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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]

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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]
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Sie hatte einfach vorausgesetzt, daß Volemak den Index in seinem eigenen Zelt aufbewahren würde, aber das wäre natürlich unpraktisch — Zdorab und Issib benutzten den Index häufig, und man konnte kaum erwarten, daß sie ihren Zeitplan nach solchen Unannehmlichkeiten richten würden, wie eine alte Frau es war, die bis spät in den Morgen hinein schlafen durfte.

Rasa blieb vor der Tür des kleinen Zelts stehen und schlug zweimal in die Hände.

»Herein.«

An der Stimme erkannte sie sofort, daß es Issja war. Sie verspürte ein stechendes Schuldgefühl, denn gestern abend hatte sie kaum mit dem Jungen — dem Mann — gesprochen, der ihr erstgeborenes Kind war. Eigentlich gar nicht, nur kurz, als sie und Volja sich gleichzeitig an die vier Unverheirateten gewandt hatten. Und obwohl sie wußte, daß er in dem Zelt war, wollte sie sich auch jetzt abwenden und ein anderes Mal zurückkommen.

Warum mied sie ihn? Nicht wegen seiner körperlichen Mängel — daran hatte sie sich mittlerweile gewöhnt, nachdem sie ihn durch die frühe Kindheit und dann die Pubertät gebracht hatte. Sie hatte ihn mit Stühlen und Flossen ausgestattet, damit er sich leichter bewegen und ein fast normales Leben führen konnte — oder zumindest ein freieres. Sie kannte seinen Körper fast besser, als er selbst ihn kannte, denn bis in die Pubertät hinein hatte sie ihn von Kopf bis Fuß gewaschen, massiert und seine Glieder bewegt, um sie biegsam zu halten, bis er langsam und schmerzhaft lernte, sie selbst zu bewegen. Während all dieser Sitzungen hatten sie sich unablässig unterhalten — Issib war ihr Freund, ein besserer als irgendeins ihrer anderen Kinder. Und doch wollte sie ihm jetzt nicht gegenübertreten.

Also teilte sie natürlich die Tür und trat ins Zelt und ihm gegenüber.

Er saß in dem Stuhl, den er mit der Sonnenzelle über dem Zelt verbunden hatte, damit er keine Batterieenergie verschwendete. Der Stuhl hatte den Index hochgehoben und hielt ihn nun vor Issib in der Luft, und der Junge hatte die linke Hand darauf gelegt. Rasa hatte den Index noch nie gesehen, wußte aber sofort, daß es sich darum handeln mußte, wenn auch nur, weil er ein Gegenstand war, den sie noch nie gesehen hatte.

»Spricht er zu dir?« fragte sie.

»Guten Tag, Mutter«, sagte Issib. »War dein Morgen geruhsam?«

»Oder hat er irgendein Display wie ein ganz normaler Computer?« Sie wollte sich nicht von ihm ärgern lassen, indem er sie daran erinnerte, wie spät sie aufgestanden war.

»Einige von uns haben gar nicht geschlafen«, sagte Issib. »Einige von uns lagen wach und haben sich gefragt, wieso unsere zukünftigen Frauen hierher gebracht und uns nur auf die beiläufigste Art und Weise vorgestellt worden sind.«

»Ach, Issja«, sagte sie, »du weißt, daß diese Situation die natürliche Konsequenz der Dinge ist, wie sie nun mal sind, und niemand es so geplant hat. Bist du wütend? Nun, das bin ich auch. Ich mache dir einen Vorschlag. Ich lasse es nicht an dir aus, und du nicht an mir.«

»An wem sonst soll ich es denn auslassen?« fragte Issib und lächelte schwach.

»An der Überseele. Sag deinem Stuhl, er soll den Index durch das Zelt werfen,«

Issib schüttelte den Kopf. »Die Überseele würde meinen Befehl einfach aufheben. Und außerdem ist der Index nicht die Überseele, sondern schlicht und einfach unser stärkstes Werkzeug, um Zugang zum Gedächtnis, zu den Speichern der Überseele zu erlangen.«

»An wieviel erinnert er sich?«

Issib sah sie einen Augenblick lang an. »Weißt du, ich hätte nie gedacht, daß du die Überseele als er bezeichnen würdest.«

Rasa stellte verblüfft fest, daß sie dies gerade getan hatte, wußte aber sofort, warum sie es getan hatte. »Ich dachte nicht an sie — die Überseele. Ich dachte an ihn — den Index.«

»Er erinnert sich an alles«, sagte Issib.

»An wieviel von allem? An die Bewegungen jedes einzelnen Atoms im Universum?«

Issib grinste sie an. »Manchmal habe ich diesen Eindruck. Nein, ich meinte, alles über die menschliche Geschichte auf Harmonie.«

»Vierzig Millionen Jahre«, sagte Rasa. »Vielleicht zwei Millionen Generationen von Menschen. Eine Weltbevölkerung von etwa einer Milliarde, jedenfalls die meiste Zeit über. Zwei Billiarden Menschen, mit Tausenden von bedeutungsvollen Ereignissen in jedem Leben.«

»Ganz genau«, sagte Issib. »Und dann füge diesen Biographien die Geschichten jeder einzelnen menschlichen Gemeinschaft hinzu, von kleinen Familien bis hin zu den größten Nationen und Sprachgruppen, von Kinderfreundschaften bis hin zu beiläufigen sexuellen Verbindungen. Und dann nehme sämtliche Naturereignisse hinzu, die Einfluß auf die menschliche Geschichte gehabt haben. Und dann jedes Wort, das je von Menschen geschrieben wurde, und die Karte jeder Stadt, die wir je gebaut haben, und Bauzeichnung jedes Gebäudes, das wir je errichtet haben …«

»Wir hätten gar nicht den Platz, so viele Informationen zu speichern«, sagte Rasa. »Nicht einmal, wenn wir den gesamten Planeten dazu verwenden würden. Wir müßten bei jedem Schritt über die Datenspeicher der Überseele stolpern.«

»Eigentlich nicht«, sagte Issib. »Die Erinnerungen der Überseele befinden sich nicht in den billigen und sperrigen Speichern, die wir für normale Computer benutzen. Außerdem sind unsere Computer allesamt binär — jeder Speicherplatz kann nur zwei mögliche Bedeutungen enthalten.«

»Ein oder aus«, sagte Rasa. »Ja oder nein.«

»Sie werden elektrisch gelesen«, sagte Issib. »Und wir können nur ein paar Billionen Bits Informationen in jeden Computer eingeben, bevor sie zu sperrig werden, als daß wir sie noch tragen können. Und der Platz, den wir in unseren Computern verschwenden — nur um einfache Zahlen darzustellen. Zum Beispiel können wir mit zwei Bits nur vier Zahlen erfassen.«

»A-1, B-1, A-2 und B-2«, sagte Rasa. »Weißt du noch, ich habe in meiner kleinen Schule Einführungskurse über Computertheorie abgehalten.«

»Aber jetzt stell dir vor«, sagte Issib, »mit jeder Schaltung könnten wir nicht nur zwei Zustände ausdrücken, sondern fünf. Dann wären in zwei Bits …«

»Fünfundzwanzig mögliche Werte«, sagte Rasa. »A-1, B-1, V-1, G-1, D-1 und so weiter bis zu D-5.«

»Jetzt stelle dir vor, jeder Speicherplatz könne Tausende möglicher Zustände haben.«

»Damit wäre der Speicher wirklich wesentlich effizienter.«

»Eigentlich nicht«, sagte Issib. »Noch nicht, jedenfalls. Die Zunahme ist nur linear, nicht exponentiell. Und sie hätte eine bösartige Beschränkung, nämlich in der Hinsicht, daß jeder einzelne Speicherplatz nur ein Stadium gleichzeitig übermitteln kann. Selbst wenn ein Speicherplatz eine Milliarde mögliche Mitteilungen enthalten könnte, könnte jeder Speicherplatz davon nur eine gleichzeitig überbringen.«

»Aber wenn man sie zusammenfügt, verschwindet das Problem, da dann zwei beliebige Speicherplätze untereinander Millionen möglicher Bedeutungen übermitteln könnten.«

»Aber noch immer nur eine Bedeutung auf einmal.«

»Na ja, man kann doch schlecht denselben Speicherplatz so benutzen, daß er gegensätzliche Informationen enthält. Sowohl G-9 als auch D-9.«

»Es kommt darauf an, wie die Information gespeichert wird. Für die Überseele ist jeder Speicherplatz die innere Kante eines Kreises — eines ganz, ganz winzigen Kreises —, und diese Innenkante ist fraktal komplex. Das heißt, Tausende von Zuständen können durch Hervorhebungen ausgedrückt werden wie die Spitzen auf einem mechanischen Schlüssel oder die Zinken eines Kammes. Auf jedem Speicherplatz befindet sich entweder eine Hervorhebung, oder es befindet sich keine darauf.«

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