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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Ich muß unbedingt, unbedingt mit dir sprechen«, sagte Fürst Andrej. »Du kennst doch unsere Frauenhandschuhe bei den Freimaurern.« Er sprach von jenen Frauenhandschuhen, die jedem neu eintretenden Freimaurer überreicht wurden, damit er sie derjenigen Frau aushändige, die er liebe. »Ich … aber nein, ich werde später noch einmal mit dir darüber sprechen …«

Und mit einem seltsamen Leuchten in den Augen und einer merkwürdigen Unruhe in den Bewegungen trat Fürst Andrej auf Natascha zu und setzte sich neben sie. Pierre sah, wie er sie irgend etwas fragte, und wie sie ihm errötend antwortete.

Aber in diesem Augenblick trat Berg an Pierre heran und bat ihn flehentlich, sich doch an einer Diskussion über die spanischen Operationen zu beteiligen, die zwischen dem General und dem Obersten entbrannt war.

Berg war glücklich und zufrieden. Das frohe Lächeln schwand nicht aus seinem Gesicht. Ihre Abendgesellschaft war vollkommen gelungen und ganz ebenso wie alle die anderen Abendgesellschaften auch, an denen er je teilgenommen hatte. Alles war wie immer: die feinen, gedämpften Unterhaltungen der Damen, das Kartenspiel, der General mit seiner herausfordernden Stimme am Kartentisch, der Samowar, das Gebäck, nur eines hatte noch gefehlt, etwas, das er auf allen Abendgesellschaften, deren Beispiel ihm vorschwebte, beobachtet hatte: ein lautes Gespräch zwischen den Herren und eine Debatte über irgendein wichtiges und kluges Thema. Der General hatte nun ein solches Gespräch angefangen, und deshalb holte Berg Pierre schleunigst dazu heran.

22

Am nächsten Tag kam Fürst Andrej zu den Rostows zum Mittagessen, da ihn Graf Ilja Andrejewitsch eingeladen hatte, und verlebte den ganzen Tag bei ihnen.

Alle im Hause fühlten, wem die Besuche des Fürsten Andrej galten, und er selber machte auch kein Hehl daraus und bemühte sich, den ganzen Tag mit Natascha zusammen zu sein. Aber nicht nur auf Nataschas Herzen, die glücklich und entzückt, gleichzeitig aber auch erschrocken war, sondern auch auf dem ganzen Haus lastete wie ein Alp die Erwartung von etwas Wichtigem, das sich vollziehen sollte. Die Gräfin sah den Fürsten Andrej mit traurigen oder doch ernsten Augen an, wenn er mit Natascha sprach, und zog ihn künstlich und verlegen in irgendein gleichgültiges Gespräch, sobald er nur zu ihr hinblickte. Sonja fürchtete, Natascha allein zu lassen, fürchtete aber ebenso, zu stören, wenn sie bei ihnen blieb. Natascha sah vor ängstlicher Erwartung ganz blaß aus, wenn sie einmal einen Augenblick mit ihm allein blieb. Fürst Andrejs Schüchternheit fiel ihr auf. Sie fühlte, daß er ihr etwas sagen wollte, sich aber nicht dazu entschließen konnte.

Abends, als Fürst Andrej weggefahren war, kam die Gräfin zu Natascha und fragte sie flüsternd: »Nun, wie steht’s?«

»Um Gottes willen, fragen Sie mich jetzt nichts, Mama! Das kann man nicht mit Worten sagen«, erwiderte Natascha.

Trotzdem lag sie an diesem Abend lange, bald erregt, bald erschrocken, mit schweren Augen bei der Mutter im Bett. Sie erzählte ihr, daß er sie gelobt und ihr gesagt habe, er wolle bald ins Ausland reisen, daß er gefragt habe, wo sie den Sommer verleben würden, und auch Boris erwähnt habe.

»Aber so … so ist mir noch niemals ums Herz gewesen«, sagte sie. »Nur habe ich immer solche Angst, wenn er da ist, immer habe ich Angst, wenn er da ist. Was bedeutet das? Bedeutet das, daß er der Richtige ist? Ja? Mama, Sie schlafen wohl schon?«

»Nein, mein Liebling, mir ist selber bang zumute«, erwiderte die Mutter. »Aber geh jetzt.«

»Ich kann ja doch nicht schlafen. Was für ein Unsinn, schlafen! Mamachen, Mamachen, so ist mir noch nie ums Herz gewesen!« sagte sie verwundert und erschrocken über das Gefühl, dessen sie sich bewußt wurde. »Wer hätte so etwas denken können?«

Natascha glaubte, sich schon damals in Otradnoje, als sie den Fürsten Andrej zum erstenmal gesehen hatte, in ihn verliebt zu haben. Sie erschrak gleichsam vor dem seltsamen, unerwarteten Glück, daß sie gerade den Menschen, den sie schon damals auserwählt hatte – und davon war sie fest überzeugt –, daß sie diesen selben Menschen hier wiedergetroffen hatte, und er anscheinend nicht gleichgültig gegen sie war.

Und ausgerechnet jetzt, wo wir hier sind, mußte er nach Petersburg kommen. Und dann mußten wir uns auf diesem Ball treffen! Das alles ist eine Fügung des Schicksals. Es ist ganz klar, daß dies eine Fügung des Schicksals ist, und daß dies alles dazu geführt hat. Schon damals, als ich ihn nur sah, empfand ich etwas Sonderbares.

»Was hat er denn noch zu dir gesagt? Was sind denn das für Verse? Sag sie doch einmal her …«, sagte die Mutter nachdenklich und meinte die Verse, die Fürst Andrej Natascha ins Album geschrieben hatte.

»Mama, ist es nicht beschämend für mich, daß er Witwer ist?«

»Nun höre aber auf, Natascha! Bete zu Gott! Les mariages se font dans les cieux.«

»Mein liebes, bestes Mamachen, wie lieb habe ich Sie, und wie glücklich bin ich!« rief Natascha, weinte vor Glück und Erregung und umarmte die Mutter.

Zur selben Zeit saß Fürst Andrej bei Pierre und sprach mit ihm über seine Liebe zu Natascha und seine feste Absicht, sie zu seiner Frau zu machen.

An diesem Tag war bei der Gräfin Helene eine größere Gesellschaft versammelt: der französische Gesandte war da, der Prinz, der seit einiger Zeit ein häufiger Gast im Hause der Gräfin geworden war, und noch viele glänzende Damen und Herren. Pierre war unten gewesen, war durch die Säle gegangen und hatte alle durch seine starre, zerstreute und finstere Miene verblüfft.

Seit jenem Ball fühlte Pierre, wie ein neuer Anfall von Schwermut über ihn kam, und suchte verzweifelt dagegen anzukämpfen. Er war, als der Prinz anfing, häufiger bei seiner Frau zu verkehren, unerwarteterweise zum Kammerherrn ernannt worden und fühlte sich seit jener Zeit in der großen Gesellschaft bedrückt und beschämt. Immer häufiger kamen ihm seine früheren finsteren Gedanken von der Eitelkeit alles Menschlichen. Auch die zur gleichen Zeit von ihm gemachten Beobachtungen über die Gefühle seines Schützlings Natascha und des Fürsten Andrej trugen, wenn er seine Lage mit der seines Freundes verglich, dazu bei, seine finstere Gemütsstimmung noch mehr zu verdüstern. Dennoch gab er sich Mühe, nicht an seine Frau oder an Natascha und den Fürsten Andrej zu denken. Wieder erschien ihm alles nichtig im Vergleich mit der Ewigkeit, wieder drängte sich ihm die Frage auf: Wozu dies alles? Und so mühte er sich Tag und Nacht mit Freimaurerarbeiten ab, in der Hoffnung, dadurch seine böse Stimmung zu vertreiben.

Pierre hatte sich gegen zwölf aus den Gemächern seiner Frau zurückgezogen und saß nun in einem abgetragenen Schlafrock bei sich oben in seinem verräucherten, niedrigen Zimmer am Tisch und schrieb lange Akten aus Schottland für die Freimaurer ab, als jemand zu ihm ins Zimmer trat. Es war Fürst Andrej.

»Ach, Sie sind es«, sagte Pierre mit zerstreuter, nicht gerade erfreuter Miene. »Sehen Sie, ich arbeite«, fuhr er fort und wies mit einer Miene auf das Heft, als erwarte er von ihm, wie alle unglücklichen Menschen von ihrer Arbeit, Erlösung aus allen Lebensnöten.

Fürst Andrej blieb mit dem strahlenden, begeisterten Gesicht eines zu neuem Leben erwachten Menschen vor Pierre stehen, bemerkte dessen unglückliche Miene gar nicht und lächelte ihm im Egoismus seines Glückes zu.

»Ja, mein Lieber«, fing er an, »ich wollte es dir schon gestern sagen und bin nun heute eigens deshalb zu dir gekommen. Noch nie habe ich etwas Ähnliches empfunden. Ich bin verliebt, mein Freund.«

Pierre seufzte plötzlich auf und ließ sich mit der ganzen Last seines schweren Körpers neben Fürst Andrej auf dem Sofa nieder.

»In Natascha Rostowa, nicht wahr?« fragte er.

»Ja natürlich, in wen denn sonst? Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber dieses Gefühl ist stärker als ich. Gestern noch quälte ich mich und litt, aber auch diese Qualen möchte ich nicht um alles in der Welt missen. Ich habe früher überhaupt nicht gelebt. Erst jetzt fange ich damit an, aber ich kann nicht mehr ohne sie leben. Doch kann sie mich überhaupt lieben? Bin ich nicht zu alt für sie? Warum sagst du denn gar nichts?«

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