Die Suche nach dem Auge der Welt
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #1
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Suche nach dem Auge der Welt». Краткое содержание книги:
Schnell wand er sich herum, um sich auf die ebene, enge Mauerkrone zu setzen. Die mit unzähligen Blättern geschmückten Äste eines mächtigen Baums ragten über seinen Kopf hinweg, aber er achtete nicht darauf. Er blickte über ziegelgedeckte Dächer hinweg, aber hier von der Mauer aus hatte er freie Sicht. Er beugte sich nur ein klein wenig vor und konnte die Palasttore sehen sowie die Gardesoldaten der Königin, die dort aufgestellt waren, und die erwartungsvolle Menge. Erwartungsvoll. Ihre Rufe gingen im Donnergrollen der Trommeln und Trompeten unter, aber sie warteten immer noch. Er grinste. Ich habe gewonnen.
Im gleichen Moment, als er sich hinsetzte, umrundete der erste Teil der Prozession die letzte Kurve vor dem Palast. Zwanzig Reihen von Trompetern kamen zuerst und zerschnitten die Luft mit einem triumphierenden Schmettern, einer Siegesfanfare nach der anderen. Hinter ihnen donnerten genauso viele Trommler. Dann kamen die Banner von Caemlyn, weiße Löwen auf rotem Grund, von Berittenen getragen, gefolgt von den Soldaten Caemlyns, unzähligen Reihen von Reitern in glänzender Rüstung mit stolz erhobenen Lanzen, an denen hellrote Wimpel flatterten. Lanzenträger und Bogenschützen, jeweils drei Reihen tief, flankierten die Reiter, und mehr und mehr von ihnen folgten, nachdem die Reiter bereits zwischen den wartenden Gardesoldaten durch die Palasttore ritten.
Die letzten Fußsoldaten kamen um die Kurve, und hinter ihnen befand sich ein massiver Wagen. Sechzehn Pferde in Viererreihen zogen ihn. In der Mitte der Ladefläche stand ein großer Käfig mit Eisenstangen, und in jeder Ecke der Ladefläche saßen zwei Frauen, die den Käfig so konzentriert beobachteten, als existiere die Menge gar nicht. Aes Sedai, da war er sicher. Zwischen dem Wagen und den Fußsoldaten ritten auf beiden Seiten jeweils ein Dutzend Behüter. Ihre Umhänge flatterten und verwirrten das Auge. Wenn auch die Aes Sedai die Menge ignorierten, so beobachteten die Behüter das Volk, als gebe es außer ihnen keine Wächter mehr.
Trotz alledem war es der Mann im Käfig, der Rands Blicke fesselte. Er war nicht nahe genug, um Logains Gesicht sehen zu können, wie er eigentlich beabsichtigt hatte, aber mit einemmal wußte er, daß er gar nicht näher herankommen wollte. Der falsche Drache war ein hochgewachsener Mann mit langem, dunklem Haar, das in Locken auf seine breiten Schultern fiel. Er hielt sich trotz des schwankenden Wagens aufrecht, indem er sich mit einer Hand an den Gitterstäben über seinem Kopf festhielt. Seine Kleidung schien ganz gewöhnlich: Umhang und Mantel und Kniebundhosen, die auf keinem Bauerndorf Aufsehen erregt hätten. Aber wie er sie trug! Seine ganze Haltung! Logain war jeder Zoll ein König. Der Käfig hätte genausogut überhaupt nicht vorhanden sein können. Er hielt sich aufrecht, mit hocherhobenem Kopf, und blickte über die Menge hinweg, als sei sie gekommen, ihm zu huldigen. Und wo auch immer sein Blick hinfiel, schwiegen die Menschen und sahen ihn ehrfurchtsvoll an. Wenn Logains Blick weiterwanderte, schrien sie doppelt so laut, als wollten sie ihr Schweigen vergessen machen, aber für den Mann spielte es keine Rolle, wie er so dastand, im Lärm oder in der ihn begleitenden Stille. Als der Wagen durch die Palasttore rollte, blickte er zurück auf die versammelte Volksmenge. Sie heulten ihm zu, fanden keine Worte mehr, eine Welle rein tierischen Hasses und Furcht überschlug sich, und Logain warf den Kopf zurück und lachte, während ihn der Palast verschluckte.
Andere Truppenteile folgten hinter dem Wagen und zeigten die Banner weiterer, die gegen den falschen Drachen gekämpft und ihn besiegt hatten. Die Goldenen Bienen von Illian, die drei Weißen Mondsicheln von Tear, die Aufgehende Sonne von Cairhien, andere, viele andere, Nationen und Städte und die Banner großer Männer mit ihren eigenen Trompetern, ihren eigenen Trommlern, die zu ihrem Ruhm den Takt schlugen. Nach Logain war alles nicht mehr so wichtig.
Rand beugte sich noch ein Stückchen weiter vor, um einen letzten Blick auf den Mann im Käfig erhaschen zu können. Er wurde besiegt, oder? Licht, er befände sich wohl kaum in so einem blutigen Käfig, wäre er nicht besiegt worden.
Er verlor das Gleichgewicht, rutschte weg, griff nach der Mauerkrone und zog sich zu einer etwas sichereren Stellung hinauf. Nun, da Logain weg war, bemerkte er das Brennen seiner Hände, wo der Stein seine Handflächen und Finger aufgeschurft hatte. Aber er konnte sich noch nicht von dem Anblick befreien. Der Käfig und die Aes Sedai! Logain, unbesiegt! Trotz des Käfigs war das kein geschlagener Mann gewesen. Er schauderte und rieb sich die brennenden Hände an den Hüften.
»Warum haben ihn die Aes Sedai bewacht?« fragte er sich laut.
»Sie halten ihn davon ab, die Wahre Quelle zu berühren, Dummkopf.«
Er fuhr hoch auf die Stelle zu, von der die Stimme des Mädchens erklungen war, und plötzlich konnte er sich in seiner unsicheren Stellung nicht mehr halten. Er hatte gerade noch Zeit, zu erkennen, daß er nach hinten stürzte; er fiel, und dann traf etwas seinen Kopf, und ein lachender Logain jagte ihn in die sich wild drehende Dunkelheit.
40
Das Gewebe festigt sich
Es schien Rand, als sitze er an einem Tisch mit Logain und Moiraine. Die Aes Sedai und der falsche Drache saßen schweigend da und beobachteten ihn so, als wisse keiner von beiden, daß der andere anwesend war. Plötzlich bemerkte er, daß die Wände des Raumes kaum noch erkennbar waren und zu Grau verblaßten. Erregung stieg in ihm auf. Alles war am Verschwinden, am Verblassen. Als er zum Tisch zurücksah, waren Moiraine und Logain verschwunden, und statt dessen saß Ba'alzamon dort. Rands gesamter Körper zitterte vor Erregung; sie summte in seinem Kopf, lauter und immer lauter. Das Summen wandelte sich zum Klopfen des Blutes in seinen Ohren.
Mit einem Ruck setzte er sich auf und stöhnte sofort und hielt sich schwankend den Kopf. Sein gesamter Schädel schmerzte; seine linke Hand fand klebrige Feuchtigkeit in seinem Haar. Er saß auf dem Boden auf grünem Gras. Das bereitete ihm irgendwie Kopfzerbrechen, aber in seinem Schädel drehte sich noch alles, und alles, was er ansah, schwankte, und alles, woran er denken konnte, war, daß er sich hinlegen mußte, bis es aufhörte.
Die Mauer! Die Stimme des Mädchens!
Er stützte sich mit einer Hand auf dem Gras auf und blickte sich langsam um. Es mußte langsam geschehen: Als er versuchte, den Kopf schneller zu drehen, verschwamm wieder alles vor seinen Augen. Er befand sich in einem Garten oder Park. Keine sechs Fuß von ihm entfernt zog sich ein geplättelter Weg kreuz und quer zwischen blühenden Büschen hindurch. Daneben stand eine weiße Steinbank mit einer efeuüberwachsenen Laube, die Schatten spendete. Er war von der Mauer aus nach innen gefallen. Und das Mädchen?
Er fand den Baum gleich hinter seinem Rücken und auch das Mädchen — sie kletterte gerade daraus hervor. Sie erreichte den Boden und drehte sich zu ihm um, und dann blinzelte und stöhnte er erneut. Auf ihren Schultern ruhte ein dunkelblauer Samtumhang, mit blassem Pelz besetzt. Die Kapuze hing ihr bis zur Taille herunter und hatte an der Spitze ein Bündel Silberglöckchen. Sie bimmelten, wenn sie sich bewegte. Ein silberner, durchbrochener Reif hielt ihre rotgoldenen Locken zusammen, und an ihren Ohren hingen feine Silberringe. Um ihren Hals lag eine schwere Silberkette mit eingearbeiteten dunkelgrünen Steinen, die er für Smaragde hielt. Ihr hellblaues Kleid hatte bei ihrer Kletterpartie in dem Baum Flecken abbekommen, aber es war in jedem Fall aus Seide und mit unendlich fein gearbeiteten Mustern bestickt. In den Rock waren Streifen von der Farbe reinster Sahne eingenäht. Um ihre Taille lag ein breiter Gürtel aus Silberfäden, und unter dem Saum ihres Kleides lugten Samtschuhe hervor.
Er hatte in seinem Leben nur zwei Frauen gesehen, die so angezogen gewesen waren: Moiraine und die Schattenfreund-Frau, die versucht hatte, Mat und ihn zu töten. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wer in solcher Kleidung auf Bäume klettern würde, aber er war sicher, sie müsse jemand Bedeutendes sein.