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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Ich? Ich? Ich habe es Ihnen schon gesagt«, erwiderte Pierre, stand plötzlich auf und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. »Ich habe mir das schon immer gedacht … Dieses Mädchen ist ein solches Kleinod, eine solche … Es ist ein seltenes Mädchen … Mein lieber Freund, tun Sie mir bloß den Gefallen und quälen Sie sich nicht mit Grübeleien und Zweifeln, sondern heiraten Sie, heiraten Sie, heiraten Sie … Und ich bin überzeugt, daß Sie der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt sein werden.«

»Aber sie?«

»Natascha liebt Sie.«

»Rede doch keinen Unsinn …« sagte Fürst Andrej und sah Pierre lächelnd in die Augen.

»Sie liebt Sie, ich weiß es doch«, rief Pierre wütend.

»Nein, hör mal«, sagte Fürst Andrej und hielt ihn an der Hand fest. »Du begreifst doch wohl, in was für einer Lage ich mich befinde? Ich muß jemandem mein ganzes Herz ausschütten.«

»Na, so reden Sie doch, ich freue mich sehr«, erwiderte Pierre, und sein Gesicht nahm auch tatsächlich einen anderen Ausdruck an: die finsteren Falten glätteten sich, und er hörte dem Fürsten Andrej freundlich zu.

Bolkonskij schien ein ganz anderer, neuer Mensch geworden zu sein. Von seinem Weltschmerz, seiner Verachtung fürs Leben und seiner großen Enttäuschung war nichts mehr zu spüren. Pierre war der einzige Mensch, zu dem er sich offen aussprechen wollte, dafür schüttete er ihm aber auch sein ganzes Herz aus. Bald machte er leicht und kühn Pläne auf lange Zukunft hinaus oder sprach davon, daß er sein Glück nicht den Launen seines Vaters zum Opfer bringen dürfe und seinen Vater entweder zwingen müsse, seine Einwilligung zu dieser Ehe zu geben und Natascha zu lieben, oder sich ohne seine Zustimmung mit ihr vermählen müsse, bald wieder wunderte er sich wie über etwas Seltsames und Fremdes über jenes Gefühl, das sich so unabhängig von seinem eignen Willen seiner bemächtigt hatte.

»Ich hätte es nicht geglaubt, wenn es mir einer gesagt hätte, daß ich so lieben könnte«, sagte Fürst Andrej. »Es ist ein ganz anderes Gefühl als das, was ich früher empfunden habe. Die ganze Welt teilt sich für mich jetzt in zwei Hälften: auf der einen Seite – sie, und dort ist alles Glück, alle Hoffnung und alles Licht, auf der anderen – alles übrige, wo sie nicht ist, und dort ist aller Trübsinn und alle Finsternis …«

»Trübsinn und Finsternis«, wiederholte Pierre. »Ja, ja, das verstehe ich.«

»Und ich kann doch gar nicht anders, als das Licht lieben, das ist doch nicht meine Schuld. Ich bin glücklich, sehr glücklich. Du wirst mich verstehen. Ich weiß, daß du dich für mich freust.«

»Ja, ja«, bestätigte Pierre und sah seinen Freund mit gerührten, traurigen Augen an. Und je glänzender ihm das Geschick des Fürsten Andrej erschien, um so düsterer kam ihm sein eignes vor.

23

Zu einer Heirat brauchte Fürst Andrej aber die Einwilligung seines Vaters, und deshalb fuhr er am nächsten Tag nach Hause.

Der Vater nahm die Eröffnungen seines Sohnes äußerlich ganz ruhig entgegen, innerlich aber war er höchst ergrimmt. Er konnte nicht verstehen, wie ein anderer sein Leben ändern und noch etwas Neues hineintragen konnte, wo für ihn das Leben doch schon zu Ende war. Sie sollten mich doch wirklich noch die paar Jahre, so wie es mir paßt, zu Ende leben lassen, dann können sie ja machen, was sie wollen, dachte der Alte bei sich. Doch dem Sohn zeigte er jene Diplomatie, die er gegen ihn immer in den wichtigsten Augenblicken seines Lebens beobachtet hatte. In ruhigem Ton unterzog er die ganze Angelegenheit einer eingehenden Prüfung.

Erstens einmal sei es keine glänzende Partie, was Familie, Vermögen und Verbindungen betraf. Zweitens sei Fürst Andrej bereits über die ersten Jugendjahre hinaus und etwas kränklich, was der alte Fürst besonders betonte, sie dagegen sei noch sehr jung. Drittens habe er einen Sohn, den er einer so jungen Mutter wohl schwerlich überlassen könne. »Und viertens endlich«, sagte der Vater und sah seinen Sohn dabei spöttisch an, »bitte ich dich, schiebe die Angelegenheit noch ein Jahr auf, reise ins Ausland, werde erst einmal gesund, suche meinetwegen, wie du es ja wolltest, einen deutschen Erzieher für den kleinen Fürsten Nikolaj, und wenn dann nach einem Jahr deine Liebe, deine Leidenschaft oder deine Dickköpfigkeit – nenne es, wie du willst – noch ebenso groß sein sollte, dann heirate. Dies ist mein letztes Wort, versteh mich wohl, mein letztes …« schloß der Fürst in einem Ton, der deutlich besagte, daß nichts in der Welt ihn dazu bringen werde, diesen seinen Beschluß zu ändern.

Fürst Andrej merkte deutlich, daß der Alte hoffte, seine oder seiner künftigen Braut Liebe werde die Prüfung von einem Jahr nicht aushalten oder er, der alte Fürst, werde während dieser Zeit sterben, und so beschloß Fürst Andrej, den Wunsch seines Vaters zu erfüllen, indem er um Nataschas Hand anhielt, die Hochzeit aber noch ein Jahr hinausschob.

Drei Wochen nach dem letzten Abend bei den Rostows kehrte Fürst Andrej nach Petersburg zurück.

Am Tage nach ihrer Aussprache mit der Mutter hatte Natascha den ganzen Tag auf Bolkonskij gewartet, er aber war nicht gekommen. Auch am nächsten und am übernächsten Tag erwartete sie ihn vergeblich. Auch Pierre kam nicht, und Natascha, die nicht wußte, daß Fürst Andrej zu seinem Vater aufs Land gefahren war, konnte sich sein Fernbleiben gar nicht erklären.

So vergingen drei Wochen. Natascha wollte nirgends hingehen, schlich matt und niedergeschlagen wie ein Schatten durch die Zimmer, weinte nachts im geheimen und zeigte sich abends nie bei ihrer Mutter. Sie war sehr gereizt und wurde bei jeder Gelegenheit rot. Ihr schien, als müßte jedermann von ihrer Enttäuschung wissen, sich über sie lustig machen oder sie bedauern.

Bei all ihrem inneren Leid trug diese verletzte Eigenliebe noch zu ihrem Kummer bei.

Einmal kam sie zur Gräfin, wollte etwas zu ihr sagen und brach plötzlich in Tränen aus. Sie weinte wie ein Kind, das sich gekränkt fühlt, weil es nicht weiß, warum es bestraft worden ist. Die Gräfin schickte sich an, sie zu trösten. Natascha hörte anfänglich den Worten ihrer Mutter zu, dann aber unterbrach sie sie plötzlich: »Hören Sie auf, Mama, ich mache mir keine Gedanken und will mir auch gar keine machen. Er ist zu uns gekommen, und nun kommt er eben nicht mehr und damit gut …«

Ihre Stimme fing an zu beben, beinahe hätte sie wieder losgeheult, aber sie beherrschte sich und fuhr ganz ruhig fort: »Ich will überhaupt nicht heiraten. Und dann fürchte ich mich auch vor ihm. Und jetzt bin ich wieder ganz, ganz ruhig …«

Am Tag nach dieser Aussprache zog Natascha ihr altes Kleid wieder an, das ihr deshalb so lieb war, weil sie in ihm ihre Morgenstunden immer so lustig verbracht hatte, und von jenem Tag an begann sie wieder ihre alte Lebensweise, die nach dem Ball eine andere geworden war. Gleich nach dem Tee lief sie in den Saal, den sie seiner starken Resonanz wegen ganz besonders liebte, und fing an, hier ihre Solfeggien[105] zu singen. Nachdem sie mit der ersten Übung fertig war, stellte sie sich mitten in den Saal und wiederholte die eine Stelle, die ihr besonders gefallen hatte. Voller Freude, als vernähme sie es heute zum erstenmal, hörte sie, wie herrlich diese Töne dahinschwebten, den ganzen leeren Saal erfüllten und dann langsam verklangen. Ihr wurde plötzlich wieder ganz heiter zumute. Warum so viel darüber nachgrübeln, es ist doch auch so sehr schön, sagte sie sich und fing an, im Saal auf und ab zu gehen, wobei sie nicht mit gewöhnlichen Schritten über den hallenden Parkettfußboden ging, sondern bei jedem Schritt mit dem Absatz aufklappte – sie trug ganz neue Schuhe, die ihr sehr gut gefielen –, um sich dann auf die Stiefelspitze zu erheben, und horchte nun ebenso froh, wie sie soeben dem Klang ihrer Stimme gelauscht hatte, auf das taktmäßige Klappen ihrer Hacken und das Knarren ihrer Stiefelspitzen. Als sie am Spiegel vorbeiging, warf sie einen Blick hinein. Ja, das bin ich, schien ihr Gesichtsausdruck zu sagen, als sie sich im Spiegel erblickte. Es ist ja auch so ganz gut. Ich brauche gar niemanden.

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105

Solfeggien: Tonübungen beim Gesang.

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