Die Suche nach dem Auge der Welt
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #1
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Suche nach dem Auge der Welt». Краткое содержание книги:
Auf der anderen Straßenseite und unten beim Tor zur Neustadt schien eine Welle die dichte Menge zu durchlaufen. Vor der Kurve wichen die Leute gruppenweise zurück, um etwas vorbeizulassen. Das war nicht wie der Freiraum, der wohl nicht heute, aber sonst immer um die Weißmäntel herum verblieb. Diese Leute fuhren mit Überraschung im Blick zurück, und dann verzogen sich ihre Gesichter und zeigten Abscheu. Sie drückten sich nach hinten und wandten die Gesichter von — was immer es auch war — ab. Doch aus den Augenwinkeln beobachteten sie weiter, bis es vorbei war.
Auch andere Augen in seiner Nähe bemerkten die Störung. Man war wohl ganz auf das Kommen des Drachens eingestimmt, aber da die Menge nun nichts anderes tun konnte als warten, wurde über jede Kleinigkeit geschwatzt. Er hörte, wie die Vermutungen von einer Aes Sedai bis zu Logain selbst gingen, und außerdem noch ein paar anzügliche Bemerkungen, die bei den Männern rohes Gelächter auslösten, während die Frauen verachtungsvoll schnaubten. Die Welle pflanzte sich in Schlangenlinien durch die Menge fort und kam dabei dem Straßenrand immer näher. Niemand schien zu zögern, sie durchzulassen, wie sie wollte, selbst wenn das bedeutete, daß man einen guten Aussichtspunkt aufgeben mußte, wenn die Menge dahinter in sich selbst zurückflutete. Schließlich wölbte sich direkt Rand gegenüber die Menge in die Straße hinein, schob rotgekleidete Lanzenträger zur Seite, die sich bemühten, die Menschen zurückzudrängen, und öffnete sich. Die gebückte Gestalt, die zögernd ins Freie schlurfte, wirkte mehr wie ein Haufen dreckiger Lumpen denn wie ein Mann. Rand hörte angeekelte Kommentare um sich herum.
Der zerlumpte Mann blieb am entfernten Straßenrand stehen. Seine Kapuze, zerrissen und steif vom Schmutz, schwang hierhin und dorthin, als suche er etwas oder lausche. Plötzlich schrie er wortlos auf, hob die schmutzige Klaue, die eine Hand darstellte, und deutete genau auf Rand. Sofort krabbelte er wie ein Käfer über die Straße.
Der Bettler. Welcher schlimme Zufall den Mann auch dazu gebracht hatte, ihn so zu finden: Rand war sicher, daß er ihm — Schattenfreund oder nicht — keinesfalls von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen wollte. Er konnte den Blick des Bettlers spüren. Er wirkte wie schmutziges Wasser auf seiner Haut. Und vor allem wollte er den Mann nicht gerade hier an sich herankommen lassen, wo sie von Menschen umgeben waren, die sich sowieso am Rand gewalttätiger Ausschreitungen befanden. Dieselben Stimmen, die vorher gelacht hatten, verwünschten ihn nun, als er sich seinen Weg nach hinten bahnte, weg von der Straße.
Er beeilte sich, denn er wußte, daß die dichte Menschenmasse, durch die er sich schieben und winden mußte, den schmutzigen Mann durchlassen würde. Er erkämpfte sich seinen Weg durch die Menge und taumelte — fast wäre er gestürzt -, als er plötzlich abseits dastand. Er ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten, und aus dem Taumeln wurde Rennen. Menschen deuteten auf ihn; er war der einzige, der nicht in die entgegengesetzte Richtung drängte, und dazu rannte er auch noch. Rufe folgten ihm. Sein Umhang flatterte hinter ihm her und gab den Blick auf sein rotumhülltes Schwert frei. Als ihm das klar wurde, rannte er noch schneller. Ein einzelner Anhänger der Königin, der auch noch wegrannte, konnte durchaus eine Menge mit weißen Abzeichen in einen aufgebrachten Mob verwandeln, der ihn verfolgte, und das sogar heute. Er rannte, so schnell ihn seine langen Beine trugen, durch die gepflasterten Straßen. Erst als er die Schreie weit hinter sich gelassen hatte, erlaubte er sich, schwer atmend gegen eine Mauer zu sacken.
Er wußte nicht, wo er sich befand, außer daß er immer noch in der Innenstadt war. Er konnte sich nicht erinnern, wie viele Biegungen und Abzweigungen er in diesen kurvenreichen Straßen genommen hatte. Bevor er weiterrannte, blickte er dorthin zurück, woher er gekommen war. Nur ein Mensch bewegte sich auf der Straße: eine Frau, die gelassen mit einem Einkaufskorb einherschritt. Fast jeder in der Stadt war versammelt, um einen Blick auf den falschen Drachen zu erhaschen. Er kann mir nicht gefolgt sein. Ich muß ihn abgehängt haben.
Der Bettler wurde nicht aufgeben, dessen war er sich sicher, obwohl er nicht wußte, warum. Die zerlumpte Gestalt schob sich in dieser Minute weiter durch die Menge und suchte, und falls Rand zurückkehrte, um Logain zu sehen, riskierte er ein Zusammentreffen. Einen Augenblick lang überlegte er sich, ob er zu Der Königin Segen zurückgehen sollte, aber er war sicher, nie mehr eine Möglichkeit zu haben, eine Königin aus der Nähe zu sehen, und er hoffte, er werde nie mehr eine haben, einen falschen Drachen zu sehen. Es schien ihm irgendwie feige, sich von einem geduckten Bettler, selbst wenn es ein Schattenfreund war, in sein Versteck zurückjagen zu lassen.
Er sah sich überlegend um. So, wie die Innenstadt geplant war, hatte man die Gebäude niedrig gehalten, falls überhaupt welche dort standen, so daß jemand, der sich an einem bestimmten Punkt befand, wie vorgesehen einen freien Überblick hatte. Es mußte Punkte geben, von denen aus er die Prozession mit dem falschen Drachen vorbeikommen sehen konnte. Wenn er schon die Königin nicht sehen konnte, dann doch Logain. Schnell entschlossen machte er sich auf den Weg.
Während der nächsten Stunde fand er mehrere solcher Punkte, doch jeder bereits vollgepackt mit Menschen, die der Drängelei an der Prozessionsstrecke entgehen wollten. Sie bildeten eine einheitliche Linie weißer Abzeichen und Armbinden. Überhaupt kein Rot. Er dachte daran, was der Anblick seines Schwertes in einer solchen Menge auslösen konnte, und verdrückte sich schnell und vorsichtig.
Rufe drangen aus der Neustadt empor, Rufe und das Schmettern von Trompeten und martialischer Trommelwirbel. Logain und seine Eskorte befanden sich bereits in Caemlyn und waren auf dem Weg zum Palast.
Enttäuscht wanderte er durch die beinahe menschenleeren Straßen. Er hoffte immer noch ein wenig darauf, einen Weg zu finden, um Logain zu sehen. Sein Blick fiel auf einen unbebauten Abhang, der sich über der Straße erhob, durch die er gerade schritt. In einem normalen Frühling wäre dieser Abhang ein bunter Teppich von Gras und Blumen gewesen, aber jetzt war er braun bis hinauf zu der hohen Mauer ganz oben, einer Mauer, über die Baumwipfel hinwegragten.
Dieser Teil der Straße führte nicht zu irgendwelchen großartigen Aussichtspunkten, aber geradeaus konnte er über den Dächern einige Türmchen des Palastes sehen, auf denen Fahnen mit dem Weißen Löwen im Wind flatterten. Er war nicht sicher, in welche genaue Richtung die Straße nach der nächsten Kurve führen würde, wo sie den Hügel umrundete und aus seiner Sicht verschwand, aber ihm kam plötzlich eine Idee, als er die Mauer oben auf dem Hügel sah.
Die Trommeln und Trompeten näherten sich; die Rufe wurden lauter. Erregt stieg er den Abhang hinauf. Er war nicht zum Begehen geeignet, doch er drückte seine Stiefel in die abgestorbene Grasnarbe und zog sich hoch, wobei er kahle Sträucher zum Festhalten benützte. Er schnaufte schwer vor Aufregung und Anstrengung, als er die letzten Schritte zur Mauer zurücklegte. Sie ragte über ihm auf, gut doppelt so hoch wie er groß war, vielleicht auch mehr. Die Luft erzitterte unter dem Trommelschlag und dem Schmettern der Trompeten.
Man hatte die Steine der Mauer nur sehr wenig behauen. Die mächtigen Blöcke paßten so gut aufeinander, daß die Fugen fast unsichtbar waren. So rauh wie sie waren, schienen sie wie eine natürliche Klippe. Rand grinste. Die Klippen gleich hinter den Sandhügeln waren höher, und trotzdem hatte sogar Perrin sie bestiegen. Seine Hände suchten nach Auswüchsen im Gestein, seine stiefelbewehrten Füße fanden Vorsprünge. Die Trommeln spornten ihn beim Klettern an. Er wollte sie nicht gewinnen lassen. Er würde die Krone erreichen, bevor sie im Palast waren. In seiner Hast riß er sich die Hände am Stein auf und schürfte sich die Knie durch die Hosen hindurch auf, doch dann warf er die Arme über die Mauerkrone und zog sich mit dem Gefühl hoch, gewonnen zu haben.