Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Roger beobachtete die Vorgänge unauffällig. Das Schiff sollte nach Virginia fahren, und nachdem er einige Zeit zugehört hatte, schloss er, dass die Fahrtkosten für einen männlichen Passagier – wenn er wie ein feiner Herr reisen wollte – zehn Pfund und acht Schillinge betrugen. Wer willens war, im Zwischendeck zu reisen, zusammengepfercht wie die Fässer und das Vieh unten im Frachtraum, konnte für vier Pfund, zwei Schillinge pro Nase an Bord gehen, wenn er die Verpflegung für die sechswöchige Reise selbst mitbrachte. Trinkwasser, so verstand er, wurde zur Verfügung gestellt.
Für jene, die die Überfahrt begehrten, sie aber nicht finanzieren konnten, gab es andere Möglichkeiten.
»Zwangsarbeit für Euch, Eure Frau und Eure beiden älteren Söhne?« Der Kapitän legte abschätzend den Kopf schräg und betrachtete die Familie, die vor ihm stand. Ein kleiner, sehniger Mann, der vielleicht Anfang dreißig war, aber viel älter aussah, schäbig und von der Arbeit gebeugt. Seine Frau, vielleicht ein wenig jünger, die hinter ihrem Mann stand, die Augen fest auf den Boden geheftet, und zwei kleine Mädchen fest an den Händen hielt. Die älteren Jungen standen bei ihrem Vater und gaben sich Mühe, männlich zu wirken. Roger hielt sie für vielleicht zehn und zwölf, unter Berücksichtigung der Unterernährung, die für ihre schwächliche Statur verantwortlich war.
»Ihr selbst und die Jungen, aye, das geht«, sagte der Kapitän. Er blickte stirnrunzelnd auf die Frau, die ihren Blick nicht hob. »Niemand wird eine Frau mit so vielen Kindern kaufen – vielleicht kann sie eins behalten. Aber die Mädchen müsst Ihr verkaufen.«
Der Mann sah sich nach seiner Familie um. Seine Frau hielt den Kopf gesenkt, unbeweglich, ohne irgendetwas anzusehen. Eins der Mädchen zuckte und wand sich jedoch und beschwerte sich leise, dass ihre Hand zerquetscht würde. Der Mann wandte sich wieder um.
»Gut«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Können sie – dürfen sie vielleicht – zusammen gehen?«
Der Kapitän rieb sich mit der Hand über den Mund und nickte beiläufig.
»Sehr wahrscheinlich.«
Roger wartete die Details der Transaktion nicht ab. Er stand abrupt auf und verließ die Kneipe; das dunkle Bier schmeckte ihm nicht mehr.
Draußen auf der Straße blieb er stehen und befühlte die Münzen in seiner Tasche. Es war alles, was er in der Zeit, die ihm zur Verfügung stand, an passendem Geld hatte auftreiben können. Allerdings hatte er gedacht, dass es reichen würde; er war kräftig gebaut und hatte einiges Vertrauen in seine Fähigkeiten. Doch die kleine Szene, die er in der Kneipe erlebt hatte, hatte ihn erschüttert.
Er war mit der Geschichte der Highlands aufgewachsen. Er wusste sehr gut, was eine Familie so tief in die Verzweiflung treiben konnte, dass sie dauerhafte Trennung und Quasi-Sklaverei als Preis für das Überleben in Kauf nahm.
Er wusste alles über die Verkäufe von Ländereien, mit denen man die kleinen Pächter von dem Land vertrieb, das ihre Familien seit Hunderten von Jahren bestellt hatten, alles über die fürchterlichen Armuts- und Hungerzustände in den Städten, über die schlichte Unmöglichkeit, in dieser Zeit in Schottland sein Dasein zu fristen. Und doch hatten ihn all die Jahre der Lektüre nicht auf den Blick im Gesicht dieser Frau vorbereitet, die ihre Augen fest auf den frisch mit Sand bestreuten Boden heftete und die Hände ihrer Töchter krampfhaft mit den ihren umklammerte.
Zehn Pfund, acht Schillinge. Oder vier Pfund und zwei. Plus was auch immer die Lebensmittel kosten mochten. Er hatte exakt vierzehn Schillinge und drei Pence in seiner Tasche, außerdem eine Handvoll Kupferkleingeld und ein paar Farthings.
Er ging langsam durch die Straße, die am Meer entlangführte, und blickte auf die Ansammlung von Schiffen, die an den Holzdocks angelegt hatte. Zum Großteil Fischketschen, kleine Galeeren und Briggs, die entlang des Firths ihren Geschäften nachgingen oder im Höchstfall über den Kanal fuhren und Fracht und Passagiere nach Frankreich brachten. Nur drei große Schiffe lagen im Firth vor Anker, von der Größe, die den Winden der Atlantiküberfahrt trotzen konnte.
Er konnte natürlich nach Frankreich übersetzen und von dort ein Schiff nehmen. Oder auf dem Landweg nach Edinburgh reisen, welches einen viel größeren Hafen hatte als Inverness. Doch dann würde es schon sehr spät im Jahr für eine Überfahrt sein. Brianna war ihm bereits sechs Wochen voraus; er durfte keine Zeit mehr verlieren, sie zu finden – weiß Gott, was einer Frau allein hier zustoßen konnte.
Vier Pfund, zwei Schillinge. Nun, er konnte natürlich arbeiten. Da er weder Frau noch Kinder zu versorgen hatte, würde er den Großteil seines Verdienstes sparen können. Aber da ein normaler Bürogehilfe etwa zwölf Pfund im Jahr verdiente und er wahrscheinlich eher Arbeit als Stallknecht als in der Buchhaltung finden würde, waren seine Chancen, das Geld für die Überfahrt in absehbarer Zeit zusammenzusparen, herzlich gering.
»Immer der Reihe nach«, murmelte er. »Finde erst mal heraus, wohin sie gefahren ist, bevor du dir den Kopf zerbrichst, wie du selbst dorthin kommst.«
Er nahm die Hand aus der Tasche und wandte sich, zwischen zwei Lagerhäusern hindurch, nach rechts in eine enge Gasse. Seine Hochstimmung vom Morgen war zum Großteil verflogen, doch ein wenig davon kehrte zurück, als er sah, dass er richtig geraten hatte; das Büro des Hafenmeisters war genau dort, wo es seines Wissens nach sein musste – in demselben flachen Steingebäude, in dem es auch in zweihundert Jahren noch sein würde. Roger lächelte mit ironischem Humor; Schotten waren nicht geneigt, Veränderungen nur um ihrer selbst willen durchzuführen.
Innen war es voll und geschäftig, und vier abgehetzte Bürogehilfen saßen hinter einer abgenutzten Holztheke, schrieben und stempelten, trugen Papierbündel hin und her, nahmen Geld entgegen und trugen es sorgsam in ein innenliegendes Büro, aus welchem sie Sekunden später mit Japanlacktabletts wieder herauskamen, auf denen Quittungen lagen.
Ein Gedränge ungeduldiger Männer presste sich gegen die Theke, und jeder von ihnen bemühte sich, mit Hilfe seiner Stimme und Haltung zu signalisieren, dass sein Anliegen dringender war als das seines Nachbarn. Als es Roger jedoch erst einmal gelungen war, die Aufmerksamkeit eines der Angestellten für sich zu beanspruchen, stellte sich heraus, dass er ohne Probleme die Register der Schiffe einsehen konnte, die in den letzten paar Monaten aus Inverness abgesegelt waren.
»Halt, wartet«, sagte er zu dem jungen Mann, der ihm ein großes, ledergebundenes Buch über die Theke zuschob.
»Aye?« Der Bürogehilfe war rot vor Eile und hatte einen Tintenklecks auf der Nase, hielt aber höflich mitten im Lauf inne.
»Was verdient Ihr hier?«, fragte Roger.
Die hellen Augenbrauen des Mannes gingen in die Höhe, doch er hatte es viel zu eilig, um Rückfragen zu stellen oder über die Frage beleidigt zu sein.
»Sechs Schillinge die Woche«, sagte er kurz und verschwand, als jemand aus dem Büro hinter der Theke verärgert »Munro!« rief.
»Mmpfm.« Roger schob sich durch die Menge zurück und trug das Registerbuch zu einem kleinen Tisch am Fenster, fort vom Hauptverkehr.
Da er gesehen hatte, unter welchen Bedingungen die Schreiber arbeiteten, war Roger beeindruckt von der Lesbarkeit der handgeschriebenen Register. Er war an die archaische Schreibweise und Interpunktion gewöhnt, wenn auch die Dokumente, die er gewöhnlich zu sehen bekam, immer vergilbt und empfindlich waren, kurz vor der Auflösung. Als Historiker empfand er einen merkwürdigen, leisen Nervenkitzel dabei, die Seiten frisch und weiß vor sich zu sehen und dahinter den Schreiber, der an einem hohen Tisch saß und seine Einträge machte, so schnell er schreiben konnte, die Schultern gegen den Andrang im Zimmer hochgezogen.
Du schiebst es nur vor dir her, sagte eine kalte, leise Stimme in seinem Kopf. Entweder ist sie hier, oder sie ist es nicht; dass du Angst hast nachzusehen, wird nichts daran ändern. Mach voran!