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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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»Bitte«, sagte er.

Hinter ihm konnte Brianna ihren Onkel sehen, der in die Halle gekommen war. Er sprach mit Jamie, der glatthaarige und der Lockenkopf in leiser Unterhaltung einander zugeneigt. Eine Sekunde noch, dann würden sie sie suchen.

Sie holte tief Luft und richtete sich zu voller Größe auf. Also gut, und wenn man es bei Licht betrachtete, dachte sie, dann war sie genauso sehr eine Fraser wie ihr Vetter. Sollten sie doch herausfinden, wie stur ein Felsbrocken wirklich sein konnte. Sie lächelte das Mädchen an, streckte ihr die Hand hin und bot ihr die zweite, unangetastete Pastete an.

»Abgemacht, Lizzie. Willst du es mit einem Bissen besiegeln?«

»Sie hat mein Essen verspeist«, sagte Brianna mit aller Selbstsicherheit, die sie aufbringen konnte. »Sie gehört zu mir.«

Zu ihrer großen Überraschung setzte diese Feststellung dem Streit endlich ein Ende. Ihr Vetter sah zwar so aus, als wollte er seine Strafpredigt noch fortsetzen, doch ihr Onkel legte seine Hand auf Jamies Arm, um ihn zum Schweigen zu bringen. Ians überraschter Gesichtsausdruck verwandelte sich in eine Art belustigten Respekt.

»Hat sie das?« Er sah Lizzie an, die hinter Brianna kauerte, und seine Lippen zuckten. »Mmpfm. Tja, dann kann man wohl nichts mehr sagen, oder?«

Der kleine Jamie war sich in diesem Punkt mit seinem Vater offensichtlich nicht einig; ihm fiel alles Mögliche ein, was er sagen konnte.

»Aber so ein junges Mädchen – sie ist doch völlig unbrauchbar!« Er schwenkte verächtlich die Hand in Lizzies Richtung und runzelte die Stirn. »Sie ist ja nicht einmal groß genug, um das Gepäck zu tragen, ganz zu schweigen von …«

»Ich bin groß genug, um mein Gepäck selbst zu tragen, danke«, warf Brianna ein. Sie runzelte die Augenbrauen und zahlte ihrem Vetter den finsteren Blick mit gleicher Münze zurück. Dabei richtete sie sich auf, um ihre Größe zu betonen.

Er registrierte dies mit einer hochgezogenen Augenbraue, gab aber nicht auf.

»Eine Frau sollte nicht allein reisen …«

»Ich werde nicht allein sein. Ich habe Lizzie.«

»… und schon gar nicht an einen Ort wie Amerika! Also, es ist …«

»Man könnte meinen, es wäre das Ende der Welt, wenn man dich reden hört, und dabei hast du es noch nie selbst gesehen!«, sagte Brianna ungeduldig. »Ich bin in Amerika geboren, Himmel noch mal!«

Onkel und Vetter starrten sie mit dem gleichen schockierten Gesichtsausdruck an. Sie ergriff die Gelegenheit, um ihren Vorsprung auszubauen.

»Es ist mein Geld, mein Dienstmädchen und meine Reise. Ich habe ihr mein Wort gegeben, und ich halte es auch!«

Ian rieb sich mit dem Knöchel über die Oberlippe und unterdrückte ein Grinsen. Er schüttelte den Kopf.

»Man sagt, nur besonders kluge Kinder wissen, wer ihr Vater ist, aber ich glaube nicht, dass man irgendwelchen Zweifel daran haben kann, wer deiner ist, Kleine. Deine lange Nase und die roten Locken hättest du überall herhaben können, aber deine Sturheit hast du von keinem anderen als Jamie Fraser.«

Verlegene Röte stieg ihr in die Wangen, doch Brianna spürte ein seltsames Aufflackern von etwas, das Vergnügen sein musste.

Der kleine Jamie hatte zwar in dem Streit Federn gelassen, doch er machte einen letzten Versuch.

»Es gehört sich nicht für eine Frau, ihre Meinung so offen zu sagen, schon gar nicht, wenn sich ihre Begleiter um sie kümmern können«, sagte er steif.

»Du meinst, Frauen sollten keine eigene Meinung haben?«, fragte Brianna honigsüß.

»Ja, das meine ich!«

Ian warf seinem Sohn einen langen Blick zu.

»Und du bist, wie lange, acht Jahre verheiratet?« Er schüttelte den Kopf. »Aye, na ja, deine Joan ist sehr taktvoll.« Ohne Jamies tiefschwarzen Blick zu beachten, wandte er sich wieder an Lizzie.

»Also gut. Geh und verabschiede dich von deinem Vater, Kleine. Ich kümmere mich um deine Papiere.« Er sah zu, wie Lizzie davonhuschte, die schmalen Schultern zum Schutz vor der Menge hochgezogen. Er schüttelte ein wenig skeptisch den Kopf und wandte sich wieder an Brianna.

»Na ja, vielleicht ist sie eine angenehmere Begleitung für dich als ein männlicher Bediensteter, Kleine, aber in einer Sache hat dein Vetter recht – sie kann dich nicht beschützen. Es wird eher so sein, dass du auf sie aufpasst.«

Brianna richtete sich auf und streckte das Kinn vor. Der plötzlichen Leere zum Trotz, die sie befiel, brachte sie so viel Selbstbewusstsein auf, wie sie nur konnte.

»Ich komme schon klar«, sagte sie.

Sie hielt die Finger fest gekrümmt und klammerte sich an den Stein in ihrer Handfläche. Wenigstens etwas, woran sie sich festhalten konnte, als der Moray Firth sich weitete und in die offene See überging und Schottlands schützendes Ufer auf beiden Seiten zurückwich.

Wie kam es nur, dass sie so starke Gefühle für ein Land empfand, das sie kaum kannte? Lizzie, die in Schottland geboren und aufgewachsen war, hatte keinen Blick für das schwindende Land übriggehabt, sondern war sofort unter Deck gegangen, um ihnen einen Platz zu sichern und die wenigen Besitztümer, die sie dabeihatten, zu verstauen.

Brianna hatte sich selbst nie als Schottin betrachtet – hatte bis vor kurzem keine Ahnung gehabt, dass sie Schottin war –, und doch hatten der Abschied von ihrer Mutter oder der Tod ihres Vaters sie kaum mehr erschüttert als dieser Abschied von Menschen und einer Gegend, die sie gerade erst kennengelernt hatte.

Vielleicht ließ sie sich auch nur von den Emotionen der anderen Passagiere anstecken. Viele standen genau wie sie an der Reling, und einige weinten ganz offen. Oder die Furcht vor der langen Reise, die ihr bevorstand. Doch sie wusste sehr gut, dass es keins von diesen Dingen war.

»Das war’s dann wohl.« Es war Lizzie, die schließlich doch neben ihr auftauchte, um den letzten Anblick des Festlandes verschwinden zu sehen. Ihr schmales, blasses Gesicht war ausdruckslos, doch Brianna verwechselte den fehlenden Ausdruck nicht mit dem Fehlen von Gefühlen.

»Ja, wir sind unterwegs.« Aus einem Impuls heraus streckte Brianna die Hand aus und zog das Mädchen an sich, so dass sie vor ihr an der Reling stand, gleichermaßen vor dem auffrischenden Wind und den Stößen der Passagiere und Seeleute geschützt. Lizzie war einen guten Kopf kürzer als Brianna und so zart gebaut wie die schlanken, rußfarbenen Seeschwalben, die die Masten umkreisten und über ihren Köpfen kreischten.

Um diese Jahreszeit ging die Sonne nicht wirklich unter, sondern sie hing tief über den schwarzen Hügeln, und die Luft über dem Firth war sehr kalt geworden. Das Mädchen war dünn angezogen; sie zitterte und drückte sich ganz unbefangen an Brianna, um sich zu wärmen. Brianna hatte von Jenny ein blaues Arisaid bekommen; sie schlang die Arme und die Enden des Schultertuches um das jüngere Mädchen und fand in der Umarmung ebenso viel Trost, wie sie spendete.

»Es wird alles gut«, sagte sie zu sich selbst genauso wie zu Lizzie.

Der hellblonde Kopf wackelte kurz unter ihrem Kinn; sie konnte nicht sagen, ob es ein Nicken war oder ob Lizzie nur versuchte, ihre Augen von den vom Wind zerzausten Haarsträhnen zu befreien. Auch aus ihrem eigenen Zopf hatten sich verfilzte Löckchen gelöst und flatterten in der steifen, salzigen Brise wie ein Echo des Sogs der riesigen Segel über ihr. Trotz ihrer Zweifel frischten ihre Lebensgeister mit dem Wind auf. Sie hatte schon so manchen Abschied überstanden; sie würde auch diesen ertragen. Das war es, was diesen Abschied so schwermachte, dachte sie. Sie hatte bereits ihren Vater, ihre Mutter, ihren Liebsten, ihr Zuhause und ihre Freunde verloren. Sie war allein, weil es nicht anders ging und weil sie sich so entschieden hatte. Doch so unerwartet in Lallybroch wieder ein Zuhause und eine Familie zu finden, hatte sie überrumpelt. Sie hätte beinahe alles gegeben, um zu bleiben – nur noch ein bisschen.

Doch sie hatte Versprechungen einzulösen und Verluste wiedergutzumachen. Dann konnte sie heimkehren. Nach Schottland. Und zu Roger.

Sie bewegte ihren Arm und spürte sein schmales Silberband warm auf ihrem Handgelenk unter dem Schultertuch, das Metall von ihrer Haut erwärmt. Un peu … beaucoup … Ihre andere Hand, mit der sie das Tuch zusammenhielt, war dem Wind ausgesetzt und feucht von der Gischt. Wenn sie nicht so kalt gewesen wäre, hätte sie vielleicht die plötzliche Wärme des Tropfens nicht bemerkt, der ihr auf den Handrücken fiel.

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