Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Bald kam auch Boris, Bergs früherer Regimentskamerad. Er behandelte Berg und Wera etwas gönnerhaft und von oben herab. Dann kam der Oberst mit seiner Frau, dann der General in eigner Person, dann die Rostows, und nun wurde die Abendgesellschaft wirklich wie alle anderen. Berg und Wera konnten beim Anblick dieses Lebens und Treibens in ihrem Salon, bei diesem ewigen Summen unzusammenhängender Gespräche, bei diesem Rascheln der Kleider und diesen endlosen Verbeugungen ein glückliches Lächeln nicht unterdrücken. Alles war bei ihnen wie bei den anderen auch. Auch sie hatten einen Ehrengast, den General, der sich lobend über ihre Wohnung aussprach, Berg auf die Schulter klopfte und mit väterlicher Eigenmächtigkeit die Aufstellung des Bostontisches anordnete. Der General setzte sich neben den Grafen Ilja Andrejewitsch, der nach ihm der vornehmste Gast war. Das Alter gesellte sich zum Alter, die Jugend zur Jugend, die Hausfrau präsidierte am Teetisch, auf dem in einem silbernen Körbchen dasselbe feine Gebäck stand, das es auch auf der Abendgesellschaft bei den Panins gegeben hatte – kurz, es war alles ganz so wie bei anderen auch.
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Pierre als einer der vornehmsten Gäste mußte sich mit Ilja Andrejewitsch, dem General und dem Obersten an den Bostontisch setzen. Auf diese Weise kam er Natascha gerade gegenüber zu sitzen, deren merkwürdige Veränderung seit jenem Ball ihm auffiel. Natascha war schweigsam und sah nicht nur nicht so hübsch aus wie auf dem Ball, sondern hätte heute eher für häßlich gelten können, wenn ihr Gesicht nicht einen so sanften, gegen alles gleichgültigen Ausdruck gezeigt hätte.
Was hat sie nur? dachte Pierre und sah sie an. Sie saß neben der Schwester am Teetisch und antwortete Boris, der sich neben sie gesetzt hatte, auf seine Fragen nur widerwillig und ohne ihn anzusehen. Pierre hatte soeben eine ganze Trumpfflöte heruntergespielt und zum Entzücken seines Partners fünf Stiche gemacht, als er begrüßende Worte und die Schritte eines neuen Gastes, der ins Zimmer trat, hörte, und warf nun, während er seine Stiche einnahm, wieder einen Blick auf Natascha.
Was ist nur mit ihr geschehen? fragte er sich noch erstaunter.
Fürst Andrej stand mit zart aufmerksamem Gesichtsausdruck da und sagte etwas zu ihr. Sie hob den Kopf hoch, wurde rot und sah ihn an, sichtlich bemüht, ihr erregtes Atmen zu verbergen. Und der helle Glanz des inneren Feuers, das vorhin wie erloschen geschienen hatte, loderte wieder in ihren Augen auf. Sie war wie umgewandelt: soeben hatte sie noch für häßlich gelten können, und plötzlich war sie wieder ebenso hübsch wie auf dem Ball.
Fürst Andrej trat auf Pierre zu, und Pierre bemerkte, daß das Gesicht seines Freundes ganz anders und viel jünger aussah.
Während des Spieles mußte Pierre verschiedene Male den Platz wechseln, kam so bald mit dem Rücken, bald mit dem Gesicht gegen Natascha zu sitzen, und so stellte er im Verlauf der ganzen sechs Robber[104] seine Beobachtungen über sie und seinen Freund an.
Zwischen ihnen geht etwas Wichtiges vor, dachte Pierre, und ein frohes und zugleich bitteres Gefühl erregte ihn und ließ ihn seinen Kummer vergessen.
Nach dem sechsten Robber stand der General auf und sagte, so könne man unmöglich weiterspielen, und Pierre wurde frei. Natascha unterhielt sich nach der einen Seite mit Sonja und Boris, während Wera auf der anderen Seite mit einem feinen Lächeln den Fürsten Andrej in irgendein Gespräch gezogen hatte. Pierre trat auf seinen Freund zu und setzte sich mit der Frage, ob es wohl ein Geheimnis sei, was sie da miteinander besprächen, neben die beiden. Wera war das Interesse des Fürsten Andrej für Natascha nicht entgangen, sie fand, daß es auf einer Abendgesellschaft, auf einer richtigen Abendgesellschaft, unbedingt auch feine Anspielungen auf Gefühle geben müsse, und so hatte sie denn, die Zeit benutzend, da Fürst Andrej nicht in das allgemeine Gespräch verwickelt war, mit ihm eine Unterhaltung über Gefühle im allgemeinen und ihre Schwester im besonderen angefangen. Sie hielt es für notwendig, einem so klugen Gast gegenüber – denn dafür hielt sie den Fürsten Andrej – alle ihre diplomatischen Künste spielen zu lassen.
Als Pierre zu den beiden herantrat, bemerkte er, daß Wera mit selbstzufriedener Hingabe ihr Gespräch führte, und daß Fürst Andrej, was selten der Fall war, verlegen schien.
»Was meinen Sie?« fragte Wera mit feinem Lächeln. »Sie sind doch so scharfsichtig, Fürst, und durchschauen den Charakter eines Menschen auf den ersten Blick. Was glauben Sie von Natascha: kann sie in ihren Neigungen beständig sein, kann sie so wie andere Frauen« – damit meinte Wera sich selbst – »auf den ersten Blick einen Menschen liebgewinnen und ihm dann immer treu bleiben? Denn das halte ich doch für die wahre Liebe. Wie denken Sie darüber, Fürst?«
»Ich kenne Ihr Fräulein Schwester zu wenig«, erwiderte Fürst Andrej mit spöttischem Lächeln, unter dem er seine Verlegenheit verbergen wollte, »um eine so delikate Frage entscheiden zu können. Ferner habe ich die Beobachtung gemacht, daß eine Frau um so beständiger ist, je weniger sie gefällt«, fügte er hinzu und sah Pierre an, der sich in diesem Augenblick zu ihnen gesellte.
»Ja, da haben Sie recht, Fürst! In unserer Zeit«, fuhr Wera fort – sie sprach von »unserer Zeit«, wie das beschränkte Leute gern tun, als hätten sie an »unserer Zeit« besondere Eigentümlichkeiten herausgefunden und ihren Wert abzuschätzen verstanden, und als ob sich die Charaktereigenschaften der Menschen mit den Zeiten änderten –, »in unserer Zeit haben die jungen Mädchen so viele Freiheiten, daß le plaisir d’être courtisée bei ihnen oft ein wahres Gefühl erstickt. Et Natalie, il faut l’avouer, y est très sensible.«
Ihr Zurückkommen auf Natascha rief bei dem Fürsten Andrej ein ärgerliches Stirnrunzeln hervor, er wollte aufstehen, aber Wera fuhr mit noch feinerem Lächeln fort: »Ich glaube, keinem jungen Mädchen ist so die Cour gemacht worden wie ihr, aber niemals, bis auf die allerletzte Zeit, hat ihr jemand ernstlich gefallen. Das wissen Sie doch auch, Graf«, wandte sie sich an Pierre, »nicht einmal unser lieber Vetter Boris, der, unter uns gesagt, doch bis über die Ohren in sie verliebt war.«
Fürst Andrej wurde noch finsterer und schwieg.
»Sie sind doch mit Boris befreundet?« fragte ihn Wera.
»Ja, ich kenne ihn …«
»Sicher hat er Ihnen da auch von seiner Kinderliebe zu Natascha erzählt.«
»Hat denn eine solche Kinderliebe zwischen ihnen bestanden?« fragte Fürst Andrej, plötzlich rot werdend.
»Ja. Vous savez entre cousin et cousine cette intimité mène quelquefois à l’amour: le cousinage est un dangereux voisinage. N’est-ce pas?«
»Aber ganz sicher!« sagte Fürst Andrej, der mit einem Mal unnatürlich lebhaft wurde und Pierre zu necken anfing: er solle ja im Verkehr mit seinen fünfzigjährigen Cousinen in Moskau recht vorsichtig sein. Plötzlich aber stand er mitten in seinen scherzenden Worten auf, nahm Pierres Arm und führte ihn etwas beiseite.
»Was gibt’s?« fragte Pierre, der erstaunt in das merkwürdig belebte Gesicht seines Freundes sah und den Blick beobachtet hatte, den Fürst Andrej beim Aufstehen Natascha zuwarf.
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Robber: Doppelpartie beim Whist.