Die Suche nach dem Auge der Welt
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #1
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Suche nach dem Auge der Welt». Краткое содержание книги:
Heute war es allerdings anders. Zumindest an der Oberfläche. Heute feierte Caemlyn den Sieg des Lichts über den Schatten. Heute brachte man den falschen Drachen in die Stadt, um ihn der Königin vorzuführen, bevor man ihn nach Tar Valon im Norden brachte.
Über diesen Teil der Ereignisse sprach niemand. Natürlich konnten nur die Aes Sedai einen Mann beherrschen, der tatsächlich die Eine Macht anwenden konnte, doch darüber wollte niemand sprechen. Das Licht hatte den Schatten besiegt, und Soldaten aus Andor waren in der vordersten Kampflinie dieser Schlacht dabeigewesen. Heute zählte nur das. Heute vergaß man alles andere.
Oder vielleicht doch nicht?, fragte sich Rand. Die Menge rannte singend und lachend und mit geschwenkten Fahnen durch die Straßen, aber Männer, die sich in Rot zeigten, hielten sich in Gruppen von zehn oder zwanzig zusammen, und sie hatten keine Frauen und Kinder dabei. Seiner Schätzung nach kamen auf jeden Anhänger der Königin mindestens zehn Männer, die Weiß trugen. Nicht zum ersten Mal wünschte er sich, daß der weiße Stoff damals der billigere gewesen sei. Aber hätte Meister Gill geholfen, wenn ich mich in Weiß gezeigt hätte?
Die Menge war so dicht, daß es unvermeidlich war, sich gegenseitig anzurempeln. Selbst um die Weißmäntel herum gab es diesmal keinen freien Raum inmitten der Menschenansammlung. Als Rand sich von der Menge in die Innenstadt mittreiben ließ, erkannte er, daß keineswegs alle Feindseligkeiten unter Kontrolle waren. Er sah, wie eines der Kinder des Lichts, einer von dreien, so hart angerempelt wurde, daß er beinahe stürzte. Der Weißmantel fing sich gerade noch und wollte soeben den Mann, der ihn angerempelt hatte, wütend anschreien, als ein anderer Mann ihn absichtlich mit einem gezielten Schulterstoß ins Wanken brachte. Bevor die Situation eskalierte, zogen die Gefährten des Weißmantels ihn auf die Seite der Straße hinüber, wo sie sich unter einem Torbogen in Sicherheit brachten. Die drei schienen hin-und hergerissen zwischen ihrem üblichen finsteren Gesichtsausdruck und ungläubigem Staunen. Die Menge strömte vorbei, als habe niemand etwas bemerkt, und vielleicht hatte das ja wirklich niemand.
Keiner hätte noch vor zwei Tagen so etwas gewagt. Nicht genug, so erkannte Rand, denn die Männer, die den Weißmantel angerempelt hatten, trugen weiße Abzeichen an den Hüten. Die Meinung war weit verbreitet, daß die Weißmäntel jene unterstützten, die sich gegen die Königin und ihre Aes-Sedai-Ratgeberin stellten, aber das machte wohl keinen Unterschied. Männer stellten Dinge an, an die sie zuvor noch nie auch nur gedacht hatten. Heute — einen Weißmantel anrempeln. Morgen — vielleicht eine Königin stürzen? Plötzlich wünschte er, es wären noch ein paar andere Männer in Rot in der Nähe. Von weißen Abzeichen und Armbinden gestoßen, fühlte er sich plötzlich sehr einsam.
Die Weißmäntel bemerkten, daß er sie ansah, und sie blickten herausfordernd zurück. Er ließ sich von einer singenden Gruppe in der Menge aus ihrer Sicht schwemmen und sang bei ihnen mit:
»Vor mit dem Löwen, vor mit dem Löwen, der Weiße Löwe zieht in den Kampf.
Fordere den Schatten heraus!
Vor mit dem Löwen, vorwärts, und Andor siegt.«
Die Strecke, auf der man den falschen Drachen nach Caemlyn hereinbringen würde, war wohl bekannt. Diese Straßen selbst hielt man durch dichte Reihen von Gardesoldaten der Königin und in Rot gehüllte Lanzenträger frei, aber hinter ihnen an den Straßenrändern drängten sich die Leute Schulter an Schulter, selbst in den Fenstern und auf den Dächern. Rand arbeitete sich in die Innenstadt vor. Er versuchte, näher an den Palast heranzukommen. Er dachte entfernt daran, wirklich zuzuschauen, wie Logain der Königin vorgezeigt würde. Beide — den falschen Drachen und eine echte Königin — auf einmal zu sehen... das hätte er sich zu Hause nie erträumt.
Die Innenstadt war auf Hügeln erbaut, und vieles von dem, was die Ogier gemacht hatten, war noch immer erhalten. Wo in der Neustadt die Straßen meistens wirr durcheinander und in alle möglichen Richtungen verliefen, folgten sie hier den Neigungen der Abhänge, als seien sie ein natürlicher Teil der Erde. Weitschweifende Anstiege und Senkungen präsentierten dem Auge nach jeder Kurve neue und überraschende Anblicke. Man konnte Parks von verschiedenen Blickwinkeln aus sehen, selbst von oben herab, wo ihre Wege und Denkmäler dem Auge wohltuende Muster ergaben. Allerdings war kaum irgendwo Grün zu sehen. Plötzlich enthüllten sich dem Blick Türme. Ihre Kachelwände glitzerten in zahlreichen sich ständig verändernden Farben im Sonnenschein. Unvermittelt stieg die Straße an, und die ganze Stadt bis zu den hügeligen Ebenen und Wäldern dahinter bot sich dem Blick dar. Alles in allem wäre das schon eine ganz besondere Sache gewesen, hätte ihn nicht die Menschenmenge immer weiter gedrängt, bevor er den Anblick wirklich in sich aufnehmen konnte. Und all jene verschlungenen Straßen machten es schwer, sehr weit vorauszublicken.
Die Menge trug ihn mit sich um eine Straßenbiegung herum, und plötzlich stand er vor dem Palast. Die Straßen waren so angelegt worden, daß sie spiralförmig auf den Palast zuliefen, obwohl sie ja den natürlichen Formen der Landschaft folgten. Der Palast selbst schien der Erzählung eines Gauklers zu entspringen: blasse Türmchen und goldene Kuppeln und kompliziert in sich verschlungener und durchbrochener Steinzierat, und von jedem Vorsprung flatterte die Flagge von Andor — der Mittelpunkt all jener Schaustücke der Baukunst und ihr Höhepunkt. Er schien eher von einem Künstler als Skulptur entworfen, als nur einfach gebaut.
Ein Blick reichte, um ihm zu zeigen, daß er nicht näher herankommen würde. Niemand wurde in die Nähe des Palastes durchgelassen. Gardesoldaten der Königin standen — zehn scharlachrote Reihen stark — zu beiden Seiten der Palasttore. Oben auf den weißen Mauern, auf hohen Balkonen und Türmen, standen weitere Gardesoldaten in Habachtstellung, die Bogen in vorgeschriebenem Winkel vor die gepanzerte Brust gehalten. Auch sie sahen aus, als entsprängen sie der Erzählung eines Gauklers; eine Ehrengarde, doch Rand glaubte nicht, daß sie sich aus diesem Grunde dort befanden. Die lärmende Menge an den Straßenrändern trug fast nur in Weiß gehüllte Schwerter, weiße Armbinden und weiße Abzeichen. Nur hier und da wurde diese weiße Mauer durch ein Bündel Rot unterbrochen. Die rotuniformierten Wachen schienen all diesem Weiß gegenüber nur wie eine sehr dünne Sperre.
Er gab den Versuch auf, näher an den Palast heranzukommen, und suchte sich einen Platz, an dem er seine Größe besser ausnützen konnte. Er mußte nicht in der ersten Reihe stehen, um alles sehen zu können. Die Menge war ständig in Bewegung. Die einen schoben sich weiter nach vorn, andere wieder eilten weg zu einem, wie sie glaubten, besseren Standpunkt. Nach einer solchen Unterströmung befand er sich plötzlich nur drei Reihen von der offenen Straße entfernt, und beinahe alle, die vor ihm standen, waren kleiner als er, sogar die Lanzenträger. Menschen drängten sich, schwitzend vom Druck so vieler Körper, von beiden Seiten her gegen ihn. Die hinter ihm beschwerten sich, weil sie nichts sehen konnten, und versuchten, sich an ihm vorbeizuschieben. Er wich nicht, und zusammen mit denen an seiner Seite stellte er eine undurchdringliche Menschenmauer dar. Er war es zufrieden. Wenn der falsche Drache vorbeikam, würde er sich nahe genug am Geschehen befinden, um das Gesicht des Mannes klar erkennen zu können.