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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Neulich, als der junge Herr in seiner vollen militärischen Gala aus der Messe kam, da sagte Michail Sidorowitsch …« Aber Semjon sprach seinen Satz nicht zu Ende; denn man hörte deutlich durch die stille Luft das heulende Gebell von nicht mehr als zwei oder drei jagenden Hunden. Er neigte den Kopf, horchte und machte schweigend dem Herrn ein warnendes Zeichen. »Sie sind auf das Lager gestoßen …«, flüsterte er, »gerade nach dem Ljadowski-Hügel treiben sie ihn hin.«

Der Graf, welcher ganz vergessen hatte, das Lächeln wieder von seinem Gesicht verschwinden zu lassen, blickte gerade vor sich hin eine Schneise entlang in die Ferne und hielt die Tabaksdose, ohne zu schnupfen, in der Hand. Gleich nach dem Gebell der Hunde ertönte von Daniils tiefklingendem Jagdhorn das Signaclass="underline" »Wolf gefunden!« Die ganze Meute vereinigte sich mit den drei ersten Hunden, und man konnte hören, wie die Hetzhunde in jener besonderen Art hell aufheulten, die als Zeichen dafür dient, daß sie hinter einem Wolf her sind. Die Piköre hetzten nicht mehr mit Geschrei und Peitschenknallen, sondern sie schrien »Uljulju!«, und aus allen Stimmen klang die Stimme Daniils hervor, bald in tiefem Baß, bald in gellend hohen Tönen. Diese Stimme schien den ganzen Wald anzufüllen, über seine Ränder hinauszudringen und noch fernhin über die Felder zu erklingen.

Nachdem der Graf und sein Leibjäger ein paar Sekunden lang schweigend gelauscht hatten, kamen sie beide zu der Überzeugung, daß die Hunde sich in zwei Meuten geteilt hatten: die eine, größere, welche mit besonderer Heftigkeit heulte, begann sich zu entfernen; die andere lief im Wald in einiger Entfernung an dem Standort des Grafen vorbei, und bei diesem Teil der Meute war Daniils Uljulju zu hören. Die Töne beider Jagden flossen dann zusammen und verschmolzen miteinander; aber beide entfernten sich.

Semjon seufzte und bückte sich, um einen Koppelriemen in Ordnung zu bringen, in den sich ein junger Hund verwickelt hatte; der Graf seufzte ebenfalls, und da er die Tabaksdose in seiner Hand bemerkte, öffnete er sie und nahm eine Prise. »Zurück!« schrie in diesem Augenblick Semjon einen Hund an, der über den Waldrand hinaustrat. Der Graf schrak zusammen und ließ die Dose fallen. Nastasja Iwanowna stieg vom Pferd und hob sie auf. Der Graf und Semjon sahen ihm dabei zu.

Plötzlich, wie das häufig vorkommt, näherte sich der Lärm der Jagd in überraschender Weise wieder dermaßen, als ob jeden Augenblick die bellenden Hundemäuler und der Uljulju schreiende Daniil unmittelbar vor ihnen auftauchen würden.

Der Graf schaute um sich und erblickte rechts von sich Mitka, der ihn mit hervorquellenden Augen ansah und, die Mütze abnehmend, mit der Hand vor sich hin, nach der andern Seite zu, zeigte.

»Aufpassen!« schrie er in einem Ton, dem man es anmerkte, daß dieses Wort schon lange qualvoll gesucht hatte aus seinem Mund herauszukommen; dann ließ er die Hunde los und sprengte im Galopp auf den Grafen zu.

Der Graf und Semjon ritten schleunigst aus dem Waldsaum heraus und erblickten links von sich einen Wolf, der in weich schaukelnden, ruhigen Sätzen nach einer weiter links von ihnen gelegenen Stelle eben des Waldsaumes hinsprang, an dem sie hielten. Die Hunde heulten wütend auf, rissen sich von der Koppel los und stürmten an den Beinen der Pferde vorbei auf den Wolf los.

Der Wolf hemmte seinen Lauf einen Augenblick, wendete ungeschickt wie jemand, der an Halsbräune leidet, seinen breitstirnigen Kopf den Hunden zu, machte dann in derselben weich schaukelnden Art noch ein paar Sätze und verschwand, den Schweif hin und her schlenkernd, im Waldrand. In demselben Augenblick brach aus dem gegenüberliegenden Waldrand mit einem Geheul, das wie Weinen klang, anscheinend ratlos erst ein, dann ein zweiter, ein dritter Hund heraus, und nun rannte die ganze Meute über das Feld nach eben der Stelle hin, wo der Wolf in den Wald hineingelaufen war. Hinter den Hunden teilten sich die Haselnußsträucher, und es erschien Daniils Brauner, der von Schweiß ganz schwarz geworden war. Auf seinem langen Rücken saß zu einem Klumpen zusammengeballt, ganz nach vorn gebeugt, Daniil, ohne Mütze, mit rotem, schweißbedecktem Gesicht unter den grauen, zerzausten Haaren.

»Uljuljulju, uljulju!« schrie er. Als er den Grafen erblickte, schossen seine Augen Blitze.

»Schande!« schrie er und drohte mit der aufgehobenen Peitsche nach dem Grafen hin. »Haben den Wolf durchgelassen! Das sind mal Jäger!« Und wie wenn er den verlegenen, erschrockenen Grafen keines weiteren Wortes würdigte, schlug er mit all dem Ingrimm, der eigentlich dem Grafen galt, auf die feuchten Weichen seines braunen Wallachs los und sprengte den Hunden nach. Der Graf stand wie ein bestrafter Schüler da, blickte sich um und suchte durch ein Lächeln bei Semjon Mitleid mit seiner Lage zu erwecken. Aber Semjon war nicht mehr da: er sprengte im Bogen durch die Büsche und suchte den Wolf von dem dichteren Teil des Waldes abzuschneiden. Dasselbe versuchten von zwei Seiten her auch die Piköre. Aber der Wolf nahm seinen Weg durch die Büsche, ohne daß ihn ein Jäger hätte aufhalten können.

V

Unterdessen hielt Nikolai Rostow an seinem Platz und wartete auf einen Wolf. An dem Näherkommen oder Zurückweichen des Jagdlärms, an dem Ton des Gebells der ihm bekannten Hunde, sowie daran, daß die Stimmen der Piköre lauter oder schwächer klangen, erkannte er, was in der Waldremise vorging. Er wußte, daß sich in dieser Waldremise junge und alte Wölfe befanden; er wußte, daß die Hunde sich in zwei Meuten geteilt hatten, daß sie irgendwo hinter einem Wolf her waren, und daß sich irgend etwas Unerwünschtes zugetragen hatte. Jeden Augenblick erwartete er, daß der Wolf nach seiner Seite kommen werde. Er überlegte sich tausend verschiedene Möglichkeiten, wie und von welcher Seite der Wolf werde angelaufen kommen, und wie er ihn dann hetzen werde. In seiner Seele wechselte Hoffnung mit Verzweiflung ab. Ab und zu wandte er sich an Gott mit der Bitte, doch den Wolf nach seiner Seite herauskommen zu lassen. Er betete in der leidenschaftlichen, aber verschämten Art, in welcher Menschen in Augenblicken einer starken, aber aus nichtiger Ursache hervorgegangenen Erregung zu beten pflegen. »Nun, was kostet es dich«, sagte er zu Gott, »mir diese Liebe zu tun! Ich weiß, daß du groß bist, und daß es Sünde ist, dich um so etwas zu bitten; aber doch bitte ich dich inständig: gib, daß ein alter Wolf nach meiner Seite herauskommt, und daß Karai vor den Augen des Onkels, der von seinem Stand aus immer hierherblickt, das Tier an der Kehle packt und totbeißt.« Tausendmal in dieser halben Stunde ließ Rostow mit hartnäckiger Ausdauer seinen gespannten, unruhigen Blick über den Waldsaum mit den zwei dünnbelaubten, das Espengebüsch überragenden Eichen hingleiten und über die Schlucht mit dem ausgewaschenen Rand und über die Mütze des Onkels, von dem hinter einem Strauch rechts nur ganz wenig zu sehen war.

»Nein«, dachte Rostow, »dieses Glück wird mir nicht zuteil werden, und es wäre doch für Gott eine Kleinigkeit! Aber es wird mir nicht zuteil werden! Immer habe ich Unglück, beim Kartenspiel und im Krieg und in allem.« Austerlitz und Dolochow tauchten mit großer Deutlichkeit, aber schnell einander ablösend, vor seinem geistigen Blick auf. »Nur einmal in meinem Leben möchte ich einen alten Wolf tothetzen; weiter habe ich keinen Wunsch!« dachte er und strengte Gesicht und Gehör an, indem er nach links und wieder nach rechts blickte und auf die geringsten Veränderungen des Jagdlärmes lauschte.

Wieder einmal blickte er nach rechts und sah, daß über das freie Feld etwas auf ihn zu gelaufen kam. »Nein, es ist wohl nicht möglich!« dachte Rostow schwer aufatmend, wie man aufzuatmen pflegt, wenn etwas längst Erwartetes Wirklichkeit wird. Das größte Glück war gekommen, und in so schlichter Art, ohne Lärm und Glanz und Vorboten. Rostow traute seinen Augen nicht, und dieser Zweifel dauerte länger als eine Sekunde. Der Wolf setzte seinen Lauf fort und sprang schwerfällig über einen Wasserriß, der in seinem Weg lag. Es war ein altes Tier mit grauem Rücken und vollgefressenem, rötlichem Bauch. Der Wolf lief ohne übermäßige Eile, da er offenbar meinte, es sähe ihn niemand. Rostow sah sich, den Atem anhaltend, nach den Hunden um. Sie lagen und standen da, ohne den Wolf zu sehen und ohne irgend etwas zu wittern. Der alte Karai hatte den Kopf zurückgedreht, fletschte, ärgerlich einen Floh suchend, die gelben Zähne und schnappte mit ihnen knackend an den Hinterschenkeln herum.

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