Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Die Nacht war nicht vorüber und es regnete noch immer in Strömen. Man hörte das Rauschen selbst hier, im Keller des Fuchsbaus, wie ein hohles Summen.
»Bist du sicher?«, fragte Scapa.
Arane nickte und umfasste seinen Ärmel. Scapa hatte sich ein neues Hemd aus den Schatzkammern des Fuchsbaus genommen und dazu einen herrlichen Harnisch aus Nieten besetztem Leder. Mit den neuen Kleidern fühlte er sich tatsächlich schon fast wie der Herr des Fuchsbaus.
»Ich will es sehen. Wirklich.«
»Na gut.« Scapa nahm den Laternengriff fester in die Hand, dann klemmte er sich die Armbrust unter den Arm und schloss den Kerker auf.
Das Laternenlicht tastete sich mit bleichen Fingern in die Finsternis. In einer Ecke des Raumes lag Torron, den Rücken gegen die Wand gelehnt, den Kopf auf die Brust gesunken, und starrte sie mit reglosen Augen an. Scapa spürte, wie Arane neben ihm die Luft anhielt. Minuten der Stille verstrichen, während Torron Arane und Arane Torron anstarrte und Scapa die Armbrust immer fester drückte.
»Wen haben wir denn da«, sagte Torron. Seine Stimme war gebrochen, sie war so faltig und träge wie sein Körper geworden. »Das ist also das berühmte Banditenpaar, von dem die Waschweiber reden.«
Er legte den Kopf schief und beobachtete Arane aus schmalen Augen. »Na, Goldlöckchen? Du bist die jüngste Hure, die ich je gesehen habe.«
Scapa hob die Armbrust und zielte auf Torrons Stirn. »Noch ein falsches Wort und ich schieße dir in den Kopf.«
Ein grunzendes, kurzes Lachen erklang. »Wie alt bist du? Zehn? Elf?«
»Ich bin sechzehn.« Das stimmte nicht. Scapa wusste, dass er bestimmt nicht älter als dreizehn sein konnte. Dasselbe schien Torron zu denken, aber es war Scapa gleich. Tatsache war, dass er Torron besiegt hatte.
Mit einer Schnelligkeit, die Scapa ihm nie zugetraut hätte, drehte Torron sich und kroch auf den Knien auf ihn zu. Erschrocken wich Scapa einen Schritt zurück und hätte dabei fast den Pfeil abgefeuert.
»Oh, du bist also schon fast ein Mann, was? Aber wieso verhältst du dich wie ein verflixter Feigling?« Er lachte keuchend, wankte vor und zurück und machte eine ruckartige Bewegung in Scapas Richtung. Er fletschte die Zähne. Als Scapa vor Schreck zusammenzuckte, warf Torron den Kopf zurück. »Du willst Kesselstadt beherrschen!«, grölte er. »Aber du kannst keinen Mann töten, dem du in die Augen geblickt hast! Was willst du jetzt mit mir machen, hä? Willst du mich hier drinnen lassen, durchfüttern, und deine kleine Freundin täglich zur Besichtigung führen? Du kannst mich nich töten, du hast nich den Mut dazu. Ich kenn Jungen wie dich, ihr träumt von großen Dingen und kneift, wenn’s drauf ankommt. Du weißt es, dass dir der Mumm fehlt, um in meine Fußstapfen zu treten. Du weißt es, in deinem kleinen Herzchen, oder nich? Du kannst es nicht ... du kannst nich mein Nachfolger sein, weil du in Wahrheit ein elender Feigling bist.« Torron riss den Mund auf vor Lachen. »Du kannst mich nicht töten! Du kannst mich nicht –«
Plötzlich stand Arane hinter Torron. Ihre schmale Hand riss seinen Kopf zurück. »Oh, Scapa kann dich töten. Aber tun – werde ich es.«
Torron stieß ein heiseres Gurgeln aus. Die Augäpfel traten ihm fast aus den Höhlen, als er die Messerklinge an seinem Hals spürte.
»Arane!« Scapa ließ Laterne und Armbrust fallen und taumelte gegen die Wand. Das Laternenlicht flackerte auf. Es beleuchtete Arane, weit über Torron gebeugt. Torrons Körper zuckte, die Dunkelheit war erfüllt von Röcheln und Würgen. Als die Flamme sich beruhigt hatte, richtete sich Arane schwer atmend auf. Torron schwankte einen Augenblick. Dann nickte sein Kopf zur Seite und er fiel wie ein Mehlsack zu Boden.
»Arane ...«
Von ihrem Messer tropfte Blut. Eine Haarsträhne klebte ihr im glänzenden Gesicht.
»Jetzt ist es getan«, sagte sie.
Scapas Finger lagen zitternd auf den Steinen hinter ihm. »Du – du hast ihn getötet! Du hast ihm die Kehle ... Du hast einen Menschen ...«
»Was hättest du sonst tun wollen?« Sie ging um Torron herum, der sich nicht mehr regte, und trat ihm in den Rücken. Der leblose Körper rollte auf den Bauch. Scapa wurde übel, als er die dunkle Pfütze unter dem Leichnam wachsen sah.
»Wolltest du ihn bis an sein Lebensende hier drinnen halten, deinen größten Feind? Er wollte uns töten, Scapa! Er hat den Tod durch meine Hand verdient, wenn du es schon nicht getan hast.«
Als Scapa nichts erwidern konnte, trat Arane auf ihn zu. Plötzlich schien sie zu begreifen.
»Oh – ich ... jetzt verstehe ich. Scapa, es tut mir so Leid – du wolltest es tun! Du wolltest ihn umbringen.«
»Nein!« Scapa wich vor ihr zurück. Sie stand direkt in Torrons Blut, aber sie merkte es nicht. Langsam verdunkelte es ihre Schuhsohlen. Scapa ging rückwärts aus dem Kerker, dann lief er davon. Ein Turm war seit dem Verfall des Fuchsbaus auf wundersame Weise vollkommen heil geblieben. Gerade wie ein Pfeil ragte er aus dem restlichen Trümmerhaufen. Er war so schmal, dass sein Inneres nur für eine Spiraltreppe Platz bot, die sich bis hinauf in sein Dach schraubte. Dort öffnete der Turm sich zu einer Sonnenterrasse. Schlanke Steinsäulen stützen das runde Dach, ansonsten umgab die Terrasse weder eine Mauer noch eine andere Abgrenzung vor der darunter liegenden Tiefe, die immerhin zwanzig Meter bis zum Erdboden messen mochte.
Scapa stand reglos an eine der Säulen gelehnt und beobachtete die Dämmerung. Vom Turmdach spönnen sich schimmernde Rinnsale. Überall plätscherte es noch, doch der heftige Regen war versiegt. Grau und ausgewaschen lagen die Häuser Kesselstadts im bleichen Morgenlicht. Selbst der Himmel schien so farblos, als habe der Regen sein Blau fort gewaschen.
Scapa fühlte sich wie der Himmel, wie die grauen Häuser; er fühlte sich leer und still wie die Stadt an diesem lauen Morgen.
Der Fuchsbau gehörte ihm. Das konnte er kaum fassen.
Und Arane ... immer wieder sah er die hastigen Bewegungen, wie sie Torron die Kehle durchschnitt.
Was sie in diesem Augenblick so abstoßend machte, war nicht die Tatsache, dass sie Torron getötet hatte. Es war nur so plötzlich, so unerwartet geschehen. In diesem Augenblick hatte Scapa eine Fremde vor sich gesehen. Das Mädchen, das kalt und konsequent wie ein geübter Krieger einen Mann getötet hatte, war nicht Arane gewesen. Nicht Arane, die ihm so vertraut war wie er selbst.
Er hörte ihre behutsamen Schritte auf dem Boden, als sie hinter ihm die Turmterrasse betrat, aber er drehte sich nicht um. Vielleicht hatte er Angst, sie anzusehen und in ihr das Mädchen aus den Kerkern wieder zu erkennen. Erst, als sich eine vorsichtige Hand auf seine Schulter legte, wandte er sich ihr zu.
Arane blickte zu ihm auf, und da war es wieder: das ihm so vertraute Gesicht. Die großen hellen Augen. Die Lippen mit der kleinen Falte in der Mitte.
Das Mädchen, das Scapa liebte. Schon immer geliebt hatte. Und immer lieben würde.
Sie umarmte ihn stumm. Scapa musste erneut an das Bild im Kerker denken – das grässliche Gurgeln und Würgen ...
Doch allmählich verblasste alles Geschehene. Es war so viel bedeutungsloser als Aranes Nähe, ihre Arme, die ihn umschlangen. Was war schon die Erinnerung angesichts ihrer Gegenwart. Was musste er schon wissen über sich selbst, über Arane, wenn er wusste, dass er sie liebte?
Langsam legte Scapa die Hände um ihren Rücken.
Die Grauen Krieger
Scapa schickte noch am selben Morgen seine Mitstreiter aus, um in allen Straßen den Sieg zu verkünden. Jeder Bewohner Kesselstadts sollte es wissen: Torrons Herrschaft war vorüber. Und der neue Name – die neuen Namen – lauteten Scapa und Arane.
Während die Jungen und Mädchen den Fuchsbau verließen, prachtvoll in die erbeuteten Hosen und Harnische gekleidet, versorgte ein kleiner Rest die Verwundeten und schickte sie zu einem Kräuterarzt, der sein Geschäft nicht weit vom Fuchsbau betrieb.