitte. Ich bin hergekommen, nicht wahr? Ich nehme an dem Fest teil. Aber ich will nicht der Hauptdarsteller sein.«
»Es ist üblich, daß Gruppenfremde …«
»Ich weiß. Aber ohne mich. Ich überlasse die Ehre gern einem anderen.«
Sie sah ihn vorwurfsvoll an. Quellen erkannte, daß er versagt hatte. Der heutige Abend sollte wohl eine Art Test sein, und er hatte ihn fast bestanden. Fast …
Brose Cashdan hatte eine zweite Schüssel mit der zeremoniellen Teigmasse geholt. Wortlos nahm Jennifer Galuber die Schüssel und begann sich vollzustopfen. Der Arzt, von der Anstrengung immer noch ganz erschöpft, saß in sich zusammengesunken da und paßte kaum auf. Die Zeremonie wiederholte sich. Quellen nahm wie beim erstenmal teil, ohne etwas zu spüren.
Anschließend näherte sich Cashdan Quellen und fragte leise: »Möchten Sie die nächste Runde für uns feiern?«
»Tut mir leid«, sagte Quellen. »Es geht wirklich nicht. Ich muß mich bald verabschieden.«
»Wie bedauerlich. Wir hatten gehofft, daß Sie ganz teilnehmen würden.« Cashdan lächelte verträumt und schob die Schale einem anderen hin.
Quellen packte Judith am Handgelenk und zog sie auf die Seite. »Komm mit mir heim«, flüsterte er drängend.
»Wie kannst du jetzt an so etwas denken?«
»Du bist schließlich nicht sehr keusch angezogen. Und du hast zwei Runden erlebt. Willst du jetzt mitkommen?«
»Nein«, sagte sie fest.
»Und wenn ich die nächste Runde noch abwarte?«
»Nein. Auch dann nicht. Du wirst die Zeremonie schon selbst anführen müssen — und es ernst meinen. Sonst könnte ich später keine Gefühle für dich aufbringen. Ehrlich, Joe, wie kann ich mich einem Mann hingeben, mit dem mich keine geistige Verwandtschaft verbindet?«
Mit erregter Stimme erwidert er: »Tu mir das nicht an, Judith. Du mußt fair bleiben. Gehen wir jetzt.«
Statt einer Antwort drehte sie sich um und schloß sich wieder der Gruppe an. Die dritte Runde sollte beginnen. Cashdan warf Quellen einen aufmunternden Blick zu, doch der schüttelte den Kopf und verließ schnell den Saal. Draußen warf er noch einen Blick durch die Glaswände und sah Judith mit zurückgeworfenem Kopf und verzückt geöffneten Lippen. Auch die Galubers waren in Ekstase. Das Bild der fetten Jennifer Galuber brannte sich unauslöschlich in Quellens Gehirn. Er floh.
Er war kurz nach Mitternacht daheim, aber sein Apartment bot ihm keinerlei Trost. Er mußte fort. Schnell trat er in das Stati-Feld und ließ sich nach Afrika bringen.
Dort war der Morgen heraufgezogen. Ein leichter Sprühregen fiel, aber die Sonne schimmerte golden durch den grauen Schleier. Die Krokodile schwammen wie immer träge in den Fluten. Ein Vogel schimpfte. Die Zweige waren schwer von der Nässe und beugten sich zu der fetten schwarzen Erde herunter. Quellen wollte sich von dem Frieden einfangen lassen. Er streifte die Schuhe ab und ging ans Flußufer hinunter. Der Schlamm schob sich durch seine Zehen. Ein kleines Insekt stach ihn in die Wade. Ein Frosch sprang ins Wasser, und auf der dunklen Fläche entstanden Ringe, die sich immer weiter ausbreiteten. Ein Krokodil öffnete faul die vorstehenden Augen. Die schwere, süße Luft drang in Quellens Lungen.
Aber er fand keinen Trost.
Dieser Ort gehörte ihm, aber er hatte ihn sich nicht verdient. Er konnte hier keinen echten Frieden finden. Und in Appalachia fand er ebenfalls keine Ruhe. Die Welt war ihm zu groß. Er war nur ein Splitter davon. Er dachte an Judith. Sie haßt mich, dachte er. Oder sie hat Mitleid mit mir, aber die Wirkung ist die gleiche. Sie wird mich nie wiedersehen wollen.
Er wollte nicht in dieser herrlichen Umgebung bleiben, solange seine Laune so gedrückt war.
Quellen trat wieder in das Stati-Feld und wurde über den Ozean zurück in sein Apartment getragen. In Appalachia herrschte tiefe Nacht. Quellen schlief sehr schlecht.
11
Am nächsten Morgen warteten Quellens Untersekretäre bereits in seinem Büro. Sie hatten einen dritten Mann bei sich, einen großen, unbeholfenen, schäbig gekleideten Fremden, dessen geknicktes Nasenbein an einen Geierschnabel erinnerte. Brogg hatte, wie Quellen bemerkte, die Sauerstoffzufuhr voll aufgedreht.
»Wer ist der Mann?« fragte Quellen. »Sie haben eine Verhaftung durchgeführt?« Sollte das etwa Lanoy sein? Es kam ihm unwahrscheinlich vor. Dieser armselige Prolet, der sich offenbar nicht einmal eine Plastikoperation für seine Nase leisten konnte, steckte keinesfalls hinter dem Zeitreisengeschäft.
»Sagen Sie dem Kriminalsekretär, wie Sie heißen«, meinte Brogg und stieß den Mann grob mit dem Ellbogen an.
»Brand«, erklärte der Fremde mit hoher, dünner Stimme. »Klasse Fünfzehn. Ich wollte wirklich nichts Unrechtes tun, Sir — es war nur so, daß er mir eine eigene Wohnung versprochen hat und Arbeit und frische Luft …«
Brogg unterbrach ihn. »Wir fanden den Mann in einem Lokal. Er hatte ein paar zu viel getrunken und erzählte jedem, daß er nun bald Arbeit bekommen würde.«
»Das sagte mir der Mann doch auch«, murmelte Brand. »Ich brauchte ihm nur zweihundert Credits hinzublättern, und er wollte mich an einen Ort schicken, wo jeder Arbeit hatte. Und ich sollte auch Geld zurückschicken können, um meine Familie nachkommen zu lassen.«
»Das kann nicht stimmen«, sagte Quellen. »Geld zurückschicken? In die andere Zeitrichtung?«
»Das sagte der Mann. Es hat so verlockend geklungen, Sir.«
»Verrückt«, sagte Brogg. »Wenn es einen Kontakt nach beiden Seiten gibt, werden unsere ganzen Berechnungen über den Haufen geworfen. Aber es ist einfach unmöglich.«
»Wie hieß der Mann?« erkundigte sich Quellen.
»Lanoy, Sir.«
Lanoy! Überall dieser Lanoy. Offenbar streckte er seine Fühler in alle Richtungen aus.
Brand murmelte: »Jemand hat mir das da gegeben und gesagt, ich solle mich mit ihm in Verbindung setzen.«
Er streckte Quellen eine verknitterte Notiz entgegen.
»Diese Dinger sind überall«, sagte Quellen. Er griff in seine Tasche und holte den Zettel heraus, den man ihm auf der Flugrampe zugesteckt hatte. Er trug ihn jetzt schon seit ein paar Tagen wie einen Talismann mit sich herum. Nun legte er die beiden Zettel nebeneinander. Sie waren identisch.
»Lanoy hat eine Menge meiner Freunde fortgeschickt«, sagte Brand. »Er sagte mir, daß sie alle Arbeit hätten und glücklich seien, Sir …«
»Wohin schickt er sie denn?« fragte Quellen vorsichtig.
»Ich weiß nicht, Sir. Lanoy wollte es mir sagen, wenn ich ihm die zweihundert Credits brachte. Ich kratzte meine ganzen Ersparnisse zusammen. Ich war gerade auf dem Weg zu ihm und ging nur noch auf einen Sprung in das Lokal, und dann — und dann …«
»Dann fanden wir ihn«, ergänzte Brogg. »Er erzählte allen Umstehenden, daß er jetzt zu Lanoy ginge, um sich Arbeit geben zu lassen.«
»Hm. Haben Sie schon etwas von den Zeitreisenden gehört, Brand?«
»Nein, Sir.«
»Na ja, ist schon gut. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie bringen uns zu Lanoy.«
»Das kann ich nicht. Es wäre unfair. Alle meine Freunde …«
»Und wenn wir Sie zwingen?«
»Aber er wollte mir doch Arbeit verschaffen. Ich kann es nicht tun. Bitte, Sir.«
Brogg sah Quellen scharf an. »Lassen Sie mich es versuchen«, sagte er. »Lanoy wollte Ihnen also Arbeit geben, sagen Sie? Für zweihundert Credits?«